ca ira-Logo

ça ira-Verlag

Ralf Oberndörfer

Tjark Kunstreich: Ein deutscher Krieg

“Jetzt erst, im nachhinein, resümiert sich diese Geschichte zur zwanghaften Notwendigkeit: Von Bitburg über den Golfkrieg bis in den Kosovo führt eine gerade Linie.” verkündet Tjark Kunstreich auf Seite 9 seines schmalen Bändchens “Ein deutscher Krieg”. Angetreten ist der Autor, um wahlweise “die Befreiung der Deutschen von Auschwitz” (Buchumschlag) oder die “Befreiung der Nation von Auschwitz” (Titelblatt) kritisch zu untersuchen. Leider ist dann doch nur ein Stückchen zeitgenössischer Kolportageliteratur dabei herausgekommen, das nichts erhellendes über den ideologischen Diskurs der letzten zwanzig Jahre enthält. Kunstreichs Geschichte geht so: Die Machtübernahme der rot-grünen 68er Postfaschisten vor zwei Jahren war kein Zufall, sondern wurde schrittweise von langer Hand vorbereitet. “Die Richtung wechselte mehrmals, aber am Ende stand doch das eine Resultat: Daß Deutschland, um endlich Krieg führen zu können, mit der Vergangenheit abrechnen mußte, daß Deutschland umgekehrt Krieg führen mußte, um mit der Vergangenheit abrechnen zu können.” (S. 9) Die Reihe der für diesen Prozeß relevanten Ereignisse beginnt mit der Ehrung von SS-Gräbern in Bitburg 1985 durch Kohl und Reagan, und führt über den Historikerstreit, die Wiedervereinigung, die Umgestaltung der KZ-Gedenkstätten, die Einweihung der Neuen Wache, die Wehrmachtausstellung und die Goldhagen-Debatte zur Walser-Bubis-Kontroverse von 1998. Es kam, wie es kommen mußte. Und aus dem Krieg der NATO gegen Jugoslawien 1999, an dem sich drei der vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs beteiligten, wurde unversehens ein deutscher Krieg.

Man muß Kunstreichs Buch als Arbeit an seinem persönlichen Mythus des 20. Jahrhunderts verstehen, ansonsten käme man in die Versuchung, ihn argumentativ widerlegen zu wollen. Die Manie, geschichtliche Ereignisse um jeden Preis und immer wenn es gerade paßt “einzudeutschen”, ist dabei sein gängigstes Mittel. Er schreibt: “Rückblickend betrachtet scheint es so zu sein, als sei das .Modell Deutschland' seit 1945 zu nichts anderem da, als Auschwitz, den Massenmord, die Kriegsverbrechen loszuwerden.” (S. 15) Damit unterläuft ihm ein interessanter Lapsus. Zwei deutsche Staaten existierten erst seit 1949, zunächst gab es die vier Besatzungszonen. Kunstreich ist allzu penibel darauf bedacht, alle ausländischen Einflüsse auf die politische Entwicklung Deutschlands auszublenden, weil die “Normalisierung” ausschließlich ein Werk der Deutschen gewesen sein muß. Was ist also seiner Meinung nach passiert 1945 ? Die völkerrechtlich anerkannte Auffassung besagt, daß das Deutsche Reich mit der bedingungslosen Kapitulation unterging. Reaktionäre Kreise behaupteten dagegen das Überleben eines “geistigen Deutschland” und die Bundesrepublik beanspruchte alleiniger Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches zu sein. Wenn das “Modell Deutschland” wirklich (am 9. Mai um Mittemacht?) 1945 begann, sind die Deutschen natürlich für alles allein verantwortlich. Das ist elegant gelöst. Man erspart sich dann unter anderem die Frage, warum die Entnazifizierung in der amerikanischen Zone mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung in den USA abgeblasen wurde, bevor die mutmaßlichen Hauptverbrecher an die Reihe kamen, und warum in der französischen Zone so gut wie gar nicht entnazifiziert wurde. Auch die Frage nach den politischen Konzepten für den Weststaat nach 1949 mit seinem Minimalkonsens Antitotalitarismus (lies: Antikommunismus) bleibt diskret außen vor. Nach Kunstreichs historischer Flurbereinigung, mit der er die Tatsache, daß es erfreulicherweise einmal Besatzungsmächte gab, einfach ableugnet, nimmt es wenig wunder, daß bei seiner Untersuchung der Ereignisse von Bitburg einer der wichtigsten Protagonisten, Ronald Reagan, überhaupt keine Rolle spielt. Der Entschluß des US-Präsidenten, SS-Gräber zu ehren, fand natürlich auch gierige Zustimmung in Teilen der westdeutschen Öffentlichkeit. Es gab stets Versuche, die diskursiven Grenzen zu verschieben und die deutschen Verbrechen zu relativieren, und dafür war Reagan als US-Präsident ein traumhafter Werbeträger. Aber wer den Anspruch hat, Geschichtspolitik in den drei deutschen Staaten nach 1949 kritisch zu untersuchen, kann die Bedeutung der Verbündeten mit ihrem jeweiligen Diskurs nicht einfach ignorieren. Was bedeutete es für die Debatte in der alten Bundesrepublik 1985, wenn Reagan, der die Sowjetunion zum “Reich des Bösen” erklärte, öffentlich um gefallene Waffen-SS-Angehörige trauerte, die vierzig Jahre vorher gegen dieses “Böse” ihren Vernichtungskrieg geführt hatten?

Bei Kunstreich ist die Sehnsucht nach geistiger Autarkie zu groß, um sich der Mehrschichtigkeit der Nachkriegsgeschichte wirklich zu stellen. Das muß auch so sein, denn die aus seiner Sicht Verantwortlichen sind die zu Regierungswürden gelangten Alt-68er, wobei er bei der Auswahl seines Personals nicht wählerisch ist. Scharping, Schröder, Fischer, Kohl, Goldhagen, Habermas, Bubis, Walser, alle sind im Zweifelsfall Alt-68er, weil es sonst mit der Zwangsläufigkeit in der Geschichte am Ende nicht hinhauen würde. Um die These vom “deutschen Krieg” in Jugoslawien zu belegen stellt er lapidar fest, “daß der Legitimationsgewinn des neuen Deutschlands [sie!] von allen beteiligten Staaten am größten ist - jedenfalls im Verhältnis zum minimalen Risiko, daß die Bundesregierung eingehen konnte.” (S. 41) Den Legitimationsgewinn sieht Kunstreich so: “Endlich war man auf der Seite der Guten, endlich hatte Deutschland sich in die Reihen derer geschmuggelt, die Jahrzehnte zuvor die bedingungslose Kapitulation Deutschlands erzwangen [sie].” (S. 13) Auch hier irrt er ums Ganze. Die beiden deutschen Staaten waren seit 1949 auf der Seite der Guten, das war der Zweck ihrer Gründung. Und sie mußten sich nicht schmuggeln, sondern wurden dringend gebraucht. Der neue Weltfeind saß schließlich spätestens seit 1948 in Moskau bzw. Washington.

Es wird viel dummes Zeug zum Thema Geschichtspolitik geschrieben und das Entlarven von “Antisemitismus” hat im Moment als linkes Gesellschaftsspiel einen Stellenwert, der an das Entlarven von “Sexismus” in den achtziger Jahren heranreicht. Wer also flott formulierte Totschlagargumente braucht, soll das Buch lesen. Bedauerlich ist allerdings die Tatsache, daß es von ça ira in Freiburg veröffentlicht wurde. Dort erschien vor zehn Jahren jenes Heft von Kritik & Krise, das wesentlich dazu beitrug, eine kritische Auseinandersetzung über Antisemitismus und die linke Liebe zum Volk in Gang zu bringen. 1995/1996 – nach einigen guten Texten zum “Supergedenkjahr” – wurde die antideutsche Kritik endgültig zur Pose und hat in Kunstreich jetzt einen ihrer lärmigsten Protagonisten gefunden. Wenn man die Auseinandersetzung über Geschichtspolitik nicht in Form von geschichtsphilosophischer Folklore führen will, braucht es eine Position, die die Selbstgerechtigkeit der Berliner Republik ebenso meidet wie das stille Einverständnis mit sich selbst in antideutschen Wärmestuben.

Aus: Faust. Bundesweite Studentenzeitschrift N° 2 / 2000

Trennmarker

Als  bild  downloaden