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Kunstreich, Tjark; Ein deutscher Krieg




Anläßlich der deutschen Beteiligung am Krieg gegen Serbien zur Befreiung des Kosovo zieht der Autor Bilanz der deutschen Nachkriegsgeschichte im Hinblick auf den Umgang mit der Vergangenheit. Der mit der Walser-Rede manifest werdende Wunsch, einen Schlußstrich unter die Vergangenheitsdebatte zu ziehen, sieht er als Spitze einer die Geschichte Westdeutschlands begleitenden Bemühung, Auschwitz zu entmystifizieren. Forciert seit der neokonservativen Wende nach der Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler haben die Deutschen sich seiner Meinung nach von den Lasten der Vergangenheit zu befreien gesucht: »Die achtziger Jahre wurden zum goldenen Jahrzehnt der Erinnerungsarbeit, jener spezifisch deutschen Eigenschaft, sich die geschichtlichen Tatsachen so lange vor Augen zu führen, bis sie jeden Sinns enthoben sind.« (15) In den Neunzigerjahren sei mit der Betonung individueller Verantwortung im Dritten Reich die Grenzziehung zwischen Tätern und Opfern verwischt worden. Ein »revisionistisches[s] Geschichtsverständnis« (72) habe die klassische Totalitarismustheorie um die These erweitert, »der Sozialismus sei schlimmer als der Nazifaschismus gewesen« (72). Die durch die Individualisierung von Schuld vorangetriebene Entsorgung der historischen Altlasten habe schließlich konsequent dazu geführt, daß »Deutschland zum dritten Mal in diesem Jahrhundert einen Angriffskrieg gegen denselben Gegner führte« (13). »Von Bitburg über den Golfkrieg bis in den Kosovo führt eine gerade Linie« (9).

Zeitschrift für Politikwissenschaft 4 / 2000

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