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Armin Pfahl-Traughber

Djihad und Judenhass

Juden als gemeinsames Feindbild von Islamisten und Rechtsextremisten

Während der Antisemitismus in rechtsextremen Bewegungen relativ gut erforscht ist, mangelt es weitgehend an Studien über den Judenhaß in islamistischen Zusammenhängen. Die grundlegende Arbeit von Bernard Lewis (“Treibt sie ins Meer”. Die Geschichte des Antisemitismus, Frankfurt/M. 1987) steht hier nur für die Ausnahme von der Regel. Um so beachtenswerter ist daher die von dem als Berufschullehrer arbeitenden Politikwissenschaftler Matthias Küntzel veröffentlichte Arbeit “Djihad und Judenhaß. Über den neuen antijüdischen Krieg”. In ihr deutet der Autor den Islamismus nicht allein als Ausdruck der Reaktion auf ökonomische Zwangslagen, sondern als rigoroses ideologisches Programm von Weltanschauungskriegern. Dabei nehme der antijüdische Wahn einen besonders hohen Stellenwert ein und artikuliere sich in weit verbreiteten antisemitischen Verschwörungsideologien. Deren Herausbildung will Küntzel durch eine darauf bezogene Rekonstruktion der geschichtlichen Entwicklung darstellen und interpretieren. Zunächst geht Küntzel auf die als “Mutterorganisation” des modernen Islamismus geltenden Muslimbrüder ein und beschreibt deren Wirken in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Verschiedene Fakten führten für den Autor zur Herausbildung eines besonderen Antisemitismus: das negative Bild von den Juden im Islam, die ablehnende Einstellung gegenüber den jüdischen Einwanderern, das antisemitische Wirken der im arabischen Raum aktiven NSDAP-Auslandsorganisation und die durch deren antibritische Haltung bedingte positive Einstellung zum Hitler-Regime. Nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 stiegen die antisemitischen Einstellungen verbunden mit gewalttätigen Optionen und wüsten Verschwörungsideologien noch an. Küntzel beschreibt diese Entwicklung ausführlich anhand des ägyptischen Islamismus von der Nasser-Ära bis zur Gegenwart, dem in Programmatik und Terroranschlägen deutlich werdenden Djihad-Verständnis der militanten Hamas und den Reaktionen in der arabischen Welt auf die Flugzeugattentate des 11. September 2001 in New York und Washington. Küntzel weist in seiner Darstellung immer wieder auf formale und inhaltliche Gemeinsamkeiten von Islamismus und Nationalsozialismus hin, ohne sie aber gleichsetzen zu wollen. Beides stellt für ihn eine besondere Reaktion und Sichtweise auf den Kapitalismus dar, wobei bestimmte Erscheinungsformen wie das Prinzip von Individualität und Kommerz mit “Juden” im weitesten Sinne gleichgesetzt und Forderungen nach Befreiung durch Vernichtung erhoben würden (vgl. S. 11f.). Islamisten wie Rechtsextremisten würden den Staat Israel und die Juden an sich des Andersseins und der Differenz und als Bedrohung für die von beiden Seiten angestrebte Homogenität und Reinheit der Gesellschaft ansehen (vgl. S. 149). Die dadurch bedingte Gemeinsamkeit des Antisemitismus erklärt für Küntzel auch die Zusammenarbeit von früheren NS-Funktionären mit ägyptischen staatlichen Stellen in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts und die identischen Reaktionen von Islamisten und Rechtsextremisten auf die Terroranschläge des 11. September.

Ausgeprägter Antisemitismus bei Gegnern des Staates Israel

Küntzel legt mit seiner knappen Darstellung ein überaus interessantes Werk zum Thema vor. Offensichtlich ist er aber der arabischen Sprache nicht mächtig, so daß eine Reihe von Zitaten aus zweiter Hand erfolgen müssen oder nicht genauer angegeben werden. Gleichwohl kann sich der Autor auf zahlreiche englischsprachige Übersetzungen stürzen, welche die vorgetragenen Einschätzungen gut belegen. Das hierbei ausgebreitete Material macht deutlich, daß die islamistischen und säkularen Gegner des Staates Israel im arabischen Raum nicht nur von einem Interessenkonflikt geprägt sind, sondern zu großen Teilen einem ausgeprägten Antisemitismus anhängen. Gerade die Praxis der Selbstmordanschläge, die sich eben nicht gegen Militärs und Politiker, sondern gegen zufällig ausgewählte Angehörige der Zivilbevölkerung richten, macht diese Dimension deutlich. Aufgrund der damit zusammenhängenden Analysen und Informationen verzeiht man dem Autor auch die etwas monokausale Erklärung des Islamismus als Reaktion auf den Kapitalismus.

Aus: Blick nach rechts (Mai 2004)

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