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N.N.

Matthias Küntzel. Djihad und Judenhaß. Über den neuen antijüdischen Krieg

Als seinerzeit Jean Améry und z. B. auch Henryk M. Broder (Linke Tabus, Berlin 1976) vor einem unter der Kutte des Antizionismus daherkommenden linken Antisemitismus warnten, hatte sich der gemeine deutsche Linke längst der Solidarität mit jenem palästinensischen Volk ergeben, dessen Führer den Staat Israel zu zerstören und die Bewohner Israels ins Meer zu treiben versprochen hatten. Möglicherweise kannte man eine Artikelüberschrift aus dem “Neuen Deutschland” vom 21. August 1968 – “In Prag regieren die Zionisten!” –, aber weniger bekannt wird gewesen sein, daß der “Völkische Beobachter” bereits am 9. August 1938 Ähnliches mitzuteilen hatte: “In Prag regieren die Juden!” Es hat einiger welthistorischer Ereignisse und einiger theoretischer Anstrengungen bedurft, ehe es zumindest in Teilen der Linken dämmerte, daß man bei der Unterstützung der diversen palästinensischen Gruppierungen einem Projekt erlegen war, das in seiner völkischen Fundierung Erinnerungen an europäische faschistische und nationalsozialistische Ideologiekonstruktionen wachruft. Nicht von ungefähr, so kann man jetzt in der Arbeit Djihad und Judenhaß. Über den neuen anti-jüdischen Krieg (Freiburg: ça ira, 2002, 180 S.) von Matthias Küntzel nachlesen, ist der sogenannte Palästinakonflikt, dessen Anfänge aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts datieren, von Beginn an von Personen und Gruppierungen geschürt worden, deren islamistisches Weltbild sich nicht nur durch eine Ablehnung der westlichen Moderne im allgemeinen, sondern auch durch Antisemitismus im speziellen auszeichnet. Küntzel verfolgt den Weg und die Ausbreitung des nach wie vor auf die Zerstörung des Staates Israel abzielenden islamistischen Projektes von der Gründung der ägyptischen “Gesellschaft der Muslimbrüder” im Jahre 1928 über die Aktivitäten Amin el-Husseinis, des Muftis von Jerusalem, der in den vierziger Jahren unter den Nationalsozialisten im Berliner Exil weilte, mit Heinrich Himmler befreundet war und eine muslimische SS-Division in Bosnien und Herzegowina organisierte, den ägyptischen islamistischen Cheftheoretiker Sayyid Qutb bis zu den zahlreichen Neugründungen islamistischer Gruppen seit den siebziger Jahren wie z.B. der Terrorgruppe Hamas oder der “Islamischen Weltfront für den Djihad gegen Juden und Kreuzfahrer”. Im Zentrum des nicht zufällig an entsprechende nationalsozialistische verschwörungstheoretische Projektionen erinnernden, auf einer “Neuinterpretation des Djihad” beruhenden islamistischen Projektes, demzufolge die Welt aufgeteilt ist in “Dar al-Islam” (“Haus des Islam”) und “Dar al-harb” (“Haus des Krieges”), steht der Kampf gegen alles, was als westlich verteufelt wird und insbesondere gegen das in dieser paranoid-manichäischen Weltsicht den Westen symbolisierende “internationale Weltjudentum”. Über das Weltbild und die politischen Aktivitäten Amin el-Husseinis in seiner Exilzeit informiert der von Gerhard Hopp herausgegebene Band Mufti-Papiere. Briefe, Memoranden, Reden und Aufrufe Amin al-Hussainis aus dem Exil, 1940-1945 (Berlin: Klaus Schwarz Verlag, 2001, 243 S.), der insgesamt 110 Dokumente unterschiedlichsten Charakters versammelt, die el-Husseinis Kollaboration mit den Nationalsozialisten und den italienischen Faschisten in aller Deutlichkeit belegen und, so Hopp in seinem Vorwort, “gleichsam eine Exilbiographie in Texten dar (stellen)”. Adressaten der Briefe und Memoranden sind, neben arabischen Partnern, u.a. Hitler, Himmler, Papen, von Weizsäcker und von Ribbentrop; im Zentrum steht der “Befreiungskampf des arabischen Volkes an der Seite Deutschlands gegen die Alliierten, insbesondere England, und gegen das “Weltjudentum”, das el-Husseini in einer Rede vor den Imamen der bosnischen SS-Division am 4.10.1944 als “Erbfeind des Islam bezeichnete. “Alle Versuche Mohameds sie (die Juden) zur Vernunft zu bringen”, heißt es in dieser Rede weiter, “waren erfolglos, sodaß er sich endlich gezwungen sah, die Juden zu beseitigen und sie aus Arabien hinauszujagen. “In dieser Tradition geht es Husseini nicht nur um die “Beseitigung der jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina” (Brief an von Ribbentrop vom 28.4.1942), sondern um einen “Kampf”, der “nicht allein zwischen den Juden und den Arabern Palästinas stattfindet), sondern zugleich ein Kampf zwischen den Juden und siebzig Millionen Arabern und 400 Millionen Muslimen (ist)” (Erwiderung auf eine Rede Weizmanns vom 17.6.1943). In einer Rede zum Jahrestag der Balfour-Deklaration vom 2.11.1943 zog el-Husseini schließlich alle Register: Von einer “jüdischen Weltverschwörung” ist die Rede, von einer “jüdisch-englischen” bzw. “anglojüdischen Verschwörung”, einem ,,jüdische(n) Königreich in Palästina”, einem “teuflischen Projekt”, von “zionistischen Geheimdokumenten”, von “Amerika..., das jetzt die Fahne der Juden trägt”, von “Engländer(n) und Amerikaner(n) im Dienste der Juden” und schließlich von den Juden, die “wie Schmarotzer unter den Völkern (leben), ihr Blut aus(saugen), ihre Güter (unterschlagen), ihre Sitten (verderben)” und “in den Finanzkreisen, in der Presse, in der Propaganda, in der Politik und durch die ihnen hörigen Freimaurerlogen ... ihren Einfluß bei jeder Gelegenheit und auf jede Art auszuüben (versuchen)”. Da bleibt dann in der Tat nur das Bündnis der “arabischen Nation” mit Deutschland, das “die Juden genau erkannt und sich entschlossen (hat), für die jüdische Gefahr eine endgültige Lösung zu finden”. “Diese Veröffentlichung”, schreibt Höpp im Vorwort, “will nicht denunzieren, sondern ... dokumentieren” – angesichts dieser Dokumente erübrigt sich in der Tat jegliche Denunziation.

Aus: Archiv für die Geschichte der Arbeit und des Widerstands N° 17 (2003), S. 824 f.

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