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Alexander Flores

Djihad und Jduenhaß

Nicht nur in Europa glaubt man einen neuen, verstärkten Antisemitismus feststellen zu können; auch antisemitische Äußerungen in der arabischen Welt werden in der letzten Zeit häufiger thematisiert. Dabei hat sich der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel besonders hervorgetan. In zahlreichen Beiträgen in der Presse und auf seiner Website prangert er arabischen Antisemitismus an; und nun hat er dem Thema eine ganze Monographie gewidmet: “Djihad und Judenhaß”. Küntzel tritt mit einem hohen Anspruch auf. Er will das Phänomen schonungslos dokumentieren und erklären (eine “neue Interpretation”, wie er auf S. 9 schreibt), wobei Einsichten gewonnen werden, “die einen zwar frösteln lassen, aber gleichwohl durchzubuchstabieren sind” (S. 8). Er kündigt auch die Analyse des Islamismus “als ideologische(r) und kulturelle(r) Widerhall spezifischer politischer und ökonomischer Voraussetzungen” an (S. 9). Und erteilt Hiebe aus, nämlich gegen einen guten Teil der einschlägigen Literatur vor allem in Deutschland, die ihm zufolge das Problem in seiner ganzen Schärfe und Gefährlichkeit verkannt hat und beispielsweise die “Charta” von Hamas mit ihren rabiat antisemitischen Stellen ignoriert hat. Was ist nun seine Erklärung? Für ihn sind alle Äußerungen von Antisemitismus in der arabischen und darüber hinaus in der ganzen islamischen Welt auf den Islamismus zurückzuführen, mit dem Judenhaß notwendig verknüpft ist. Vorher hat es dort keinen Antisemitismus gegeben, der antisemitische Urknall geschah um die Mitte der 1930er-Jahre, als die ägyptischen Muslimbrüder, die erste und wichtigste islamistische Organisation zumindest der arabischen Welt, einerseits den Antisemitismus der deutschen Nazis übernahmen und andererseits der islamischen Konzeption des Djihad eine neue, entschieden militante Zuspitzung gaben. Um diese Zeit entdeckten sie auch die Palästinafrage als Aktionsfeld für ihren Antisemitismus und verbanden sich mit dem Mufti von Jerusalem, einem weiteren rabiaten Antisemiten, der sich später völlig in den Dienst der Nazis stellte. Mit diesem unheilvollen Duo – ägyptische Muslimbrüder und Jerusalemer Mufti, mit den Nazis als Inspiratoren und manchmal auch als praktische Helfer – war die Keimzelle entstanden, auf die sich aller arabischer und islamischer Antisemitismus bis heute zurückführen läßt. Bei allen Veränderungen in den Umständen und im Detail – zumindest die Ideologie, ein mit Judenhaß notwendig verbundener “Djihadismus”, ist gleich geblieben und wirkt im gleichen unheilvollen Sinn. Bei dieser Vorgeschichte braucht kaum betont zu werden, daß der so erklärte Antisemitismus für Küntzel immer auch eliminatorischer Antisemitismus im Sinne der Nazis ist. Dieser Antisemitismus soll auch wesentlich dafür verantwortlich sein, daß Palästinenser und andere Araber etwas gegen das zionistische Projekt in Palästina und dessen Ergebnis, den Staat Israel, hatten. Dieses Bild beinhaltet eine enorme Vereinfachung und Verzerrung der Entstehung und Geschichte des arabischen Antisemitismus. Indem er einen Hintergrund – Nazideutschland -und einen Träger des Antisemitismus – das genannte Duo – annimmt, verbaut Küntzel sich und seinen Lesern die Erkenntnis von dessen realer Dimension, Entstehung und Geschichte. Das macht sich in vielen Passagen seines Buchs bemerkbar, in denen er bestimmte Komplexe umzeichnen muß, um sie mit seiner Konzeption in Einklang zu bringen. Schon vom Generalstreik und der anschließenden Rebellion der Palästinenser 1936 bis 1939 entwirft er ein grotesk verzerrtes Bild. Danach waren diese Geschehnisse auf die Machenschaften des Mufti zurückzuführen, der seine eigenen Machtgelüste und seine antisemitischen Neigungen verfolgte und im Übrigen schon damals auch das Geschäft der Nazis betrieb. Der reale Hintergrund, die Besorgnis der Palästinenser, der durch die verstärkte jüdische Einwanderung der Jahre 1933 bis 1935 beschleunigte zionistische Aufbau werde ihnen das ganze Land unter den Füßen wegziehen, kommt in diesem Bild nicht vor. In Wahrheit hüteten sich die Nazis, die seinerzeit die britischen Kreise noch nicht stören wollten, die Rebellion in Palästina zu fördern. Wenn sie etwas zu deren Ausbruch beitrugen, dann war es die Vertreibung von Juden aus Deutschland, die die Einwanderungszahlen in Palästina ansteigen ließen und so den palästinensischen Besorgnissen neue Nahrung gaben. Daß die Erklärung aller irgendwie antijüdischen (oder auch antizionistischen beziehungsweise antiisraelischen) Äußerungen und Taten mit dem Djihadismus nicht ohne weiteres plausibel ist, sieht auch Küntzel; und er bemüht sich nach Kräften, sie plausibel zu machen. Nasser war ein heftiger Gegner der Muslimbrüder und hat sie unter seiner Regierung hart unterdrückt. Daß auch unter seiner Ägide antijüdische Propaganda betrieben wurde, erklärt Küntzel damit, daß er, in den 1940er-Jahren ideologisch tatsächlich nicht weit von den Muslimbrüdern entfernt, in manchen Punkten ihrer Ideologie treu blieb (S. 68-73). Die viel einfachere Erklärung, daß Judenfeindschaft auch mit anderen ideologischen Systemen, etwa dem des arabischen Nationalismus, vereinbar ist, paßt nicht in sein Schema, also wird sie abgewehrt. Auch Yassir Arafat, dessen Aktivitäten Küntzel ziemlich umstandslos unter die Sparte. “Antisemitismus” rubriziert, der aber über weite Strecken Vertreter eines säkular orientierten Nationalismus war, wird über seine früheren Muslimbruderverbindungen, seine Verwandtschaft mit dem Mufti und dessen angebliche Unterstützung für ihn in die islamistischen Reihen “heimgeholt”. Auch Küntzels Behauptung, der Hass auf die Juden und nur auf diese sei der Kern des Islamismus, verkennt diesen, dessen Feindbild in Wahrheit aus mehreren Elementen zusammengesetzt ist. Also muß uminterpretiert werden. Angriffe ägyptischer Islamisten auf Kopten, also ägyptische Christen, erklärt Küntzel mithilfe von Antisemitismus: “Die Morde an Kopten hatten einen einzigen Grund: Sie waren als Minderheit in eben jene Rolle geraten, die die antisemitische Denkform ansonsten für Juden reserviert” (S. 89). Auch das Buch “Die Kinder Israel in Koran und Sunna” des heutigen Scheich al-Azhar, Muhammad Sayyid at-Tantawi, kann zwar als Beispiel antijüdischen Denkens in der islamischen Literatur dienen, paßt aber nicht in Küntzels Schema von der notwendigen Verbindung zwischen Islamismus und Antisemitismus: Tantawi ist nicht und war niemals Islamist, sondern immer ideologisch-theologischer Gefolgsmann der Regierung. Sein Buch erschien zuerst 1966, als es gut zu der offiziellen, oft antijüdisch formulierten scharfen Gegnerschaft gegen Israel paßte; als Ägypten später Frieden mit Israel schloß, vollzog Tantawi diese Wendung mit. Wenn das Buch heute noch veröffentlicht wird, dann von Islamisten, die ihn mit der Erinnerung an seine seinerzeitige Haltung desavouieren wollen. Dies verschweigt Küntzel. Was Küntzel ganz konsequent ausblendet, ist der Zusammenhang zwischen arabischem Antisemitismus und dem Palästinakonflikt. Am Beginn der von ihm behandelten Entwicklung waren antisemitische Haltungen auf bestimmte Gruppen und kleinere Teile der Bevölkerung beschränkt; arabische Regierungen stellten sich nicht dahinter. Erst seit den 50er- und stärker noch den 60er-Jahren verbreiteten sich solche Haltungen, erhielten sie offiziellen Segen und wurden Klassiker des europäischen Antisemitismus wie die “Protokolle der Weisen von Zion” in großen Auflagen unters Volk gebracht.

Aus dem Schaden, der vor allem den Palästinensern aus der Verwirklichung des zionistischen Projekts und der israelischen Politik erwuchs, erklärt sich ihre Feindschaft (und die vieler anderer Araber) gegen Zionismus und Israel; und das war auch der Nährboden, auf dem krudester Antisemitismus wuchs. Das entschuldigt ihn keineswegs, aber es muß gesehen werden, wenn man diesen Antisemitismus richtig erkennen will. Küntzel aber verschweigt diesen Hintergrund; an einer Stelle (S. 99) distanziert er sich ausdrücklich von der entsprechenden Sichtweise. So erklärt er denn die massiven Proteste in arabischen Hauptstädten gegen die israelische Invasion der palästinensischen Autonomiegebiete im April 2002 kurzerhand zum “antisemitischen Furor” (S. 137) und zur “Unterstützung der Selbstmordintifada” (S. 139), während die israelischen Aktionen in diesem und in ähnlichen Fällen entweder verschwiegen oder als bloße Reaktion auf den “Blutrausch dersuizidalen Massenmorde” (S. 137) gerechtfertigt werden, womit sie, höflich gesagt, verkannt werden. Küntzels Erklärung des Phänomens “arabischer Antisemitismus” ist untauglich. Es stimmt, daß Antisemitismus, zumindest in seiner “gefährlichen” modernen Form, im Nahen Osten eine ziemlich neue Erscheinung ist. Aber er wurde nicht ausschließlich von den Nazis entlehnt, er war nicht auf die ägyptischen Muslimbrüder und den Mufti beschränkt, und er war auch für seine Träger nicht so zentral und wichtig, wie Küntzel es darstellt. Und, noch wichtiger, seine Verbreitung war eng mit der Palästinafrage verbunden: mit der Vorbereitung, Gründung und Konsolidierung des Staats Israel sowie seiner Politik, die den Palästinensern großen Schaden zufügten. Das führte fast unausweichlich zur Gegnerschaft und zum – gewaltsamen und friedlichen – Kampf der Betroffenen gegen dieses Projekt. Das war und ist im Grunde ein defensiver Kampf, der keineswegs antisemitische Form annehmen mußte. Wo er das tat, muß man Antisemitismus konstatieren und verurteilen. Das bedeutet aber nicht, daß die Gegnerschaft der Palästinenser und anderer Araber gegen Israel von vornherein von Antisemitismus inspiriert ist. Ein Phänomen, das man nicht in seinen wirklichen Dimensionen sieht und versteht, kann man aber auch nicht wirksam bekämpfen. Wenn Israel die Palästinenser in den besetzten Gebieten so flächendeckend und brutal unterdrückt, wie es das tut, und wenn es darüber hinaus auch noch behauptet, alles das geschehe im besten Interesse nicht nur Israels, sondern der Juden in aller Welt, treibt es nicht nur unweigerlich arabische Opposition hervor, sondern trägt auch dazu bei, daß ein Teil davon antisemitisch geäußert wird. Das rechtfertigt den arabischen Antisemitismus nicht. Wie jeder Antisemitismus sollte auch der arabische scharf bekämpft werden. Erste Voraussetzung dafür ist seine genaue Erkenntnis. Küntzels Buch, das in der Analyse des Phänomens einer fixen Idee folgt und seinen Zusammenhang mit dem Palästinakonflikt ausblendet, dient seiner wirklichen Erkenntnis – und damit auch seiner Bekämpfung – nicht.

Aus: Universitas. Orientierung in der Wissenswelt, 59. Jg. N° 694 (Mai 2004)

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