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Alexander Flores

Propaganda in Palästina

Zwei Bücher versuchen, den Antisemitismus arabischer Länder zu analysieren

In letzter Zeit ist viel von einem in der arabischen Welt weit verbreiteten Antisemitismus die Rede. In der Anprangerung dieser Erscheinung hat sich der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel besonders hervorgetan, und jetzt macht er sich anheischig, das Phänomen in einer Monographie umfassend zu erklären. Für Küntzel sind alle Äußerungen von Antisemitismus in der arabischen und darüber hinaus in der ganzen islamischen Welt auf den Islamismus zurückzuführen, mit dem Judenhass notwendig verknüpft ist. Vorher habe es dort keinen Antisemitismus gegeben, der antisemitische Urknall geschah gewissermaßen um die Mitte der 1930er Jahre, als die ägyptischen Muslimbrüder, die erste und wichtigste islamistische Organisation zumindest der arabischen Welt, einerseits den Antisemitismus der deutschen Nazis übernahmen und andererseits der islamischen Konzeption des Djihad eine neue, entschieden militante Zuspitzung gaben.

Um diese Zeit entdeckten die Muslimbrüder auch die Palästinafrage als Aktionsfeld für ihren Antisemitismus und verbanden sich mit dem Mufti von Jerusalem, einem weiteren rabiaten Antisemiten, der sich später völlig in den Dienst der Nazis stellte, Mit diesem unheilvollen Duo – ägyptische Muslimbrüder und Jerusalemer Mufti, mit den Nazis als Inspiratoren und manchmal auch praktische Helfer – war nach Küntzel die Keimzelle entstanden, auf die sich aller arabische und islamische Antisemitismus bis heute zurückführen lässt. Bei allen Veränderungen in den Umständen und im Detail - zumindest die Ideologie, ein mit Judenhass notwendig verbundener “Djihadismus”, ist laut Küntzels Darstellung bis heute gleich geblieben und wirkt im gleichen unheilvollen Sinn. Bei dieser Vorgeschichte braucht kaum betont zu werden, daß der so erklärte Antisemitismus für Küntzel immer auch eliminatorischer Antisemitismus im Sinne der Nazis ist. Dieser Antisemitismus soll auch wesentlich dafür verantwortlich sein, daß Palästinenser und andere Araber etwas gegen das zionistische Projekt in Palästina und dessen Ergebnis, den Staat Israel, hatten.

Das Geschäft der Nazis

Dieses Bild ist eine enorme Vereinfachung und Verzerrung der Entstehung und Geschichte des arabischen Antisemitismus. Indem er einen Hintergrund – Nazideutschland – und einen Träger des Antisemitismus – das genannte Duo – annimmt, verbaut Küntzel sich und seinen Lesern die Erkenntnis von dessen realer Dimension, Entstehung und Geschichte. Das macht sich in vielen Passagen seines Buchs bemerkbar, in denen er bestimmte Komplexe umzeichnen muß, um sie mit seiner Konzeption in Einklang zu bringen. Schon vorn Generalstreik und der anschließenden Rebellion der Palästinenser 1936-39 entwirft Küntzel ein grotesk verzerrtes Bild. Danach war das alles auf die Machenschaften des Mufti zurückzuführen, der seine eigenen Machtgelüste und seine antisemitische Neigung verfolgte und im übrigen schon damals auch das Geschäft der Nazis betrieb. Der reale Hintergrund, die Besorgnis der Palästinenser, der durch die verstärkte jüdische Einwanderung der Jahre 1933 bis 1935 beschleunigte zionistische Aufbau werde ihnen das ganze Land unter den Füßen wegziehen, kommt in diesem Bild nicht vor.

Der ägyptische Präsident Nasser war ein heftiger Gegner der Muslimbrüder und hat sie unter seiner Regierung hart unterdrückt. Daß auch unter seiner Ägide antijüdische Propaganda betrieben wurde, erklärt Küntzel damit, daß er, in den 1940er Jahren ideologisch tatsächlich nicht weit von den Muslimbrüdern entfernt, in manchen Punkten ihrer Ideologie treu blieb. Die viel einfachere Erklärung, daß Judenfeindschaft auch mit anderen ideologischen Systemen, etwa dem des arabischen Nationalismus, vereinbar ist, passt nicht in Küntzels Schema, also ignoriert er sie. Auch Yasser Arafat, dessen Aktivitäten Küntzel ziemlich umstandslos unter die Sparte “Antisemitismus” rubriziert, der aber über weite Strecken Vertreter eines säkular orientierten Nationalismus war, wird über seine früheren Muslimbruderverbindungen, seine Verwandtschaft mit dem Mufti und dessen angebliche Unterstützung für ihn in die islamistischen Reihen “heimgeholt”.

Küntzels Analyse verkennt das Phänomen. Es stimmt, daß ausgesprochener Antisemitismus im Nahen Osten relativ neu ist. Er wurde aus Europa importiert, aber keineswegs ausschließlich aus Nazideutschland; die Übernahme begann lange vor der von Küntzel angegebenen Zeit; die Agenten der Übernahme waren nicht nur die ägyptischen Muslimbrüder und der Mufti; das Phänomen war nicht auf Islamisten beschränkt; der Antisemitismus war für seine Träger nicht durchweg so wichtig und zentral wie hier angenommen. Und noch wichtiger: Daß er sich so weit verbreitete, hängt mit den Folgen des Palästinakonflikts zusammen – mit der Vorbereitung, Gründung und Konsolidierung des Staats Israel sowie seiner Politik, die den Palästinensern und anderen Arabern großen Schaden zufügten und deren scharfe Opposition zur Genüge erklären. Diese Opposition mußte nicht unbedingt antisemitische Formen annehmen. Daß sie es vielfach getan hat, ist eine politische und moralische Katastrophe. Küntzels Buch, das in der Analyse des Phänomens einer fixen Idee folgt und seinen Zusammenhang mit dem Palästinakonflikt ausblendet, dient seiner wirklichen Erkenntnis - und damit auch seiner Bekämpfung! - nicht.

Ganz anders das Buch von Michael Kiefer. Auch Kiefer betrachtet den arabischen Antisemitismus als gefährliches, zu bekämpfendes Phänomen. Er führt seine Entstehung aber nicht auf das Wirken einer einzigen Agentur zurück, sondern sieht sie als Übertragung von Elementen des modernen europäischen Antisemitismus in den Nahen Osten unter ganz bestimmten Umständen: dem Umbruch der arabischen Welt zur Moderne unter europäischer Dominanz und den Auswirkungen des Palästinakonflikts.

Der arabische Antisemitismus durchlief,, so beschreibt es Kiefer, in seiner Entwicklung verschiedene Phasen. Die erste war das neunzehnte Jahrhundert, als die Region europäischer Penetration und in diesem Zusammenhang auch geistigen Einflüssen unterworfen wurde, darunter antisemitischen – am Beginn des Jahrhunderts noch weitgehend christlich formulierten, wie sie etwa in der so genannten Damaskusaffäre von 1840 zum Tragen kamen, einer Ritualmordbeschuldigung gegen lokale Juden. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden dann auch Elemente des neuen europäischen “Rassen”-Antisemitismus in den Nahen Osten verbracht; insbesondere im Umfeld der Dreyfus-Affäre, die auch noch in anderer Hinsicht Folgen für die Region hatte, indem sie zur Herausbildung des politischen Zionismus beitrug.

Bekannte Stereotype

In einem Kapitel über Palästina – den Beginn des scharfen Konflikts setzt er erst mit der Balfourdeklaration an – arbeitet Kiefer die Ausbreitung des Antisemitismus bei Palästinensern und anderen Arabern als Folgeerscheinung des Konflikts und seiner Verschärfung heraus. Am Beginn stand der Antisemitismus in Europa, der nicht nur den Zionismus entstehen ließ, sondern ihn auch am Ort seiner Verwirklichung nach ethnischer Exklusivität und Dominanz streben ließ. Das führte dann wieder zu antisemitischen Reaktionen der dort Betroffenen: “Der Antisemitismus in der islamischen Welt (muß) als ein ideologischer Reflex auf einen realen Konflikt angesehen werden..., der paradoxerweise die Denkungsart bzw. die Deutungsmuster aufnimmt und reproduziert, die ursprünglich zur Genese des Konflikts führten (Antisemitismus – Zionismus – Antisemitismus)”.

Die weite Verbreitung des so entstandenen arabischen Antisemitismus erfolgte dann nach der Staatsgründung Israels und weiteren militärischen Niederlagen der Araber. Erst dann erhielt die entsprechende Propaganda offiziellen Segen; erst dann wurden die “Klassiker” des europäischen Antisemitismus, vor allem die “Protokolle der Weisen von Zion”, in großen Auflagen verbreitet. Und die “Islamisierung des Antisemitismus” erfolgte erst seit den 1970er Jahren, nachdem der arabische Nationalismus seine Attraktivität und Dominanz auf der intellektuell-politischen Szene der Region verloren hatte und in vieler Hinsicht von islamistischen Vorstellungen abgelöst wurde. Der Inhalt der antisemitischen Stereotype brauchte sich dabei kaum zu ändern - sie waren schon in Europa “flexible Codes” geworden, fähig, sich verschiedenen ideologischen Systemen einzupassen.

Anders als Küntzel, der im wesentlichen die Dämonisierung seines Gegenstands betreibt, erlaubt Kiefer durch seine Herangehensweise und eine Fülle kluger und anregender Reflexionen dessen rationale Erfassung – erste Voraussetzung für einen angemessenen Umgang mit dem arabischen Antisemitismus.

Aus: Frankfurter Rundschau v. 6. April 2004

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