ca ira-Logo

ça ira-Verlag

Peter Nowak

Die andere Realität

Ein Sammelband läßt irakische Exilpolitiker zu Wort kommen

Die Wahlen im Irak haben zumindest eins gezeigt: Es gibt eine relevante Mehrheit der dortigen Bevölkerungen, die sich trotz Drohungen aus dem baathistisch-islamistischen Untergrunds an den Wahlen beteiligten. Wer erfahren will, welche politischen Vorstellungen und Hoffnungen diese Menschen haben, kann das aus einem kürzlich erschienenen Sammelband erfahren, unter dessen 25 Autorinnen und Autoren viele irakische Exilpolitiker sind.

Der Beitrag der Feministin und Aktivistin der nicht im Regierungsrat vertretenen Arbeiterkommunistischen Partei, Houzan Mahmoud, über die Frauenbewegung ist besonders interessant. Sie liefert eine nüchterne und erschreckende Bilanz der Situation der Frauen im Nach-Saddam-Irak. Sie beschreibt, wie Islamisten überall die Rechte der Frauen zurückzudrehen versuchen. Aber sie zeigt auch, wie durch Selbstorganisation Erfolge erzielt werden konnten. So wurde der Versuch islamischer Gruppierungen, die Scharia zur Grundlage der Rechtssprechung zu machen, abgewehrt. Auch nach den Wahlen werden die Rechte der Frauen angesichts der erwarteten Dominanz islamischer Parteien bedroht bleiben.

Solche nüchternen Analysen fehlen vor allem bei vielen rein ethnisch argumentierenden Autoren, egal ob sie auf kurdischer, yezidischer oder assyrischer Basis stehen. Oft darf nicht der Hinweis fehlen, welch lange Geschichte ihre Ethnie auf dem irakischen Territorium hat. Auch das ein Anzeichen dafür, dass die schon in den letzten Jahren des Saddam-Regimes geförderte Ethnisierung des Landes eine große Gefahr für die Entwicklung einer bürgerlichen Republik sein wird, nach der die Autoren des Buches suchen.

En passant erfährt der Leser einiges über die Geschichte der irakischen Linken und merkt auch, wie bis heute bestimmte historische Ereignisse derirakischen Geschichte völlig unterschiedlich bewertet werden. Während Kasim Talaa von der Kommunistischen Partei des Irak den 1936 putschenden General Bakr Sidqi noch immer zumindest in seinen Anfängen progressiv einschätzt, sieht der Europa-Sprecher der assyrischen Bewegung Thomas Shairzid in eben diesem General einen der Hauptverantwortlichen für Massaker an ethnischenMinderheiten.

Die in dem Buch zu Wort gekommenen Irakexperten aus Deutschland und Österreich setzen sich kritisch mit vielen in Europa vertretenen Positionen zum Irakkonflikt auseinander. Ihrer Meinung nach werden dort die USA und die Bush-Regierung zu einseitig als die Wurzel allen Übels gesehen, die Verbrechen und die Opfer des Saddam-Regimes hingegen häufig bagatellisiert oder ganz ignoriert. Ein Vorwurf, den auch viele irakische Exilpolitiker erheben.

Nur machen die meisten im Buch vertretenen Autoren den umgekehrten Fehler, allein Saddam-Hussein und seinen Clan für alles Übel verantwortlich zu machen. Über die Folterungen von Gefangenen durch Soldaten aus USA und Großbritannien in Abu Ghraib und die nichtvorhandenen Massenvernichtungswaffen verliert kaum jemand in dem Buch ein Wort. Doch die Autoren haben eben den Anspruch, die andere Realität des Irak vorzustellen. Selbst wer mit den politischen Schlussfolgerungen der meisten Autoren nicht einverstanden ist, wird es mit Gewinn lesen.

Aus: Frankfurter Rundschau vom 10. Februar 2003

Trennmarker

Als  bild  downloaden