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Hans Bogenreiter

Irak: Der schwierige dritte Weg

Kein anderer Konflikt in den letzten Jahrzehnten hat die Welt so entzweit wie die völkerrechtswidrige Invasion der USA in den Irak. Bemerkenswert, daß die weltpolitischen Diskussionen praktisch über die Köpfe der betroffenen irakischen Bevölkerung hinweg verlaufen und die Meinungsbildung zum Großteil von selbsternannten Irak-Expertenlnnen erfolgt, die nur ausgesuchte irakische (Einzel)Meinungen verwenden, um ihre Sichtweisen zu untermauern. Dabei gibt es im Irak eine Reihe von Persönlichkeiten (aus Kunst, Medien, Politik), Parteien und Organisationen, die es verdienen gehört zu werden und ein differenzierteres Bild vermitteln können.

Die Politikwissenschaftlerlnnen und Aktivistinnen der “Ökologischen Linken”, Thomas Schmidinger und Mary Kreuzer, die im Sommer 2004 den Nordirak bereisten, haben im Buch “Irak – Von der Republik der Angst zur bürgerlichen Demokratie?” Iraker aus nahezu allen Regionen des Landes, den verschiedensten ethnischen und religiösen Gruppen und politischen Parteien zu Wort kommen lassen. Wie man dem Editorial des Buches entnehmen kann gelang es den Herausgeberinnen nicht in Österreich einen Verlag für dieses Projekt zu gewinnen: “Auf welche Schwierigkeiten der Versuch stößt, irakische Autorinnen und Autoren zu Wort kommen zu lassen, zeigt die Entstehungsgeschichte dieses Buches. Der anfängliche Plan, das Buch in einem größeren österreichischen Verlag herauszubringen, scheiterte trotz anfänglicher Begeisterung einiger Verlagslektoren, sobald die Verlage die Beiträge der irakischen Autoren zu Gesicht bekamen. Ein Buch, das nicht als Waffe für den Kampf um die europäische Hegemonie im Nahen Osten taugt, sondern in differenzierter Weise auch die positiven Entwicklungen nach dem Sturz Saddam Husseins durch die 'Koalition der Willigen' herausarbeitet, wurde weder von linken noch von bürgerlichen Verlagen gewünscht.” Der Sammelband ist in der Fülle der Publikationen zum Irak, die plötzlich im Zuge des jüngsten Krieges auf dem Markt kamen, eines der wenigen Werke, in denen die ideologischen Scheuklappen abgelegt werden und versucht wird, den Meinungen, Hoffnungen, aber auch Befürchtungen irakischer Persönlichkeiten Gehör zu verschaffen. Sicherlich ist der Weg zu einer bürgerlichen Demokratie im Irak ein langer und schwieriger, der durch die Wiederwahl von George Bush bestimmt nicht leichter wird. Jedenfalls wäre Europa gut beraten, wenigstens die demokratisch gesinnten Gruppierungen im Irak zu fördern. Stattdessen wird teilweise der sogenannte irakische Widerstand, dessen einziges Programm die Verbreitung von grausamsten Terrors ist, von extremen rechten und linken Gruppierungen in Europa unterstützt. Die politischen Parteien im Irak haben jedenfalls nach über 30 Jahren Verfolgung im Regime Saddam Husseins wieder Möglichkeiten öffentlich zu agieren. So erschien wenige Tage nach der Eroberung Bagdads durch US-Truppen als erste Zeitung die kommunistische Parteizeitung Triq as-Sa‘b.

Alles in allem ist dieser Sammelband eine sehr empfehlenswerte Lektüre, die versucht die verhärteten Fronten in der Irakfrage zwischen Europa und den USA aufzubrechen und versucht einen dritten Weg-getragen vor allem von den Irakern selbst – für eine demokratische Zukunft des Landes aufzeigt.

Aus: Zeitschrift der Gesellschaft für bedrohte Völker N° 4 / Dezember 2004

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