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Robert Fechner

Verschenkte Gelegenheiten"

erschienen in tc #24, 2014

Wie wohltuend: Es gibt sie noch, die Kritiker, die schreiben können. Magnus Klaue gehört zu ihnen. Fernab von politischem Gesinnungskitsch und einschläferndem Wissenschaftsjargon seziert Klaue seine Gegenstände, ohne ihnen, außer wenn nötig, Gewalt anzutun. Seine Polemiken, Glossen und Essays sind, abgesehen von »Farblose Phantasien«, »Regardful Country« und »Schweigend ins Gespräch vertieft«, allesamt zuvor erschienen − und nach abermaligen Lesen keineswegs abgenutzt. Sie sind unabgeschlossene, theoretische Annäherungen und kleine Reflexionen, aber trotz ihrer Kürze wertvoller als die meisten wissenschaftlichen Qualifikationsarbeiten. Indem er gegen die gesellschaftliche Verdummungsmaschinerie anschreibt, ohne die eigene Ohnmacht zu verleugnen, schafft Klaue im Idealfall eine Leseerfahrung, die dem Namen gerecht wird: sie ermöglicht Erfahrung.

Es ist die Denunziation des Offensichtlichen, des ungeglaubten Glaubens, die der Leserin und dem Leser in seiner von der Gesellschaft getrennten Tätigkeit vermittelt, vielleicht doch nicht ganz alleine zu sein: »Die Gesellschaft des omnipräsenten Assessment-Center ist zugleich ein gewaltiger Kindergarten, in dem erwachsene Menschen sich gegenseitig wie Unmündige behandeln, während die Unmündigen angehalten sind, schon im Krippenalter eine Autonomie zu imitieren, deren Verwirklichung ihnen um jeden Preis verwehrt wird.« Alleine bleibt man. Und am gesellschaftlich organisierten Wahnsinn kann man nur verrückt werden. Aber für einen Moment, wie flüchtig auch immer, kann sich die Leserin und der Leser, wie bei jedem guten Buch oder Text, aufgehoben fühlen.

Bei all dem überschwänglichen Lob bleibt nach der Lektüre das fade Gefühl, dass Klaue sich in eine vergangene Welt einfühlt, in der es keine Rollkoffer und kein Facebook gab: Gefühl deshalb, weil er intelligent genug schreibt, so dass das Vergangene zwar in ein positives Licht gestellt wird, deren Herrschaft aber nicht verleugnet. Womöglich liegt es an den teils weltfremden Wahrnehmungen, die im schlimmsten Fall darauf hindeuten, dass er den Gegenstand seiner Kritik nicht zu Genüge kennt, wie wenn den Berliner Lärmtouristen unterstellt wird, sie wären mit »Kofferradios« bewaffnet. Wohl eher Smartphones. Oder habe ich den neuesten Berliner Retrotrend verpasst? Das ändert nichts am Urteil: Seine Polemiken, Glossen und Essays treffen und sind bemerkenswert gut geschrieben.

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