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ça ira-Verlag

Gerhard Hanloser

Ein Grundkurs in politischer Geburtshilfe

Willy Huhns Untersuchungen zur Vorgeschichte des Nationalsozialismus

Die bundesrepublikanische Studentenbewegung entdeckte in den 60er Jahren nicht nur den frühen revolutionären Horkheimer und Wilhelm Reich wieder, sondern auch die Rätekommunisten. So wurde Willy Huhns Schrift von 1952 zur Vorgeschichte des Nazi-Faschismus und zur Rolle der Sozialdemokratie in dieser Vorgeschichte bereits in der letzten Ausgabe des theoretischen Organs des SDS Neue Kritik von 1970 nachgedruckt. Sie wurde 2003 vom Freiburger ça ira-Verlag zusammen mit weiteren Aufsätzen von Willy Huhn wiederveröffentlicht, editorisch ergänzt durch kritische, biografische und bibliografische Beiträge von Clemens Nachtmann, Christian Riechers, Joachim Bruhn und Ralf Walter.

In den 30er/40er Jahre untersuchten rätekommunistische Theoretiker ähnlich wie Vertreter der Kritischen Theorie die Tendenz zum „autoritären Staat“ in Deutschland, der Sowjetunion und den USA. Dabei wurden erste Ansätze zu einer linksradikalen Totalitarismustheorie entwickelt, die keinen revisionistischen Absichten folgte, sondern aus der Klassenperspektive die Ähnlichkeiten zwischen „rotem und braunem Faschismus“ (Otto Rühle), aber auch die Übereinstimmungen zum amerikanischen New Deal, dem staatlich verordneten Arbeitszwang und den keynesianischen Versuchen, die Weltwirtschaftskrise mit verstärkter staatlicher Planung zu überwinden, herausarbeitete, Otto Rühle sprach in diesem Zusammenhang von einem „Weltfaschismus“. Und auch die Sozialdemokratie blieb von dieser generellen Kritik nicht verschont: Willy Huhn bezeichnete den „Nationalsozialismus als die konsequentere Sozialdemokratie“. Dieser Befund deckt sich teilweise mit den Erkenntnissen von Franz Neumann, der in seinem Werk „Behemoth“ herausarbeitete, wie der Sozialimperialismus der Sozialdemokratie in den NS einfloss.

Willy Huhns Essay Etatismus-“Kriegssozialismus“-“Nationalsozialismus“ in der Literatur der deutschen Sozialdemokratie referiert die Debatten in der Sozialdemokratie, in denen der Gedanke einer Verbindung von Nationalismus und Sozialismus erprobt wurde – von Anfang an. Lassalle, der „eigentliche Begründer der Sozialdemokratie“, erscheint bei Huhn als der totalitäre Staatsvergötzer, der er war. Gegen den „bürgerlichen Egoismus“ forderte der Parteigründer etwa in einem Brief an Bismarck eine Diktatur nicht der Arbeiterklasse selbst, sondern in ihrem Namen und in ihrem Interesse – und zwar durch das „sozialistisch gewandelte“ preußische Königtum. (Übrigens sieht Huhn hier deutliche Paralellen zu den russischen Bolschewiki, die er nur „russische Lassalleaner“ nennt.)

Das von Huhn nachgezeichnete sozialdemokratische Ideenpanorama aus den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zeigt die machtvolle Bewegung der Partei (und ihrer Vorstellungen vom Sozialismus) hinein in den Staat der bismarckschen Sozialgesetzgebung, der parlamentarischen Repräsentanz und der nationalen Verantwortung – dabei nur oberflächlich irritiert durch die Kritik von Marx, Engels und anderen Revolutionären.

„Beim Ausbruch des I. Weltkrieges ... erfüllte sich auch an der deutschen Sozialdemokratie die Voraussage Eduard Bernsteins (...): 'Im weiteren Verlauf wird das Nationale so gut sozialistisch sein wie das Munizipale. Nennen sich doch schon heute Sozialisten demokratischer Staatswesen gern Nationalisten.'” (Huhn, S. 63). Nun entdeckte die deutsche Sozialdemokratie, daß die Anforderungen des Krieges diejenigen ihrer Vorstellungen zur Reife brachten, die mit der Hoffnung auf eine bruchlose Entwicklung des Sozialismus aus dem preußisch-deutschen Staatswesen liebäugelten. Einer vom Staat zu Kriegszwecken gelenkten Wirtschaft verlieh die Sozialdemokratie mit dem Terminus „Kriegssozialismus“ höhere Weihen. Gern sprach man vom „Kaisersozialismus“, nannte Wilhelm II einen „Arbeiterkaiser“ und dergleichen. Aus der Verlautbarungs- und Selbstverständigungsliteratur der SPD fördert Huhn Erhellendes der beklemmendsten Art zutage. Gerade deutsche Sozialisten forderten eine „Durchstaatlichung“ der Gesellschaft zur Landesverteidigung. „So wurde”, fasst Willy Huhn zusammen „die Mehrheitssozialdemokratie, welche sich mit dieser Begründung auf dem Boden der Landesverteidigung und der Bewilligung der Kriegskredite, vor allem aber auf den des 'Kriegssozialismus' stellte, vor der Weltgeschichte die erste nationalsozialistische Partei!” (ebenda)

Huhn erinnert auch daran, daß die sozialdemokratische Reichtagsfraktion im Mai 1933 für die nationalsozialistische Erklärung zur Außenpolitik gestimmt hatte und schlussfolgert: „Wenn die Nazis ... diese 'guten' Sozialdemokraten [gemeint sind die „Mehrheits-Sozialdemokraten“] tatsächlich 'toleriert' hätten, so würden letztere 1939 Hitler ebenso in den II. Weltkrieg gefolgt sein, wie ihre Vorgänger dem Kaiser in den I. Weltkrieg“. (Huhn, S. 66) Und hier handele es sich keinesfalls um blanken Opportunismus, denn – und so endet die Schrift -“der deutsche Nationalsozialismus entstand ... 1914 und zu einem wesentlichen Teile innerhalb der rechten Sozialdemokratie.“ (Huhn, S. 76).

In einer weiteren, nun zugänglich gemachten Schrift Bilanz nach 10 Jahren (1929-1939) versucht Huhn, diese Kritik nach einer kurzen autobiographischen Vorbemerkung zu systematisieren. Von der Kritik der Sozialdemokratie, des Staatssozialismus, des Kriegssozialismus geht er über zur historischen Kritik des Bolschewismus und des Faschismus. Immer wieder findet Huhn die Melange aus Nationalismus, Etatismus und Sozialismus als verbindendes Moment aller Faschismen, aber auch der Sozialdemokratie. In Deutschland, Russland wie Italien waren es sozialistische Parteien oder Gruppen, die die Durchsetzung des totalen Staates bewerkstelligten.

In der Frage von Krieg und Imperialismus war den Rätekommunisten klar, daß man sich auf keine Seite einer Kriegspartei stellen konnte. Damit würde man nur den Fehler des Burgfriedens und der „heiligen Allianzen“ des Ersten Weltkriegs wiederholen. Kommunisten hätten auf der Arbeiterseite zu stehen und sollten die nicht abreißenden Streiks und Tendenzen zur eigenständigen Organisierung der Arbeiter unterstützen. Dennoch kommt Huhn zu folgender Einschätzung:
„Da in diesem Krieg der Sieg Deutschlands über die ältesten kapitalistischen Staaten schon wegen ihrer sozialökonomischen Rückständigkeit kaum zweifelhaft ist, ist es ein Unsinn, politische Hoffnungen an eine militärische Niederlage Deutschlands zu knüpfen. Ich würde es für ein großes geschichtliches Unglück halten, wenn die liberal-parlamentarischen Systeme des Kapitalismus noch einmal siegen würden. An einer Zerschlagung des mitteleuropäischen Wirtschaftsraums kann m.E. keine zukunftsorientierte Richtung interessiert sein.“ (Huhn, S. 161) Wie ist das zu erklären? Huhn steht in der Tradition eines deterministischen Geschichtsverständnisses. Bei aller im übrigen scharf vorgetragenen Kritik will er den „rationellen Kern der Kriegswirtschaft“ nicht bestreiten. In ihrem Protagonisten, dem Nationalsozialismus, und im Zweiten Weltkrieg glaubt er eine 'objektive historische Notwendigkeit' zu erkennen, denen Kommunisten keine abstrakte, idealistische Kritik und Position von außen entgegenhalten dürfen. Er hält die Tendenzen zur Durchorganisierung und Durchstaatlichung der Gesellschaft für einen in der Logik der kapitalistischen Verhältnisse notwendigen geschichtlichen Entwicklungsschritt. Eine europäische Organisation zur Überwindung der Nationalstaaten ist nötig, und die ist „wirtschaftlich rationeller und machtvoller vom europäischen Kern aus herzustellen“ (ebenda). Und drittens sieht er im Versailler Vertrag einen „Raubzug“, der zwingend zum Krieg führen muß.

Wie man diese ideologischen Begründungen auch interpretieren mag – Huhn stand mit dieser Fehldiagnose nicht alleine. Auch der Gründer der kommunistischen Partei Italiens, Bordiga, warnte vor einem Sieg über das faschistische Deutschland, weil der Klassenkampf dadurch zurückgeworfen werde. Sohn-Rethel hielt ebenfalls den Nationalsozialismus für eine überlegene Wirtschaftsform, und die Rolle dieses Plan-und-Taylor-begeisterten Sozialisten im nationalsozialistischen Mitteleuropäischen Wirtschaftstag ist nach wie vor unklar.

Bemerkenswert ist die Tatsache, daß Huhn sich positiv auf den Liberalen und Anti-Sozialisten Hayek in dessen Ablehnung des Staatssozialismus bezieht. Dieser Bezugspunkt heutiger Liberaler und Neo-Konservativer erscheint so im anti-etatistischen und anti-totalitären Licht. Und tatsächlich begründet sich der intellektuelle Neo-Konservativismus zuweilen auch anti-(sozial)staatlich, obwohl er praktisch autoritär wirkt und auf Kriegskapitalismus setzt. Auch die heutige Sozialdemokratie schwenkt auf diesen Kurs ein, und die Frage ist erlaubt, inwieweit Huhns Beschreibungen lediglich eine vergangene historische Phase pointiert treffen.

Die verdienstvolle Publikation hätte Lob verdient. Leider hinterläßt der abschließende Beitrag des Herausgebers Joachim Bruhn einen unangenehmen Geschmack. Nach der zwar diskussionsbedürftigen aber doch genauen und erhellenden Einführung von Clemens Nachtmann erscheint der Verlegernachschlag aus dem Textbaukasten als eine Übung in kümmerlicher Häme, uninteressiert an politischer Debatte und Erkenntnisgewinn. Da wird Huhn – mitsamt „dem“ Rätekommunismus! – gewogen und zu leicht befunden, weil sie allesamt die „innerstaatliche Feinderklärung“ nicht als die Essenz nationalsozialistischer Herrschaft begriffen hätten – zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, wohlgemerkt. Zu dieser Zeit gab es nicht nur die Erfahrung von Judenpogrom und Kommunistenverfolgung. Auch die Sozialdemokratie, die Geburtshelferin des Real-Nationalsozialismus im von Willy Huhn begründeten Geschichtsbild, hatte, soweit sie nicht fliehen konnte, in den Gestapo-Kellern und Konzentrationslagern Quartier genommen. Huhn war dies keineswegs verborgen geblieben, und einer der luzidesten Abschnitte in seinen Darlegungen verdankt sich seinem Bemühen um Verständnis dieses Widerspruchs. Auf die Idee, es Willy Huhn anzulasten, daß er die in der „Endlösung“ von 1943 beschlossene Vernichtung der europäischen Juden nicht 1939 schon in produktiver Phantasie vorweggenommen hat, kann wohl nur ein Antideutscher kommen.

Aus nicht näher zitierten „antizionistischen Schriften“ Willy Huhns leitet Bruhn das Recht ab, den Rätekommunismus generell als „Avantgarde des Antisemitismus“ abzukanzeln. So findet sich am Ende ein origineller und genauer Denker wie Willy Huhn und alle, die auf den Klassencharakter dieser Gesellschaft aufmerksam machen, in eine Kiste geworfen mit denjenigen, die von „raffendem“ und „schaffendem Kapital“ schwafeln. Antisemitismus – das praktische und ideologische Projekt um dem Klassenkampf entgegenzuwirken und eine „Volksgemeinschaft“ zu konstruieren – soll vom Klassenkampf selbst auf den Weg gebracht worden sein... unter allen Begründungen fürs Renegatentum und den Abschied vom Proletariat dürfte diese Behauptung die ekelhafteste sein.

Aus: Wildcat N° 69 (März 2004)

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