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ça ira-Verlag

Archiv für die Geschichte der Arbeit und des Widerstands

Der Etatismus der Sozialdemokratie

Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus

Willy Huhn (1909-1970) ist über das linkssozialistische und rätekommunistische Milieu hinaus, in dem er sich seit Ende der zwanziger und dann wieder seit Mitte der vierziger Jahre bewegte, insbesondere mit seinem zuerst 1952 in zwei Teilen in der Zeitschrift “aufklärung” erschienenen und 1970 in Heft 55/56 der Zeitschrift des SDS “Neue Kritik” nachgedruckten Aufsatz “Etatismus -,Kriegssozialismus' – .Nationalsozialismus' in der Literatur der deutschen Sozialdemokratie” bekannt geworden. Dieser Aufsatz sowie der Artikel “Der Sieg der Konterrevolution im Januar 1919”, in dem er eine den historischen Tatsachen entsprechende realistische Einschätzung der Sozialdemokratie lieferte, dürften bei seinem Ausschluß aus der SPD im Jahre 1953 eine wichtige Rolle gespielt haben. Huhn, der sich in den ersten Nachkriegsjahren mit mehr oder minder kurzfristigen Jobs an Volkshochschulen und anderen pädagogischen Instituten durchgeschlagen hatte und von 1950 bis 1952 Chefredakteur der linkssozialdemokratischen Zeitschrift “pro und contra” gewesen war, unterlag nach dem Parteiausschluß an Berliner Volkshochschulen einem faktischen Berufsverbot und blieb, unterstützt von seiner Frau Lisa, zukünftig arbeitslos, konnte aber weiterhin in kleinen linkssozialistischen Periodika zu theoretischen Fragen oder Problemen des Zeitgeschehens publizieren. Nach seinem Tod erschien 1973 im Karin Kramer Verlag seine Schrift “Trotzki – der gescheiterte Stalin”, die 1981 auch ins Französische übersetzt wurde. Von den veröffentlichten Texten abgesehen existiert ein umfangreicher Nachlaß an unveröffentlichten Arbeiten, die sich im Amsterdamer “Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis” befinden und von denen sicherlich einige in einer geplanten mehrbändigen Ausgabe der Schriften Huhns publiziert werden. Vorerst muß man sich mit dem Band Der Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus (Freiburg: ça ira-Verlag, 2003, 222 S.) begnügen. Dieser enthält neben dem erwähnten “Etatismus”-Aufsatz einen 1950 in “pro und contra” erschienenen Text “Karl Marx gegen den Stalinismus. Was Marx und Engels unter ,Kommunismus' verstanden” sowie eine 1939 zur Selbstverständigung verfaßte ausführliche “Bilanz nach zehn Jahren (1929-1939)”. In diesem autobiographischen Bericht rekapituliert Huhn unter den Stichworten “Die Periode der geistigen Rezeptivität (1929-1932)” und, “Die Periode der theoretischen Produktivität (1932-1939)” seine frühen praktischen – Ernährungen und seine ausführliche Beschäftigung mit der Geschichte der Sozialdemokratie, des Staatssozialismus, der Kriegswirtschaft, des Bolschewismus, des Faschismus und des Nationalsozialismus. Schon in diesem Text kommt Huhn zu dem resümierenden Schluß, daß der “Nationalsozialismus eine geschichtliche Entwicklung zu einem praktischen Abschluß (bringt) “die in diversen staatssozialistischen Konzepten vorgedacht war und daß insofern der “Nationalsozialismus historisch als die konsequentere Sozialdemokratie” bezeichnet werden muß. Der “Etatismus”-Aufsatz aus den frühen fünfziger Jahren setzt an diesem Gedanken an und endet nach einem Überblick über das staatssozialistische Denken von Lassalle bis zum Kriegssozialismus mit folgender Bemerkung: “Die sozialen Kräfte, die bis dahin ihre Hoffnungen auf die MSPD gesetzt hatten, mußten sich ab 1925 nach einer anderen Massenbasis umsehen bzw. eine solche finanzieren und organisieren. Der deutsche Nationalsozialismus entstand also 1914 und zu einem wesentlichen Teile innerhalb der rechten Sozialdemokratie, und er endete hier bald nach dem Görlitzer Programm von 1921, um auf einer anderen Grundlage teils konsequenter, teils variiert fortentwickelt zu werden.” Eingerahmt werden die Texte Huhns von zwei Beiträgen von Clemens Nachtmann und Joachim Bruhn, denen aufgefallen ist, daß Huhn sich bei seiner Beschäftigung mit Staatssozialismus im allgemeinen und Nationalsozialismus im besonderen nicht in der im antideutschen Milieu angesagten Manier mit dem Antisemitismus auseinandergesetzt und diesen insbesondere nicht auf dem essentialistischen Niveau der Antideutschen ideologisiert hat. Statt nun in der doch beanspruchten materialistischen Manier nach den Ursachen dafür zu fragen, warum der Zusammenhang zwischen Nationalsozialismus und Antisemitismus nicht nur bei Huhn, sondern in weiten Kreisen der Linken überhaupt, lange Zeit nicht nur nicht hinterfragt, sondern zum Teil wohl auch tabuisiert oder auch gar nicht erkannt wurde, wird in einem großen Rundumschlag das linksradikale Milieu zurechtgewiesen: “Der Rätekommunismus, Avantgarde der Klasse”, so deklamiert Bruhn, “agiert zugleich als die Avantgarde der antisemitischen Ideologie im allgemeinen und der linksdeutschen, d.h. der des Antizionismus im besonderen.” Und dieser “Befund ... (trifft) keineswegs den Rätekommunismus allein”, sondern den “linken Radikalismus” im allgemeinen: “Angefangen bei linkskommunistischen Gruppen in der Tradition Amadeo Bordigas über die Situationisten in der Tradition Guy Debords bis hin zu den Operaisten der Gruppe lsquo;Wildcat' herrscht die eine und die selbe geistige Umnachtung, deren Name Ideologie ist”. Einmal abgesehen davon, daß solcherlei Rundumschläge gegen “ linken Radikalismus” aus der Geschichte zur Genüge bekannt sind und nicht mehr als ein müdes Gähnen verdienen, basiert diese “Kritik” auf einem essentialistisch verengten Begriff von Antisemitismus, dessen historisch unterschiedliche Erscheinungsformen nicht interessieren und der infolgedessen zum Welterklärungsmodell für alles und jedes verkommen ist. Geschichte, und zur Geschichte gehören auch theoretische Texte wie die von Huhn, wird nicht von ihren materiellen Ursachen und Zusammenhängen her analysiert, sondern mit Hilfe von fleißig angelesenen theoretischen Versatzstücken, die nach Baukastenprinzip in einem wenig elaborierten Jargon je nach Bedarf zusammengefügt werden, begrifflich bewältigt; das mag der eigenen Identitätsstiftung und -sicherung dienlich sein, ist aber keine Kritik, sondern schlechte deutsche Ideologie in schlechter deutscher Tradition. Bleibt noch anzufügen, daß der Band einen kurzen biographischen Text zu Huhn von Christian Riechers, der ursprünglich als Vorwort zur französischen Übersetzung von Huhns “Trotzki – der gescheiterte Stalin” erschien, und eine Bibliographie veröffentlichter und unveröffentlichter Arbeiten Huhns von Ralf Walter enthält.

Archiv für die Geschichte der Arbeit und des Widerstands N° 18 (2008), S. 775 f.

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