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Thomas Schmidinger

Patriotisch-politiksüchtiger Protest?

Die Amtsübernahme der schwarzblauen Regierung und der Charakter der Protestbewegung gegen ebendiese im Jahre 2000 waren für einige Wiener Linke Anlaß, im April 2001 einen Kongreß mit dem Titel “Vom Postfaschismus zum demokratischen Faschismus” zu organisieren. Daß es bis Ende 2003 gedauert hat, die Beiträge dieses Kongresses in einem Sammelband herauszugeben, lag nicht nur an den langen Vorlauf- und Produktionszeiten, die linke Non-profit-Verlage heute wegen geringerer Verlagsförderungen haben. Es lag auch am 11. September 2001 und der “anschließenden kollektiven Regression der Linken” (S. 16), die für einige der Autorinnen einen Anlaß bildete, ihre Beiträge zu überarbeiten und zu aktualisieren.

Der Band versammelt neben einem der letzten Texte Johannes Agnolis, der im Mai 2003 in Italien verstorben ist, Beiträge von Autorinnen aus Deutschland und Österreich, die sich mit dem “postfaschistischen Sozialpakt” (Ulrich Enderwitz), der “negativen Aufhebung des Kapitals” (Clemens Nachtmann), der “mobilisierten Gesellschaft und dem autoritären Staat” (Uli Krug) sowie der spezifischen Situation in Österreich beschäftigen. Insofern zerfällt der Sammelband in zwei – zwar in ihren theoretischen Ansätzen ähnliche, aber thematisch sehr unterschiedliche – Teile.

Für die Beschäftigung mit der postnationalsozialistischen Realität in Österreich sind insbesondere die Artikel von Stephan Grigat, Florian Markl, Heribert Schiedel und Simone Dinah Hartmann im zweiten Teil des Buches von Bedeutung. Die Autorinnen bleiben dabei nicht, wie viele andere Texte zur schwarzblauen Regierung, bei einer bloßen Kritik von FPÖ und ÖVP stehen, sondern analysieren die Spuren völkischer Kontinuitäten auch in der Opposition gegen diese Regierung. Sie gehen davon aus, daß der postfaschistische Charakter der österreichischen Gesellschaft keineswegs auf die direkten Nachfolgeparteien der beiden österreichischen Faschismen beschränkt ist, sondern durchaus als gesamtgesellschaftliches Phänomen zu verstehen ist. Dies zeigt sich für die Autorinnen etwa am “patriotisch-politiksüchtigen Protest gegen die demokratische Barbarei” (S. 153), der sich in einem Wettbewerb um den besseren österreichischen Patriotismus gezeigt habe, wie er etwa im Motto “Wir sind Österreich” ihren Ausdruck fand.

Aus: Stimme von und für Minderheiten. Zeitschrift der Initiative Minderheiten (Wien)

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