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Stefan Alexander Marx

Rezension zu: Stephan Grigat, Postnazismus revisited

Der Sammelband tritt mit der theoretisch erhärteten Hypothese an, es läge der kapitalistischen Gesellschaft ein fundamentaler Irrationalismus zugrunde, der dafür sorge, daß gerade die Nichtverstehbarkeit des Ganzen verstanden sein müsste, bevor die Kritik daran beginnen könne. Die Autoren folgen daher einem eigenen Genre der Kritik im Sinne Adornos, dessen zweite (politische) Lesung eine Marx-Interpretation sichtbar werden lässt, die ihr politisches Eigengewicht aus einer Theoriebildung bezieht, die nicht affirmativ und im politischen Sinne höchst eigenständig ist. Der Ansatz ist misstrauisch gegenüber scheinbar harmlosen Theoriebeständen, kennt kein Vertrauen in die Empirie bestehender Institutionen und versucht daher, den historischen Gehalt der Begriffe vor allem anderen einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Die Anerkennung der politischen Rolle sogenannten notwendig falschen Bewußtseins, das seinen Nutzen in den gesellschaftlichen Vermittlungen findet, hebt diesen Ansatz wohltuend von denjenigen sich als kritisch bezeichnenden ab, die letztlich nichts als die blutige Abschaffung von Vermittlungen betreiben. Die Texte kann man als theoretisch-historische Aufarbeitung eines gesellschaftlichen Tatbestands verstehen, deren Stoßrichtung in der Kritik bestehender postnazisti- scher Verhältnisse liegt. Die von den Autoren anvisierte Möglichkeit, Faschismus und unreflektiertem Anarchismus durch radikale Gesellschaftskritik gleichermaßen die politische Umsetzbarkeit abzusprechen, beruht auf einer intensiven Suche nach den fetischistischen Formen moderner Demokratie und Staatlichkeit, in denen sich die Möglichkeiten zur Regression in die Barbarei erhalten. Das Nachleben des Nationalsozialismus in den postfaschisti- schen Ländern Österreich und Deutschland wird durch die Denunziation mörderischer und selbstmörderischer Krisenlösungsstrategien aktueller rechter und linker Politik verfolgt. Dabei geht es auch um eine Kritik des Diskurses über den NS. Denn eine Prämisse, die alle Texte vereint, ist, daß es dieser Diskurs ist, der die Lehren, die aus der Vergangenheit zu ziehen wären, beschädigt hat. Und damit die aktuellen politischen Gemeinschaften ebenfalls kontaminiert. Die sozialwissenschaftliche Strategie dahinter beobachtet die Spannung zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit in den Begriffen des politischen Jargons und führt zu einer Kritik des Bestehenden, die von objektiven sozialen Verhältnissen analytische Erkenntnisse für die Praxis erlangt, indem sie Strukturen und Funktionszusammenhänge dialektisch in ihrer jeweiligen historischen Konkretion erfasst. Das Buch ist auch deshalb im Rahmen des Mainstream- Wissenschaftsbetriebs eine Anleitung zur Agitati- on, die einiges an Eigenarbeit erfordert. Wer sich dafür einen Einstieg im Sinne einer didaktischen Einführung erhofft, wird hiermit auf andere Werke der Reihe verwiesen, die sich mit theoretischen Grundlagen und Begriffen dieses komplexen politikwissenschaftlichen Zugangs befassen. Ein zentrales Thema der in diesem Band versammelten Aufsätze ist das “Diffundieren der Souveränität” (S. 73), die, so die Hypothese der Autoren durch die Moderne konstituierten Archaismus verwirklicht, der das Überdauern nationalsozialistischen Gedankenguts innerhalb der Demokratie ermöglicht. Diesem Diffundieren wird durch die jüngere Geschichte hindurch nachgeforscht. Der Abbau von Souveränität wird da etwa durch den Wunsch weiter Teile der Linken begründet, Gewaltverhältnisse zu verdrängen und für verübte Ausbeutung zu büßen (S. 123), was mittels psychoanalytischer Diskursanalyse nachvollziehbar gemacht wird. Wobei sich eine gewisse methodische Verspieltheit einstellt, wenn etwa die zitablen Quellen in manchen Texten zwischen Mainstream-Medien (Falter) und Spezialistenjournal (Bahamas) oszillieren, ohne genaueren Hinweis auf die Auswahlkriterien. Das konkrete Problem, so die Einschätzung, ist der Einzelne, der sein Handeln nur mehr am Allgemeinen ausrichtet, an Nation, Politik, Wahrheit. Daher sollte eine kritische Distanz zu jedweder weihevollen Letztbegründung geschaffen werden (S. 156). Die, ausgehend von der Beobachtung, daß große Teile der Linken nur mehr für die regressive Überwindung des Bestehenden (S. 155) stehen, eine Kritik am Volksgemeinschaftsstaat ermöglichen soll, die aufzeigt, daß dieser mehr und mehr nach dem Muster der Bandendisziplin mittels Kampagnendemokratie funktioniert (S. 188). Aktuelle kritische Theorie macht die Beobachtung, daß auch der deregulierte schlanke Staat sich als Nachfolger des NS eignet. Schon deshalb, weil sich die postnazistische Konstellation nicht zwangsweise aus dem totalitären Überhang der Politik, sondern aus einer wechselseitigen “Entgrenzung von Staat und Gesellschaft” (S. 211) ergibt, die die “Verschmelzung von Staat und Gesellschaft in Gemeinschaft und Rasse” erzwingt. Womit die gerade heiß diskutierten plebiszitären Formen demokratischer Willensbildung in den Fokus der Betrachtung rücken und wirksam problematisiert werden können. Denn staatliches Handeln, das zu stark am “gesellschaftlichen Vorurteil” (S. 213) orientiert ist, ist für diese Verschmelzung leicht zugänglich.

Aus: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft Heft 3/2012, S. 335f.

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