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Philipp Lenhard

Fragen über Fragen

Einige Überlegungen zu Stephan Grigats neuem Buch “Fetisch und Freiheit”

Was schreibt man über das Buch eines Autors, der sich schon in der Vorbemerkung dafür entschuldigt, dass seine Arbeit als Dissertation am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin angenommen worden ist, und der hofft, “daß sich trotz aller einzuhaltenden universitären Vorschriften und Gepflogenheiten ein paar anregende Gedanken finden, die über ein akademisches Interesse hinaus von Belang sind”? Ein Autor, der solche Bescheidenheit an den Tag legt, kann eigentlich nicht viel falsch machen. Glücklicherweise finden sich mehr als “ein paar anregende Gedanken” in Stephan Grigats neuem Buch Fetisch und Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus. Die dreizehn Kapitel lassen sich grob in drei Abschnitte unterteilen: Zunächst versucht Grigat, den Marxschen Fetischbegriff zu rekonstruieren und führt in die Grundbegriffe der Wertformanalyse im Kapital ein. In einem zweiten Abschnitt behandelt er die Rezeption der Fetischkritik von Lenin über Lukács, die Kritische Theorie und die Poststrukturalisten bis zu den verschiedenen Schulen heutiger Wertkritik, in einem dritten und letzten Abschnitt zieht Grigat weiterreichende Schlussfolgerungen für eine Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft und der ihr entsprungenen fetischistischen Denkformen. Zu Recht sieht Grigat in seinem Buch eine “Art Einführung in antideutsche Wertkritik”, wie er ebenfalls in der Vorbemerkung andeutet. Angesichts einer undogmatischen und keinen Kanon vertretenden Kritik stellt sich das Problem der Darstellung. Weil die antideutsche Wertkritik eben kein bis ins kleinste Detail ausgeführtes System und auch keine adornitische oder marxistische Orthodoxie ist, bei der man einfach nachprüfen könnte, ob das Original philologisch und methodisch exakt wiedergegeben wird, ist diese Kritik nie vom Aktualitätsbezug, vom “Handgemenge” (Marx) zu trennen. Antideutsche Theorie ist eben nur als Kritik zu haben, als leidenschaftliche Polemik gegen die herrschenden Zustände und ihre Apologeten. Das gerade ist die Stärke des Buches, das es keineswegs bloß Darstellung bleibt, sondern sich an allen vorgestellten Autoren kritisch abarbeitet und dabei keinerlei Respekt kennt. Diese Methode (die zugleich Inhalt ist) bietet den Vorteil, dass sie Fragen aufwirft und zur Kritik einlädt.

Zu diskutieren wäre etwa, ob die Diskussion, wo der Wert entsteht – in der Produktion oder in der Zirkulation –, tatsächlich unsinnig ist (S. 46). Laut Grigat beschreibt der Begriff Wert die Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozess. So treffend das auch sein mag, ist dies doch eine Lösung, mit der der Frage aus dem Weg gegangen wird, wie diese Einheit genau zustande kommt. Grigat spricht ganz bedenkenlos davon, dass der “Wert einer Ware […] die Verkörperung abstrakter menschlicher Arbeit” ist (S. 43). Es bedürfte an dieser Stelle jedoch weiterer Erklärung, wie die massenhafte Fehlinterpretation des Begriffs der abstrakten Arbeit zeigt. Während besonders gewitzte Werttheoretiker die abstrakte Arbeit sogar als eine besonders hässliche Form der Arbeit substantialisieren und Marxologen wie etwa Jan Hoff für die Gleichsetzung verschiedener konkreter Arbeiten ihrem Rationalitätsbegriff entsprechend eine ”vereinheitlichende Denkbewegung aller Austauschenden” verantwortlich machen, gehen wieder andere, z. B. Ernst Michael Lange, daran, der abstrakten Arbeit als logischem Widerspruch jede Existenz abzusprechen. [ 1 ] Das Rätsel der abstrakten Arbeit liegt dem Geldrätsel wie dem Warenfetisch gleichermaßen zugrunde und es stellt sich daher im Hinblick auf eine fetischismuskritische Studie die Frage, warum Grigat sich mit diesem Problem nicht weiter aufhält. Die mystische Verwandlung von konkreter in abstrakte Arbeit, die einzig im Austausch vollzogen werden kann, jedoch immer einen konkreten Produktionsprozess voraussetzt, ist nur möglich, wenn die Produktion bereits auf die Akkumulation von Mehrwert ausgerichtet ist. Diese Widersprüchlichkeit zeigt sich auch in Grigats Darstellung, was nicht zu vermeiden ist, aber kritisch festzuhalten wäre: Spricht Grigat erst davon, der Wert der Ware sei die Verkörperung abstrakter Arbeit, so schreibt er nur ein paar Zeilen weiter unten, die Waren als “Produkt abstrakter menschlicher Arbeit” seien “potentielle Träger von Wert” (S. 43). Woher auf einmal die Potentialität kommt, verrät Grigat leider nicht, obwohl er doch mit Hilfe des Begriffs der Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozess einiges sagen könnte. Auch wenn der Wert erst Resultat des Zirkulationsprozesses ist, ist er immer schon als Kapital seine eigene Bedingung, denn ohne das Versprechen, einen wertvollen Gegenstand herzustellen, würde es niemals zur Produktion von Waren kommen. Dieser Mystizismus, dass ein Wesen erst dann entstehen kann, wenn es sich selbst voraussetzt, wurde oft mit dem Begriff automatisches Subjekt beschrieben und auch Grigat verwendet diesen Ausdruck. Allerdings besteht das Problem darin, dass dieser Begriff die ursprüngliche Akkumulation (die man sich nicht als ein kurzes historisches Ereignis vorzustellen hat, sondern als Kette von Brutalitäten) als gewalttätigen Akt verdrängt und einer liberalistischen Theorie der “unsichtbaren Hand” Avancen macht, die in der ehemals linksradikalen Szene auch schon einige Trümmer hinterlassen hat. Freilich ist Stephan Grigat der letzte, dem man derlei vorhalten darf, denn schließlich ist er einer der wenigen, die immer, wenn sie vom Kapital reden, auch dessen Abschaffung fordern. Das Problem, mit “automatisches Subjekt” einen ebenso treffenden wie zugleich höchst missverständlichen Begriff zu haben, lässt sich wohl nur auflösen, indem bei seiner Verwendung immer zugleich expliziert wird, was damit gemeint ist; nennt man ihn nur, so bleibt unter Umständen nichts als Affirmation übrig.

Eine andere Frage, die sich bei der Lektüre von Fetisch und Freiheit stellt, ist die nach der Moral. Im Abschnitt über Eugen Paschukanis schreibt Grigat: “Moralisches Handeln, das einen zentralen Bezugspunkt traditioneller linker Politik darstellt, ist immer die Herrschaft einer Realabstraktion über die konkreten Individuen.” (S. 246) Das klingt nicht nur nach Ableitung, das ist auch eine. Wird jedoch – wie in diesem Fall - vorausgesetzt, dass Moral mit dem Gemeinwohl identisch ist, dann kann es keine moralischen Entscheidungen geben, die gegen die Allgemeinheit gerichtet sind. Das ist ein fragwürdiger Moralbegriff, in dem das Individuum nur noch ein an der Moral leidendes und von ihr unterdrücktes und Moral nicht menschlicher Impuls ist, dem Vernunft ihren Antrieb verdankt. Kategorische Imperative – seien sie von Kant, Marx oder Adorno – sind nach Paschukanis und Grigat immer eine “Anerkennung der Regeln von Warenverkehr und staatlichem Zwang” (Ebd.). Es ist die Marxistische Gruppe, die hier die Bühne betritt. Moralableitungen wie die Paschukanis‘ (dessen Ausführungen zum Recht deswegen nicht generell zu verwerfen sind) können in ihrem Resultate-Band Der bürgerliche Staat nachgelesen werden – sogar in Paragraphen unterteilt.

Glücklicherweise ist der Abschnitt über die Moral der einzige Fall, bei dem sich ein ableitendes Denken zeigt. Im Kapitel über die Nation, das eigentlich prädestiniert dafür wäre, “die” Nation heraus zu destillieren, insistiert Grigat überzeugend darauf, dass die Nation immer ein “konkreter Fetisch” ist und sich darin vom Waren- und Kapitalfetisch unterscheidet (S. 249). Insbesondere die wenig später folgende Diskussion verschiedener Ansätze der Antisemitismuskritik ist von solchen Plumpheiten meilenweit entfernt und referiert bislang unübertroffen die Debatte um Moishe Postones und Ulrich Enderwitz‘ Thesen (S. 282-305). Grigats Buch bietet mehrere Funktionen: Erstens ruft es in Erinnerung und fasst zusammen, was man vielleicht schon irgendwann einmal gelesen hat, an das man sich aber nicht mehr so genau erinnert. Zweitens wirft es neue Fragen auf und reizt gelegentlich zum Widerspruch. Drittens bietet es neue Antworten in Detailfragen, über die sich zu diskutieren lohnt. Mit anderen Worten: Das Buch hat alles, was ein gutes Einführungsbuch braucht.

Anmerkungen

[ 1 ] Gruppe Krisis, Das Manifest gegen die Arbeit, Erlangen 1999, S. 14; Jan Hoff, Kritik der klassischen politischen Ökonomie, Köln 2004, S. 22; Ernst Michael Lange, Wertformanalyse, Geldkritik und die Konstruktion des Fetischismus bei Marx, in: neue hefte für philosophie, Nr. 13, Göttingen 1978.

aus: Prodomo. Zeitschrift in eigener Sache N° 7 (Winter 2007)

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