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Leo Hiesberger

Fetisch und Freiheit

Rezension zu Stephan Grigat, Fetisch und Freiheit

Am Anfang steht die Ware – was für Marx galt, gilt auch für Grigat. Fetisch und Freiheit, die erste eigene Monographie des Autors, liefert ausgehend von den Marxschen Analysen zum Waren-, Geld- und Kapitalfetisch eine ausführliche und gut gelungene Übersicht über die Entwicklung des Fetischismusbegriffs im 20. Jahrhundert. All jenen, die sich immer schon mal gefragt haben, warum man im Kapitalismus Klobürsten mit Kampfpanzern vergleichen kann und warum das, trotz der uns vermittels des Preises scheinenden Selbstverständlichkeit alles andere als selbstverständlich und naturgegeben, sondern vielmehr äußerst fragwürdig ist, dem oder der sei dieses Buch dringend anzuempfehlen. Gleiches gilt für all jene, die sich im Begriffsdschungel zwischen Fetischismus, Ideologie, Verdinglichung, Entfremdung, Realabstraktion und gesellschaftlich notwendigem Schein nicht mehr (oder noch nicht) zu recht finden.

Die Fetisch- und Ideologiekritik stellt für Grigat das Kernstück der Marxschen Theorie dar und wird in Fetisch und Freiheit weiterentwickelt und spezifiziert, während die problematische Arbeitsontologie von Marx und die sich primär darauf beziehenden Theorien des Marxismus-Leninismus und der Sozialdemokratie verworfen werden. Das Buch interpretiert und kritisiert die Rezeptionsgeschichte des Fetischismus ausgehend von Marx über Karl Korsch, Georg Lukács und die Kritische Theorie bis zu zeitgenössischen Theorien wie der lsquo;Krisis‘-Gruppe um Robert Kurz oder den so genannten lsquo;antideutschen‘ Strömungen, denen auch Grigat selbst zuzurechnen ist. Den jeweiligen Autoren wird in Fetisch und Freiheit viel Platz eingeräumt. Ihre jeweilige Interpretation der Marxschen Fetischismustheorie, sowie eigene Erkenntnisse und der Einfluss auf nachfolgende TheoretikerInnen werden ausführlich und gut verständlich dargelegt. Der Fetischismus wird als Schlüssel zum Verständnis kapitalistischer Totalität, die sich eben nicht nur auf die streng ökonomische Sphäre beschränkt, sondern erheblichen Einfluss auf das Bewusstsein der fetischisierten Subjekte ausübt, entfaltet. Es bleibt allerdings nicht bei einer einseitigen Affirmation der in der Tradition der Fetischkritik stehenden Autoren, Grigat arbeitet sich an ihnen durchaus differenziert ab und benennt auch das jeweils zu kritisierende, etwa Lukács Festhalten am vermeintlichen Erkenntnisprivileg des Proletariats, das von Grigat – sich hier auf Adorno beziehend – unter anderem mit dem Hinweis auf die nationalsozialistische klassenübergreifende Volksgemeinschaft verworfen wird. Auch bei Adorno, den man wohl neben Marx als Hauptbezugspunkt Grigats ausmachen kann, werden Schwachpunkte konstatiert, etwa sein teils idealisierter Tauschbegriff, der die Wertkritik stellenweise auf eine Mehrwertkritik reduziert.

Bei weitem weniger Aufmerksamkeit und präzise Kritik hingegen bekommen vom Autor nicht gerade geschätzte TheoretikerInnen wie Louis Althusser oder die unter dem Begriff lsquo;Postmoderne‘ gefassten Theorien geschenkt. Während etwa mit Jacques Derrida zumindest noch eine kurze inhaltliche Auseinandersetzung stattfindet, werden Judith Butler und Michel Foucault lediglich mit ein paar Sätzen abqualifiziert. Bei aller unzweifelhaft vorhandenen Notwendigkeit von Kritik an den entsprechenden AutorInnen ist diese aber eben nicht durch kurz angebundene Kompromittierung zu erreichen, sondern nur über eine inhaltliche Auseinandersetzung, die an dieser Stelle jedoch nicht stattfindet. Überhaupt stellt sich beim Kapitel über die Postmoderne, ebenso wie beim Kapitel über Guy Debord, die Frage nach dessen Sinnhaftigkeit, da in diesen beiden Abschnitten das Verständnis des Fetischismus nicht wesentlich weiterentwickelt wird und sie deswegen eher deplaziert, hastig eingefügt, ohne stringenten Zusammenhang mit dem roten Faden des Werks wirken.

Im zweiten großen thematischen Teil des Buches versucht Grigat, anschließend an die Thesen des amerikanischen Marxisten Moishe Postone, die Ausführungen zum Fetischismus mit dem Antisemitismus in Zusammenhang zu bringen und diesen auch als einen Fetisch darzustellen und zwar als konsequenteste Manifestation des gesellschaftlichen Wahns, der aus der Unbegriffenheit und Irrationalität der Gesellschaft resultiert. Weiters führt die Nichtbeachtung der Fetischkritik – insbesondere in Teilen der Linken – nach Grigat “mit einer gewissen Notwendigkeit zu antisemitischen Denkformen”. (S. 316) Angesichts einer heute weit verbreiteten moralisierenden Kapitalismuskritik, die nicht den Kapitalismus als solchen, sondern die USA als seinen Hauptprotagonisten, nicht das Kapitalverhältnis sondern die Kapitalisten, nicht Lohnarbeit sondern zu niedrige Löhne in den Fokus der Kritik rückt, ist die von Stephan Grigat ausgemachte strukturelle Ähnlichkeit zwischen falscher Kapitalismuskritik, in der “das zu Bekämpfende […] nicht mehr ein gesellschaftliches Verhältnis, sondern […] Menschen” (S. 324) sind und Antisemitismus nicht von der Hand zu weisen.

Der Schwachpunkt von Fetisch und Freiheit besteht in der Tendenz, den Fetischismus als Moment kapitalistischer Totalität absolut zu setzen. Auch wenn der Einschätzung zuzustimmen ist, dass “[d]ie Kategorien der Werttheorie und Fetischkritik [..] nicht als ein Erklärungsmodell neben anderen zu verstehen” (S. 203), sondern von entscheidender Wichtigkeit sind, so kann daraus trotzdem nicht der Schluss gezogen werden, all jene Theorierichtungen, die sich mit diesen Kategorien nicht explizit auseinander setzen, als Ganzes zu verwerfen. Wird “die Kritik des Fetischismus wertverwertender Gesellschaften” nicht mehr als “notwendiger Schritt” (S. 362) zur Verwirklichung einer befreiten Gesellschaft aufgefasst, sondern als alleinig gültige und alles erklärende Theorie, von der man die lsquo;Nebenwidersprüche‘ nur noch abzuleiten braucht, droht damit jener Dogmatismus gegen den sich zu stellen Fetisch und Freiheit beansprucht.

Aus: Herrschaftszeiten. Zeitung der Studienvertretung Politikwissenschaft (Wien), März 2008

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