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Stefan Schnegg

Why live, if you can be buried for ten Dollars?

Es kann keine radikale Gesellschaftskritik ohne Psychoanalyse geben

Das hier vorgestellte Buch faßt eine Konferenz zusammen, die im Herbst 2006 in Wien unter dem Titel: »Mit Freud – Gesellschaftskritik und Psychoanalyse« stattfand. Der Untertitel ist einem Freud-Brief entliehen: »Why live, if you can be buried for ten Dollars?« In diesem Brief an Marie Bonaparte (1937) stellt sich Freud die Frage nach Wert und Sinn des Lebens und kommt zur pessimistischen Auffassung, daß es beides in objektiver Weise nicht gibt, ja, daß allein die Fragestellung ein Hinweis auf Krankheit sei, mit dem Verweis darauf, daß »ein Vorrat an unbefriedigter Libido eine Art Gärung erfahren habe, die zu Trauer und Depression führt«.

Warum sich linke Gesellschaftskritiker mit Freud befassen, dürfte wohl genau mit dieser pessimistischen Sicht auf die Weltverfassung zusammenhängen. Die (real-)sozialistische Utopie ist mit dem Jahr 1989 endgültig auf dem Misthaufen der Geschichte gelandet und was nachher kam und bis heute dauert, birgt kein bißchen Hoffnung auf eine emanzipatorische Zukunft. »Von einem können weder Gesellschaftskritik noch Psychoanalyse lassen, ohne selbst unterzugehen: dem bürgerlichen Subjekt, das sein Leiden spürt«, heißt es im Vorwort, und mit dieser Suche nach Antworten auf das Leiden des Subjekts in und durch die herrschende Kultur

beschäftigen sich die Vorträge, die im Laufe der zweitägigen Veranstaltung gehalten wurden. Als teilnehmender Psychoanalytiker (in Ausbildung) fand ich vor allem die Anwendung der Psychoanalyse als analytisch orientierte Sozialpsychologie interessant. In der Ausbildung zentriert sich schwerpunktmäßig alles um die »Klinik« der Psychoanalyse: Was kann ich wie aus dem riesigen Universum der unterschiedlichen Theorien und Schulen herausdestillieren, um meine eigene therapeutische Praxis gestalten zu können? Jene Fragen, die im Sammelband im Vordergrund stehen, nämlich nach der Freudschen Kulturtheorie, seinen Abhandlungen über die verschiedenen Vergesellschaftungsformen des Individuums, seine Religionskritik, seine Kritik am Mensch in der Masse, sein »Unbehagen in der Kultur«, kommen in der Ausbildung nur noch als Fußnote vor. Viel wichtiger sind die Fragen nach der überprüfbaren Wirksamkeit der Psychoanalyse als Heilmethode oder nach der Anschlußfähigkeit der Psychoanalyse an die Neurobiologie. Gab es für die gesellschaftskritische Seite der Psychoanalyse jemals bessere Zeiten? Ja, aber nicht in der fruchtlosen Debatte über den Freudo-Marxismus in studentenbewegten Zeiten, sondern in den Arbeiten des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und da zum

Beispiel in den Studien über Autorität, Familie, Antisemitismus oder verdichtet in der Dialektik der Aufklärung. Warum bleiben für diese Veranstaltung nur die Arbeiten der Kritischen Theorie als Referenzrahmen akzeptabel? Weil Adorno, Horkheimer und andere dem Fortschritt der Nachkriegsgesellschaften, der Nach-Auschwitz-Gesellschaften nicht über den Weg trauten, was ihre demokratische und antifaschistische Entwicklung anbelangt. Für diese Lesart der Geschichte, vor deren Hintergrund die Beiträge angesiedelt sind, war Auschwitz kein Rückfall in die Barbarei in einer sonst fortschreitenden Gesellschaft, sondern ein spezifischer Ausbruch einer kapitalistischen Vergesellschaftung, die zum Freiwerden zerstörerischer Kräfte führte. Und solange sich diese Gesellschaftsform nicht ändert, wird auch das destruktive Potential im Einzelnen sich nicht verändern können. Herbert Marcuse formuliert das in Triebstruktur und Gesellschaft folgendermaßen: »Die Zivilisation gerät in eine zerstörerische Dialektik: die dauernden Einschränkungen des Eros schwächen schließlich den Lebenstrieb und setzen damit eben jene Kräfte in verstärktem Maße frei, gegen die sie ›aufgerufen‹ worden waren – die Kräfte der Zerstörung« (Marcuse 1955, S. 48).

Dieser in der Triebtheorie Freuds im Eros angelegte Antagonismus von Lebenstrieb und Todestrieb findet seine Verdoppelung in der Auseinandersetzung zwischen Lust- und Realitätsprinzip, also zwischen nicht entfremdeter Libido und einer repressiven Kultur und Gesellschaft, die unter den herrschenden Bedingungen eben genau die »vergärte« Libido produziert, die dann zu Agonie, Depression oder Destruktion führt.

Was die inhaltliche Konzeption betrifft, so gliedert sich der Sammelband in drei größere Abschnitte: In »Apologien des regressiven Kollektivs« werden jene drei Theoretiker behandelt, die die Freudsche Psychoanalyse weiterzuentwickeln versuchten und sie dabei um einige ihrer wesentlichsten Errungenschaften brachten. Im Spiegel der Analyse der Theorien dieser maßgeblichsten »Revisionisten« soll das emanzipatorische Potential der Freudschen Psychoanalyse deutlich werden. Der Beitrag von Renate Göllner, »Gemeinschaftsgefühl als Ende der Psychoanalyse – Alfred Adler und die Folgen«, zeigt, daß Adlers pädagogische Psychologie ihre Popularität – gerade auch in Österreich – der Preisgabe grundlegender psychoanalytischer Erkenntnisse verdankt: der Trieblehre, der Bedeutung des Unbewußten, der infantilen Sexualität und der Verdrängung. Im Gegensatz zu Adlers Gemeinschaftsgefühl und dessen indirekter Affirmation staatlicher Interessen, trägt Freuds Analyse – insbesondere in der Massenpsychologie – dazu bei, das Individuum gegenüber dem Kollektiv zu stärken. In »Wilhelm Reich oder das Unbehagen an der Abstraktion« legt Horst Pankow im Anschluß daran dar, daß auch der Autor der Massenpsychologie des Faschismus, der von der Linken als sexueller Befreier und »Linksabweichler« gefeiert wurde, nicht nur in den letzten Jahren seines Lebens zu einem Obskuranten wurde, sondern bereits sehr früh, zunächst von Freud unbemerkt, dessen weiten Begriff von Sexualität durch Genitalität ersetzte: Er wollte sie physiologisch verorten, die Libido quantifizieren, sie meßbar machen. In seinem Beitrag über »Die Fähigkeit zu opfern« zeigt Gerhard Scheit, daß die Abwehr der Triebtheorie in den allseits beliebten Begriffen, die von den Mitscherlichs und Jacques Lacan geprägt wurden, die diskreteste Form war, deutsche Ideologie nach Auschwitz zu erneuern.

Im zweiten Abschnitt des Buches, »Geschlechteridentität und Repression«, erfolgt zunächst eine kritische Auseinandersetzung mit jenen Teilen des Freudschen Werkes, die Fragen des Geschlechterverhältnisses und der Homosexualität betreffen, um in der Folge das psychoanalytische Erkenntnispotential voll nützen zu können. Ljiljana Radonic setzt sich in »Psychoanalyse als Gendertheorie – Freud und seine ›Kritikerinnen‹« zunächst mit der teils idiosynkratischen feministischen Kritik Freuds auseinander, die oftmals die fruchtbarsten psychoanalytischen Erkenntnisse, wie jene über die infantile Sexualität, »bereinigt«, um

dann einerseits biologistische Implikationen der Freudschen Weiblichkeitstheorie aufzuzeigen, andererseits aber die Unverzichtbarkeit von Erkenntnissen über Verinnerlichung, Verdrängung usw. für eine Analyse des Geschlechterverhältnisses herauszuarbeiten. Martin Dannecker geht der »Dekonstruktion der sexuellen Normalität in den ›Drei Abhandlungen‹« und der Darstellung von »Perversion und Homosexualität in der Psychoanalyse« nach, die trotz ihrer Widersprüchlichkeit zu einer bis heute in der Psychoanalyse nicht abgetragenen Ambivalenz gegenüber den nicht als normal angesehenen Sexualitäten führte. Im Anschluß daran zeigt Tjark Kunstreich in »Dialektik der Homophobie – Angst vorm Männerbund und Parteinahme für die Schwulen in der Kritischen Theorie«, wie die als homophob geltende Kritische Theorie, Reichs verkehrten Begriff vom Faschismus als Herrschaft der Bruderhorde und der notwendigen gesellschaftlichen Homosexualität vom Kopf auf die Füße stellte, indem sie ihn auf Freud zurückführte, was den späten Adorno zu einer rührenden Parteinahme für das homosexuelle Individuum als Opfer jener verleugneten gesellschaftlichen Homosexualität befähigte. In »Die Lust an der Unlust oder warum der Islam so attraktiv ist« geht Natascha Wilting der Frage nach, warum das Leben hinter dem Schleier angesichts stillgelegter, frustrierter Triebregungen verlockend erscheint und die vielen verbotenen eigenen Wünsche auf die als feindlich imaginierte Welt der Ungläubigen projiziert wird.

So lebendig habe ich auf dieser Konferenz »Mit Freud« die Psychoanalyse schon lange nicht mehr erlebt. Das mag auch damit zusammenhängen, daß der Hörsaal vor allem mit jungem studentischem Publikum gefüllt war, das die soziologisch gewendete Psychoanalyse der Frankfurter Schule wieder für sich entdeckt hat. Das daraus entstandene Buch spiegelt die Lust an der kontroversen und unbequemen Seite der Psychoanalyse wider, die ich bei der institutionalisierten Psychoanalyse oft vermisse.

Literatur

Marcuse, Herbert (1955): Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud, Frankfurt (Suhrkamp) 1969

Aus: psychosozial 33. Jg. (2010) Heft II (Nr. 120), S. 133 - 135

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