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Jörg Später

Ende der Legende

Wer kennt heute noch Curt Geyer, Walter Loeb oder Bernhard Menne – Sozialdemokraten, die im Londoner »Exil« aus dem Zentrum der Partei an den Rand und schließlich hinausgedrängt wurden? Andere Genossen aus der Londoner Zeit machten in der Bundesrepublik Karriere: Willi Eichler oder Richard Löwenthal zum Beispiel. Wer glaubt, die Ausgestoßenen seien eben Linke und die Aufsteiger Rechte gewesen, weil ja die Nachkriegs-SPD nach Godesberg umzog, täuscht sich. Geyer war ein verwestlichtes Mitglied des Parteivorstands, Loeb ein Banker, und Menne wurde irgendwann Chefredakteur von Springers »Welt«. Dagegen gehörten Eichler und Löwenthal linken Splittergruppen wie dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund und Neu Beginnen an, die sich gegen Ende der Weimarer Republik von der SPD getrennt hatten, aber in London wieder in den Schoß der Partei zurückkehrten. Wie war das möglich?

Die geflüchteten Sozialdemokraten verstanden sieh cum grano salis als das »andere Deutschland«. Sie glaubten an eine Diskrepanz zwischen deutschem Volk und Führer und hielten die Nationalsozialisten für Usurpatoren. Als im Lauf des Krieges in der Person Lord Robert Vansittarts die deutsche Nation als Ganzes angeklagt und die Sozialdemokraten als Wegbereiter dieses Radikalnationalismus beschuldigt wurden, übernahmen die Londoner Sozialdemokraten die Rolle des Anwalts für das deutsche Volk.

Die Dissidenten aber verstanden den Nationalsozialismus als Ausdruck eines spezifisch deutschen Nationalismus. Sie verlangten die bedingungslose Unterordnung der Sozialdemokraten unter die Kriegsziele der Alliierten und ein Bekenntnis zur einseitigen Abrüstung Deutschlands nach dem Krieg, zu Wiedergutmachung und Umerziehung. Nach dem innerparteilichen Zerwürfnis gründete die Geyer-Loeb-Gruppe die Verlagsgesellschaft Fight for Freedom. Sie erarbeitete historische Fallstudien, die die These von der Kontinuität .eines aggressiven deutschen Nationalismus belegen sollten. Sie versuchte zu zeigen, wie gesellschaftliche Strukturen des Kaiserreiches, der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus mit diesem Nationalismus verbunden waren.

Jan Gerber und Anja Worm kommt das Verdienst zu, das umfangreiche Schrifttum
von Fight for Freedom, aber auch von anderen geflüchteten »vansittartistischen« Autoren gesichtet, ausgewählt und übersetzt zu haben. Nahezu in Vergessenheit geratene Intellektuelle wie Karl Retzlaw, Carl Herz oder Dosio Koffler finden sich in der Anthologie Fight for Freedom – Die legende vom »anderen Deutschland« (ça ira), die belegt, daß das »Exil« nicht allein ein befremdlicher Ort war, des private wie politische Pathologien zeitigte. Dieser Fluchtort konnte auch neue Standpunkte und Perspektiven ermöglichen. Es bedurfte offensichtlich der »antideutschen« Bewegung innerhalb der deutschen Linken, um solch wertvolles Textgut zu bergen.

Aus: Konkret, N° 5/2010

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