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Dirk Farke

“What other Germany?”

Die sozialdemokratische Partei Deutschlands sah sich in ihrer gesamten Geschichte immer als Anwalt der sogenannten “kleinen Leute” und als Vertreter eines “anderen Deutschland”. Diese Legende von der Existenz des “anderen Deutschland” war eine der ideologischen Gründungsvoraussetzungen der BRD und der DDR und gehört bis heute zum geschichtspolitischen Repertoire der Berliner Republik.

Dies ist eine der Hauptthesen der neuen Arbeit von Jan Gerber und Anja Worm, Fight for Freedom. Die Legende vom “anderen Deutschland”. Die Autoren gehören zum Initiativkreis “Materialien zur Aufklärung und Kritik”, schreiben unter anderem für die Zeitschrift “Bahamas” und sind Mitherausgeber der faschismustheoretischen Texte von Heinz Langerhans. Erschienen ist das Buch im für seine anspruchsvollen Publikationen bekannten und seit mehr als zwanzig Jahre bestehenden Freiburger ça ira Verlag Ende 2009.

Die Autoren, die die zentralen Texte des “Fight-for-Freedom”-Kreises erstmals in deutscher Übersetzung herausgegeben haben, stellen in ihrer Publikation nicht nur die Aktivitäten, Schriften und Reflexionen dieser Gruppe vor. Im ausführlichen und materialreichen Vorwort hinterfragen sie zugleich die Intention, die hinter der Erschaffung der These vom “anderen Deutschland” stand. Welche Bedürfnisse befriedigte die Legende vom “anderen Deutschland”? Warum konnte die Vorstellung, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg, die Konzentrations- und Vernichtungslager seien den Deutschen gegen ihren Willen von einer kleinen Clique Wahnsinniger aufgezwungen worden, eine derart immense Resonanz finden, ohne hinterfragt zu werden? Und schließlich, warum konnte die “Fight-for-Freedom-Gruppe” trotz ihrer in Großbritannien während des Krieges sehr gefragten Publikationen und der zahllosen Angriffe, denen sie sich von Seiten des “arbeiterbewegten Exils” - vom damaligen SAPler Willy Brandt über den Kommunisten Jürgen Kuczynski bis hin zu den Sozialdemokraten Friedrich Stampfer und Erich Ollenhauer – ausgesetzt sah, sowohl von der deutschen Öffentlichkeit als auch vom Wissenschaftsbetrieb über Jahrzehnte hinweg ignoriert werden?

Die Mitglieder der ”F.f.F.-Gruppe”, wie zum Beispiel Curt Geyer, Fritz Bieligk, Carl Herz, Walter Loeb, Kurt Lorenz und Bernhard Menne, traten bereits in den frühen 1940er Jahren, im britischen Exil, mit Artikeln, Broschüren, Dossiers und andere Texten der Legende vom “anderen Deutschland” entgegen. Heute sind sie, unter anderem auch aus den oben genannten Gründen, so gut wie vergessen. Ganz im Gegensatz zum sozialdemokratischen Exil, einschließlich seiner zahlreichen Absplitterungen, die spätestens seit den 70ger Jahren Gegenstand zahlreicher Arbeiten waren, wurde die ”F.f.F.-Verlagsgesellschaft” nur marginal - wenn überhaupt - behandelt und in die entsprechenden Fußnoten verbannt. Dies hat sich zwar mittlerweile, wenn auch langsam, zögerlich und viel zu spät, geändert. Herauszuheben ist hier vor allem die geschichtswissenschaftliche Dissertation von Jörg Später: Vansittart. Britische Debatten über Deutsche und Nazis 1902 bis 1945. Wallstein Verlag 2003. Seine Arbeit beschreibt den Streit um den ehemaligen Chefdiplomaten des Foreign Office, Lord Robert Vansittart (1881 – 1956) - als britisches Pendant zu Henry J. Morgenthau - aus dem britisch- deutschen Antagonismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts heraus. Der vehemente Appeasement Gegner veröffentlichte im Herbst 1940 in der BBC sieben Radioansprachen, die in der Broschüre “Black Record” zusammengefaßt wurde. Hierin stellt Vansittart den Nationalsozialismus als logische, nahezu zwingende Konsequenz der deutschen Geschichte dar und löste damit eine der ungestümtesten britischen Debatten während des Krieges aus. Vehement wendet er sich gegen die These vom “anderen Deutschland” (What other Germany?), trat für einen harten Frieden und eine tiefgreifende Reeducation der Deutschen ein. Später legt dar, daß sich in der “F.f.F.-Verlagsgesellschaft” die (ehemaligen) sozialdemokratischen Sympathisanten Vansittarts zusammenschlossen und beschreibt die materielle Übereinstimmung der Auffassungen Vansittarts mit denen der “F.f.F.-Verlagsgesellschaft”. Die Kritik lobte das Buch damals als “ausgezeichnet, bahnbrechend, perspektivreich, sehr genau und quellennah” (Vergleiche FAZ vom 12. 11. 2003; Süddeutsche Zeitung vom 20. 11. 2003).

Was in der geschichtswissenschaftlichen Dissertation offensichtlich nicht notwendig erschien, die Veröffentlichung auch der Texte der “F.f.F.-Verlagsgesellschaft” und ihnen nahe stehender Autoren, zur Verifizierung der angeführten Thesen, wird nun endlich nachgeholt.

Es ist das Verdienst von Jan Gerber und Anja Worm die zentralen Texte des “F.f.F.-Kreises” - die Übersetzung des Schlußkapitels von Robert Vansittarts “Black Record” haben die Herausgeber persönlich übernommen - erstmals in deutscher Übersetzung herausgegeben zu haben.

Im Kern geht es in den Publikationen um den Kampf gegen den Nationalismus in der deutschen Arbeiterbewegung. Der aggressive deutsche Nationalismus stelle die mächtigste politische Kraft im Volke dar und habe bereits vor 1914 alle gesellschaftlichen Klassen und politischen Parteien erfaßt. Sowohl die SPD, als auch die Führung der Gewerkschaften waren zwischen 1914 und 1918 eine wesentliche Stütze des Kriegswillens. Beide haben anschließend eine nationalistische Propaganda gegen den Versailler Vertrag geführt und zwar um so lauter, je energischer die Rechtsparteien dieses Dokument zur psychologischen Vorbereitung des Revanchekrieges benutzt haben. Hitler ist kein Zufall gewesen, sondern von der größten Massenbewegung der deutschen Geschichte zur Macht getragen worden. Der Krieg wurde in Deutschland von einer überraschend großen Mehrheit, die den Endsieg wollte, unterstützt.

Besonders herauszuheben ist auch der Artikel von Karl Retzlaw über die KPD von 1919 bis 1933. Retzlaw gehörte zu den Gründungsmitgliedern der KPD und nahm an der Seite von Karl Liebknecht aktiv an der Novemberrevolution teil. Im britischen Exil wurde er informeller Mitarbeiter Vansittarts und berichtete regelmäßig über die Aktivitäten der deutschsprachigen Emigranten, die in der britischen Öffentlichkeit das Bild des “anderen Deutschland” zu suggerieren versuchten. Im Jahre 1973, sechs Jahre vor seinem Tod, gründete Retzlaw gemeinsam mit dem Anarchisten Augustin Souchy und dem Linkssozialisten Peter Maslowski das Diskussionsforum “Arbeitskreis Karl Liebknecht”.

Retzlaw legt dar, daß mit dem Beschluß des Zentralkomitees, die Unterzeichnung und Erfüllung des Versailler Vertrages abzulehnen, die KPD die Reihen derjenigen verließ, die in entschiedener Opposition zum deutschen Nationalismus standen. Im April 1920 spaltete sich die ultraradikale Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD), die eine nationalbolschewistische Richtung vertrat, von der KPD ab. Lenins berühmte Schrift über den “linken Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus”, richtete sich nicht zuletzt gegen die KAPD. Aufschlußreich sind auch die Zitate von Ruth Fischer, Schwester des Komponisten Hanns Eisler und des späteren DDR-Rundfunkchefs Gerhart Eisler, die jüdischer Herkunft war. Auf einer von der KPD im Jahre 1923 speziell für nationalistische Studenten organisierten Kundgebung erklärte sie: “Sie rufen auf gegen das Judenkapital, meine Herren? Wer gegen das Judenkapital aufruft, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß...Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie...Nur im Bund mit Rußland, meine Herren von der völkischen Seite, kann das deutsche Volk den französischen Kapitalismus aus dem Ruhrgebiet hinausjagen”.

Als verhängnisvoll muß auch das hartnäckige Insistieren der Kommunistischen Internationalen gewertet werden, den Nationalsozialismus als eine notwendige Durchgangsstufe zum Kommunismus und Hitler nicht als eine Niederlage der Arbeiterklasse zu sehen. Nur zu bereitwillig unterstützten die KPD Führer die Kommunistische Internationale in diesem schockierenden Fehler. Denn wenn diese Haltung richtig war, existierte nichts Unangenehmes, das hätte erklärt werden müssen. Retzlaws Schlußfolgerungen, daß sich Nationalismus und Sozialismus in Deutschland nicht ausschließen, daß die NS-Organisationen, deren rücksichtslose Bestialität die Welt schockiert haben, nicht aus einer neuen Rasse oder aus ”neuen Menschen” bestehen, sondern in der Tat repräsentativ für die ganze deutsche Nation sind, deckten sich sowohl mit den Analysen der ”F.f.F.-Gruppe”, als auch den Auffassungen der Vansittaristen.

Die Autoren zeigen Anhand der aufgeführten Texte, daß eines der selbst verschuldeten Hauptdilemmata der deutschen Sozialdemokratie war, daß sie, um Mehrheitspartei zu werden, der nationalistischen Stimmung in der Bevölkerung immer nachgegeben hat. Die Verschmelzung des Sozialen mit dem Nationalen, von der Eduard Bernstein schon 1899 sprach, hat dann in der NS-Zeit ihren vollendeten Ausdruck gefunden. Noch kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges gaben die temporären Abspaltungen der SPD, die Gruppe “Neu Beginnen” und die “SAP”, sowie die “Revolutionären Sozialisten Österreichs” (RSÖ), deren Mitglieder nach dem Krieg zentrale Positionen in der SPD beziehungsweise der SPÖ hatten, ein gemeinsames Diskussionspapier heraus, in dem nicht die Deutschen, sondern die Westmächte als die Hauptschuldigen des kommenden Krieges gewertet wurden. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist auch der Verweis unserer Autoren auf die Mentalität des deutschen “sozialistischen Exils”, sich mit zunehmender Kriegsdauer mehr und mehr als diplomatische Vertretung eines zukünftigen deutschen Staates zu sehen, der vor ungerechten Ansprüchen der Siegermächte zu schützen sei. Mit der Legende vom “anderen Deutschland” war eine der Blaupausen für das Fundament unserer postnazistischen Demokratie erstellt. Die eigentlichen Opfer von Krieg und Faschismus waren letztendlich niemand anderes als die Deutschen selber.

WebSite der Rosa Luxemburg-Stiftung, 14. Februar 2010

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