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Richard Saage

Rezension zu Jan Gerber, Nie wieder Deutschland

Jan Gerber hat sich die anspruchsvolle Aufgabe gestellt, die Reaktion des linksradikalen Spektrums der Bundesrepublik Deutschland auf den Epochenumbruch von 1989 zu rekonstruieren. Die Strukturierung des Inhalts folgt einem chronologischen Muster. Um zeigen zu können, wie und warum sich die ideologische Ausrichtung und die organisatorische Struktur im linksradikalen Milieu veränderten oder auch in Kontinuität verharrten, war es notwendig, zunächst eine analytische Folie der radikalen Linken in den 1980er-Jahren zu konzipieren. Daher setzt er sich mit der Deutschen Kommunistischen Partei und ihrem Umfeld ebenso auseinander wie mit der Marxismus-Leninismus-Bewegung der sogenannten K-Gruppen. Große Aufmerksamkeit widmet er auch der Stadtguerilla und ihrem Aktionsradius. Gerber schildert deren Entstehung im Spannungsfeld zwischen Avantgarde und Bewegung. Im Zentrum dieser Gruppierung standen die “Roten Zellen” und die “Rote Armee Fraktion”. Das Kapitel schließt ab mit einer ausführlichen Analyse der sogenannten Autonomen, deren ideologische Ziele der Autor ebenso untersucht wie ihre Organisationsstruktur. Interessant ist auch, daß Gerber die “Autonomen” als den militanten Arm der “Neuen sozialen Bewegungen” bestimmen kann.

Nach einer Analyse des undogmatischen Teils des Linksradikalismus, in dessen Zentrum Gerber vor allem das “Sozialistische Büro” und seine Zeitschrift “links” rückt, fragt der Verfasser nach den Reaktionen auf das Ende des Realsozialismus und auf die nachfolgenden Ereignisse von der Wiedervereinigung bis zum Zweiten Golfkrieg. Es sei zu einer Krise “der Linken” und zu ideologischen und organisatorischen Verschiebungen im linksradikalen Spektrum gekommen. Gemeinsame politische Vorstellungen von “Antifaschismus” oder “ Antiimperialismus” lösten sich jetzt auf, wie auch die bipolare Welt des Kalten Krieges der Vergangenheit angehörte.

Damit man nicht die Übersicht verliert, gibt Gerber dem Leser eine Art Kompaß an die Hand. Die Bandbreite des Linksradikalismus sei von zwei Polen begrenzt. Der eine Pol ist gekennzeichnet durch eine extreme Ideologisierung: Versatzstücke vor allem der marxistischen Theorie werden für die Realität selber gehalten. Dieser Begriffsrealismus schottet sich systematisch von der sozio-politischen Realität ab. So gesehen, kann man diesen Pol auch nicht ohne Weiteres als “utopisch” bezeichnen: Die klassische Utopietradition zeichnete sich immer auch dadurch aus, daß sie eine realistische und rational nachvollziehbare Diagnose von Fehlentwicklungen vorlegte, auf die das utopische Konstrukt als vermeintlich bessere Alternative reagierte.

Der andere Pol des linksradikalen Lagers, so kann man Gerbers Befunde interpretieren, verzichtet von vornherein auf “Theorie” und “Ideologie”. Er setzt auf das subjektive Erlebnis der “direkten Aktion”, auf Attitüden, Rituale und “Haltungen”, die ihren intensivsten Ausdruck im Medium spontaner Gewaltanwendung finden. Gerber betont, daß gerade die Ablehnung von Kosten-Nutzen-Rechnungen, von Parteiprogrammen und Theorierezeptionen für viele Sozialwissenschaftler eine kaum überwindbare Barriere darstellt, das Phänomen der “Autonomen” analytisch in den Griff zu bekommen.

Der Autor resümiert, daß die radikale Linke in Deutschland sich angesichts der Herausforderungen von 1989 nur begrenzt als lernfähig erwiesen habe. Topoi aus der Zeit des Kalten Krieges wurden von einigen linksradikalen Gruppierungen auf die neue deutschland- und weltpolitische Situation übertragen, wie zwanghaft und voluntaristisch diese Operation auch immer ausfallen mochte. Immerhin kann Gerber aber auch Ausnahmen konstatieren. So ging mit der “Entdeckung des Westens” in den Reihen der die Vereinigung der beiden deutschen Staaten ablehnenden “antideutschen Linken” eine “Entdeckung des Individuums” einher. Sie könnte sich der Kritischen Theorie Adornos und Horkheimers annähern, wenn sie sich um eine Synthese von Freiheit und Gleichheit, von utopischem und vertragstheoretischem Weg in die Moderne auf kapitalismuskritischer Basis bemühte.

Wer sich mit dem bundesrepublikanischen Linksradikalismus seit Anfang der 1980er-Jahre beschäftigen will, wird an dieser Studie nicht vorbeikommen.

Aus: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Nr. 10/2011

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