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Anton Panner

Rezension zu: Jan Gerber, Nie wieder Deutschland?

Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts waren von dem Aufbruch der bun­desdeutschen Neuen Linken in den sechziger Jahren nur noch organisatorische und ideologische Bruchstücke und Restbestände in randständigen Milieus übrig geblieben, die von konservativen Staatssozialisten bis zu Autonomen so ziemlich alles abdeckten, was sich hierzulande links fühlte oder gar zu sein glaubte. Einmal abgesehen davon, daß bereits zwanzig Jahre zuvor die Sozialdemokratie nicht zuletzt über ihre aufmüp­fig gewordene Jugendorganisation viele und insbesondere jene eingefangen hatte, die dreißig Jahre später mit einem sozialdemokratisch erneuerten Neoliberalismus und ei­ner entsprechenden Sozial- und Finanzpolitik den vermutlich langfristigen Absturz ih­rer Partei einleiten sollten, hatten viele der Teilzeitrevolutionäre zumeist bürgerlicher Herkunft mittlerweile ihre die Vielfalt der marxistischen Tradition repräsentierenden Vereine aufgelöst oder verlassen und bei den von ihnen in Zusammenarbeit mit kon­servativen Naturschützern gegründeten und sich zunehmend im parlamentarischen System etablierenden “Grünen" ertragreiche Karrieren auf den Weg gebracht.

Insofern war es auch nicht weiter verwunderlich, daß der Zusammenbruch des Ostblocks und insbesondere der Anschluß der DDR an die alte Bundesrepublik bei solchen Linken, die sich bereits in den Jahren zuvor, vielfach vermittelt über die nicht nur im Nachhi­nein merkwürdig anmutende Begeisterung für oft genug von Despoten angeführte na­tionale Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, dazu veranlaßt sahen, über die so­genannte nationale Frage im allgemeinen und die sogenannte deutsche Frage im be­sonderen nachzudenken, zu einer in schlechtester nationalprotestantischer Tradition fundierten nationalen Begeisterung führte und damit auch zum endgültigen Frieden mit dem neuen Nationalstaat. Die Etablierung dieses neuen Nationalstaats, der nun­mehr als Resultat der Überwindung zweier deutscher Diktaturen und unter dem Stich­wort einer “Normalisierung" sowie einer beiläufigen Relativierung bzw. einer von ausufernder Detailforschung begleiteter Historisierung des Nationalsozialismus als Ausdruck der Ankunft im Westen angesehen wurde, schien manch einem der deutschen Nationalgeschichte und insbesondere dem Nationalsozialismus gegenüber kriti­schen Linken die Gefahr eines neuen nationalistischen “Vierten Reichs" heraufzu­beschwören.

In einer sich seit dem Frühjahr 1989 als “Radikale Linke" titulierenden Sammlungsbewegung, die zu einer Demonstration unter dem Marlene Dietrich entlie­henen Motto “Nie wieder Deutschland!" im Mai 1990 in Frankfurt immerhin noch an die 20.000 Personen versammeln konnte, schien sich die antinationale Linke ein durchaus wirksames organisatorisches Netzwerk schaffen zu können; nach einem im­merhin noch halbwegs gut und einem zweiten schon erheblich weniger gut besuchten Kongreß und den unter Sekten üblichen Streitereien über niemanden interessierende weltbewegende Fragen löste sie sich jedoch alsbald wieder auf, dies wohl auch des­halb, weil sich die mittlerweile als Nachfolgepartei der SED gegründete PDS schein­bar als neue Plattform für solcherlei Auseinandersetzungen anbot.

Jan Gerber versucht mit seiner von der Friedrich-Ebert-Stiftung gesponserten, in der vorliegenden Druckfassung gekürzten Dissertation, diesem parallelen Prozeß von Nie­dergang und Restrukturierung der Linken in der Umbruchphase der Jahre nach 1989 auf die Spur zu kommen. Im Anschluß an eine zum Thema hinführende kurze Einlei­tung skizziert er im ersten Kapitel die Geschichte des Niedergangs der Neuen Linken in den zwei Jahrzehnten nach 1968, wobei er unter Bezug auf eine Aussage des damaligen Außenministers Joschka Fischer, mit der dieser nicht nur den illegalen und völkerrechtswidrigen Einsatz der Bundeswehr im Kosovo begründet, sondern zugleich – durch den Vergleich von Auschwitz mit den Ereignissen im Kosovo – auch eine fa­tale Relativierung des nationalsozialistischen Projekts der Ermordung der Juden vorge­nommen hatte – “Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz”–, zwei Traditionslinien herauszuarbeiten versucht. Unter Be­rücksichtigung der Tatsache, daß die Beschäftigung der unterschiedlichsten Fraktionen der Neuen Linken mit dem Nationalsozialismus über eine Debatte der zahllosen theo­retischen Ansätze zum als Extremform des Kapitalismus verstandenen Faschismus kaum hinauskam und eine Thematisierung der realen historischen Geschehnisse, ins­besondere der Vernichtung des europäischen Judentums, wobei man u.a. auch zur Kenntnis hätte nehmen müssen, daß große Teile auch der für die Linke identitätsstiftenden Arbeiterklasse sich mit Begeisterung in das völkische Projekt der Nationalsozi­alisten hatten einbinden lassen, kaum vorgenommen wurde, subsumiert Gerber unter der Parole “Nie wieder Krieg" eine organisationsüberschreitende Tendenz, sich unter dem schützenden Schirm einer allgemeinen Kapitalismuskritik aus der Verantwortung für solche Ereignisse wie den Genozid an den Juden zu stehlen, die mit einer ökono­mistischen Kapitalismuskritik nicht zu erklären sind. Angesichts einer solchen theore­tisch zwar redundanten, in der Linken aber mehrheitsfähigen Kapitalismuskritik, der einerseits das nationalsozialistische Projekt “Endlösung der Judenfrage" ein ökono­miekritisch nicht aufzulösendes Rätsel bleiben mußte, und die andererseits ohne jegli­ches historisches Problembewußtsein nicht nur an einen aus der marxistischen Tradi­tion übernommenen Begriff von Arbeiterklasse, der mit der realen Existenz der Ar­beiter nur bedingt etwas zu tun hatte, sondern mit zunehmender Begeisterung für die nationalen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt auch an einen unhinterfragten Begriff von Volk anknüpfen konnte, mußte eine von Gerber unter der als kategorischer Imperativ verstandenen Parole “Nie wieder Auschwitz" subsumierte Strömung, die alsbald, ausgehend von der Parole “Nie wieder Deutschland", als in sich – in guter deutscher Tradition – wiederum vielfach zersplitterte Antideutsche von sich reden machte, notwendigerweise marginal bleiben. Herauskristallisiert hatte sich diese Fraktion nicht zuletzt im Kontext der Thematisierung des in der Linken insbesondere seit 1967, seit dem wohl endgültig gescheiterten Versuch mehrerer arabischer Regime, den Staat Israel zu beseitigen, virulent gewordenen Antizionismus, der, in Verbindung mit antisemitisch kornnotierter Kritik am internationalen Finanzkapital sowie in weiten Teilen der Linken verbreiteter Kritik an der Existenz des Staates Israel, als sekundärer bzw. neuer Antisemitismus analysiert wurde.

In den beiden Hauptkapiteln “Zwischen Zusammenbruch und Neufindung (1989-1991)" und “Die Krise als Dauerzustand (1991-1995)" rekonstruiert Gerber anschlie­ßend die sowohl auf innen- als auch außenpolitische Ereignisse (Golfkrieg) Bezug nehmenden innerlinken Debatten, in denen sich die beiden kurz skizzierten Strömun­gen zum einen zunehmend deutlicher auseinander entwickelten und zum anderen ihre jeweiligen Positionen im politischen Tagesgeschehen deutlicher herausarbeiteten. In einem seine “kritische Rekonstruktion des linksradikalen Scheiterns" resümierenden Kapitel verweist er schließlich darauf, daß sich jenseits der in ökonomistisch verkürz­tem Antikapitalismus und Antiimperialismus verharrenden und vielfach antiwestliche und antizionistische Positionen vertretenden Traditionslinken, als deren Zentrum sich die mittlerweile in Ost und West etablierte Partei “Die Linke" herauskristallisiert hat, die an “Kapitalismuskritik bzw. der Forderung nach Kommunismus oder einer befrei­ten Gesellschaft" festhaltende “Erkenntnis durchgesetzt (hat), daß die Prinzipien, die der Westen repräsentiert (von der westlichen Demokratie über den Liberalismus bis hin zum Prinzip des Individuums), bei aller Kritik... gegen das Schlimmere verteidigt werden müssen: gegen Faschismus, Nationalsozialismus und Islamismus, der seit den Anschlägen des 11. September ins Zentrum der anti-deutschen Kritik geriet.”

Aus: Archiv für die Geschichte der Arbeit und des Widerstands Band 17 (2011)

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