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Jens Benicke

Wenn die Aufstände sterben

»Das sind die 90er, mein Freund und das ist nicht mal bös‘ gemeint. Hier hat keiner mehr Hoffnung.« Dies sang die Hamburger Punkband »...but alive« 1996 und brachte damit auf den Punkt, daß die Zeit dieses Jahrzehnt besser übersprungen hätte. Denn wofür stehen die Neunziger? Anschluß der DDR an das neue Großdeutschland mitsamt einer Welle rassistischer Gewalt, ethno-nationalistische Kriege im zerfallenden Jugoslawien und ungebremster Durchmarsch der Ideologie des freien Marktes. Und die Musik in diesem Jahrzehnt war obendrein ebenfalls schlecht.

Die weltgeschichtlichen Veränderungen der 1990er Jahre bedeuteten auch für die radikale Linke in Deutschland einen Bruch. Jan Gerber zeichnet dies nun detailliert in seinem Buch “Nie Wieder Deutschland?” nach. Er zeigt auf, daß die Implosion des Ostblocks für die gesamte Linke das Wegbrechen des bisherigen Koordinatensystem bedeutete, und zwar nicht nur für die DDR-orientierten Organisationen wie die DKP und ihr Umfeld, sondern selbst für diejenigen Strömungen, die dem Staatskapitalismus östlicher Prägung ablehnend gegenüberstanden. Dies führte innerhalb der Linken zu einer allgemeinen theoretischen Konfusion, in deren Verlauf sich zahlreiche Organisationen spalteten oder gar auflösten. Viele traditionelle Aktionsfelder wie etwa Frieden verloren infolgedessen rasant an Bedeutung.

Dafür wird ein Thema zu dem zentralen Politikfeld der Linken in den Neunzigern, und das strömungsübergreifend: der Antifaschismus. Er wird »...zum einzigen Aktionsfeld, auf dem die radikale Linke noch eine nennenswerte gesellschaftliche Wahrnehmbarkeit entfalten konnte«, so Gerber. Vom antinationalen Bündnis Radikale Linke, das gegen die Wiedervereinigung und ein drohendes »Viertes Reich« protestierte, über die Überreste der K-Gruppen bis hin zu den Autonomen, die sich in die Antifa-Bewegung transformierten – überall war nur noch Antifaschismus. Dies hatte einerseits nachvollziehbare Ursachen wie die erstarkende Neonazi-Szene, andererseits oftmals rein projektiven Charakter.

Gerber veranschaulicht dies an den Diskussionen um den Zweiten Golfkrieg. Sowohl KriegsbefürworterInnen als auch -gegnerInnen argumentierten mit »antifaschistischen« Argumenten: Für die einen war Saddam Hussein der Wiedergänger Adolf Hitlers (Hans Magnus Enzensberger), während für die anderen die US-geführte Anti-Irak-Koalition einen »totalen Krieg« gegen die irakische Zivilbevölkerung führte, der mit den Bombardierungen von Dresden, Coventry und Rotterdam verglichen wurde (so das DKP-Organ Unsere Zeit). Und die Sozialistische Zeitung warnte gar vor einem »drohenden Holocaust am Golf«.

Der Antifaschismus blieb trotz aller Feindschaft zwischen den antideutschen KriegsbefürworterInnen und den antiimperialistischen KriegsgegnerInnen zentraler Bezugspunkt beider Fraktionen, wenn auch in unterschiedlicher Interpretation. Während dabei die Antiimps weiterhin auf der traditionsmarxistischen Agententheorie (die Faschisten als Marionetten des Monopolkapitals) beharrten, verwiesen die Antideutschen auf die Spezifik des deutschen Nazifaschismus, auf die Rolle des Antisemitismus und die Vernichtungspolitik der Deutschen, die jede kapitalistische Binnenrationalität überstieg.

Daß der Antifaschismus das alles bestimmende Thema der radikalen Linken in den Neunziger Jahren war (und größtenteils heute noch ist), zeigt das Ausmaß der Niederlage, die sie in Deutschland erlitten hat. Denn der Antifaschismus ist immer Ausdruck davon, daß die Kämpfe um soziale Befreiung verloren sind. Erst »wenn die Aufstände sterben« (Gilles Dauve), lebt der Antifaschismus auf.

Aus: Iz3W Nr. 325 (Juli/August 2011)

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