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René Stein

Aus Liebe zu Deutschland

“Sind die Deutschen 45 befreit worden oder wurden sie kapituliert?” Gute Frage.

Matthias Deutschmann ist – auch – ein Chronist der späten Geburt, will sagen: der jüngsten deutschen Vergangenheit. Was Kohl nicht soo sonderlich gut drauf hat – der Mann mit dem satireverdächtigen Nachnamen hat's: ein Gespür für den Umgang mit dieser unserer Sprache. Und da scheut er sich – hier wieder seinem Kanzler ähnlich – auch nicht vor dem gezielten Tritt ins Fettnäpfchen. “So wahr uns Jod helfe”. Liebesgrüße wg. Tschernobyl.

Die Katastrophe bestimmt das Bewußtsein – auch das der vorangegangenen: “Wir Deutschen haben eine überwältigende Vergangenheit! Was machen wir damit? Entsorgen? Wiederaufbereiten? Die Sache erscheint zwischengelagert/Irgendwo zwischen Bitburg und Bergen-Belsen/Dem Vernehmen nach hat sich der Kanzler den ganzen April darauf gefreut, daß Ronald Reagan ins KZ kommt. So kann sich nur einer freuen, der seine Vergangenheit restlos bewältigt hat.”

Mann wie Frau muß Matthias Deutschmann eigentlich leibhaftig, als Kabarettist, erlebt haben, um an Texten wie der teutonisch-plutonischen Saga von Siegfried, dem schnellen Brüter die letzte satanische Freude zu haben (“Bayreuth ist überall”!). Aber das muß dann eben laut gelesen werden, am besten unter Freunden.

Die kriegen im Zweifelsfall auch ihr Fett ab. “Wenn sich so eine 68er Spätlese an die gute alte Zeit erinnert, dann schwärmt der glatt die Steine aus dem Pflaster (...) Aber das ist eben Spätkapitalismus! Man kommt zu nichts mehr! Von dem befreienden Ho Ho Ho Tschi Minh/ist allenfalls ein Ho, Ho, Ho übriggeblieben”.

Die drei dutzend Texte dieses Deutsch-Manns lassen keine geistig-moralische Wunde aus den letzten Jahren der Republik in Ruhe. Im Gegenteil, sie stochern darin herum, unberechenbar und ohne die falsche Gemütlichkeit eines kabarettseligen Einverständnisses, das auf den running gag der Bonner Realsatire setzt. “Ich glaube das ist Kabarett in Deutschland/Sie können dem Generalbundesanwalt einen Schäferhund ins Gesicht diagnostizieren/ und er bellt nicht mal”.

Beruhigend: Matthias Deutschmann kommt dem Leser/Hörer nicht pädagogisch daher. Das heißt, wie man's nimmt: Er quält ihn, noch im gemeinsamen Höllengelächter. Und das war schließlich mal Pädagogik. War? “Ging Tschernobyl gut/dann geht Brokdorf eben besser”. Prost Mahlzeit.

Fazit: Die “Deutschen Etüden”, von Harald Herrmann mit einem “Rattenzyklus” illustriert,
sind eine Lektüre, bei der ich mir immer wieder vor Freude auf die Schenkel schlagen konnte, wo ich aber noch jeden Schlag spüre. Kein Wunder: “Vor jeder Küste liegt ein Riff/und keine Ratte verläßt mir das Schiff!” Weitermachen also.

Aus: Sozialmagazin. Die Zeitschrift für soziale Arbeit N° 7/8 1987

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