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Stephan Grigat

Rezension zu: Christoph Burgmer: Das negative Potential

Gespräche mit Johannes Agnoli

Agnoli führt aus, warum der Staat notwendigerweise ein Zwangsverhältnis darstellt, das für allerlei Dinge zu gebrauchen ist, aber ganz sicher nicht für die Emanzipation der Menschen von Herrschaft und Ausbeutung. In den vorliegenden Gesprächen, die als Nebenprodukt bei Arbeiten zu einem Film über Agnoli entstanden sind, wiederholt der emeritierte Professor für Politikwissenschaft ebenso geduldig wie unnachgiebig, “daß es nicht um die Humanisierung der Kapitalverhältnisse geht, sondern um deren Überwindung”. Gegen die heimtückische Frage, wo denn das Positive bleibe, favorisiert Agnoli die Kraft der Negation und der Subversion. In vier Interviews spekuliert er über eine mögliche “Modernisierung des Staates in Richtung eines autoritären Rechtsstaates”, erklärt, warum das Kapital über die Einführung einer Tobin-Steuer nur lachen würde, und erläutert, warum die biblische Eva die erste Verkörperung der Subversion war.

Sein Optimismus hinsichtlich der Widerständigkeit der abhängigen Massen, der zeitweilig an Realitätsverweigerung grenzt, findet sich auch in dem vorliegenden Band. Daß Menschen vorherrschende Ideologien “mitmachen”, wenn sie doch gar keinen Vorteil davon haben und nicht mal den Namen dieser Ideologie kennen, hält er für “unmöglich”. Das liegt in erster Linie daran, daß, auch schon in früheren Schriften, jene grundlegende Gemütslage der nationalstaatlichen Warenmonaden, die sich permanent betrogen und übervorteilt fühlen, aber von einer Kritik der Ökonomie nichts wissen wollen, die einen diffusen Hass gegen “die da oben” hegen, aber der Kritik der Politik und des Staates nichts abgewinnen können, bei Agnoli nicht Gegenstand der Kritik ist, sondern ganz im Gegenteil immer wieder als Beleg für die grundsätzliche Widerständigkeit der zum Dasein als variables Kapital Verdammten herhalten muß.

Aus: Context XXI N° 7 / 2002

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