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Rico Rokitte

Der rote Faden einer Generation

Rezension zu

Die Rote Armee Fraktion (RAF), insbesondere ihre Gründerinnen-Generation, mußte in den letzten dreißig Jahren schon als Rechtfertigungs- und Orientierungsgestell für so manche Autobiographie herhalten. Teils als ehemalige Mitwirkende, oder auch nur als Begleit-68er, ihr mehr oder weniger verbunden, eignet sie sich hervorragend das eigene Leben wenigstens mit dem Anschein von Begründung, Sinn und Gewicht zu versehen. Jutta Ditfurths Werk über Ulrike Meinhof könnte, neben Stefan Austs Baader Meinhof Komplex, fast der exemplarischste Versuch bisher sein. Die Biographie über die RAF-Mitbegründerin hangelt sich von Kindheitsbeschreibungen, insbesondere der Verquickung der Eltern und ihrer späteren Ziehmutter Renate Riemeck mit der NS-Zeit, bis hin zur Haft in Stammheim.

Nebenbei ist noch viel Platz für Meinhofs Rolle als Ehefrau, Mutter und emanzipierte und politisch anerkannte Journalistin bei konkret. Natürlich kommen hier weder Klaus Rainer Röhl als chauvinistischer Ehemann noch Stefan Aust als bürgerlicher Hetzer oder auch später aus der RAF ausgestiegene Genossinnen gut weg. Augenscheinlich um die schwache Quellenlage zu kompensieren oder auch nur als Platzfüller, wird auf jede Kolumne »Ulrikes« in konkret dezidiert eingegangen.

Spätestens, wenn es an die Beschreibungen der Zeithintergründe geht, werden auch Jutta Ditfurths persönliche Rechtfertigungsversuche, z.B. für ihre eigene Sympathie mit palästinensischen Flugzeugentführungen und antizionistischem Terror, deutlich: »Den meisten Linken war nicht bekannt, daß in Israel nicht nur Juden lebten. Sie wussten nicht, welche sozialen Konflikte es dort gab und daß antiarabischer Rassismus in das Fundament der Staatsgründung eingeflossen war« (276) oder auch in der Beschreibung eines Fatah-Ausbilders »als Sohn eines der Helden des Aufstandes 1936-1939 gegen die Engländer und die Zionisten«. (281) Überhaupt scheint die Lebensgeschichte von Ulrike Meinhof, angekündigt als die neue Wahrheit mit vielen exklusiven Erkenntnissen, unter der Feder Jutta Ditfurths nur eine einfache und logische Konsequenz aus postfaschistischer BRD, US-Imperialismus und Frauenunterdrückung darzustellen. Diejenigen, die wie Ditfurth selbst nicht zur Waffe griffen, kämpften ebenbürtig mit friedlichen Mitteln gegen den »Staatsterror«. Offensichtlich verklärende Geschichtsschreibung und Revolutionsromantik ohne jegliche kritische Distanz und Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, sind bei diesen Genossinnen unvermeidlich inklusive.

Hier lässt sich nur resümieren, das es keinen erkennbaren Grund gibt, diese Ulrike Meinhof-Biographie von Jutta Ditfurth zu kaufen oder zu lesen. Alois Prinz hat 2003 mit Lieber Wütend als Traurig eine ungleich differenziertere Biographie veröffentlicht< /p>

Daß nicht alle Ex-Kämpferinnen komplett kritikresistent und wirklichkeitsfremd leben, lässt sich in Karl Heinz Dellwos Buch Das Projektil sind wir aufzeigen. Nachdem bereits im März 2007 ein Buch mit verschiedenen Therapiegesprächen zwischen Dellwo und anderen RAF- oder 2. Juni-Beteiligten erschien, legt der Nautilus-Verlag nun mit einer Gesprächsdokumentation zwischen den Hamburger Journalistinnen Tina Petersen und Christoph Twickel mit Karl Heinz Dellwo nach. Er, der wegen seiner Beteiligung an der Botschaftsbesetzung in Stockholm 1975 und der Erschießung zweier Mitarbeiter mehr als 20 Jahre in bundesdeutschen Gefängnissen verbracht hat, lässt sich im Verlauf des Buches mehr und mehr auf das ungleiche Zwiegespräch mit den Fragestellenden ein. Sachlich, aber meist auch im Rahmen einer einfachen Schwarz-Weiß-Perspektive schildert Dellwo Elternhaus, Kindheits- und Jugenderinnerungen, seine ersten Kontakte mit protestierenden Schülerinnen und Studierenden sowie die Kontinuität der Machteliten in Politik und Wirtschaft nach 1945. Unter diesem schmalen Blickwinkel, den er mit vielen anderen 68ern teilt, erscheint alles selbstverständlich und notwendig: »So greift die herrschende Klasse zu allen Mitteln, um die Nachkriegsordnung, darin die Restauration des im Nationalsozialismus auf seinen unverhüllten Kern gekommenen Kapitalismus, aufrechtzuerhalten« (9) oder »war die Ablehnung der RAF durch die Bevölkerung hauptsächlich der Medienhetze geschuldet« (66). Auch daß verquere und ihrer NS-Elterngeneration ähnliche Klassen- und Volks-Bewußtsein der RAF findet in Dellwos Worten, wenn auch manchmal als Kritik an den eigenen Taten, immer wieder seinen Ausdruck. So lehnt er die Entführung eines Urlauberfliegers nach Mallorca (Landshut/1977) kategorisch ab. In erster Linie allerdings deshalb, weil sie das einfache deutsche Volk traf. (142) Doch jenseits von »wir gegen die« und verschiedenartigen Legitimierungsversuchen am Hintergrund des Vietnamkrieges verlässt Dellwo das Areal der bleiernen Verteidigungslinien: »Wir hätten das Existenzrecht Israels verteidigen müssen« (73). Diese verspätete und öffentliche Erkenntnis ist für die breite Masse des RAF-Umfeldes noch immer Ketzerei und Hochverrat an der eigenen Sache. Wenn Dellwo anschließend die revisionistische 68er-Umdeutung des Antifaschismus als Antizionismus und die eigene dünne Wissenslage, basierend auf Faschismusliteratur wie Reinhard Lettaus Terror des Normalen kritisiert, ist diese Schlussfolgerung konsequent: »Wir hatten ein falsches und widersprüchliches Verhältnis zum Faschismus« (135). Erfrischend ist in Das Projektil sind wir die deutliche Distanz Dellwos zu Verklärung und Mythenbildung. Hier ist weder Platz für immer noch existierende Mordtheorien an Ulrike Meinhof: »Es war ein Selbstmord unter staatlicher Aufsicht« (150), noch für eine Selbststilisierung als Opfer einer »Vernichtungshaft«. Die Brutalität von Isolationshaft und Zwangsernährung wird so zu dem, was sie ist – einem elementaren Verlust jeder Rechtsstaatlichkeit.

Für die Autorinnen des Sammelbandes Rote Armee Fiktion wiederum war die RAF dagegen niemals eine verspätete Fraktion jener Roten Armee, die die letzten Überlebenden von Auschwitz befreite. (25) Diese besonders deutsche RAF, die einen neuen Prozeß zum Pogrom, zur Modernisierung des Antisemitismus der Linken mit einleitete und trug, war vor allem ein selbsternannter »Gegen-Staat« (Felix Klopotek). Sechs Autoren und Autorengruppen charakterisieren die RAF und ihr weiteres Umfeld als das, was sie vielleicht nie sein wollten, aber dennoch waren: »Leninisten mit Knarre unter Niveau« (Joachim Bruhn), »Avantgarde des Antizionismus« (Jan Gerber), »deutschnationale Identifikationsgröße« (Felix Klopotek) und »völkische Rache an den USA«(UliKrug).

Von der RAF und ihren Akteurinnen bleibt in der Analyse ihrer Texte und späteren Praxis nichts ansatzweise Revolutionäres übrig. Vor dem Hintergrund der Verstrickung der eigenen Elterngeneration in der NS-Barbarei schaffte es die deutsche Linke, mit RAF, Bewegung 2. Juni und Antiimperialistischen Zellen als militanter Speerspitze, den Anschluss an diese NS-Generation wieder herzustellen. Selbst die Entführung und Erschießung des Arbeitgeberpräsidenten und NS-Aktivisten Hans Martin Schleyer ist nicht als verspätete Gerechtigkeit der Geschichte, sondern als Agitprop gegen das Finanzkapital erfassbar. (22) Gefangen in einem sinnentleerten Faschismusbegriff, ließ es weder RAF noch bundesdeutsche Linke erkennen, daß die Figur Hitler nur im System der nazifaschistischen Barbarei möglich war und nur dann eine gezielte Tötung sinnvoll sein kann: »Wer auf einen Kapitalisten schießt, kann nur daneben schießen, denn er trifft nicht Ausbeuter und Akkumulation, sondern den Körper eines Menschen«. (18) Hier erscheint es fast logisch, den eigenen unreflektierten und speziell deutschen Antisemitismus in einen mörderischen völkischen Antizionismus umzusetzen. Nach der Aufzählung von umfassenden Textmeldungen und Anschlägen, die an eine Zusammenfassung mittelalterlicher Pogrome durch Wolfgang Benz in Was ist Antisemitismus erinnern, kann nicht mehr die gern benutze Rechtfertigung von dem Einzeltäter und Irrtum ernsthaft greifen. Nicht erst die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus 1969 oder der Olympiaüberfall 1972 verwirklichte den Traum der Linken, als Avantgarde das vom Faschismus oder Kapitalismus verführte deutsche Arbeitervolk anzuführen. Auf genau dieser ideologischen Basis war es zum antisemitisch-völkischen Befreiungskampf mit PFLP und Schwarzem September nur noch ein kleiner Schritt. »Letztendlich agitierte die Linke vor 1977 gegen die bürgerliche Gesellschaft, seitdem erarbeitet sie Beiträge zur politischen Kultur. Das kommt davon: Vorher standen sie links von der Wirklichkeit, seitdem stehen sie rechts von der Vernunft« (l 25), oder um es wie die Initiative Sozialistisches Forum mit Rosa Luxemburg zu sagen: »Die Pervertierung der Revolution sei fürchterlicher als ihre Niederlage«. (36) Schade nur, daß viele der Beiträge von Rote Armee Fiktion, Ulrike Meinhof und Das Projektil sind wir den üblichen Mechanismus bedienen, die RAF einzig anhand ihrer Biographien und Texte zu analysieren. Sie darüber hinausgehend als ein Produkt ihrer Interaktion, dem Zusammenspiel bestimmter, für »politische Vereinigungen« typischer Faktoren zu betrachten, würde deutlich mehr erklären und helfen, RAF wie 68er, auch als Teil eines Problems zu verstehen, das sie weder selbst verursacht hatten noch lösen konnten.

Phase 2. Zeitschrift für die linksradikale Bewegung (Sommer 2008)

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