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Karl Klöckner

Frank Böckelmann, Über Marx und Adorno. Schwierigkeiten der spätmarxistischen Theorie

Die erweiterte Neuauflage des Textes von Frank Böckelmann aus dem Jahre 1972 dokumentiert eine Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie, die sich in ihren Einlassungen auf den dort erreichten theoretischen Stand wohltuend abhebt von der sich argumentativ gebärdenden Theoriefeindlichkeit der vor dreißig Jahren ins Kraut schießenden selbsternannten proletarischen Avantgarden. Das hat seinen durchaus aktuellen Bezug in der einfachen Tatsache, daß auch heute kein halbwegs vernünftiger Satz über Gesellschaft gedacht werden kann ohne Marx und Adorno Rechnung zu tragen. Dem dürfte der Autor begrenzt zustimmen, obwohl er in seinem Vorwort zur Neuauflage hervorhebt, “nicht auf der Kontinuität der Dialektik von Hegel über Marx bis zur Gegenwart beharren” zu wollen, wenn “die Sternstunde, in der Theorie praktisch wurde, verstrichen ist”. Der begründete Verdacht gegen eine Praxis der Textexegese, in der historische Kategorien als “eherne Gefäße für austauschbare Nachfüllpackungen” gehandelt wurden, führte Böckelmann auf die Suche nach stillschweigenden Voraussetzungen Marxscher Theoriebildung, um – mittels der Kritik Marxscher Widersprüche – dessen methodische Priorität gegenüber Adornoschen Ansätzen zu belegen. Er selbst verortet seinen schon Ende der sechziger Jahre geschriebenen Text als “historisch-dialektischen Ansatz”, eine Aporetik zwischen dem “unaufhebbaren paradoxalen Dualismus des Objektiven und des Subjektiven” aufzuheben. “Freilich nur unter bestimmten Bedingungen. Die Stärke dieses Ansatzes bedingte nämlich zugleich seine Schwäche. Die Theorie muß, um ihre ohnmächtige Abstraktheit zu überwinden, den Gang der Geschichte als Schiedsgericht anerkennen.” Heute sieht sich der Autor einer Verabsolutierung des Kapitals gegenüber, der eine Auflösung des negativen Gemeinwesens” entspricht; “Entbehrungen und Demütigungen” – die Rede ist hier von den faktisch überflüssigen Arbeitslosen – “bereiten keine künftige Verwirklichung vor.” Sollte hier Adorno “recht behalten” haben? Inwiefern schon bei Marx selbst das “negative Gemeinwesen nicht als Subjekt, sondern als verborgener Signifikant der Werttheorie” sein Dasein fristet, hätte eine Marx-Kritik ebenso unter die Lupe zu nehmen wie die Werttheorie selbst.

Die Stärke der vorliegenden Adorno-Kritik liegt in der Immanenz ihrer Argumentation. Böckelmann denunziert nicht von außen, konfrontiert Adorno nicht mit einem “richtigen” Marxismus und dessen revolutionären Subjekten, sondern anerkennt Adornos Leistung, indem er kritisch ihre zahlreichen Aporien expliziert, nicht zuletzt Adornos mangelhafte Marx-Kritik.

Bei der eigenen Rekapitulation der Marxschen Dialektik legt Böckelmann “die erkenntnistheoretische Hauptlast” auf den Begriff der Praxis, der in enger Korrelation zur “Totalität des Äquivalententausches” steht. Dieser Begriff ist ihm ein strikt historischer, “kein Anwendungsfall einer allgemeinen dialektischen Geschichtstheorie”; wird die Kontingenz historischer Dialektik ignoriert, kommt es zu einem Stillstand von Praxis, dann resignierte historische Dialektik zur Ontologie. Anhand des Marxschen Begriffs der Freiheit und des Arbeitsbegriffs wird der bestimmte Widerspruch zwischen Subjekt und Objekt – gegen teleologische und ontologische Vereinnahmungen innerhalb diverser Marxismen – als Ausdruck einer “proletarischen Hermeneutik” entziffert, der die “praktische Negativität des Proletariats” gegen das Kapital in seiner gegebenen, historischen Form einer bestimmten (und auch die Subjekte bestimmenden) Totalität entfaltet. Marx geht es also nicht um eine Weltgeschichte einander ablösender Totalitäten, an deren Ende eine Befreiung der Menschheit verbürgt wäre. Die politische und soziale Praxis entscheidet über das Gelingen, die unter den Kapitalverhältnissen leidenden Subjekte gegen die erstarrte Objektivität in Stellung zu bringen. Philosophie, Theoriebildung ist mittels ihrer immanenten Kritik einer revolutionären Transzendenz zugeordnet, die ihre Gültigkeit unter Beweis stellen muß, Gesellschaft zu überwinden.

Theoriebildung darf methodisch nicht zurückfallen hinter den bei Marx erreichten Praxisbegriff, der Gesellschaftskritik der vorgegebenen, gewachsenen Gesellschaft betreibt. Es wäre allerdings ständig zu prüfen, ob dieser Praxisbegriff die Bedingungen seiner Möglichkeit im Diesseits der je aktuellen Konstellation von Gesellschaft und Klassenkampf behaupten kann. Die Kritische Theorie Adornos nun verweigert sich nicht nur einer solchen Problematisierung, sondern bedient vielmehr eine Geschichtsphilosophie ohne Geschichte. Adorno borgt sich hierzu nach Belieben den Marxschen Totalitätsbegriff aus, um ihn letztendlich ohne Einbezug der gesellschaftlichen Entwicklung und des Philosophie aufhebenden Praxisbegriffs zu enthistorisieren: “Bei Adorno verliert der Totalitätsbegriff seine historische Qualität” und führt zu einem “Schwanken zwischen einem noch ansatzweise historisch bestimmten und einem nur noch funktional bestimmten Totalitätsbegriff”. Die zentrale Aporie der “Negativen Dialektik” – der Text, mit dem sich Böckelmann vorrangig auseinandersetzt – wird festgemacht an einer Theorie, die sich durch die verweigerte Einbeziehung von Geschichte und Institutionen, die in Adornos System korrespondiert mit seinem abstrahierenden Totalitätsbegriff, als Sozialontologie geriert und so die eigenen Anstrengungen in ihrer negativen Konsequenz negiert. Diese “negative Geschichtsontologie”, die “negative Ontologie der Gattungsgeschichte” und schließlich die “Sozialontologie äonenalter Herrschaftszusammenhänge” bedingen Adornos Hypostasierung sowohl des Totalitätsbegriffs als auch der reinen Philosophie, die gesellschaftliche Zusammenhänge nicht mehr von innen erschließt, sondern nur noch von außen erfassen kann und eine Widersprüchlichkeit des subjektiven Leidens ausschließt. Kritische Theorie wird somit zum Surrogat für Praxis, Dialektik verselbständigt sich auch gegen die Subjekte von Herrschaft. Der Kritik des Subjektbegriffs der bürgerlichen Gesellschaft fallen somit diese Subjekte selbst in Form einer letztendlich subjektlosen Theorie zum Opfer; der gewollte Materialismus Adornos führt ihn immer wieder zurück zum Idealismus. Böckelmann sieht hierin den konstitutiven Widerspruch der gesamten negativen Dialektik.

Ohne auf die eher problematische Charakterisierung Adornos als “spätmarxistischer Theoretiker” einzugehen: Den Nachweis, daß negative Dialektik lediglich auf ontologischer Grundlage praktizierbar ist, hat Böckelmann nicht erbracht. “Darstellen, daß durch das Zu-sich-selbst-kommen der Negativität der marxistisch-kritische Totalitätsbegriff aufgelöst wird”, heißt eine Aufgabenstellung in den hier erstmals veröffentlichten Exposés weiterer Kapitel. Ist es nicht umgekehrt möglich, die kritische Thematisierung des Subjektbegriffs, die von der Dialektik der Aufklärung geleistet und von der negativen Dialektik festgeschrieben wurde, ohne und gegen deren anthropologische oder ontologische Vorgaben weiter voranzutreiben und eine historische Fundierung der Problemstellung zu leisten? Wäre z.B. eine neue Dialektik zu eröffnen, wenn man nur für einen Moment annähme, die Adornoschen Vorgaben seien mit dem Marxschen Praxisbegriff negativ zu begründen? Hinsichtlich der Subjekt-Objekt-Dialektik, der Totalität oder der Praxis dürfte überhaupt Adornos Feststellung anläßlich philosophischer Fragen zutreffend sein, daß “die allesamt etwas von dem Charakter der Stehaufmännchen (haben), die dann in veränderten geschichtsphilosophischen Konstellationen wieder neu auftreten und ihre Antwort verlangen.” Die Wiederveröffentlichung von “Über Marx und Adorno” selbst spricht hierfür ebenso wie die weiterhin bestehende Fragestellung nach der Aufhebung von Philosophie. Dies sogar in Zeiten, in denen der Gegenstand, an dem Theoriebildung sich abarbeiten kann, nicht recht erkennbar ist, sind doch heute – wenn überhaupt – eher subjektive Revolten als revolutionäre Subjekte auszumachen. Die in Böckelmanns Exposés auftauchenden Gedanken gemahnen den Leser in diesem Zusammenhang leider immer wieder an jenen, an den interessantesten Stellen bei Marx – und auch jetzt – auftauchenden Satz: ,Hier bricht das Manuskript ab.”

Aus: Archiv für die Geschichte der Arbeit und des Widerstandes N° 16 (2001), S. 712 - 714

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