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Dirk Farke

Maos Gespenster

Als in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre auch in West-Berlin und der BRD die Studierenden auf die Straßen gehen und den Aufstand proben, ist die Euphorie nur von kurzer Dauer. Schon kurz nach dem Höhepunkt der Bewegung 1967 und 1968 beginnt ein Zerfalls- und Traditionalisierungsprozess, aus dem heraus sich auch etwa ein halbes Dutzend autoritäre, marxistisch-leninistische Organisationen, die sogenannten K-Gruppen, konstituieren und die von der Kritischen Theorie geprägten Anhänger der Studentenbewegung als “kleinbürgerlich” verunglimpfen. Waren die Anhänger der APO, zumindest in ihrer grüßen Mehrheit, geprägt von den Schriften Habermas, Markuses und vor allem natürlich Theodor Adornos, wendeten sich die Mitglieder der auch unter einander zum Teil heftig konkurrierenden K-Gruppen wieder dem leninistischen Politik- und Parteikonzept, angelehnt vor allem auch an dem aktuellen Vorbild der Volksrepublik China (Maoismus), zu. Sie schneiden sich die langen Haare wieder ab und der Konsum illegaler Drogen und moderner Popmusik werden folgerichtig als “Spaltungselemente der herrschenden Klasse” abgelehnt.

In einer außerordentlichen Fleißarbeit – ein 626 Fußnoten umfassender Anmerkungsapparat und ein 29 Seiten ausfüllendes Literaturverzeichnis sind ein beredetes Zeugnis – hat der Politikwissenschaftler Jens Benicke diese Entwicklung akribisch rekonstruiert und analysiert. Benicke hat mit einer Arbeit über die Rezeption der Kritischen Theorie an der Albert-Ludwigs-Universität promoviert und beschäftigt sich in seinen Veröffentlichungen vor allem mit der Antiautoritären Linken, der Studentenbewegung und der Kritischen Theorie.

Der Autor interpretiert die Rückbesinnung auf die Theorietraditionen der marxistischen Orthodoxie auch als “Rationalisierung der Angst vor der eigenen Proletarisierung”. Die antiautoritären Theoriediskussionen über eine “neue Arbeiterklasse” und die Rolle der Intelligenz im Produktionsprozess werden nach der “proletarischen Wende” abgebrochen und durch den schematischen Rückgriff auf die marxistisch-leninistische Klassenanalyse ersetzt. An diesen Debatten, so ein wichtiges Fazit dieser Arbeit, lässt sich die Niederlage der Bewegung ablesen.

Das Buch ist sicher für all diejenigen eine intellektuelle Bereicherung, die die Zeit des Umbruchs in der BRD Ende der sechziger Jahre bewusst miterlebt und daran partizipiert haben, aber auch für alle Nachgeborenen, die unvoreingenommen mehr über diesen bedeutenden historischen Abschnitt und die in ihm stattgefundenen politischen Diskussionen erfahren möchten.

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