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Matthias Dapprich

Rezension zu Jens Benicke, Von Adorno zu Mao

Die Dissertation zeichnet die Entwicklung von der antiautoritären Studierendenbewegung zum neoleninistischen Maoismus nach, wie er in der Bundesrepublik Deutschland vor allem in den 1970er Jahren durch die sogenannten K-Gruppen vertreten wurde. Verf. rekonstruiert die theoretischen Strömungen innerhalb der Studierendenbewegung und hebt dabei den Einfluß der Kritischen Theorie hervor. Allerdings habe die sich zunehmend an tagespolitischen Ereignissen orientierende »aktionistische Massenbasis« (10) eine umfassende Auseinandersetzung mit den Schriften der Frankfurter Theoretiker verhindert. Dabei hätte sich insbesondere das Konzept des »autoritären Charakters«, dem die Kritik an der kapitalistischen Gesellschaftsorganisation immanent sei, als nützliches Erklärungsmuster für die Retraditionalisierung unter den Aktivist/innen erwiesen. So bestimmte Krahl in Anlehnung an die psychoanalytischen Theorien der Frankfurter Schule den Neoleninismus als Resultat der »Suche nach Identität« und »Kompensation ihrer niedrigen Frustrationstoleranz« (189). Die K-Gruppen lösten, laut Verf., die »Dialektik aus Selbst- und Gesellschaftsveränderung« (189) allein zur letzteren hin auf. Die Kritik der maoistischen Kaderparteien am ›Intellektualismus‹ der Frankfurter Schule, die primär eine radikale Abkehr von den »pessimistischen Implikationen« (17) von Adornos Denkens gewesen sei, kritisiert Verf. als verkürzte Rezeption (42). Die vollzogene »Abkehr von der Theorie« (141) fand ihren Ausdruck im ›Proletkult‹ der K-Gruppen. Und die Begeisterung für Stalin, der Personifizierung des handlungsorientierten Kommunisten, zeige, daß die »Zurückdrängung des autoritären Charakters« (190) unter den Maoist/innen nur »temporär« gewesen sei. Daraus schließt Verf. auf die »schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung«. Denn mit der Entstehung der K-Gruppen sei die Studierendenbewegung hinter ihren differenzierteren Ausgangspunkt zurückgefallen und habe sich als bloß »vorübergehender Ausbruch von Trotz und Auflehnung« erwiesen (zit. n. Fromm, 190).

Einen der Kerngedanken der antiautoritären Protestbewegung, wonach eine Veränderung der Gesellschaft die Überwindung der bestehenden Persönlichkeitsstrukturen voraussetze, diskutiert Verf. amUmgangder K-Gruppen mit Antisemitismus und Holocaust. Während der antiautoritäre Flügel der Protestbewegung sich eine differenzierte Theorie des Antisemitismus auf Grundlage der Kritischen Theorie erarbeitet habe (43ff), sei diese durch die ›ML-Bewegung‹ der 1970er Jahre ad absurdum geführt worden. Die K-Gruppen hätten den Antisemitismus des NS dogmatisch-marxistisch als eine Verschwörung des Monopolkapitals zur Irreführung der deutschen Bevölkerung interpretiert. Getreu der Analyse Dimitroffs auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale hätten die K-Gruppen den Faschismus als »die Macht des Finanzkapitals« (153) begriffen. Damit hätten sie »den eliminatorischen Antisemitismus [...] im Universalbegriff des Faschismus negiert« (28) und so die Spezifik des NS verleugnet. Entsprechend sei der Faschismusbegriff in der sich maoistisch verstehenden radikalen Linken inflationär angewandt worden.

Die Amalgamierung nationalistischen und sozialistischen Gedankenguts in der diffusen Theorie des Maoismus habe zudem den K-Gruppen den passenden weltanschaulichen Ausgangspunkt für ihren spezifischen Nationalismus geboten. Dieser Nationalismus habe seinen logischen Endpunkt gefunden in der pathologischen Gleichsetzung israelischer und nationalsozialistischer ›Vernichtungspolitik‹ einerseits und der These der ›Faschisierung‹ Westdeutschlands andererseits. Daher sieht Verf. Adornos These von der Existenz eines ›sekundären Antisemitismus‹ in den K-Gruppen bezüglich des Nahostkonflikts und der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit bestätigt. »Der redogmatisierte Protest ist davon entlastet, Unsicherheit lange zu ertragen, und verringert den allgemeinen Leidensruck« (zit. n. Brückner, 189), indem er von den »Bürden der deutschen Geschichte« (188) entlaste. »Schuldabwehr und Erinnerungsverweigerung« (28) seien somit für die maoistische Israel-Politik konstitutiv gewesen.

Die nationalistischen, antizionistischen und antisemitischen Tendenzen der K-Gruppen reflektiert Verf. allerdings nur oberflächlich. Mit seiner Fokussierung auf die Kritische Theorie ›verpsychologisiert‹ er die Ideologie der K-Gruppen. Wenn diese als Resultat einer mangelnden Frustrationstoleranz und eines allgemeinen Unsicherheitsgefühls verstanden wird, geht das genuin Politische verloren. Die theoretischen Debatten der K-Gruppen werden nichtfürsichanalysiert,sondernnuralsAusdruckderhinterdenAussagenverste cktenMotive. Damit löst Verf. seinen Anspruch, immanente Kritik zu leisten (11), nicht durchgehend ein. Dabei hätten die psychoanalytischen Konstruktionen der Frankfurter Schule ausreichend Anknüpfungspunkte für eine immanente Kritik geboten (vgl. Albert Krölls, Kritik der Psychologie, 2006). Argumentative Schwächen zeigt er durch die implizite Gleichsetzung sachlicher Kritik an der Politik des Staates Israel mit dem praktizierten Antisemitismus und Antizionismus, weshalb die Analyse nicht immer vorurteilsfrei bleibt. Trotz solcher Defizite leistet Verf. einen relevanten Beitrag zur Analyse der K-Gruppen und analysiert an diesen beispielhaft den Umgang mit deutscher Geschichte und den Denktraditionen der Kritischen Theorie in der Zeit nach 1968. Die Ursachen für das partielle Umschlagen der antiautoritären Bewegung in autoritäre Kaderparteien werden schlüssig herausgearbeitet. Damit liefert er auch Erklärungsansätze dafür, warum so mancher ehemalige Antiautoritäre zu einer rechten Ideologie finden konnte.

Aus: Das Argument Nr. 292 (2011)

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