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Josef Schmee

Hans-Georg Backhaus:
Dialektik der Wertform. Untersuchungen zur marxschen Ökonomiekritik

Bei einer kritischen Durchsicht der Sekundärliteratur, so Backhaus, läßt sich der Nachweis erbringen, daß die Arbeitswerttheorie nur in einer grob vereinfachten und häufig gänzlich entstellten Form rezipiert oder kritisiert worden ist. So ist es vor allem der positivistischen Marx-Interpretation eigentümlich, klassische und marxistische Werttheorie zu identifizieren. Das positivistische Verständnis führt notwendig dazu, die Marxsche Theorie der Gesellschaft in ein Bündel von soziologischen und ökonomischen Hypothesen oder “Tatsachenbeobachtungen” aufzulösen. Die von Böhm-Bawerk als “dialektischer Hokuspokus” oder von Schumpeter als “philosophisch” diskreditierten Argumente finden sich vor allem in der Lehre von der Wertform. Soweit diese überhaupt zur Darstellung kommt, wird sie entweder unverständlich oder aber kommentarlos referiert. Die Verständnislosigkeit der Interpreten ist, so Backhaus, um so erstaunlicher, als Marx, Engels und Lenin wiederholt auf die eminente Bedeutung der Wertformanalyse hingewiesen haben. Die mangelhafte Rezeption der Wertformanalyse ist aber nicht allein einer gewissen Problemblindheit der Interpreten anzulasten. Die Unzulänglichkeit ihrer Darstellungen läßt sich wohl nur von der Annahme her verstehen, daß Marx keine abgeschlossene Fassung seiner Arbeitswertlehre hinterlassen hat.

Die Eliminierung oder kommentarlose Darstellung des dritten Abschnittes, der die “Dunkelheit der ersten Kapitel des Kapitals über den Wert” ausmacht, äußert sich nach Backhaus vor allem in folgenden Fehlinterpretationen: Zum einen ignorieren zahlreiche Autoren den Anspruch der Arbeitswertlehre, das Geld als Geld abzuleiten und somit eine spezifische Geldtheorie zu inaugurieren. Es ist dann nicht mehr verwunderlich, wenn diese Interpreten nur die Werttheorie darstellen, die Geldtheorie hingegen ausscheiden oder korrigieren und deshalb kaum noch imstande sind, den Unterschied zwischen der klassischen und der marxistischen Arbeitswerttheorie plausibel zu machen. Zum anderen bleibt der Zusammenhang zwischen der Arbeitswertlehre marxistischer Prägung und dem Phänomen der Verdinglichung undurchsichtig. Trotz der klaren Aussage von Marx hierzu (“Die Bestimmung der Wertgröße durch die Arbeitszeit ist... ein unter den erscheinenden Bewegungen der relativen Warenwerte verstecktes Geheimnis. Seine Entdeckung hebt den Schein der bloß zufälligen Bestimmung der Wertgrößen der Arbeitsprodukte auf, aber keineswegs ihre sachliche Form”) hält diese zahlreiche Autoren keineswegs davon ab, eben jenes “unter den erscheinenden Bewegungen der relativen Warenwerte versteckte Geheimnis” als Untersuchungsgegenstand der Marxschen Lehre vom Warenfetischismus auszugeben. Für Backhaus läßt sich die das Wesen des Warenfetischismus verfehlende Darstellung so kennzeichnen: Die Autoren referieren einige Sätze aus dem Fetischkapitel des Kapital und interpretieren sie begrifflich, meist auch terminologisch, in der Weise der Deutschen Ideologie – ein Manuskript, in dem Marx und Engels die Bedeutung der Arbeitswerttheorie noch verkannten.

Der Problemgehalt der Wertform, so Backhaus, läßt sich jedoch nicht dadurch aus der Welt schaffen, daß man die Marxsche Lösung und Darstellung ignoriert. Es zeigt sich nämlich, daß die Kritiker der Arbeitswerttheorie gelegentlich in selbstkritischer Einsicht die Unlösbarkeit eben jener Probleme konstatieren, die den Gegenstand der von ihnen ignorierten Wertformanalyse ausmachen. Exemplarisch läßt sich dies in Joan Robinsons Abhandlung “Doktrinen der Wirtschaftswissenschaft” darstellen. Die Autorin, so Backhaus, verkennt, daß sie mit ihrer Frage nach der Qualität ökonomischer Quantitäten und nach dem Wesen ökonomischer Grundbegriffe genau jenen Problemkomplex beschreibt, um den das Marxsche Denken kreist. Die Autorin enthüllt die paradoxe Situation des modernen Ökonomen, der einerseits komplizierte mathematische Methoden entwickelt, um die. Bewegungen der Preise und des Geldes zu berechnen, andererseits das Nachdenken darüber verlernt hat, was das wohl sein mag, was den Gegenstand seiner Berechnungen ausmacht. Verbleibt man jedoch in der Denkweise Joan Robinsons, so Backhaus weiter, dann läßt sich ihre der modernen Ökonomie entgegengehaltene Frage: “Quantität wovon?” von ihrer eigenen Position her nur als “metaphysisch” charakterisieren; denn es ist eben diese Problemstellung, die als Frage nach der Genesis der “übernatürlichen Eigenschaft” Wert oder – was dasselbe besagt – als Frage nach der “Substanz” des Werts Gegenstand der Marxschen Überlegungen ist.

Der positivistischen Manier, qualitative Probleme zu eliminieren – “Geld und Zinssatz erweisen sich wie Güter und Kaufkraft als unfaßliche Begriffe, wenn wir wirklich versuchen sie festzuhalten” – entspricht jener berüchtigte Formalismus, der von Joan Robinson folgendermaßen glossiert wird: “Die modernen Vertreter der neoklassischen Ökonomie flüchten sich in immer kompliziertere mathematische Manipulationen und ärgern sich immer mehr über Fragen nach deren mutmaßlichem Gehalt”. Wenn maßgebliche Darstellungen der modernen Geldtheorie, so Backhaus, sich darauf beschränken, Geld als “allgemeines Tauschmittel” zu definieren, so bleibt immer noch die Frage offen, was den spezifischen Unterschied von besonderem und allgemeinem Tauschmittel, Ware und Geld ausmacht. Erst wenn die Beziehung beider als Einheit in der Verschiedenheit begriffen ist, verschwindet auch jener “Spuk”, der das ökonomische Denken zwingt, Geld als “unfaßlichen Begriff” auszugeben.

Im Anschluß an die Ausführungen zur Dialektik der Wertform werden in vier Kapiteln Materialien zur Rekonstruktion der Marxschen Werttheorie vorgestellt und kritisch diskutiert. Daran anschließend wird in einem eigenen Kapitel auf die Marxsche Revolutionierung und Kritik der Ökonomie eingegangen; ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit dem Problem des Geldes als Konstituens oder Apriori der ökonomischen Gegenständlichkeit, mit Aspekten des Marxschen Kritikbegriffs, mit dem Kritikpotential der Marxschen Kategorialanalyse und mit der logischen Misere der Nationalökonomie. Im Anhang des Buches befindet sich der Beitrag “Theodor W. Adorno über Marx und die Grundbegriffe der soziologischen Theorie”, der auf einer Seminarmitschrift im Sommersemester 1962 beruht.

Seit der Studentenbewegung und ihren Versuchen einer avantgardistischen Marx-Lektüre gehören die Arbeiten von Hans-Georg Backhaus mit Abstand zum Besten, was man hierzulande an Einschlägigem lesen darf. Dies trifft insbesondere seine Interpretation der gemeinhin als schwierig bis okkult verschrieenen und zumeist überblätterten ersten einhundert Seiten des “Kapital” – also der so genannten Wertformanalyse –, von denen schon der alte Bebel behauptete, das sei etwas nur für Philosophen. Backhaus dagegen zeigt, daß die Philosophie in Marx, wird nur das Problem richtig gefaßt, alles andere ist denn esoterisch und vielmehr: Anstiftung zur Gesellschaftskritik.

Aus: Die Arbeit. Das Monatsmagazin des GLB (Gewerkschaftlicher Linksblock im ÖGB, N° 9 / September 2001)

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