ca ira-Logo

ça ira-Verlag

N.N.

* Rezension der Broschüre der Autonomen Studis (Bolschewiki) *

“Niemand begreift es mehr als Auszeichnung, der autonomen Szene anzugehören. An jedem Küchen- und Kneipentisch werden die Absurditäten aus Politik und Alltag der Szene seziert.” Mit diesen Worten leiten die Autonomen Studis (Bolschewiki) aus Freiburg ihre durch analytische Scharfe und ironischen Witz sich auszeichnende Auseinandersetzung mit dem autonom-apokalyptischen Ansturm gegen Staat und Kapital ein. (Mit den überlieferten Vorstellungen radikal brechen. Ein Blick über den Tellerrand autonomer Basisbanalitäten, Freiburg: ca ira Verlag, 2. erw. Aufl. 1990, 52 S.). In mehreren Beiträgen widmen sich die Autor(inn)en dem Verhältnis der Autonomen zum Staat, ihrer Sucht nach einer die Arglistigkeiten der individuellen Psyche stabilisierenden Identität, ihren Organisationsversuchen, ihrer Bündnispolitik, der autonomen Kampagne gegen den Gipfel des Internationalen Währungsfonds im Herbst 1987 in Berlin, dem neuen Zentralorgan der Autonomen, das in bester positivistischer Faktenhuberei “Materialien für einen neuen Anti-Imperialismus” zusammensucht sowie den beiden Texten von Ahlrich Meyer und Detlef Hartmann in der “Autonomie” 14, die wohl so etwas wie Schulungstexte fürs hausbackene autonome Weltverständnis geworden sind. Die dem durchgehend manichäisch strukturierten Weltbild des ordentlichen Durchschnittsautonomen entspringenden politischen Schlußfolgerungen entbehren zwar nicht einer gewissen Komik, demonstrieren aber ansonsten eine gleichermaßen katastrophale wie blamable Bewußtseinslage, die in ihrer intellektuellen Unbedarftheit durchaus in den Kontext der gegenwärtigen geistigen Lage der Nation paßt. Der autonome Antifaschismus z.B. reduziert den historischen Faschismus der Jahre 1933 bis 1945 weitgehend auf eine Veranstaltung von Staat und Kapital, wobei diese – in autonom erkenntnisfördernder Absicht – zusätzlich personalisiert werden; die Erkenntnis, daß der Faschismus u.a. auch eine weit ins Proletariat hineinreichende Massenbewegung war, ist zu den Autonomen noch nicht durchgedrungen. Statt dessen folgert der Autonome aus seinem oberflächlichen Blick in die Geschichte, daß Staat und Kapital an sich schon faschistisch seien und eine heutzutage eingeworfene Fensterscheibe bei der Deutschen Bank demzufolge in die Annalen des antifaschistischen Widerstandes einzugehen habe. Ohne Zweifel wäre es einmal von Interesse, en detail nachzuverfolgen, inwiefern eine solche Trivialisierung des Faschismus mit jenen neuesten Tendenzen in der historischen Forschung konform geht, die zum einen – und dies ist eine Forderung, die durchaus nicht nur von konservativer Seite erhoben wird – eine Historisierung des Nationalsozialismus anvisiert, zum anderen in zunehmendem Maße in der Beschäftigung mit dem Alltag in der Zeit des Nationalsozialismus ein deutsches Volk im Widerstand oder zumindest in Resistenz entdeckt. Man darf wohl davon ausgehen, daß bereits seit geraumer Zeit hinsichtlich der komplexen Verursachungszusammenhänge des Faschismus eine Desensibilisierung stattfindet, die z.B. dazu führt, daß in einer von den Grünen in hoher Auflage herausgegebenen Broschüre “Wider Gewalt gegen Frauen und Mädchen” suggeriert wird, sexuelle Gewalt gegen Mädchen sei ein typisch jüdisches Verbrechen; keine Frage, daß der ohne Zweifel feministischen Autorin – so die taz vom 7. 2. l990 – “nicht klar” war, daß ihre Formulierungen “zu Mißverständnissen Anlaß gehen konnten” –ob die Autorin mißverstanden oder vielleicht doch recht verstanden worden ist, sei hier offengelassen. Aber die nicht nur in gewissen feministischen, sondern insbesondere auch in autonomen Kreisen florierende sogenannte Patriarchatsdiskussion hat schon längst jeglichem Differenzierungsvermögen den Abschied gegeben. Das dieser sogenannten Diskussion zugrundeliegende Weltbild kennt nur sexistische Männer auf der einen Seite und deren sexistischem Patriarchalismus zum Opfer fallende Frauen auf der anderen Seite – emanzipierte Frauen kommen in diesem Weltbild nur in Erwartung eines zukünftigen Matriarchats vor. Ihren absurden Höhepunkt erreicht autonome Theoriebildung allerdings erst dann, wenn vom industriellen Proletariat sich im Stich gelassen fühlende Provinzintellektuelle in welthistorische Dimensionen glauben aufsteigen zu müssen. Nicht nur, daß Detlef Hartmann in besten verschwörungstheoretischen Traditionen – ein Denkmodell, das in den auf die französische Revolution folgenden gegenrevolutionären Theorien seine massenwirksame Ausprägung fand, indem es Philosophen, Freimaurer, Illuminaten, Juden, Liberale und Sozialisten der Verschwörung gegen überkommene Sozial- und Werteordnungen beschuldigte – das Gruselbild eines von Staat und Kapital gemeinsam inszenierten Großen Plans zur kapitalistischen Weltbeherrschung glaubt aufgedeckt zu haben: Als Schützenhilfe gegen diesen Großen Plan wird dann ein von Ahlrich Meyer als “Nicht-Wert” theoretisiertes internationalistisches sozialrevolutionäres Subjekt in die vordersten Kampflinien geschickt, wo es sich im Klassenkrieg gegen die staatskapitalistische Weltverschwörung blutige Köpfe holt, während unsere hausbackene Intelligenz weiterhin an der Logik ihrer “Revolutionstechnologie” bastelt. “Durch die Kreation eines neuen Mythos”, so kommentieren die “Autonomen Studis (Bolschewiki)” in ihrer Broschüre, “soll für die übriggebliebenen Berufsrevolutionäre ein neues Beschäftigungsprogramm geschaffen werden.” Diese am Reisbrett entworfene Ästhetisierung der Weltrevolution signalisiert letztendlich nichts anderes als die Tatsache, daß die Autonomen sich schon längst selbst dorthin begeben haben, wo sie hingehören: Auf den berüchtigten Misthaufen der Geschichte, eingebettet in die Traditionen leninistischer Kaderpolitik, stalinistischen Terrors, spießbürgerlich-dumpfer Selbstgefälligkeit und eines religiös inspirierten manichäischen Fundamentalismus.

Aus: Archiv für die Geschichte der Arbeit und des Widerstandes N° 10, 1990

Trennmarker

Als  bild  downloaden