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Ralf Fischer

Identitäterä

Die Szene, die sich selbst autonom nennt, ist für Außenstehende kaum greifbar. Gelegentlich als “schwarze Blocks”, uniformiert gekleidet und mit “Haßkappen” genannten Motorradmützen bestückt, taucht die Szene bei Demonstrationen auf und macht meist durch militante Aktionen von sich reden. Einblicke in das Innere dieses Milieus sind so gut wie unmöglich, weil es sich – aus zum Teil begründeter Furcht vor staatlicher Repression – meist abschottet. Dies ist für viele Linke ein Grund, diese Kultur als “sektiererisch” zu bezeichnen und sich zu distanzieren, was seinerseits der autonomen Szene Anlaß gibt, die “Reformisten” zu beschimpfen – Rituale, die zu nichts führen.

Solche innerlinken Spaltungen gehören sicher in den Bereich der Nachwehen des 68er “revolutionären” Aufschwungs von der breiten Masse der Bevölkerung abgeschotteter Intellektueller. Auch die Autorinnen des vorliegenden Heftes sehen die Autonomen in dieser Tradition (vgl. S. 20f.), die als “Geschichte eines sukzessiven Niedergangs” (S. 30) beschrieben wird. Verschiedene Entwicklungsschübe werden deutlich: Als erste Generation folgte nach 1968 jene Sponti- und Streetfighter-Szene, die den “Deutschen Herbst” 1977 als Bruchpunkt erlebte und seither auf eher parlamentarische Wege, z.B. die Grünen, setzt. Eine junge Generation wuchs nach, die ihren Höhepunkt in der Welle von Hausbesetzungen 1980/81 erlebte. Spätestens Wackersdorf und die Schüsse an der Frankfurter “Startbahn West” vom 2.11.1987 zeigten, in welche Sackgasse die Autonomen mit ihrer Fetischisierung der Militanz geraten waren. Die Erkenntnis wuchs, “daß Revolution nicht die Steigerungsform des Kampfes gegen einzelne Projekte ist, genausowenig wie Revolution die Steigerungsform von Randale ist.” (S. 31) Seither vollzog sich eine politische “Neuorientierung” (S. 31), die im wesentlichen anhand der Aktionen gegen die Westberliner IWF-Tagung vom September 1988 beschrieben und kritisiert wird (vgl. S. 31ff.).

Gegenstand der Kritik ist “das autonome Politikverständnis als solches” (S. 30) mit seinem “krasse(n) Subjektivismus”, der “mangelnden Konkretheit der Ziele” und der “fehlende(n) Kontinuität” in Theorie und Praxis (S. 8). Als dessen Kern erkennen sie das Streben nach der eigenen, authentisch revolutionären Identität, das meist in Form “begrifflosen Gefasel(s)” (S. 15) auftritt. Dieses Muster von Identitätsbildung ist für die Autorinnen nicht etwa vorwärtsweisend, sondern ein Teil der zu lösenden Probleme, ein Ergebnis des Kapitalismus selbst, wie sie mit Hilfe marxistischer Analysen erkennen (vgl. S. 15f.). Da der “Inhalt” der eigenen Identität den Handelnden “irrtümlich als ein frei gewählter erscheint, stellen sich ... die gesellschaftlichen Verhältnisse als individuelle Willensverhältnisse dar.” (S. 17) Aus dem “Bedürfnis nach einer von allen Abstraktionen freien Unmittelbarkeit” (S. 24) entsteht so ein doppelter Voluntarismus: Einerseits kann man sich so als außerhalb des Systems stehend wähnen. Andererseits zwingt dies zu einer Form von Kapitalismusanalyse, in der “die Schweine” unmittelbar und persönlich identifiziert werden müssen: “Natürlich, schuldig sind Staat und Kapital. Aber das hilft auch nicht weiter: Wer sind Staat und Kapital? Wenn diese abstrakten Begriffe mit Leben gefüllt werden sollen ..., dann bietet sich einer natürlich ganz besonders an: Der Bulle.” (S. 10) Aus dieser Sichtweise folgt schließlich, daß jegliche gesellschaftsanalytische Kategorie (etwa: Staat, Kapital, Faschismus) “verschwimmt in einem undurchdringlichen Brei, in dem die Klopperei mit den Bullen auf einmal zur heroischen Tat, zum Angriff auf den Staat als solchen, zur revolutionären 'Praxis' wird.” (S, 10) “Was das alles an der Tatsache ändern soll, daß die Konzerne und Banken weltweit Menschen ausbeuten, ist nicht ganz klar, aber auf jeden Fall ist das was Praktisches und kein abstraktes theoretisches Rumgelaber. (...) Was noch fehlt, ist das Patriarchat, aber darüber weiß nun wirklich niemand überhaupt nichts Genaues nicht mehr. Der Rest sind technische Details und Gruppendynamik.” (S. 11) zerpflücken sie die “theoria vulga autonoma – die gemeine autonome Theorie” (S. 9).

Die Selbst-Ghettoisierung der Szene resultiert für die Autorinnen aus der “illusionäre (n) Annahme, der 'gute Wille', die 'gerechte Moral' und andere, z.B. nicht fremdbestimmte Formen des Zusammenlebens würden schon ausreichen für die Umwälzung der Verhältnisse” (S. 21), was als “idealistisches Gedankengut auf dem Stand von 1830” (ebd.) gekennzeichnet wird. Hinzu treten die sozialen Verhältnisse: “Die Jobber- und Stadtteilgruppen bestehen zum größten Teil aus den dort präsenten Szene-Leuten, die der Zwang zu Maloche und Mietwohnung wieder eingeholt hatte. Teils wurde die Szene einfach zur Klasse erklärt, teils versucht, die Kluft durch Selbstmarginalisierung ('Generalstreik ein Leben lang') zu überbrücken.” (S. 26) Eine solche Szene hat aber “selbst zu ihren Glanzzeiten kaum Aussicht auf Ausweitung über ihren soziologischen Einzugsbereich hinaus.” (S. 24)

Auffällig ist das Niveau der Kapitalismusanalyse, das die Autorinnen erkennen lassen. Unterschiedliche “Akkumulationsmodell(e)” (S. 13) sind ihnen ebenso geläufig wie unterschiedliche bürgerliche Regulationsweisen der Ökonomie (vgl. ebd.). von diesem Blickwinkel aus streiten sie gegen theoretische Verflachungen, etwa dagegen, daß der Staat “nur aus einem Prinzip der Repression abgeleitet (wird), nicht aus den Produktionsverhältnissen”, während in Wirklichkeit “die bürgerliche Gesellschaft ... nur über das Kapitalverhältnis verstanden, bekämpft und überwunden werden (kann)!” (S. 14)

Vor allem aber streitet die Broschüre gegen den ideologisch überhöhten Begriff von Subsistenz im Trikont, die vielen Autonomen als das Nonplusultra gilt, weil die Menschen in ihnen scheinbar “noch nicht unter das kapitalistische Kommando gepreßt wurden.” (S. 35) Zum einen wird die Verklärung der Subsistenzwirtschaften abgelehnt, wenn z.B. deren “knallharte(n) patriarchalische(n) Strukturen” (S. 50) nicht mehr problematisiert werden. Zum zweiten ergibt eine Analyse der Entwicklungsgeschichte kapitalistischer und auch kolonialisierter Länder, daß es ein Fehler ist, den eigenen “subjektiven Wunsch nach Zerstörung kapitalistischer Verhältnisse auf die Kämpfe (zu projizieren), die bei der Zerstörung vorkapitalistischer Gesellschaftsformen entstehen” (S. 40), denn: “Die Qualität der Kämpfe – d.h., daß sie außerhalb des Verwertungszyklus stattfinden – bedeutet gleichzeitig ihre Schwäche.” (S. 51) Außerdem ist “die alleinige Beschreibung, wo es überall rumpelt, ... noch lange kein Beweis dafür, daß sich ein weltweites Klassensubjekt gegen das Vordringen des Kapitals konstituiert ... Die Tatsache, daß es überall immer mal wieder rumpelt, ist nur ein Beweis dafür, daß es überall immer mal wieder rumpelt.” (S. 36) Drittens bekämpfen die Autorinnen jenen Mythos, der die weltweiten Unterklassen ineins setzt mit den hiesigen Marginalisierten, der die Subsistenz gleichsetzt mit den eigenen vorgeblichen “Freiräumen” und “Zusammenhängen” (vgl. S. 34f.). Letztlich wird auch hier nur die jeweils eigene Identität bestätigt; die Welt wird “aufgeteilt in Gut und Böse” (S. 34), “Nicht-Wert gegen den Wert, die Mächte des Lichts gegen die der Finsternis, Ormuzd gegen Ahriman”. Ein “manichäisches Weltbild” (S. 35), konstatieren die Verfasserinnen.

Die Perspektiven, die für die Autonomen gesehen werden, fallen recht dürftig aus, was zum einen der anderen Aufgabenstellung dieser Broschüre, zum anderen aber der Situation der gesamten Linken geschuldet sein dürfte. Zunächst wird vermittelt, daß “linksradikale Politik heute in den Metropolen ... nur eine Chance (hat), wenn sie ihre eigene Bedingtheit, ihre Abhängigkeit von der Metropolenwirklichkeit reflektiert und nicht dieser Realität einen abstrakt moralischen Anspruch entgegensetzt.” (S. 30) In diesem Sinne wird für eine gründliche Gesellschaftsanalyse bzw. generell für Theoriearbeit geworben, bei der nicht zuletzt mittels einer strategischen Diskussion mit anderen linken Spektren “größtmögliche Informationen über die verschiedensten Teile der bundesrepublikanischen Realität zu gewinnen” (S. 23) seien. Ihren Wirkungsgrad schränken die Autorinnen dabei ein: Es scheiden “Massenkonzepte(n) derzeit aus. Eine Diskussion erscheint erst einmal nur zwischen Zirkeln” möglich zu sein, die sich zu “überregionale(n) Treffen nach dem Räteprinzip” (S. 23) zusammenfinden sollten. Alles Weitere läßt die Broschüre offen. Für alle, die sich mit der Entwicklung der BRD-Linken befassen, gehört das Heft zur Pflichtlektüre, nicht zuletzt weil die Autonomen Studis (Bolschewik!) unter Beweis stellen, welch fruchtbare Verbindungen zu marxistischer Gesellschaftsanalyse in diesem Spektrum möglich sind. Zudem hat das Heft gegenüber anderen Texten der Autonomen den unschätzbaren Vorteil, die sonst übliche verquaste Milieu-Sprache zu vermeiden und wirklich verständlich zu bleiben. Durch die gehörige Portion Selbstironie, die den Texten eigen ist, macht die Lektüre obendrein noch Spaß.

Aus: Perspektiven N° 7 / 1990, S. 66 - 70

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