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Helmut Dunkhase

Subersive Theorie

Dreh- und Angelpunkt aller Subversion (subvertere = umstülpen; das Unterste nach oben kehren) ist für Agnoli der Marxsche kategorische Imperativ, wonach alle Verhältnisse umzuwälzen sind, “in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes Wesen, ein verächtliches Wesen ist”. Subversion ist nach vorne gerichtet mit der Hoffnung eines Besseren, Subversion heißt zunächst und vor allem “Nein” sagen, die Negation sans phrase gegen die Logik einer Ordnung, die die schlechten Zustände ermöglicht. Subversion mißachtet die Macht, ist rebellisch und radikal innovativ. Subversion kann ohne Theorie (niemals jedoch ohne rationalen Hintergrund) praktiziert werden, wie von Michael Kohlhaas, oder rein theoretisch sein wie des Jesuiten Juan de Marianas Grundlegung des Königsmordes. Sie kann in offene Rebellion sich steigern, aber auch auf leisen Sohlen daherkommen und damit ein altbewährtes Ordnungsgefüge langfristig aus den Fugen geraten lassen. “Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten”, wonach die Freiheit in Innerlichkeit verschlossen bliebe, gehört freilich nicht dazu: Subversion will ins Offene treten (11).

All dies trägt Agnoli vor allem am Anfang des Buches zusammen. Aber weder eine subversive Theorie – wie der Titel verspricht – noch eine Theorie der Subversion wird daraus. Herausgekommen ist vielmehr eine kurzweilige Geschichte subversiver Gestalten, von denen ich so manche – ich gestehe es – überhaupt nicht kannte.

Widerstand gegen Fremdbestimmtheit des Menschen, die sich in mythisch bzw. religiös legitimierten Prinzipien, Strukturen und Schemata ausdrückt, beginnt mit Eva, Prometheus und Antigone. Agnoli erörtert sodann die Subversion der Ordnung durch die Vorsokratiker, von denen die Kyniker am weitesten gegangen sind (77; Diogenes: “Lieber in Athen Salz lecken als bei Krateros an der vollen Tafel sitzen”), wobei es sich bei der Ordnung durchaus auch um die patriarchalische Hausordnung handeln kann. Xanthippe machte jedenfalls vor, wie man diese durch Vertreibung des Hausherrn Sokrates mittels ständigen Lärmens, Schimpfens, Heulen usw. umwälzen kann (67).

Von aktueller Bedeutung scheint mir das Verhältnis von Politik und Öffentlichkeit, das Agnoli in den antiken Gesellschaften beleuchtet. In der Athener Polis wurde über Steuern, Krieg und Frieden, religiöse Fragen in der Agora, auf dem Marktplatz entschieden. Politik und Öffentlichkeit waren eins. Mit dem Ende der Polis verlagert sich das politische Zentrum vom Marktplatz in den Palast. Das erforderte neue Formen der Negation. Der entsprechende Übergang von der attischen zur hellenistischen Philosophie wurde als Rückzug aus dem Politischen ins Private interpretiert (71), ein Mißverständnis, das nach Agnoli auf der vulgären bürgerlichen Identifizierung von Öffentlichkeit und Politik beruht. “Wenn es Politik qua definitionem nur geben darf, wo Herrschaft durch den Staat und mittels bestimmter institutioneller Strukturen ausgeübt wird, dann versteht sich, daß Öffentlichkeit nur dann als Öffentlichkeit gilt, wenn sie sich in eben diese Strukturen bequemt” (73). Die Philosophen, die, weil sie an der Politik die Lust verloren hatten, sich der Lust am eigenen Leben, der eigenen Wirklichkeit zuwenden, waren trotz ihres Hedonismus keine Privatleute, sondern Bestandteil einer Öffentlichkeit, die sich in Dissens zur neuen politischen Wirklichkeit befand. Sie schrieben Bücher, waren Wanderlehrer und lebten teilweise in Wohngemeinschaften (74). Kennzeichen gerade des öffentlichen Charakters der hellenistischen Philosophie ist, daß sie das Prinzip der allgemeinen Gleichheit vertritt. Das war subversiv gegenüber der neuen errichteten dynastischen Ordnung der Könige von Mazedonien (74/75).

Im Hochmittelalter verfolgt Agnoli zwei Linien der Subversion: die philosophische Linie, die über die Zersetzung des Glaubens und die Auflösung der kirchlichen Dogmatik bis zum Prinzip der Volkssouveränität führte und in Peter Abälard (108) ihren hervorragenden Vertreter fand, und die häretische Linie, die die Umstülpung der gesamten Werteordnung und aller Glaubensvorstellungen betrieb und die im Chiliasmus ihren radikalsten Ausdruck fand (119 f). Ein eigenes Kapitel ist Thomas Müntzer gewidmet, ferner der seltsamen Konstellation zwischen den Utopisten (Thomas Morus' “Utopia” und Tommaso Campanellas “Sonnenstadt”), die politisch weitgehend folgenlos blieben, und den – größtenteils jesuitischen – Monarchomachen, deren als reine Schreibtischarbeit entstandener Theorie des Königsmordes einige vornehme Köpfe zum Opfer fielen. Es fehlen natürlich nicht die Diggers (Umgräber) in der englischen Revolution, die schon kraft ihrer Tätigkeit das Untere nach oben befördern. Sie waren die ersten, die eine Landbesetzung vornahmen, nicht nur aus Hunger oder Empörung, sondern als Folge eines Programms utopisch-kommunistischen Charakters (163)

An Spinoza rühmt Agnoli ein Politikverständnis, das die auf Hobbes und Locke zurückgehende bürgerliche Vorstellung einer Trennung von Staat und Gesellschaft hinter sich läßt. Für Spinoza ist die Staatsmacht Produkt der in der Gesellschaft vorhandenen Herrschaftsstrukturen. Diesem Machtgefüge, der potestas, stellt er die potentia, die Fähigkeit und das Vermögen der freien politischen Entfaltung, die in der substantiellen Kraft der Gesellschaft, der multitudo (Menge/Masse) liegt, gegenüber. Er sieht den Motor der gesellschaftlichen Entwicklung darin, daß die multitudo als potentia sich der potestas gegenüberstellt: negative Politik (172 f). Weiter schält Agnoli die subversiven Seiten Vicos, Voltaires, Rousseaus und Diderots heraus, behandelt die kritisch-utopischen Kommunisten Mably, Meslier und Morelly und beschreibt damit ein Potential an Subversion, das 1789 zur Revolution wird.

Hier begann für mich die Enttäuschung: “Was sich dann entwickelte, sind keine subversiven Theorien mehr, sondern Revolutionstheorien” (217). Die Geschichte der Subversion sei an ihr Ende gekommen. So wäre denn Subversion nicht mehr als Vorarbeit für die Revolution (219) und nichts Spezifisches innerhalb revolutionärer Anstrengungen; gemessen an den zu Beginn des Buches angerissenen Bestimmungen des Begriffs “Subversion” ein etwas kraftloses Ende. Dabei bieten doch m. E. gerade die Bestimmungen “Negation sans phrase” oder die Differenzierung zwischen Politik und Öffentlichkeit die Möglichkeit, revolutionäre Strategien zu bereichern. Was bedeutet es denn heute, daß die Vernunft auf der Straße in Permanenz tagt (79)? Ist es nicht vielleicht besser, mit Helmut Kohl am Wolfgangsee zu baden, statt sich über einen Stimmzuwachs von 0,1 auf 0,2 % zu begeistern? Hat die 70jährige, durchschlagend erfolglose Strategie der kommunistischen Parteien, in den westlichen Ländern an die Macht zu gelangen, nicht vielleicht damit zu tun, zu wenig Negation sans phrase geübt zu haben, zu wenig Büro für ungewöhnliche Maßnahmen gewesen zu sein und zuviel auf braves Wirken in den Institutionen des Leviathans gesetzt zu haben? Mit diesen Fragen läßt uns Agnoli leider im Regen stehen, weil er 200 Jahre vorher sein Geschichtsbuch zugeklappt hat. Dieses allerdings lohnt sich zu lesen.

Aus: Marxistische Blätter 36. Jg. / Heft 4 (Juli-August 1998)., S. 91 f.

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