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Stephan Grigat

Das Heute entstand nicht aus dem Nichts

Schriften des Faschismustheoretikers Johannes Agnoli

Der Nationalsozialismus ist in weiten Teilen der Linken darauf reduziert worden, eine besonders abscheuliche, von den aggressivsten Fraktionen der Bourgeoisie dominierte Form von Klassenherrschaft zu sein. Der Vernichtungsantisemitismus der Nazis wurde lange weitgehend ignoriert oder aber lediglich als ein Mittel zur Durchsetzung etwas außerhalb seiner selbst, als Herrschaftsmittel und Ablenkungsmanöver begriffen. Die traditionelle Linke hat im Nationalsozialismus meist nur eine besonders extreme Form der Unterdrückung der Arbeiterklasse gesehen. Vom nationalen Konsens der Deutschen und von Auschwitz wollte man hingegen nicht viel wissen.

Es ist daher verwunderlich, daß die deutsche Linke sich mit dem italienischen Faschismus, der im Zentrum des Interesses der gesammelten Aufsätze von Johannes Agnoli steht, nur wenig auseinander gesetzt hat. Beim italienischen Faschismus ist vieles von dem, was in der traditionellen linken Faschismustheorie stets herausgestrichen wurde und bei der Analyse des Nationalsozialismus dann zu groben Verkürzungen führte, geradezu idealtypisch anzutreffen. Waren die Zerschlagung der Arbeiterbewegung und die Wiederherstellung der Kapitalverwertbarkeit beim Nationalsozialismus wichtige Aspekte neben anderen, so machten sie in Italien tatsächlich das Wesen der faschistischen Herrschaft aus.

Faschistischer und liberaler Staat

Agnolis Beschäftigung mit dem historischen Faschismus steht immer im Kontext einer Kritik der postfaschistischen, also der heutigen Gesellschaften. Einerseits verwahrt er sich gegen die Gleichsetzung der demokratischen Gewaltherrschaft mit den Herrschaftspraktiken des Faschismus und des Nationalsozialismus. Andererseits wendet er sich ebenso nachdrücklich gegen die Umkehrung dieser Position, die durch den Vergleich der heutigen Staatsorgane mit denen des Faschismus den demokratischen Repressionsapparat verharmlost und legitimiert. In fast allen seinen Arbeiten wendet sich Agnoli gegen eine Gleichsetzung von liberalem und faschistischem Staat, weist aber dennoch auf die zahlreichen Gemeinsamkeiten beider Herrschaftsformen hin. Er untersucht die strukturelle Ähnlichkeit, die zwischen der «Befehlsstruktur eines kapitalistischen Betriebs und der direkten, nicht konstitutionell vermittelten Ausübung von Herrschaft im faschistischen Staat besteht» (Seite 43) und stimmt Herbert Marcuses Einschätzung zu, daß «der charismatisch-autoritäre Führergedanke schon präformiert (ist) in der liberalistischen Feier des genialen Wirtschaftsführers, des 'geborenen' Chefs» (Seite 57). Faschismus und liberaler Staat verfolgen beide das gleiche Ziel: die Sicherung der kapitalistischen Akkumulation. Die Mittel dazu sind «beide Male repressiv, die Methode allerdings einmal terroristisch, das andere Mal konstitutionell, beide Male aber manipulativ» (Seite 24). Ein Spezifikum der faschistischen Form bürgerlicher Herrschaft besteht darin, daß sie sich auch gegen die reformistischen Teile der Arbeiterbewegung richtet. Die gewaltsame Bekämpfung der revolutionären Teile der Arbeiterbewegung ruft hingegen «den gemeinsamen Nenner aller bürgerlichen Herrschaftsformen in Erinnerung» (Seite 111).

Mit seinen differenzierenden Erläuterungen der Tradition des italienischen, französischen und – auch wenn hier der Begriff nur mit Einschränkungen zutrifft – deutschen Linksfaschismus, leistet Agnoli einen wichtigen Beitrag zur endgültigen Entkräftung des von halbkritischen Verfassungspatrioten und reaktionären Totalitarismustheoretikern gleichermaßen erhobenen «Linksfaschismus»-Vorwurfs gegenüber tatsächlich emanzipativen Kräften. Am Beispiel des italienischen Linksfaschismus, dem er selbst in seiner Jugend nahe stand, zeigt der Autor, daß diese merkwürdige ideologische Formation bei aller zeitweiligen Radikalität den Bannkreis des Faschismus nie verlassen hat.

Kritik an Ernst Nolte

Besondere Aufmerksamkeit verdient Agnolis Kritik an Ernst Nolte als Historiker des Faschismus. Agnoli wendet sich gegen dessen Reduzierung des Faschismus auf eine «Epoche» und weist nach, daß der wohl einflußreichste Totalitarismustheoretiker bereits mit seiner Methode die faschistische Doktrin von der Zentrierung auf den Führer reproduziert. Eine verquere Allegorie über Alpinismus und gesellschaftlichen Antagonismus von Nolte auf- und angreifend, überrascht Agnoli seine Leserinnen mit dem Eingeständnis: «Genossen, ich bin ein altgedienter Bergsteiger» (Seite 79), um dann den allgemein hoch gelobten Sachverstand des Ernst Nolte anhand mehrerer Beispiele als Halbbildung zu entlarven. Zum deutschen Wegbereiter des Revisionismus mag es inzwischen zahlreiche Kritiken geben; Agnolis Kritik gehört – auch wenn er in seinen älteren Texten dazu neigt, Nolte gegen vorschnelle Verurteilungen in Schutz zu nehmen – mit Sicherheit nach wie vor zu den besten.

Im Anschluß an Alfred Sohn-Rethel entwickelt Agnoli gemeinsam mit Bernhard Blanke und Niels Kadritzke eine kurze politische Ökonomie des Faschismus. Immer wieder weist er auf die Schwierigkeiten hin, die sich aus den unterschiedlichen, sich oft widersprechenden Erscheinungsformen des Faschismus für eine allgemeine Faschismustheorie ergeben. Er erklärt die Verständnisprobleme in Bezug auf die Funktion des faschistischen Staates aus den Mängeln der vorherrschenden allgemeinen Staatstheorien, weist auf die Notwendigkeit des Scheiterns des bürgerlichen Antifaschismus hin und zeigt ansatzweise die Unterschiede zwischen dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus auf.

Blinder Fleck Antisemitismus

Agnolis Beschäftigung mit dem Antisemitismus hat eine problematische Seite. In seiner Einleitung weist er darauf hin, daß die Shoa in seinen Aufsätzen nicht behandelt wird, und begründet das zum einen damit, daß der Antisemitismus im italienischen Faschismus nur eine untergeordnete Rolle gespielt habe. Zum anderen sei er nicht in der Lage, die Shoa «mit irgendwelchen rationalen, marxistischen oder sonstigen Kategorien zu begreifen» (Seite 10) – was durchaus verständlich ist, auch wenn damit die werttheoretischen, nicht funktionalistischen Analysen ignoriert werden, die zwar auch nicht erklären können, warum es zu Auschwitz kam, aber immerhin einen Hinweis darauf geben, was dort vor sich gegangen ist. Dennoch ist in den Texten dann vom Antisemitismus die Rede. Agnoli bleibt zwar bei seiner richtigen Charakterisierung der Massenvernichtung als Ausdruck einer «totale(n) Irrationalität der Herrschaft» (Seite 52). Den Antisemitismus vor dem Schritt zur bürokratisch organisierten und industriell betriebenen Massenvernichtung begreift aber auch er nur als Mittel zu einem außerhalb des Antisemitismus liegenden Zweck.

Die Behauptung von der «jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung» wird von ihm nicht als weithingeglaubte Lüge, sondern als Instrument zur «Integration und Manipulation auf Massenniveau» beschrieben. Das Regime setze es erfolgreich ein, «um den Entscheidungen der Reichsführung einen breiten plebiszitären Konsens zu verschaffen» (Seite 127). Es besteht hier die Gefahr einer Verkürzung des Antisemitismus auf ein besonders hinterhältiges Herrschaftsmittel, das den selbstbewußt Herrschenden ja nach Lage der Dinge frei zur Verfügung steht. Der in den herrschenden Schichten real vorhandene Antisemitismus droht dadurch außer Betracht zu bleiben, was dazu führt, daß die auf ihn zurückzuführenden Handlungen unterschätzt werden.

Agnoli, der früher an der Freien Universität Berlin unterrichtete und heute in Italien lebt, in der Bundesrepublik aber durch rege Vortragstätigkeit nach wie vor präsent ist, begibt sich nicht auf das unsichere Terrain der Prognostik und stellt lediglich fest, daß erst die Zukunft zeigen wird, ob sich ein neuer Faschismus durchsetzen kann. Er -weist aber zum einen auf die weiter bestehende Möglichkeit dieser Option hin. Zum anderen führt er aus, daß «die Bedingungen, die in der bürgerlichen Gesellschaft zum Faschismus geführt haben, heute anders geworden (sind), weil die bürgerliche Gesellschaft durch den Faschismus (...) 'Erfahrungen' machte und dabei die Bedingungen des Übergangs des Rechtsstaats zum faschistischen Staat verändert hat» (Seite 31).

Damit lenkt er das Augenmerk nochmals nachdrücklich darauf, daß wir es in den europäischen Nachkriegsstaaten keineswegs mit Gesellschaften zu tun haben, die aus dem Nichts entstanden sind, sondern mit postfaschistischen Gesellschaften, die zahlreiche Komponenten des Faschismus, wie beispielsweise den Korporatismus, in modifizierter Form in sich aufgenommen haben. Auch dieser vierte Band der Gesammelten Schriften von Johannes Agnoli beweist, daß der ehemalige Professor für Politikwissenschaft zu Unrecht vielen nur mehr aufgrund seiner für die Studentenbewegung der sechziger Jahre wichtigen Schrift «Die Transformation der Demokratie» ein Begriff ist. Seine Texte aus den sechziger und siebziger Jahren zum Faschismus, die gemeinsam mit einem unveröffentlichten Manuskript in dem vorliegenden Band zusammengefaßt wurden und von denen Agnoli selbst sagt, daß er nichts an ihnen zu revidieren habe, verdienen es auch heute, da sich die offizielle Beschäftigung mit Faschismus auf die Abgrenzung von guter bürgerlicher Demokratie vom bösen Totalitarismus beschränkt, aufmerksam gelesen zu werden.

Aus: Die Wochenzeitung (Zürich) N° 37 v. 10.9.1998

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