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Stephan Grigat

68 und die Kritik der Politik

Johannes Agnoli war einer der wichtigsten Theoretiker der bundesdeutschen Studentinnen- und Studentenbewegung der 60er Jahre. Sein gemeinsam mit Peter Brückner verfaßtes Buch “Die Transformation der Demokratie” gilt als einer der einflußreichsten Texte der Außerparlamentarischen Opposition in der BRD. Und nach Erzählungen österreichischer 68er-Veteranen zählte es neben Marcuses Werk “Der eindimensionale Mensch” auch in Wien Ende der 60er Jahre zur Standardausrüstung linker Studentinnen und Studenten. Damals wurde Agnoli nicht nur in der linken Bewegung und im links-akademischen Bereich zur Kenntnis genommen, sondern ebenso in etablierten und staatstragenden Publikationen rezipiert. Heute hingegen werden seine Überlegungen in der etablierten wissenschaftlichen Literatur kaum mehr zur Kenntnis genommen. Nimmt man sich ihrer doch noch einmal an, so werden sie bestenfalls als “Produkte ihrer Zeit” und schlimmstenfalls als “linksfaschistiseh” abqualifiziert. Daß auch die Mehrzahl der ehemaligen 68er von Agnoli nichts mehr hören will, ist dabei nur allzu verständlich. Hätten sie seine Parlamentarismus-, Staats- und Institutionenkritik ernst genommen, hätten sie weder den von ihnen so geliebten Marsch durch die Institutionen antreten noch sich massenhaft und voller Enthusiasmus am Projekt der grünen Parteien beteiligen können.

Dennoch wird Agnolis fundamentale und – trotz einiger altlinker Grundirrtümer – weitgehend auch heute noch zutreffende Kritik nicht gar so schnell in Vergessenheit geraten. Lange Zeit waren seine Texte nur schwer zugänglich. Zu Beginn der 90er Jahre aber hat sich der ça-ira Verlag entschlossen, Agnolis Werk als Gesammelte Schriften herauszubringen. Als fünfter Band dieser Gesammelten Schriften liegen nun. seine Aufsätze zu den Ereignissen um das Jahr 1968 und deren Folgen vor, in denen der emeritierte Professor für Politikwissenschaft zeigt, was aus der Bewegung von '68 hätte werden können, wenn sie an der Position einer radikalen Kritik der Politik, an der Negation jeder Staatlichkeit, wie sie von Agnoli selbst stets proklamiert wurde, festgehalten hätte.

Aus: Unique. Magazin der ÖH Uni Wien N° 3 / 1999

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