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Wer war Alexander Stein (1881-1948)?

Hanna Papanek

Die großen Themen im Leben meines Vaters Alexander Stein waren Sozialismus, Demokratie, friedliches Zusammenleben und die Gefahr autokratischer Tyrannen, ob Zar, Bolschewik oder “Führer”. Im Mittelpunkt seiner Interessen standen Rußland, Deutschland und das Schicksal der Juden. Daraus ergibt sich die besondere Potenz seiner wissenschaftlichen Untersuchung der Parallele zwischen zwei todgefährlichen Schriften – Hitlers “Mein Kampf” und “Die Protokolle der Weisen von Zion” – die weiterhin in der Welt zirkulieren und immer neue Leser in vielen Sprachen finden.

In Alexander Steins vergleichender Analyse dieser Texte erkennt man sein tiefes Verständnis der Zusammenhänge zwischen der Politik des russischen Zarenreiches, Hitlers antisemitischem Verfolgungswahn und der tragischen Geschichte der Juden. Vielleicht können seine Einsichten den schädlichen Einfluß dieser Schriften etwas vermindern – es ist deshalb wichtig, die Parallele erneut bekannt zu machen.

Die gewählte Perspektive des Schriftstellers, Historikers oder Sozialwissenschaftlers ergibt sich aus seiner oder ihrer Lebensgeschichte, aus den Erfahrungen des heranwachsenden Menschen, der die eigene Zeitgeschichte miterlebt und daran – aktiv oder passiv – beteiligt ist. In einem Polizeibericht über einen Vortrag Alexander Steins 1918 steht zu lesen: “Er glaube dem Sozialismus mehr zu dienen, wenn er die Dinge nüchtern und wissenschaftlich auseinanderzusetzen versuche, als sich den Ereignissen rückhaltlos hinzugeben.” [ 1 ] Ja, so war er sein ganzes Leben.

Im russischen Baltikum

Alexander Stein, 1881 als Alexander Rubinstein in einer armen, kleinbürgerlichen jüdischen Handwerkerfamilie im zaristischen Baltikum geboren [ 2 ] , hat sein Judentum nie vergessen -- – obwohl er sich in seinem deutschen Exil als konfessionslos anmeldete. Wie viele andere Marxisten jener Zeit entwickelte er eine Identität, in der das Judentum nur ein Element unter anderen war. Das Milieu seiner Familie war von tiefer Religiosität erfüllt, ohne aber orthodox zu sein. In seinen Studentenjahren gelang es ihm, die überlieferten religiösen Ideen seiner Familie mit der modernen naturwissenschaftlichen Forschung in Einklang zu bringen.

Die wenigen jüdischen Familien der Stadt Wolmar lebten damals inmitten einer sehr gemischten Bevölkerung von Letten, Russen und Deutschen. Die siebenköpfige Familie Rubinstein mietete eine kleine Dreizimmerwohnung von einem christlichen deutsch-schwedischen Bäcker. Mein Vater erinnerte sich daran, dass trotz der nationalen und konfessionellen Unterschiede, dieass die beiden Familien, trotz der nationalen und religiösen Unterschieden jahrzehntelang in ungestörter Harmonie im selben Haus miteinander lebten. Er berichtete von keinem antisemitischen Pogrom, der ihn in dieser Zeit persönlich betroffen hätte, obwohl die Gefahr eines solchen Angriffs in aller Juden Bewußtsein war.

Im Rigaer Polytechnikum, wo er Chemie studierte, schloß er sich der “Anatolika”, der Organisation der jüdischen Studenten, an. Diese Gruppe war mit der im Aufschwung begriffenen jüdischen Kulturbewegung wie auch mit der jüdischen Arbeiterbewegung verbunden. Er beteiligte sich an kulturellen und politischen Aktivitäten der Gruppe, wandte sich aber zunehmend der revolutionären Politik zu. Er wurde 1902 nach einem Studentenstreik zeitweilig vom Studium ausgeschlossen; etwas später wurde er zwangsexmatrikuliert. Damit war seine akademische Laufbahn zeitweilig beendet und seine politische ernstlich begonnen.

Er ging nach Libau und engagierte sich bei einer politischen Schmugglergruppe – illegale Schriften rein, gefährdete Genossen raus – unter Lenins indirekter Führung. [ 3 ] Die Gruppe flog auf. Ein Jahr später wurde er für sieben Monate inhaftiert.

Zurück in Riga wurde er Mitglied der russischen sozialdemokratischen Partei und stand nach 1903 zunehmend auf der Seite der Menschewiki. 1905 war er an dem Rigaer Arbeiteraufstand beteiligt und konnte der polizeilichen Verfolgung 1906 durch seine Flucht nach Deutschland über die ostpreußische Grenze entkommen.

Mein Vater konnte zwar nie nach Rußland oder in das Baltikum zurückkehren, hat aber seine Jugenderfahrungen nie vergessen und blieb sein ganzes Leben an Rußland interessiert. Er hatte während seiner illegalen politischen Aktivitäten zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein grundlegendes Verständnis von den konspirativen Methoden der zaristischen Polizei gewonnen – ein wichtiger Ausgangspunkt für sein Interesse an der dortigen Fälschung der “Protokolle der Weisen von Zion”.

Erstes Exil: Schweiz und Deutschland (1906–1933)

Im Anschluß an ein dreisemestriges Studium der Nationalökonomie und Geschichte in Zürich und Leipzig zog er 1907 nach Berlin.

Sein erstes politisches Projekt in Deutschland war das Russische Bulletin (1907-1916) – eine hektographierte Publikation mit übersetzten Nachrichten aus Rußland – das er in Zusammenarbeit mit Karl Liebknecht und Mathilde Jacob herausgab. [ 4 ] Die Entwicklungen in Rußland waren besonders für deutsche Sozialisten von großem Interesse, aber es war wegen der beiderseitigen Zensur sehr schwer, zuverlässige Nachrichten zu erhalten. Stein jedoch verfügte über gute Kontakte.

Von 1914 an war Stein der Mitherausgeber der Sozialistischen Außenpolitik (ab 1918 Der Sozialist). Seine wichtige Rolle als Interpret der politischen Ereignisse in Deutschlands großem östlichen Nachbarland ersieht man aus seinen Schriften und Vorträgen. In der Leipziger Volkszeitung, einem führenden Blatt der deutschen Arbeiterbewegung, schrieb er kurz nach der Oktoberrevolution von 1917 einen wichtigen Leitartikel – “Demokratie oder Diktatur” (17.12.1917) [ 5 ] – der Lenin und Trotsky scharf kritisierte. In Folge erschienen dort viele erbitterte Angriffe auf Stein, aber auch Artikel, die seine Ansichten unterstützten.

Während des Ersten Weltkriegs schloß er sich der USPD an und war als Redakteur des von Rudolf Hilferding herausgegebenen Parteiorgans Freiheit tätig. Auf dem Parteitag der USPD in Halle (1920) gehörte er zu der Minorität, die den Anschluß an die von den Bolschewiki dominierte Kommunistische Internationale ablehnte.

In den frühen zwanziger Jahren kehrte er zur SPD zurück. Er war in erster Linie in der sozialdemokratischen Bildungsarbeit tätig, zunächst als Dozent der “Freien Sozialistischen Hochschule”, wo er viele Vorträge, insbesondere vor Jugendlichen, hielt. Zu dieser Zeit bewegte sich Stein vor allem in den Berliner Milieus der deutschen Sozialdemokraten und der exilierten russischen Menschewiki. Zu den verschiedenen ost-jüdischen Gruppierungen, die damals in Berlin existierten, hatte er keinen Kontakt. [ 6 ] Trotzdem findet man immer wieder das Thema des Judentums in seinen Schriften, denn er war einer der wenigen Linken, der die gefährdete Lage der europäischen Juden als zentrales politisches Problem schon sehr früh erkannte.

1925 wurde Stein schließlich Bildungssekretär der SPD, und in dieser Funktion wirkte er als Herausgeber der Zeitschriften Sozialistische Bildung und Bücherwarte. Folglich bekleidete er nicht nur politische Ämter, sondern hatte auch eine wichtige Stellung in der sozialdemokratischen Presse inne. Er verfaßte viele Artikel, vor allem zu außenpolitischen Themen. Gleichzeitig blieb er als Redakteur des Mitteilungsblattes der russischen sozialdemokratischen Exilanten in Berlin, dem Sotsialisticheskii Vesnik (Der Sozialistische Bote), seiner osteuropäischen Herkunft verbunden. [ 7 ]

Zweites Exil: Tschechoslowakei (1933–1938)

Nach der Machtergreifung Hitlers ging er im Sommer 1933 illegal in sein zweites Exil nach Prag. Dort setzte er sein journalistisches Engagement in der sozialdemokratischen Exilpresse fort und schrieb vor allem über den Aufstieg Hitlers und die Gründe für die Niederlage der Weimarer Republik. Wie viele seiner Genossen wollte er hierdurch Grundlagen für einen demokratischen Neubeginn in Deutschland schaffen. In der Zeitschrift für Sozialismus betreute er den Rezensionsteil. Hier besprach er fast ausschließlich Bücher, die sich kritisch mit den Entwicklungen in Deutschland befaßten. Zudem erschienen von ihm im Neuen Vorwärts und der Sozialistischen Aktion sachliche Analysen und kämpferische Artikel zu vielen aktuellen Themen, vor allem zur internationalen Politik. In den innerparteilichen Diskussionen über die “geistige Neuorientierung” stand er der linken Neu Beginnen-Gruppe zwar prinzipiell positiv gegenüber, warnte aber vor fraktionellen Konflikten, die der organisatorischen Einheit der Partei schaden könnten. [ 8 ]

Neben den Artikeln, die Stein in den Jahren in Prag (1933–1938) für die sozialdemokratische Exilpresse verfaßte, hat er an seinem Hauptwerk “Adolf Hitler – Schüler der ‘Weisen von Zion‘” gearbeitet. Es erschien 1936 im Graphia-Verlag Karlsbad. Ich erinnere mich noch daran, wie er in unserem Prager Exil am Küchentisch saß und studierte. Erst später lernte ich aus französischen Archiven, dass viele der großen Bögen, die er so eifrig mit Notizen für sein Buch beschrieb, die blanken Rückseiten der Berichte der “Jewish Telegraphic Agency” waren, für die meine Mutter als Sekretärin arbeitete. [ 9 ]

Das Verleumdungsverfahren gegen die Publikation der “Protokolle der Weisen von Zion” in der Schweiz fand 1934/35 in Bern statt und erklärte die antisemitische Hetzschrift offiziell zur Fälschung. Einer der Sachverständigen des Verfahrens, der Schweizer Publizist Carl Albert Loosli, lobte Alexander Steins Analyse ein Jahr später in seinem Artikel in einer schweizerischen Zeitung: ”Was ich in meinem Gutachten vor Gericht nur andeutungsweise zu tun vermochte, das hat seither, in aller wissenschaftlichen Gründlichkeit, Vollständigkeit und Genauigkeit ein anderer in textvergleichend vorbildlicher Weise getan.” [ 10 ] Alexander Steins Buch fand beim breiten Publikum leider wenig Resonanz. Ein anderes Buch über die “Protokolle”, das einen größeren Leserkreis erreicht haben dürfte, benutzte umfangreiche Auszüge seiner Texte – jedoch ohne Quellenangabe. [ 11 ]

Drittes und viertes Exil: Frankreich und USA (1938–1940, 1940–1948)

Es ist ein Beispiel für die zugespitzten Streitigkeiten unter den sozialdemokratischen Exilanten in Frankreich, dass Alexander Stein wegen seiner “linken” Sympathien von der sozialdemokratischen Exilpresse ausgeschlossen wurde. Während dieser verzweifelten Jahre erschienen seine Artikel nur in wenigen Publikationen, und er konnte kaum etwas verdienen.

Erst nach seiner weiteren Flucht in die USA Ende 1940 konnte er seine journalistische Arbeit fortsetzen. Er schrieb unter anderem für die Neue Volkszeitung, den Jewish Daily Forward und jiddische Gewerkschaftsblätter. Für seine geplante wissenschaftliche Monographie zur Erwachsenenbildung in Deutschland bekam er allerdings keine finanzielle Unterstützung. Die Stipendien der Hilfsorganisationen waren für Akademiker vorgesehen, aber Alexander Stein, der in sozialdemokratischen Kreisen als hochgebildeter Wissenschaftler anerkannt war, fehlte die Anbindung an den Universitätsbetrieb.

Auch ein geplantes sozialdemokratisches Aufklärungsprogramm zum Problem des Antisemitismus, das Stein mit der Zusage Kurt Schumachers kurz nach Kriegsende entwickelt hatte, blieb nach Steins Tod 1948 unvollendet.

Fast alle Verwandten Alexander Steins wurden in der Shoah ermordet. Nur ein Neffe in Riga und sein jüngerer Bruder Lev Nikolajewitsch Rubinstein, ein hoher Regierungsbeamter in Moskau, überlebten. Sein älterer Bruder Bernhard, dem in Berlin der bekannte Ladyschnikow-Verlag gehörte, wurde 1944 aus seinem Versteck in Paris deportiert und in Auschwitz umgebracht.

Literatur

Dohrn, Verena und Pickhan, Gertrud (Hg.): Transit und Transformation. Osteuropäisch-jüdische Migranten in Berlin 1918–1939 (= Charlottengrad und Scheunenviertel 1), Göttingen: Wallstein 2010

Heilbut, Iwan: Die öffentlichen Verleumder. Die “Protokolle der Weisen von Zion” und ihre Anwendung auf die heutige Weltpolitik, Zürich: Europa 1937

Liebich, André: Eine Emigration in der Emigration: Die Menschewiki in Deutschland 1921–1933, in: Schlögel, Karl (Hg.): Russische Emigration in Deutschland 1918 bis 1941. Leben im europäischen Bürgerkrieg, Berlin: Akademie 1995, S. 229–241

Osterroth, Franz: Biographisches Lexikon des Sozialismus, Bd. 1: Verstorbene Persönlichkeiten, Hannover: Dietz 1960

Papanek, Hanna: Alexander Stein (Pseudonym: Viator) 1881–1948, Socialist Activist and Writer in Russia, Germany, and Exile: Biography and Bibliography, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 30 (1994), S. 343–379

Papanek, Hanna: Hatte Alexander Stein eine bolschewistische Vergangenheit? Fragen zur Quellenlage in der Frühzeit der Menschewiki, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 35 (1999), S. 394–399

Papanek, Hanna: Elly und Alexander. Revolution, Rotes Berlin, Flucht, Exil. Eine sozialistische Familiengeschichte, Berlin: Vorwärts-Buch 2006

Stein, Alexander [Viator]: Wege zur Klarheit. Parteikritische Literatur: “Neu Beginnen” – “Die sozialistische Revolution”, in: Neuer Vorwärts Nr. 19 (22.10.1933), S. 1 (Beilage)

Williams, Robert C.: Culture in Exile: Russian Emigrés in Germany 1881–1941, Ithaca: Cornell University Press 1972

Anmerkungen

[ 1 ] Zitiert nach Papanek, Hanna: Elly und Alexander. Revolution, Rotes Berlin, Flucht, Exil. Eine sozialistische Familiengeschichte, Berlin 2006, S. 375.

[ 2 ] Einzelheiten über seine Jugend sind aus Alexander Steins “Erinnerungen eines Staatenlosen” (Internationales Institut für Sozialgeschichte Amsterdam, Alexander Stein Papers, Nr. 2 und Nr. 195) entnommen. Vgl. auch Papanek, Hanna: Elly und Alexander; Papanek, Hanna: Alexander Stein (Pseudonym: Viator) 1881–1948, Socialist Activist and Writer in Russia, Germany, and Exile: Biography and Bibliography, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 30 (1994), S. 343–379; Osterroth, Franz: Biographisches Lexikon des Sozialismus, Bd. 1, Hannover 1960, S. 300f.

[ 3 ] Vgl. Papanek, Hanna: Hatte Alexander Stein eine bolschewistische Vergangenheit? Fragen zur Quellenlage in der Frühzeit der Menschewiki, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 35 (1999), S. 394–399.

[ 4 ] Viele dieser Texte sind in Amsterdam und Kopenhagen archiviert, vgl. Papanek: Elly und Alexander, S. 357, S. 366.

[ 5 ] Auszüge in ebd., S. 372f., S. 386.

[ 6 ] Vgl. Dohrn, Verena/Pickhan, Gertrud (Hg.): Transit und Transformation. Osteuropäisch-jüdische Migranten in Berlin 1918–1939 (= Charlottengrad und Scheunenviertel 1), Göttingen 2010.

[ 7 ] Vgl. Liebich, André: Eine Emigration in der Emigration: Die Menschewiki in Deutschland 1921–1933, in: Schlögel, Karl (Hg.): Russische Emigration in Deutschland 1918 bis 1941. Leben im europäischen Bürgerkrieg, Berlin 1995, S. 229–241, S. 229–241; Williams, Robert C.: Culture in Exile: Russian Emigrés in Germany 1881–1941, Ithaca 1972, S. 190ff.

[ 8 ] Vgl. Stein, Alexander [Viator]: Wege zur Klarheit. Parteikritische Literatur: “Neu Beginnen” – “Die sozialistische Revolution”, in:Neuer Vorwärts Nr. 19 (22.10.1933), S. 1 (Beilage).

[ 9 ] Vgl. Papanek: Elly und Alexander, S. 412–416.

[ 10 ] Die Nation, 16.6.1936, zitiert in ebd., S. 413, 424.

[ 11 ] Heilbut, Iwan: Die öffentlichen Verleumder. Die “Protokolle der Weisen von Zion” und ihre Anwendung auf die heutige Weltpolitik, Zürich 1937.

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