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Der Mufti und das “Goldene Viereck”

Prodeutscher Militärputsch im Irak 1941

Karl Selent

Im Oktober 1939, nach der Niederlage des arabischen Aufstands in Palästina, den er seit 1937 von Beirut aus geleitet hatte, ging der Mufti von Jerusalem in den Irak. Dort erhielt Haj Amin al-Hussaini Gelegenheit, erneut an einer profaschistischen Verschwörung teilzunehmen. Er korrespondierte sogleich mit einem alten Mitkämpfer aus schwerer Zeit, Franz von Papen, jenem deutschen Stabsoffizier der osmanischen Heeresgruppe F aus dem Ersten Weltkrieg, der 1932 - 33 Adolf Hitler den Weg zur Macht geebnet hatte und nun Botschafter des Dritten Reiches in Istanbul war. “Haj Amin sent his personal secretary, Uthman Kama al Hadda’ad, to continue the talks with the Germans in Turkey, and with the German Foreign Minister, Joachim von Ribbentrop, in Berlin” (Elpeleg, 59). Wieder trugen “die Deutschen und Italiener ... großzügig zum Unterhalt” des Muftis bei (Gensicke, 58). Er wurde “unversehens zu einer Schlüsselfigur der deutschen Orientpolitik” (Moshel, 74). Ein dritter Veteran des Ersten Weltkriegs gehörte ebenfalls zu den Verschwörern, Kavalleriehauptmann Fauzi al-Kaukji, jener Träger des deutschen Eisernen Kreuzes, der “gemeinsam mit den Preußen des Generals Otto von Kreis” in Palästina gekämpft hatte (Collins, 149). In der Palästina-Rebellion von 1936 hatte al-Kaukji den Haufen der panarabischen Freiwilligen aus Syrien, Irak und Transjordanien befehligt (Höpp, 19, 21). Mit dem zweiten wichtigen Kommandanten der Palästina-Rebellion, Abdel Kader al-Hussaini, der “dem Mufti in den Irak gefolgt war”, nahmen die drei führenden Vertreter der arabischen Nationalbewegung Palästinas an der prodeutschen Verschwörung von 1941 teil (Schiller, 191; vgl. Collins, 91). Abdel Kader “führte während des Staatstreichs eine aus Palästinensern bestehende Truppe gegen die britische Armee” (Schiller, 191). Der Irak gehörte seit dem Ende des Ersten Weltkriegs zum Einflußbereich des Empire, aber in der Armee wimmelte es nur so von faschistischen Offizieren. Diese Gruppe des “Goldenen Vierecks” inszenierte am 1. April 1941 einen Militärputsch, der Rashid Ali al-Kailani an die Macht brachte. Fritz Grobba, der Gesandte des Dritten Reiches in Bagdad, hatte lange zuvor “vertrauliche Fäden” zu Kailani geknüpft sowie “unermüdlich” die geheim agierenden antibritischen Verschwörer “ermuntert”. “Rashid Ali bildete eine deutschfreundliche Regierung”, und gleich im Mai 1941 kam es zur Konfrontation mit Großbritannien (Moshel, 74f). Wieder rief “der Mufti zum Jihad, zum Heiligen Krieg gegen die Briten auf, so wie er ihn schon 1937 gegen die Juden in Palästina ausgerufen hatte” (Ros, 328). Die prodeutschen Putschisten übertrugen Fauzi al-Kaukji, dem Palästinakrieger, “der das Eiserne Kreuz über alle anderen Auszeichnungen stellte”, das Kommando über die Truppen, die gegen die Briten kämpfen sollten (Collins, 242). Hilfe suchend wandten sich die Verschwörer an das Dritte Reich. Die Deutschen betrachteten zwar den Irak als Nebenkriegsschauplatz, sie setzten ihre Hoffnungen eher auf das vichytreue Regime in Syrien, Hermann Göring schickte aber eine Staffel Flugzeuge der Luftwaffe mit mindestens sieben Bombern und zwölf Zerstörern. Auch die Italiener schickten zwölf Kampfflugzeuge. Dazu gab es rund 16.000 Gewehre aller Art, 30.000 Handgranaten, 5 Millionen Schuß Munition und anderen Kram. Wie bereits im Ersten Weltkrieg, als der ehemalige Militärattaché in Teheran, Hauptmann Fritz Klein, “mit schiitischen Würdenträgern in Karbala und An-Nadjaf, den Wallfahrtsorten südlich von Bagdad”, Fatwas ausgehandelt hatte, “die den Heiligen Krieg an der Seite der Mittelmächte sanktionierten”, so konnten die Deutschen nun wieder befreundete schiitische Stämme für sich gewinnen (Michalka, 379). Diesmal rekrutierte man eine Miliz, die eine “Stärke von drei bis fünftausend Mann erreichte” (Schroeder, 123). Noch bevor aber die deutsche Hilfe richtig anrollen konnte, machten die Briten kurzen Prozeß. Truppen mit Panzerunterstützung rückten von Falluja-Samara kommend gegen die improvisierte Putschistenarmee vor. Sie kämpften bereits am 29. Mai in den Vororten von Bagdad. “Als sich die vollständige Niederlage des Regimes abzeichnete, bezichtigte der Mufti die Juden, als ‘fünfte Kolonne’ der Briten zu agieren, die unter Ausnutzung ihrer Stellung in der Post- und Telefonbehörde den britischen Feind über die Vorgänge im Irak informiere” (Kiefer, 79). Schon seit den ersten Tagen des Militärputsches hatte das Regime eine antisemitische Politik verfolgt. “In den Medien und bei öffentlichen Versammlungen wurde antibritische und antijüdische Propaganda betrieben. Antijüdische Demonstrationen gab es in Bagdad, Mosul, Kirkuk, Erbil und Amara, sie endeten oft in Gewalttätigkeiten. Der jüdischen Gemeinde wurde Geld abgepreßt, ihr Besitz teilweise konfisziert, um die Kosten des Krieges gegen die Engländer zu decken. Juden wurden festgenommen und unter der Anschuldigung gefoltert, sie hätten für die Briten spioniert und britischen Flugzeugen über Bagdad Zeichen gegeben” (Jäckel, Bd. II, 642). Bewaffnete Gruppen der staatsoffiziellen Jugendorganisation Al-Futuwwa, die 1938 mit einem Delegierten am Nürnberger Parteitag der NSDAP teilgenommen hatte, besetzten zwei jüdische Schulen in Bagdad, sie überfielen Juden und brachen in jüdische Häuser ein. Diese Banden standen unter dem Befehl des Ministers für Propaganda und Innere Sicherheit, Yunis es-Sebawi, ein gelernter Jurist, der Adolf Hitlers Buch Mein Kampf übersetzt hatte. Sebawi “war pronationalsozialistisch und radikal antisemitisch eingestellt” (Jäckel, Bd. II, 642). Gegenüber dem Dritten Reich stellten die irakischen Putschisten den Anspruch, “die Frage der jüdischen Elemente, die sich in Palästina und in den anderen arabischen Ländern befinden, so zu lösen, wie es den nationalen und völkischen Interessen der Araber entspricht, und wie die Judenfrage in Deutschland gelöst worden ist” (Grobba, 196 f.). Dann, am 1. Juni 1941, zwei Tage nachdem die Briten Bagdad erobert hatten, nutzten irakische Soldaten und Gruppen der Futuwwa den Umstand, daß die britischen Truppen fahrlässig passiv in den Außenbezirken der Stadt verblieben waren, sie initiierten einen Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung der Stadt. “Innerhalb weniger Stunden verbreitete sich der Aufruhr in andere Stadtteile aus. ... Die aufrührerische Menge bestand aus Muslimen der unteren Schichten, einigen Christen sowie Beduinen von außerhalb der Stadt. Die Polizei unternahm nichts, und das Komitee für öffentliche Ordnung griff nur ein, wenn die Unruhen ... auch nichtjüdischen Besitz zu bedrohen schienen. Insgesamt wurden 179 Menschen bei den Krawallen getötet und 2118 verletzt; 242 jüdische Kinder verloren ihre Eltern. Die Zahl der Personen, deren Eigentum geplündert war, wurde mit 48.584 angegeben. Selbst Säuglinge hatte man mißhandelt. Synagogen und Thorarollen wurden geschändet” (Jäckel, Bd. II, 643).

Konnten die flüchtigen Offiziere des “Goldenen Quadrats” nach dem Ende des Militärputsches festgenommen und vor Gericht gestellt werden, wo man sie zum Tode verurteilte, so gelang dem Mufti von Jerusalem sowie dem Präsidenten des Regimes, Rashid Ali al-Kailani, über den Iran ins Dritte Reich zu entwischen. Fauzi al-Kaukji setzte in Syrien den Kampf an der Seite der Achsenmächte fort, wurde verwundet und landete schließlich ebenfalls in Berlin. Nur der dritte wichtige Führer der arabischen Nationalbewegung Palästinas, Abdel Kader al-Hussaini, wurde verhaftet. Seine Teilnahme an der prodeutschen Verschwörung brachte ihn “vier Jahre ins Gefängnis” (Collins, 91). Andere Quellen berichten, er sei “für drei Jahre interniert” worden (Schiller, 191).

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