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Der Mufti von Jerusalem (1)

Haj Amin al-Hussaini im Ersten Weltkrieg

Karl Selent

Anno 1914, als das türkische Imperium an der Seite des preußischen Kaiserreichs in den Ersten Weltkrieg eintrat, meldete sich in Palästina ein arabischer Student zur Osmanischen Armee, ein junger neunzehnjähriger Mann, der ein ganz besonderer Freund des deutschen Volkes werden sollte, ein Mann, von dem Winston Churchill einmal sagen würde, er sei “eine Tonne Dynamit auf zwei Beinen” (Ros, 328). Es war dies der Sproß einer einflußreichen Familie von Grundbesitzern aus Jerusalem, die ihre religiösen Ämter seit Jahrhunderten den Beziehungen zur Osmanischen Administration verdankte (Elpeleg, 2). Gemeint ist jener spätere Großmufti von Jerusalem, Haj (der Pilger) Muhammad Said Amin al-Hussaini, ein Präsident mehrerer islamischer Weltkonferenzen, unter dessen Führung die arabische Nationalbewegung Palästinas (HAK) an die Seite des Dritten Reiches drängeln sollte. Mit Benito Mussolini und Adolf Hitler würde Haj Amin al-Hussaini dereinst zusammentreffen. Noch aber absolvierte er eine Ausbildung zum Offizier der Osmanischen Armee. Das Training fand in Astama statt, wo man die Männer auf den Krieg an der Seite des deutschen Reichs vorbereitete. Als fertiger Offizier wurde Hussaini der 47. Brigade zugeteilt, die im District Izmir stationiert war. Es scheint, daß Haj Amin nie an der Front eingesetzt worden ist (Elpeleg, 3). Dann, im November 1916, wurde er mit Ruhr ins Krankenhaus eingeliefert und erwirkte drei Monate Genesungsurlaub. Von dort kehrte er nicht mehr zurück zur Armee. Als sich das militärische Kräfteverhältnis zuungunsten des Deutschen und Osmanischen Reichs gewendet hatte, und die imperialistische Konkurrenzmacht Großbritannien eine reaktionäre arabische Aufstandsbewegung gegen die Osmanen förderte, wechselte Haj Amin al-Hussaini offenbar die Seiten. “It was already clear that the allies had the upper hand, and it was probably this factor, along with his experience of the discrimination against the Arab soldiers, which was responsible for Haj Amin’s decision to leave the Ottoman military service, and not, as has been claimed, reasons of health” (Elpeleg, 4). Jedenfalls behauptete Hussaini später rückblickend, Mitglied einer Geheimorganisation geworden zu sein und eine arabisch-palästinensische Militäreinheit gebildet zu haben, die sich der Armee der Aufständischen in Transjordanien angeschlossen haben soll (Gensicke, 27 f.). Unter Führung des Sherifen von Mekka, einem Repräsentanten der althergebrachten Hashemiten-Dynastie, hoffte Haj Amin, das islamische Kalifat – nun als ein arabisches – in die Nachkriegsordnung hinüber retten zu können. Als dies nach dem Ersten Weltkrieg nur teilweise eintrat, halb Arabien, darunter auch Palästina, Kolonien Frankreichs und Großbritanniens wurden, sollte der Mufti noch Jahre und Jahrzehnte später einer weit verbreiteten arabisch-islamischen Dolchstoßlegende anhängen. So zum Beispiel am 2. November 1943 in Berlin: “Die Juden im Osmanischen Reich” seien die “hauptsächlichsten Triebkräfte für die Zerstörung des Reichs des islamischen Kalifats” gewesen. Im Felde sah sich der Mufti unbesiegt, im Rücken, an der Heimatfront aber sollen die Juden dem Kalifat den Todesstoß versetzt haben. Die ganze Nachkriegsordnung sei dem “Unheil der Juden geschuldet”. “Die Schande von Versailles”, meinte Hussaini, sei “ebenso ein Unglück für die Deutschen wie für die Araber” gewesen. Was der kochenden Volksseele in Deutschland der Raubfrieden von Versailles, das war dem arabisch-islamischen Eiferer Haj Amin die “jüdisch-englische Verschwörung” der Balfour-Erklärung, die den Juden in Palästina eine nationale Heimstätte versprach (Gensicke, Anhang 2 f, 6, 1).

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