Vorwort

Gerhard Scheit

Auf den ersten Blick könnte das berühmte Titelkupfer der Erstausgabe des Hobbesschen Leviathan glauben machen, der Souverän, wie er hier dargestellt wird, sei der Beherrscher der ganzen Welt – sonst wäre doch mindesten ein zweiter Souverän irgendwo am Horizont zu sehen, der ebenfalls wie ein Riese sich über Landschaft und Städte erhebt.

Man muß schon genauer hinsehen, einerseits um zu erkennen, daß sein Körper aus vielen kleinen, annähernd gleichen Individuen zusammengesetzt ist – freilich nicht der Kopf, der deshalb in seiner Natürlichkeit desto unheimlicher wirkt; andererseits um die Perspektive zu verstehen, in der dieser Koloß abgebildet wird. Keineswegs vom Erdboden aus, vom Territorium, das er beherrscht, nimmt ihn der Betrachter des Bildes wahr, sondern auf Augenhöhe: er blickt auf ihn, als wäre er selber ein anderer Souverän, ein anderer »sterblicher Gott« oder ein anderes »künstliches Tier« oder biblisches Ungeheuer oder wie immer Hobbes den Staat apostrophiert. Aug‘ in Aug‘ stehen sich die Staaten gegenüber – und dadurch erst wachsen sie zu ihrer Größe heran, daraus erst resultiert ihre Gewalt über Stadt und Land. Hobbes, der an der Gestaltung des Titelblatts großen Anteil genommen haben soll, läßt im Buch keinen Zweifel, daß er ihr Verhältnis wie auch das der Individuen aus der Perspektive des Souveräns darzulegen gewillt ist – oder besser: aus der Perspektive des Individuums, das bereits den imaginären Vertrag unterzeichnet hat, aus dem der Staat hervorgeht; das sich bereits eingereiht hat, den Leviathan zu bilden. Es ist für ihn die einzige Möglichkeit, den Staat zum Gegenstand zu machen. Ein übergeordneter Standpunkt wird ausgeschlossen.

Die Staaten stehen sich wie Gladiatoren gegenüber, heißt es dann ausdrücklich im Buch: »Persons of sovereign authority, because of their independency, are in continual jealousies and in the state and posture of gladiators, having their weapons pointing and their eyes fixed on one another.« Nur daß auf dem Platz des Imperators, der beim römischen Gladiatorenkampf den Daumen nach oben oder unten richten mochte, niemand zu sehen ist: er wird vom deus absconditus besetzt gehalten.

Auf diesen Platz erhebt nun der Wahn vom Weltsouverän Anspruch, um alle Kämpfe zu beenden. Seine Gestalt präsentiert sich gewöhnlich nicht mit Zepter und Schwert, sondern mit Aktenkoffer und Füllfeder und gekleidet nach den Konventionen des Völkerrechts, die er vorgibt wie ein body politic zu verkörpern. So korrekt und vertrauenswürdig, so sehr erpicht auf Versöhnung und ewigen Frieden, stellt sich der Wahn bei den Sitzungen der internationalen Gemeinschaft zur Schau, daß man den Eindruck gewinnt, die Gladiatoren könnten ihre Waffen fallenlassen, um sich für immer an den Verhandlungstisch zu setzen, wo sie, wie unterschiedlich stark sie auch seien, als Gleiche behandelt würden und dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments folgten. Gemeinsam bildeten sie damit die Bürger und Parlamentarier des Weltstaats, der nichts Vergleichbarem mehr sich gegenübersähe.

Dem irrationalen Überlebenskampf der Gladiatoren abschwörend, gefällt sich dieser Wahn als Inbegriff der Vernunft. Denn er stützt sich aufs Völkerrecht, das ihm als Inbegriff des Rechts gilt – als ob die Staaten in der internationalen Gemeinschaft wie die Bürger innerhalb des Staates sich dem Gesetz unterwerfen oder längerfristig sich überhaupt auflösen zugunsten eines einzigen, der dann endlich erfolgreich das friedliche Zusammenleben ermöglicht und die Marktwirtschaft fördert.

Vor dem Hintergrund dieses alles und nichts darstellenden Gespenstes, dem niemand mehr in die Augen sehen kann, erweist sich das Ungeheuer Leviathan, das Hobbes präsentiert, indem er die Voraussetzungen jenes Zusammenlebens und jener Wirtschaft ausspricht (»homo homini lupus«), noch immer als aktuellster Versuch der Aufklärung. Denn nichts hat sich daran geändert, daß internationales Recht immer nur eines ist, das gelten soll, aber nicht wirklich gilt – nicht gilt wie das Recht, das der einzelne Souverän auf seinem begrenzten Territorium garantieren kann. So hat dieses Recht zwischen den Staaten die Bedeutung von Konventionen im eigentlichen Sinn: es beruht auf Absprachen und Bündnissen, die von keiner übergeordneten Macht gedeckt werden. Wer jedoch vortäuscht oder selber glaubt, daß es jemals ein geltendes, also durch einen Souverän garantiertes Recht sein könnte, wendet sich gewollt oder ungewollt auch noch gegen das »Minimum an Freiheit« (Franz Neumann), das vom wirklich geltenden Recht kraft wirklicher Souveränität eingeräumt werden kann.

In allen Konsequenzen zu begreifen vermag das allerdings nur, wer begriffen hat, daß die Gewalt in der modernen Gesellschaft nicht mehr unmittelbar mit den Formen der Ausbeutung zusammenfällt, denn diese Formen sind das Kapitalverhältnis, sondern vermittelt ist durch das Verhältnis der Staaten zueinander – und eben auf diesem Vermitteltsein beruhen bis heute alle Möglichkeiten der Emanzipation; daß es genau deshalb einen Weltsouverän im Sinn eines alle Menschen und Länder, Ausbeuter und Ausgebeutete umfassenden Staates gar nicht geben kann – nur die barbarischen und terroristischen Unternehmungen, die in seinem Namen gefördert oder pardoniert werden, um den Zerfall der Staaten in der Krise der Gesellschaft selber noch voranzutreiben und die Möglichkeiten der Emanzipation zurückzunehmen. Der Wahn vom Weltsouverän zerstört den Souverän und ist zugleich das Gegenteil einer Befreiung vom Staat, das »Gegenteil jener versöhnten Vielfalt, die allein ein menschenwürdiger Zustand wäre«, der »freien Assoziation der Individuen« zur staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft. Kein Leviathan, und sei er völlig demokratisiert, wird je diese versöhnte Vielfalt und freie Assoziation, von der Marx und Adorno sprechen, bieten können. Aber wer ihm mit Hobbes in die Augen blickt, wird immerhin in aller Bestimmtheit durchschauen, was erst nach Hobbes virulent wurde: daß die Gesellschaft, die »auseinander bricht in diffuse barbarische Vielheit« (Adorno), den Weltsouverän sich konsequent nur vormachen kann, wenn sie einen gemeinsamen Feind halluziniert, der bereits heimlich die Welt beherrsche. Der Weltsouverän entpuppt sich zuletzt als der ›positive‹ Ausdruck des schlimmsten antikapitalistischen Wahns: der Weltverschwörung des Judentums.

Trennmarker

Als  bild  downloaden