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Struktureller Antisemitismus: Martin Heidegger

Von Gerhard Scheit

Wert und Sein: Philosoph der Krise

“Nur das Freisein für den Tod gibt dem Dasein das Ziel schlechthin und stößt die Existenz in ihre Endlichkeit” [ 1 ], heißt es in Martin Heideggers Sein und Zeit von 1927. Die solchermaßen ergriffene Endlichkeit der Existenz “reißt aus der endlosen Mannigfaltigkeit der sich anbietenden nächsten Möglichkeiten des Behagens, Leichtnehmens, Sichdrückens zurück und bringt das Dasein in die Einfachheit seines Schicksals.” [ 2 ] Das Schicksal des einzelnen aber ist schon in Sein und Zeit das Geschick des Volks: Das Geschehen des schicksalhaften Daseins wird als “Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes” [ 3 ] begriffen.

Es macht die besondere Anziehungskraft von Heideggers Philosophie aus, daß sie stets von der existentiellen Situation des einzelnen ausgeht – und nicht wie die ordinäre Ideologie des Nationalsozialismus den Volkskörper schon voraussetzt. Sie führt vielmehr vor, wie der einzelne im Angesicht der Not sich selbst zum Volkskörper zu machen hat: indem er sich nämlich dem Tod verschreibt. “Im Vorlaufen zum unbestimmt gewissen Tode öffnet sich das Dasein für eine aus seinem Da selbst entspringende, ständige Bedrohung... Damit taucht aber dann die Möglichkeit eines eigentlichen Ganzseinkönnens des Daseins auf ...” [ 4 ] Geschichtlichkeit begründet der deutsche Philosoph nicht mehr im Fortschreiten des Weltgeists (Hegel), auch nicht im ziellosen Wirken eines Willens (Schopenhauer); selbst der Wille zur Macht als die Wiederkehr des Gleichen (Nietzsche) bietet keine Voraussetzung mehr, Geschichte zu begreifen, sondern: “Das eigentliche Sein zum Tode, das heißt die Endlichkeit der Zeitlichkeit, ist der verborgene Grund der Geschichtlichkeit des Daseins.” [ 5 ]

Mit diesem Sein zum Tode kommt Heidegger dem Marxschen Begriff des Werts, des “automatischen Subjekts” [ 6 ], auf eigenartige, ontologisierende Weise nahe – näher als Schopenhauer und Nietzsche mit ihrem Begriff des Willens, der noch immer gewisse Momente eines Weltgeists an sich trägt. Das Sein, wie Heidegger es nämlich versteht, ist wirklich nichts als eine reale Abstraktion: allerdings eine, die es unter allen Umständen des Seienden, zu bejahen gilt. Heidegger spricht selbst vom “allgemeinsten und leersten Begriff” [ 7 ] – das könne aber nicht heißen, er sei der “klarste und aller weiteren Erörterung unbedürftig”; das ist er fürs westliche Denken, aber nicht fürs deutsche, worin vielmehr gilt: “Der Begriff des Seins ist vielmehr der dunkelste.” [ 8 ] Und er bleibt es auch die ganze Erörterung von Sein und Zeit hindurch, nur daß die Erörterung den Ursprung der Dunkelheit im Tod fixiert.

Das automatische Subjekt von Marx beruht auf der Herrschaft toter, abstrakter Arbeit über lebendige, konkrete. Das Sein von Heidegger bestimmt das Dasein dazu, daß es im Geschick des Volks die Unterwerfung von sich aus unternimmt und bejaht – als Freisein für den Tod. So entspringt diese Ontologie einer Situation, in der offenkundig die Herrschaft der toten über die lebendige Arbeit, der realen Abstraktion des Werts über die realen konkreten Individuen und Dinge in Gefahr geraten ist; in der die Identitätslogik des Geldes von der Nichtidentität gesellschaftlicher Verhältnisse bedroht wird; in der zum Beispiel wieder einmal zuviel produziert wird oder zuwenig gekauft.

Die Identität in der Krise zu bergen, die Herrschaft der toten über die lebendige Arbeit zu retten, dazu bedarf es Entschlossenheit; Bereitschaft, Schuld auf sich zu nehmen. Und Heidegger hat vielleicht mehr als alle seiner intellektuellen Zeitgenossen eine Ahnung davon, wieviel an Verbrechen notwendig sein wird, das unwahre Ganze zu retten: “Die Entschlossenheit wurde bestimmt als das verschwiegene, angstbereite Sichentwerfen auf das eigene Schuldigsein. Ihre Eigentlichkeit gewinnt sie als vorlaufende Entschlossenheit. In ihr versteht sich das Dasein hinsichtlich seines Seinkönnens dergestalt, daß es dem Tod unter die Augen geht, um so das Seiende, das es selbst ist, in seiner Geworfenheit ganz zu übernehmen. Die entschlossene Übernahme des eigenen faktischen ‘Da’ bedeutet zugleich den Entschluß in die Situation. Wozu sich das Dasein je faktisch entschließt, vermag die existenziale Analyse grundsätzlich nicht zu erörtern.” [ 9 ]

Hier wird ausgelagert. Heidegger enthielt sich zunächst jeder Orientierung auf dem Feld der Politik. Aber die abstrakte, vorlaufende Entschlossenheit wurde nicht zufällig um 1930 zugespitzt – und auf eine Führerfigur ausgerichtet: In seiner Vorlesung “Die Grundbegriffe der Metaphysik” von 1929/1930 sagte Heidegger, in einer Zeit der Not, in welcher soziales Elend, politische Wirrnis, Ohnmacht der Wissenschaft, Leere der Kunst, Bodenlosigkeit der Philosophie und die Krise der Religion herrschten, “müssen wir erst wieder rufen nach dem, der unserem Dasein einen Schrecken einzujagen vermag.” [ 10 ]

Als sich das Dasein dann faktisch zum Nationalsozialismus entschlossen hatte, stand der Professor nicht abseits, sondern trug das lange schon Gedachte, das Seine, dazu bei. Im Unterschied zur üblichen Nazi-Propaganda betonte Heidegger von Anfang an den katastrophischen, apokalyptischen Charakter der nationalsozialistischen Revolution, den Bruch mit allem Voraufgegangenen: “Flamme künde uns, leuchte uns, zeige uns den Weg, von dem es kein Zurück mehr gibt!” [ 11 ] In der berühmten Rekoratsrede wird das Geistige schlechthin aus der Gefährdung, aus der Fragwürdigkeit des eigenen Daseins des Volks begründet: in der Krise, in der Situation der Katastrophe wird das Volk zum Philosophen, oder besser gesagt zum Denker, und der Philosoph oder Denker zu seinem bloßen Sprachrohr: “So ausgesetzt in die äußerste Fragwürdigkeit des eignen Daseins, will dies Volk ein geistiges Volk sein.” Und darum ist das Wissen, das es von sich und für sich von seinen Führern und Hütern fordert, “nicht die beruhigte Kenntnisnahme von Wesen und Werten an sich, sondern die schärfste Gefährdung inmitten der Übermacht des Seienden. Die Fragwürdigkeit des Seins überhaupt zwingt dem Volk Arbeit und Kampf ab und zwingt es in seinen Staat ...” [ 12 ]

Ja Heidegger betrachtet es geradezu als besondere Aufgabe seiner Philosophie, dem neuen Staat seine Herkunft aus der Krise und seinen Vernichtungsauftrag beständig vor Augen zu halten: Das Fragen dieser Philosophie “ist kein müßiges Grübeln ... Zu solchem Fragen halten wir unser Schicksal aus und halten uns selbst hinaus in das Dunkel der Notwendigkeit unserer Geschichte. Dieses Fragen, in dem ein Volk sein geschichtliches Dasein aushält, durchhält in der Gefahr und Bedrohung und hinaushält in die Größe seines Auftrages, dieses Fragen eines Volkes ist sein Philosophieren, seine Philosophie.” [ 13 ] “Die Frage geht an uns, ob wir es erfahren und begreifen, daß die jetzige Wende des deutschen Geschicks in sich trägt die schärfste und größte Bedrängnis unseres Daseins, indem die Wende unserer Geschichte uns vor die Entscheidung stellt, ob wir dem werdenden Geschehen unseres Volkes und Staates eine geistige Welt schaffen wollen oder nicht. Wenn wir es nicht wollen und wenn wir es nicht können, dann wird irgendeine Barbarei irgendwoher über uns hinwegfegen, und wir werden die Rolle eines geschichtsbildenden Volkes endgültig ausgespielt haben.” [ 14 ] Damit fordert Heidegger für seine Philosophie so etwas wie die Führerschaft im nationalsozialistischem Staat – die ihr schließlich zur Enttäuschung des Philosophen nur in geringem Maß zugestanden wurde, und darum konnte in der Auffassung des Philosophen auch irgendeine Barbarei über diesen Staat hinwegfegen, allerdings ohne daß darum, wie sich zeigen sollte, die Deutschen ihre Rolle als geschichtsbildendes Volk endgültig ausgespielt haben sollten. Soviel Recht wurde Heideggers Philosophie immerhin zuteil. Wieder wollte sich Heidegger nicht auf die Gegenwart festlegen lassen: “Der Wiederanfang der Philosophie und ihre Zukunft wird nicht irgendwann und irgendwie von der Weltvernunft geschaffen, er wird nur verwirklicht durch ein Volk, wie wir glauben: durch die Deutschen, nicht durch uns, sondern durch die Kommenden.” [ 15 ] – “Wir sind nur ein Übergang, nur ein Opfer.” [ 16 ]

Antisemit ohne Antisemitismus: Philosoph des Nationalsozialismus

Während seines Rektorats an der Freiburger Universität wurden alle Dozenten und Professoren jüdischer Herkunft in den vorzeitigen Ruhestand versetzt und u.a. eine Pflichtvorlesung für alle Studierenden über “Rassenkunde” eingeführt. In seinen eigenen Vorlesungen und Schriften dieser Jahre enthält sich Heidegger indessen jeder antisemitischen und unmittelbar rassistischen Bemerkung über alle jene, die nun als Nichtarier offen und von Staats wegen ausgegrenzt und verfolgt wurden. Es ist eine eigenartige Paradoxie: einerseits findet sich bei Heidegger keine einzige offen antisemitische Äußerung – und doch bezeichnet er sich selbst (gegenüber Hannah Arendt [ 17 ]) als “Antisemiten”. Heidegger sah von der Personifizierung des Real-Abstrakten, wie es der Antisemitismus besorgte, vollkommen ab; sie bleibt eine Leerstelle einer Philosophie, die ganz erfüllt ist von der Konstruktion des Volkes: “von der wissenden Entscheidung, durch die das Volk zu sich selbst drängt... Dieses Wissen ist der Staat selbst.” [ 18 ]

Heidegger ist aber insofern der “Hitler des Denkens” (Martin Buber), als bei ihm die Bewegung des Denkens auch die Funktionen übernimmt, die bei Hitler durch antisemitische Personifizierung geleistet wird. Damit hängt aber auch das Scheitern seiner Karriere im Nationalsozialismus zusammen: seine Sprache galt als unverständlich und zu präziös. Heidegger bleibt im wesentlichen auf der sprachlichen Ebene von Sein und Zeit: anstelle von ‘Verjudung’ und jüdischer Verschwörung spricht er vom Andrang des “Dämonischen” und von der “bodenlosen Organisation des Normalmenschen” in Rußland und Amerika, die das deutsche Volk in die Zange nehme [ 19 ]; anstelle von Rasse und Vernichtung, von Volk und Tod. Statt zu sagen: “Ein Staat, der im Zeitalter der Rassenvergiftung sich der Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet, muß eines Tages zum Herrn der Erde werden” [ 20 ] – heißt es bei ihm in umständlichen Windungen: “Das in seinen Staat sich hineingestaltende Volk wächst hinaus zu seiner Nation. Und diese Nation übernimmt das Schicksal ihres Volkes. Und solches Volk erringt sich einen geistigen Auftrag inmitten der Völker und schafft sich seine Geschichte. Dieses Geschehen aber langt weit hinaus in das schwere Werden einer dunklen Zukunft.” [ 21 ] Die Windungen seiner Sprache resultieren daraus, daß Heidegger das ideologische Zentrum des nationalsozialistischen Staats – rassistische und antisemitische Projektion – ausspart, und ihn zugleich in toto – also mit seinem Zentrum – bejaht. Daß diese Philosphie im Kern völkisch, rassistisch und antisemitisch ist, obwohl sie das Feindbild dieser Projektionen nicht beim Namen nennt, wird nicht nur durch Heideggers praktisches Engagement für den Nationalsozialismus deutlich, sondern auch an der Art und Weise, wie er nun das Volk konkretisiert, von dem in Sein und Zeit nur ganz abstrakt die Rede ist. Mit einem Schlag wird sichtbar, was Heidegger unter der “geistigen Welt des Volkes” versteht: nichts anderes als eine vornehme Rassenkunde, eine, die sich einfach nur scheut, das Wort Rasse in den Mund zu nehmen: “die geistige Welt eines Volkes ist nicht der Überbau einer Kultur, sowenig wie das Zeughaus für verwendbare Kenntnisse und Werte, sondern sie ist die Macht der tiefsten Bewahrung seiner erd- und bluthaften Kräfte als Macht der innersten Erregung und weitesten Erschütterung seines Daseins.” [ 22 ]

Wer Heidegger liest, kann sich dem Eindruck nicht entziehen, daß dieser Philosoph von Anfang an über den Nationalsozialismus hinaus gedacht hat, insofern er nämlich nicht nur wie die gewöhnlichen Nazis vom Endsieg geträumt hat als der Erlösung und endgültigen Erringung von Macht und Wohlstand für die Deutschen, sondern dieses Wunschdenken auf einer höheren Abstraktionsebene abbildet, wo es in der Sprache einer Ontologie des Werts beschrieben werden kann: Arbeit und Kampf für diesen Staat heißt, der Übermacht des Seienden zu wehren, um dem Sein gerecht zu werden; heißt, der Überproduktion von Gebrauchswerten und dem Überschuß an Arbeitskräften Vernichtung und Krieg entgegensetzen und mit Kapital und Staat sich so zu identifizieren, daß der Verwertung des Werts neue Bahn gebrochen wird: “Erschwerung gibt den Dingen, dem Seienden, das Gewicht zurück (das Sein).” [ 23 ]

Heidegger hatte mit seiner Philosophie also kaum durchschlagenden Erfolg im Dritten Reich: sie erscheint vielmehr als Staat im Staate, als kleines Drittes Reich inmitten des großen. Und die ungetrübte Harmonie zwischen beiden währte nur kurze Zeit. Victor Farias hat in seiner grundlegenden Studie über Heidegger und den Nationalsozialismus das Schicksal dieser Philosophie mit der Niederlage der linken Nazis der SA in Zusammenhang gebracht, die durch die sogenannte Nacht der langen Messer besiegelt wurde. Farias sieht Heidegger geradezu als philosophischen Repräsentanten dieser Fraktion des Nationalsozialismus, und leitet diese Position aus dessen antibürokratischer Auffassung der nationalsozialistischen Revolution ab: “Heidegger hatte sich die Überzeugung Röhms zu eigen gemacht, daß der Versuch, sich im bürokratischen Staatsapparat einzurichten und ihn funktionstüchtig zu erhalten, keineswegs die ‘vollständige Umwandlung des deutschen Daseins’ darstellte.” [ 24 ] Farias zitiert in diesem Zusammenhang Heideggers eigene Darstellung des Rücktritts vom Freiburger Rektorat, worin explizit auf das Datum des “Röhm-Putsches” Bezug genommen wird: “Ich war mir über die möglichen Folgen der Amtsniederlegung im Frühjahr 1934 klar; ich war mir darüber vollends klar nach dem 30. Juni desselben Jahres. Wer nach dieser Zeit noch ein Amt in der Leitung der Universität übernahm, konnte eindeutig wissen, mit wem er sich einließ.” [ 25 ]

Die vielen Tage und Nächte der Verfolgung von Juden und Jüdinnen seit 1933 hatten also dem Philosophen offenkundig noch garantiert, daß er als Nationalsozialist mit den Richtigen, mit der deutschen Revolution sich einließ. Darum auch bedeutete die Amtsniederlegung keineswegs eine Abkehr vom Nationalsozialismus. Heidegger blieb nicht nur Parteimitglied bis zuletzt, sondern suchte von der unbürokratischeren Position des reinen Philosophen aus weiterhin den ursprünglichen Gedanken der nationalsozialistischen Revolution wachzuhalten. Gerade in der unmittelbaren Vorbereitung und in der Durchführung des Vernichtungskriegs sollte er bald nach 1934 die erneute Möglichkeit einer vollständigen Umwandlung des deutschen Daseins erblicken. Davon legen bereits die Vorlesungen zur Einführung in die Metaphysik von 1935 und noch, ja in verstärktem Maß die Vorlesungen über Heraklit von 1943/44 Zeugnis ab. “Rußland und Amerika sind beide, metaphysisch gesehen, dasselbe; dieselbe trostlose Raserei der entfesselten Technik und der bodenlosen Organisation des Normalmenschen.” [ 26 ] Alle bedrohlichen Aspekte der abstrakten Seite der Warenproduktion, der Verwertung des Werts und der industriellen Massenproduktion, werden zwar nicht personifiziert im Judentum, aber projiziert auf Amerika und Rußland. Heideggers Philosophie gelingt es immer präziser all jene Aufgaben zu erfüllen, die sonst dem Antisemitismus zukommen: “Die vorherrschende Dimension wurde die der Ausdehnung und der Zahl ... All dieses steigerte sich dann in Amerika und Rußland in das maßlose Und-so-weiter des Immergleichen und Gleichgültigen soweit, bis dieses Quantitative in eine eigen Qualität umschlug.” [ 27 ] – “Nunmehr ist dort die Vorherrschaft eines Durchschnitts des Gleichgültigen nicht mehr etwas Belangloses und lediglich Ödes, sondern das Andrängen von Solchem, was angreifend jeden Rang und jedes welthaft Geistige zerstört und als Lüge ausgibt. Das ist der Andrang von jenem, was wir das Dämonische (im Sinne des zerstörerisch Bösartigen) nennen.” [ 28 ] Hier ist Heidegger ganz nahe an der anstisemitischen Personifizierung – Richard Wagner etwa sprach von “dem Juden” als dem “plastischen Dämon des Verfalls der Menschheit” [ 29 ]. Aber auch hier weicht Heidegger doch vor der eindeutigen Identifizierung zurück und beschwört stattdessen die Identität, die diesem Dämonischen den Garaus bereiten soll: “Wir liegen in der Zange. Unser Volk erfährt als in der Mitte stehend den schärfsten Zangendruck, das nachbarreichste Volk und so das gefährdetste Volk und in all dem das metaphysische Volk. Aber aus dieser Bestimmung, derer wir gewiß sind, wird sich dieses Volk nur dann ein Schicksal erwirken, wenn es in sich selbst erst einen Widerhall, eine Möglichkeit des Widerhalls für diese Bestimmung schafft und seine Überlieferung schöpferisch begreift. All das schließt in sich, daß dieses Volk als geschichtliches sich selbst und damit die Geschichte des Abendlandes aus der Mitte ihres künftigen Geschehens hinausstellt in den ursprünglichen Bereich der Mächte des Seins.” [ 30 ]

Diese Ontologie des Vernichtungskriegs verstärkte sich in den letzten Jahren des Dritten Reichs – je aussichtsloser die Situation für den Staat wurde, desto größer die Hoffnung auf die Mächte des Seins: so wurde Heidegger zum Durchhaltephilosophen par exellence. “Wir wissen heute, daß die angelsächsische Welt des Amerikanismus entschlossen ist, Europa, und d.h. die Heimat, und d.h. den Anfang des Abendländischen, zu vernichten... Was immer und wie immer das äußere Geschick des Abendlandes gefügt werden mag, die größte und eigentliche Prüfung der Deutschen steht noch bevor, jene Prüfung, in der sie vielleicht von den Nichtwissenden gegen deren Willen geprüft werden, ob sie, die Deutschen, im Einvernehmen sind mit der Wahrheit des Seyns, ob sie über die Bereitschaft zum Tode hinaus stark genug sind, gegen die Kleingeisterei der modernen Welt das Anfängliche in seine unscheinbare Zier zu retten ... Das Wesen des Menschen ist aus den Fugen. Nur von den Deutschen kann, gesetzt, daß sie ‘das Deutsche’ finden und wahren, die weltgeschichtliche Besinnung kommen. Das ist nicht Anmaßung, wohl aber ist es das Wissen von der Notwendigkeit des Austrages einer anfänglichen Not.” [ 31 ]

Hirte des Seins: Philosoph des Postfaschismus

Im Dezember 1944 schrieb Martin Heidegger – auf der Flucht aus dem zerbombten und von den Alliierten ‘bedrohten’ Freiburg – ins Gästebuch eines Freundes: “Anderes denn ein Verenden ist das Untergehen. Jeder Untergang bleibt geborgen in den Aufgang.’” [ 32 ] So bleibt Heidegger Hitler treu bis zuletzt – und doch befindet sich sein Denken schon wieder im Vorlauf. Seine Philosophie ist nicht nur die diskrete Philosophie des Nationalsozialismus, sonderen ebenso die aparte Philosophie des Postfaschismus; Heidegger ist nicht allein der Hitler, sondern ebenso der Adenauer und Kohl des Denkens. Er ist der ideelle Gesamtdeutsche des 20. Jahrhunderts.

Diese Doppeldeutigkeit der Philosophie der dreißiger Jahre bezeichnet Heidegger selbst als seine “Kehre”. In dem Aufsatz über “Nietzsches Wort ‘Gott ist tot’” von 1943 werden nun wirklich die Weichen für die Nachkriegsphilosophie gestellt. Während er zur selben Zeit in den Heraklit -Vorlesungen noch auf den Endsieg hofft – darauf, daß die Deutschen im Einvernehmen mit der Wahrheit des Seins seien, heißt es hier, wo Nietzsche als eine Art Chiffre für Hitler fungiert, “jeder Weg zur Erfahrung des Seins” sei “ausgelöscht” [ 33 ]: “Mit dem Sein ist es nichts.” [ 34 ] Das ist die Enttäuschung über die sich abzeichnende Niederlage Deutschlands. Aber Heidegger weiß daraus einen Nutzen zu ziehen: Dem nationalsozialistischen Deutschland wird es plötzlich als Verdienst angerechnet, das Zeitalter der Subjektivität, des Nihilismus vollendet und damit dessen Überwindung, die Überwindung der Seinsvergessenheit, als Möglichkeit gerettet zu haben. Darin sieht er die Bedeutung Nietzsches und wie sich aus seinen aktuellen Anspielungen erkennen läßt: Hitlers. Deren Umwertung der Werte, deren theoretischer und praktischer Nihilismus verharre selbst noch innerhalb der Metaphysik, und demonstriere, daß in ihr die Wahrheit des Seins ausbleibe. Gerade darin aber könnte – in der nachträglichen Legitimation des Vernichtungskriegs – das Einvernehmen mit der Wahrheit des Seins bestehen: sichtbar gemacht zu haben, daß sie ausbleibe. Indem der bereits postfaschistische Philosoph statt auf sichtbare Werte auf das verborgene Sein sich bezieht, statt der Werte also den Wert, beschwört, ist er der deutschen Gesellschaft wie immer ein Stück voraus.

“Das Wesen des Nihilismus beruht in der Geschichte, der gemäß es im Erscheinen des Seienden als solchen im Ganzen mit dem Sein selbst und seiner Wahrheit nichts ist, so zwar, daß die Wahrheit des Seienden als solchen für das Sein gilt, weil die Wahrheit des Seins ausbleibt... Das Sein kommt nicht an das Licht seines eigenen Wesens. Im Erscheinen des Seienden als solchen bleibt das Sein selbst aus. Die Wahrheit des Seins entfällt. Sie bleibt vergessen.” [ 35 ] Wenn die Wahrheit des Seins ausbleibt, so heißt es nicht, daß es sie nicht gibt, aber das Dasein verliert offenkundig Entschlossenheit: “Mit dem Beginn des Kampfes um die Erdherrschaft treibt das Zeitalter der Subjektivität in seine Vollendung. Zu ihr gehört, daß das Seiende, das im Sinne des Willens zur Macht ist, seiner eigenen Wahrheit über sich selbst nach seiner Weise in jeder Hinsicht gewiß und deshalb auch bewußt wird.” [ 36 ] “Das Sein selbst entzieht sich in seine Wahrheit. Es birgt sich in diese und verbirgt sich selbst in solchem Bergen.” [ 37 ] Indem das deutsche Volk sich demnach in den ursprünglichen Bereich der Mächte des Seins hinausgestellt hat, ist es zum “Hirten des Seins” geworden. Aus dem Vernichtungskrieg des Nationalsozialismus geht es als bloße Funktion der Seinsgeschichte hervor – gehorsame Antwort auf den Ruf des Seins.

Es gibt keinen Bruch in Heideggers Entwicklung, sondern einen ständigen Integrationsprozeß: jede Erfahrung, die der Philosoph machen könnte, wird sofort dem ontologischen Wahngebilde integriert und erzeugt eine neue Konstellation von Dasein, Seiendem und Sein. Vor allem aber macht sich nun bezahlt, daß Heidegger sein Abstraktionsniveau nie verlassen und auf die Personifizierung des real Abstrakten im Judentum immer verzichtet hat. Dadurch kann er seine Vorstellungen von Amerika und Rußland unbeschadet und unzensiert in die Nachkriegszeit retten. Im Briefwechsel mit Herbert Marcuse ist es ihm darum ein Leichtes, das Schicksal der Juden vor 1945 einfach mit dem der Ostdeuschen nach 1945 gleichzusetzen und auszutauschen. Damit hat Heidegger das Geheimnis der Totalitarismustheorie begriffen, ohne sie gegen das nationalsozialistische Deutschland wenden zu müssen: “Zu den schweren berechtigten Vorwürfen, die Sie aussprechen ‘über ein Regime, das Millionen von Juden umgebracht hat, das den Terror zum Normalzustand gemacht hat und alles, was ja wirklich mit dem Begriff Geist und Freiheit u. Wahrheit verbunden war, in sein Gegenteil verkehrt hat’, kann ich nur hinzufügen, daß statt ‘Juden’ ‘Ostdeutsche’ zu stehen hat und dann genauso gilt für einen der Alliierten, mit dem Unterschied, daß alles, was seit 1945 geschieht, der Weltöffentlichkeit bekannt ist, während der blutige Terror der Nazis vor dem deutschen Volk tatsächlich geheimgehalten worden ist.” [ 38 ] Heidegger befreit das deutsche Volk und damit sich selbst von der Schuld, an den Verbrechen des Dritten Reichs mitgewirkt zu haben, und stellt das Volk und sich im selben Sinn als Opfer der Nazis wie als Opfer der Alliierten hin. Er ist zweifellos der geeignete Mann dazu, hat er doch immer schon die deutsche Volksgemeinschaft beschworen und ebenso hartnäckig über jene geschwiegen, deren Verfolgung und Vernichtung die Voraussetzung von Volksgemeinschaft ist.

Anmerkungen

[ 1 ] Martin Heidegger: Sein und Zeit. 17. Aufl. Tübingen 1993, S.384
[ 2 ] Ebd. S.384
[ 3 ] Ebd. S.384
[ 4 ] Ebd. S.266
[ 5 ] Ebd. S.386
[ 6 ] “In der Zirkulation G – W – G funktionieren dagegen beide, Ware und Geld, nur als verschiedne Existenzweisen des Werts selbst, das Geld seine allgemeine, die Ware seine besondre, sozusagen nur verkleidete Existenzweise. – Er geht beständig aus der einen Form in die andre über, ohne sich in dieser Bewegung zu verlieren, und verwandelt sich so in ein automatisches Subjekt.” Karl Marx: Das Kapital. Bd.1. Marx-Engels-Werke (MEW) Bd. 23. Berlin/DDR 1977, S. 169
[ 7 ] Heidegger, Sein und Zeit,S.2
[ 8 ] Ebd. S.3
[ 9 ] Ebd. S.382f.
[ 10 ] Martin Heidegger: Die Grundbegriffe der Metaphysik. Frankfurt am Main 1983, S.243-256
[ 11 ] Martin Heidegger: Rede bei einer Kundgebung der Universität Freiburg aus Anlaß einer Rede Hitlers zu Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund. In: Breisgauer Zeitung, 18.5.1933, S.3; zit.n. Viktor Farias: Heidegger und der Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1989, S.175
[ 12 ] Martin Heidegger: Die Selbstbehauptung der deutschen Universität. 2. Aufl. Breslau 1934, S.14f.; zit.n. Farias S.159
[ 13 ] [Martin Heidegger: Vorlesung über die Grundfrage der Philosophie] Vorlesungsnotizen von Helene Weiss, aus dem Nachlaß von Helene Weiss (Prof.Ernst Tugendhat, Berlin); zit.n. Farias S.191
[ 14 ] Ebd. S.193
[ 15 ] Ebd. S.195
[ 16 ] Martin Heidegger: Die Universität im nationalsozialistischen Staat. In: Tübinger Chronik, 1.12.1933; zit.n. Farias S.209
[ 17 ] Brief an Hannah Arendt vom Winter 1932/33. In: Hannah Arendt / Martin Heidegger: Briefe 1925 bis 1975. Hg.v.Ursula Ludz. 2. Aufl. Frankfurt am Main1999. S.68f.
[ 18 ] Heidegger, Die Universität im nationalsozialistischen Staat, zit.n. Farias S.205
[ 19 ] Martin Heidegger: Einführung in die Metaphysik. Tübingen 1953, S.28f.
[ 20 ] Adolf Hitler: Mein Kampf. 111. Auflage. München 1934. S.782
[ 21 ] [Martin Heidegger: Vorlesung über die Grundfrage der Philosophie] Vorlesungsnotizen von Helene Weiss; zit.n. Farias S.190
[ 22 ] Heidegger, Die Selbstbehauptung der deutschen Universität, zit.n. Farias S.157
[ 23 ] Martin Heidegger: Einführung in die Metaphysik. Tübingen 1953, S.8
[ 24 ] Farias S.255
[ 25 ] Martin Heidegger: Das Rektorat 1933/34. Tatsachen und Gedanken. In: Die Selbstbehauptung der deutschen Universität. Frankfurt am Main 1983, S.40
[ 26 ] Heidegger, Einführung in die Metaphysik, S.28f.
[ 27 ] Ebd. S.35
[ 28 ] Ebd.
[ 29 ] Richard Wagner: Erkenne Dich selbst. In: Gesammelte Schriften. Hg.v. Julius Kapp. Leipzig o.J. [1914] Bd. 14, S.189f.
[ 30 ] Heidegger, Einführung in die Metaphysik, S.29
[ 31 ] Martin Heidegger: Heraklit. In: Gesamtausgabe Bd.55. Frankfurt am Main 1979, S. 123
[ 32 ] Zit.n. Farias S.370
[ 33 ] Martin Heidegger: Nietzsches Wort Gott ist tot’ . In: Holzwege. 7.Aufl. Frankfurt am Main 1994, S.258
[ 34 ] Ebd. S.259
[ 35 ] Ebd. S.264
[ 36 ] Ebd. S.257
[ 37 ] Ebd. S.265
[ 38 ] Korrespondenz Martin Heidegger / Herbert Marcuse im Nachlaß Herbert Marcuses. Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main; zit.n. Farias S.374

aus: Arbeitskreis Antisemitismus (Hg.), Deutsche Normalität und Antisemitismus. Eine Einführung, Freiburg (ça-ira Verlag) 2001

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