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Kleine Expedition ins neuere afrikanische Bewußtsein

Helmut Reinicke

Rodungen

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts kam eine eigentümliche Metapher in Deutschland auf, die des dunklen, inneren Afrika. Als Entdeckung des Fremden im Eigenen löst sie jene Indianerstämme in Paris ab, Mohikaner oder Irokesen, die noch Eugene Sué bei seinen Streifzügen durch diese Wildnis vorfand und die sich dann als die neue Klasse des Proletariats entpuppten. Joseph Conrad gerät dann 1902 mit Heart of Darkness der Enthüllungsroman des Jahrhunderts; Werner Sombart hatte vorweg das “dunkle Afrika” thematisiert; Siegfried Kracauer unternimmt eine Expedition in sein Inneres, ins Dickicht der großen Städte. Expeditionen fuhren dann aus, um das Fernste in nächster Nähe zu erkunden; das Interieur des bürgerlichen Wohnzimmers enthüllt sich als Raum für Orgien mit Aktien oder das Sofa als Schlachtbank für die Tante (Walter Benjamin). Die Erkenntnistheorie wird ein Abenteuer der Dialektik des Konkreten.

Die weißen Flecken auf der Landkarte sind zwar verschwunden, doch die Dunkelheit des Inneren der Welt hat sich über den ganzen Erdball zusammengezogen. Afrika ist überall - und: es wird allüberall immer dunkler. Am Ende der Erkenntnistheorie möchte stehen: Die übersichtliche Undurchschaubarkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse ist das neue Verhängnis; nicht mehr die Dominanz von Unterdrückung und Knechtschaft. Die Verhältnisse sind mittlerweile auf der Höhe einer Verdinglichung, wie Lukács sie 1923 unter dem Aspekt der Konstitution von Klassenbewußtsein hervorhob; die “reelle Subsumtion der Menschen unters Kapital” (Marx) ist epochal geworden.

Dieses innere Afrika wird immer dunkler, je weiter die Eroberungen vorstoßen. Auch in der Prosa oder den Reiseberichten - schließlich in den Selbstreflexionen - rückt man sich als fremder Volksstamm zu Leibe. Man kann von Glück sagen, wenn man sich dadurch fremder wird -, das ist das Geheimnis des Dunkels des gelebten Augenblicks. Die terra incognita der Bewußtlosigkeit weitet sich aus: Ein Terrain der permanenten Expansion, nachdem die Restbestände proletarischen Klassenbewußtseins vertilgt sind. Die Fläche ist der gesamte Globus; neue Räume der Okkupation sind Luft, Erde und Seele. Es sind Rodungswellen der Körper und des Bewußtseins, die über die Erde dahingehen, schließlich auch deren Innenräume erfassen, zentripedal sich verdichten. Außerkapitalistische Milieus werden aufs neue konstituiert, nachdem sie verschwunden waren; wiederum als die Herstellung neuer Räume zur kapitalistischen Akkumulation.

Diese Rodungswellen bedürfen der allgemeinen Zustimmung; daher die Inflation des neudeutschen “Konsens” - Rentenkonsens, Standortkonsens, Nuklearkonsens, gar Konsenskapitalismus. Hier müssen Werte herhalten, welche diese Transformationen dem Alltagsbewußtsein einschreiben.

Werte

Fangen wir mit den Werten an. Über Werte wird gesprochen, wenn eine Gesellschaft auflösende Tendenzen zeigt, kurz, wenn ökonomische Krisen die Auflösung überkommener Gerechtigkeit oder Sittlichkeit hervorrufen. So kam mit der derzeitigen großen Arbeitslosigkeit die Sinnfrage auf, gestellt durch die Regierungspartei. Fragen nach Sinn und Werten wollen verdecken, was Kant den “Antagonism” nennt, Formen der ungeselligen Geselligkeit, also, Marxisch ausgedrückt, den Klassenantagonismus, den Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital. Als US-Präsident Reagan die Wirtschaft ankurbelte und durch eine abenteuerliche Hochzinspolitik die Leute ruinierte, wurde die aufkommende soziale Ungerechtigkeit durch eine Wertediskussion in der amerikanischen Philosophie und Soziologie aufgefangen, die nach der Verantwortung frug. Diese Debatte hat sich mittlerweile hierher verschoben unter dem Namen Kommunitarianismus. Welche neuen Werte benötigen wir, um das Gemeinwesen zusammenzuhalten? Es ist eine Debatte auf der Zirkulationsebene der Gesellschaft; die zentrifugalen Tendenzen der Produktion, die Neuaufteilung der Welt durch Formen neuen Reichtums, durch neue Formen des Finanzkapitals, werden hierdurch unzugänglich und verdeckt. Wir treiben uns auf der Erscheinungsseite der Gesellschaft herum und bestätigen dadurch den Fortlauf jener Kräfte, welche Kulturen zerstören und eine steigende weltweite Arbeitslosigkeit und Migration hervorbringen.

Ähnlich bestimmt sich die Technologiefolgendiskussion. Seit einigen Jahren haben Studien, Projekte usw. über Technologiefolgenabschätzungen Hochkonjunktur. Letztlich begründet sich diese Debatte nicht etwa in der verantwortlichen Entblößung permanenter Miseren, vielmehr durch die Antinuklearbewegung. Diese zeigte, daß die Kosten der Nukleartechnik durch ihre bewußte Störung ins Unermeßliche gehen können, zudem die Gefahren dieser hochprofitlichen Machenschaften ins Bewußtsein der Leute. So kam es zur staatlich finanzierten Technologiefolgendiskussion, wobei der Staat der Wirtschaft, hier der Nuklearwirtschaft, Gratisprofite zuschießt, indem er ihre Interessen verwaltet. Diese Diskussion verläuft wiederum auf der Zirkulationsebene. Nicht Technik und ihre sozialen Herrschaftsformen als Technologien werden seziert, vielmehr das gesellschaftliche Resultat der möglichen Destruktivität erwogen und berechnet unter dem Aspekt von Kostenminderung und Bewußtseinsverhinderung. Die mögliche Qualität destruktiver Technik verschwindet in der quantitativen Kalkulierbarkeit ihrer Folgen. Ergebnis: “Wir” müssen uns der “Risiken” bewußt sein. Dies steckt hinter dem soziologischen Renner von Ulrich Becks “Risikogesellschaft”. So bleibt das Risiko als Konstante im Alltagsbewußtsein, statt aus der Welt zu verschwinden. Der Castor-Transport hat zudem die SPD bestätigt: Die Grünen müssen in die Regierung gehoben werden; dies ist Kostenreduzierung gemäß der Logik der Technologiefolgendiskussion.

Technologiefolgen

Im Kontext der Technologiedebatte wird namentlich den Informationstechnologien ein nahezu emanzipativer Raum zugewiesen. Hier kann sich die Kommunikation austoben hin zum Guten, denn kommunikatives Handeln, so das mittlerweile herrschende Wissenschaftsbewußtsein, setzt Konsens. Dissens und Konsens sind die ideologischen Wertekategorien unserer Zeit, die höhere Form der Bauernfängerei. Je mehr die Menschen Information konsumieren und kommunizieren, um so aufgeklärter würden sie, desto mehr setzten sich demokratische Werte. In der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft ist diese Fortschrittskonzeption, welche - bereits in der Einheit von Bibel und Kattun - die Eroberung neuer Räume begleitet und sie begründet, nichts Neues. Die Einrichtung jeder neuen Schlachtbank auf Erden in der Suche nach neuen Räumen zur Ausbeutung, sei es über Gold, Menschen, Öl, Rinder oder die Luft zum Atmen, war von einem Gemütstaumel des Guten und Schönen begleitet. Als Jakob Forster - einer der liebenswürdigsten deutschen Aufklärer und Jakobiner - auf seiner Weltreise mit Captain Cook vor Anchorage in Alaska vor Anker lag, räsonierte er über den Fortschritt in Zivilität und Völkerfreundschaft durch den nun möglichen Warenhandel zwischen “Eskimeaux” und “Chinesern”. Ähnlich sekundiert der gigantischen Expansion des Internet in neue Zeiten und Räume ein Überhang insinuierter emanzipatorischer Kommunikation. Information und Kommunikation sind die Blendwerke der gegenwärtigen Ideologiebildungen - in den neuen Technologien haben sie sich bereits als konstantes Kapital in der Trägerschaft von neuen Formen des Finanzkapitals vergegenständlicht. In der Zusammenpressung von Zeiten und Räumen in immer kleinere Einheiten liegt das Geheimnis des gegenwärtigen Primats der Zirkulation über die Produktion. Träger dieses neuen Prozesses sind die Informationstechnologien.

Kennzeichnend für diese Ideologie ist der Jargon, der diese kommunikatorischen Tendenzen begleitet: Surfen im Internet; Datenautobahn etc. Dieser Jargon will glauben machen, wir hätten es mit sportiven Partnerspielchen zu tun. Auch hier haben wir - wie angesichts der Verdummungskampagnen in den Medien etwa durch Werbung oder Volksmusik - die Produktion neuer Ideologien zur Einstimmung auf “gewaltige” Technologiefolgekosten. Die Brutalität dieser Datenautobahnen ist nicht nur unerschöpflich, sondern Strukturelement dieser Technologien; die Technik deckt auch hier ein Potential an Destruktivität auf, das ihr selbst immanent ist. Noch vor kurzer Zeit ungeahnte Brutalitätswellen gehen in jeder Form von Sexismus durchs Internet; daß man sich hier Landsknechte und Killer bestellen kann, wie in dem renommierten Söldnerorgan “Soldier of Fortune” ist Beiherspiel. Eine Form von repressiver Entsublimierung als gesellschaftliche Brutalisierung beginnt das Bewußtsein in Besitz zu nehmen. Die Medien machen die Lenden halbwüchsiger Mädchen zum Schönheitsideal von Frauen. Dies sind nicht mehr Männerphantasien, sondern gesamtgesellschaftliche und ökonomische Perfidien. Sie stilisieren Mädchen und Knaben zum Ziel jener Brutalität des neuen kommunikativen Handelns im Internet. Dieser lancierte “Kindesmißbrauch”, wie es abgemildert heißt - es ist potentieller und produzierter Sexualmord -, ist die alltägliche Produktion dieser Gesellschaft. Wenn eine Gesellschaft große Teile ihrer Bevölkerung durch Arbeitslosigkeit auslagert und durch die Verschiebung der Sexualität auf Gewalt, statt befreiender Lust, Phantasie und Ökonomie verbindet, dann belegen diese Kommunikations- und Herrschaftsformen nicht mehr nur ein “Unbehagen” an der Kultur, wie Freud noch vorsichtig formulierte - dann ist Kultur bereits im Nerv getroffen: in der Struktur der Reproduktion selber. Die Auslagerung großer Teile der Bevölkerung als nutzloser Sozialversicherungsballast erheischt eine gigantische Werteproduktion für die “heile” Welt. Soziale Gewalt gegen Kinder negiert die Gattung selber. Die Gewaltförmigkeit von Technik und Kommunikation belegen die Abenddämmerung einer Gesellschaft. Dieses ist das dunkle Afrika, das zu entdecken wir ausreisten. Selbstanzeigen konkreten Denkens.

In den zwanziger Jahren kam der Reportage nicht nur großer literarischer Rang zu, sie wurde zugleich die scharfe Lanze sozialwissenschaftlicher Kritik. Ein Taumel fürs Konkrete war aufgekommen, der sich philosophisch in der Phänomenologie, zumal der Heideggers, offerierte. Siegfried Kracauer spitzt in seiner großen soziologischen Analyse, “Die Angestellten”, zu: “Ein Hunger nach Unmittelbarkeit, der ohne Zweifel die Folge der Unterernährung durch den deutschen Idealismus ist.” Die Reportage konnte sich als kritisches Medium dieser Konkretheit annehmen und durch die Unmittelbarkeit des Ausdrucks sich am ehesten “des ungestellten Lebens bemächtigen”. Freilich ist diese Unmittelbarkeit vorab Ideologie; sie steckt in der Unterschlagung der Reflexion, daß das Konkrete, zumal das gesellschaftlich Abstrakte, ein Vermitteltes ist. Wird die gesellschaftliche Produktion dieses Konkreten unter den Tisch gekehrt, so bleibt die Leere jenes hohlen Bauches übrig, der heute immer wieder als Leerraum für alle erdenklichen “Betroffenheiten” herhalten muß. Deshalb steckt gerade in der Manifestation des Konkreten, als des eigentlich Gesellschaftlichen, die Verdunkelung des Bewußtseins. Die großen Reportagen dagegen Egon Erwin Kischs, Joseph Roths oder Siegfried Kracauers sind immer gesellschaftliche Reflexionsform auch des Details, des Abgedrängten, des Ausgesonderten, des Lumpigen und Weggeworfenen. Es sind gesellschaftliche Reflexionen als Mikrologien. Kracauer warnt bereits scharfsinnig vor der Flucht ins Konkrete: “Der Abstraktheit des idealistischen Denkens, das sich durch keine Vermittlung der Realität zu nähern weiß, wird die Reportage als die Selbstanzeige konkreten Denkens entgegengesetzt.”

Diese Selbstanzeige konkreten Denkens produzieren heute die Medien im Konstrukt eines schönen falschen Scheins. Die Ideologisierung hat sich verdoppelt; sie ist bewußt produziert. Letztlich ist alles Reportage und als solche Konstrukt, Kolportage. Es gibt deshalb auch keine Ideologie im klassischen Sinne mehr, als notwendig falsches Bewußtsein. Das gegenwärtige Bewußtsein ist immer schon falsch produziert. Die Selbstanzeige konkreten Denkens hat sich radikalisiert zur Selbstanzeige nicht nur des konkreten Denkens als Denken, sondern als des konkreten Seins. Der Betroffenheitskultus ist seine begriffslose Aufspreizung. Übrig bleibt das Konkrete ohne Denken als Selbstanzeige in Permanenz. Damit ist aber auch über das Innere einiges gesagt - es bleibt bei der bloßen Anzeige, der Selbstanzeige, ich habe mich auf das bloße Abstrakte selbst reduziert, das ich anzeige. Das Ich des Descartes, mit dem Erkenntnisanspruch, die Welt aus sich zu entlassen, hat sich dergestalt verdünnt auf die inhaltlose Anzeige - als das “Ich bin auch noch da”. Die Sprachfloskel “ich denke” ist in Inflation. Diese Selbstanzeige ist der Fetisch des Konkreten, der, wie Hegel immer wieder nachweist, das zuhöchst Abstrakte, nämlich Leere ist. Dieser Wahnsinn des Konkreten, als Alltagskultur des begrifflos Abstrakten, der Gemütstaumel permanenter Betroffenheiten und des Warenhimmels als multiple Plastik, gerät durch die neue ursprüngliche Akkumulation - der Dekapitalisierung des Kapitals zu Derivaten - zu einem Kult der Schwärmerei als Legitimationsgeschäft der Kulturindustrie. Die Reservearmeen werden ins Musikantenstadl plaziert. In der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals in der frühen bürgerlichen englischen Geschichte wurden die Bauern gelegt, um auf ihren Ländereien Schafe anzusiedeln; aus den Bauern wurden Lohnarbeiter gemacht. Die gegenwärtige ursprüngliche Akkumulation neuer Kapitalformen stellt sich dar als eine Epoche des Arbeiterlegens. Heute werden Menschen nicht durch Schafe ersetzt, vielmehr werden Arbeiter ersetzt durch Dienstleister. Die Produktion wird zum ökonomisch Zweiten. Zur Durchsetzung der entsprechenden neuen Formen des Finanzkapitals bedarf es gigantischer Anstrengungen konsumistischer Ideologien, die zu exekutieren die Aufgabe der Medien ist.

Machbarkeit

Deshalb ist die Reportage bereits antiquiert. Sie kolportiert sich in das Feature als Betroffenheitschronik der vie scandaleuse des Abenteuers im Konsumismus. Diese Schwärmerei - mit und ohne Drogen - ist der Kick der Erkenntnis des Immergleichen. Hierdurch werden die Menschen auf die Welt des Mitmachens und der - wie es sozialdemokratisch heißt - Machbarkeit eingestellt. Das Abenteuer ist überall, gerade wenn hier, im abenteuerlosen Raum, eine bestimmte Zigarette geraucht oder im Wohnblock die verwaltete Welt als tropische Insel erlebt wird. Das Abenteuer ist da, wo keines mehr sein darf, deshalb ist Afrika allüberall.

Kracauers Angestelltenroman ist von bitterer Aktualität, weil die Zustände, die er beschreibt, sich in stärkeren Kontrast gebracht haben. Psychische Strategien belegen proportional gesellschaftliche Fremdheit. Der Übergang vom Angestellten zum Dienstleister fußt deshalb auf der Einsicht Kracauers und treibt sie voran: “Die wachsende Inanspruchnahme psychischer Erkundungsmethoden, die im Dienst intensiver Wirtschaftlichkeit erfolgt, ist also nicht zuletzt auch ein Zeichen der Fremdheit, die das herrschende System zwischen Arbeitgebern und zahlreichen Angestelltenkategorien setzt.” Mittlerweile ist die Arbeit nicht mehr psychisch erkundend, sondern sie setzt psychische Matrikel, die den Lebensprozeß einhäusen, nicht mehr nur die Arbeit. Diese Dauertherapeutisierung der durch Therapie geschädigten Arbeiter, die aufgrund des Prozesses nicht mehr wissen, daß sie Arbeiter sind, ist Zeichen der Dekomposition des Arbeitsprozesses zu einem Konstrukt von vierundzwanzig Stunden. Auch der Schlaf, seine Pillen und Sehnsüchte, sind dem Alltag unterworfen und dürfen ihn reproduzieren. War zu Beginn der bürgerlichen Gesellschaft die Entfremdung, wie etwa Hegel und Marx sie angriffen, über das dem Arbeiter genommene Produkt der Arbeit reflektiert und aus dieser Einsicht denunziert, so wird Entfremdung durch ihre therapeutische Vernebelung doppelt reproduziert und verordnet.

Freiwillige Verzüchtung

Durch diese Fremdheit bahnt sich der Theoretiker seinen Weg, und er wird wie ehemals zu Beginn der ursprünglichen Akkumulation bei Thomas Morus oder Bacon auf bestimmte Gattungsmerkmale der Species Mensch stoßen, die dann bei Swift als Exponate der ihnen eigenen Wildheit auftreten, so wie bei Joseph Conrad der Wildnishandelsagent Kurtz. Diese Wildnis ist im Dschungel des Konsumismus aufgegangen. Weltumspannende Duftfäden und Markenartikelornamente belegen den Machtanspruch der neuen Kultur. “Die Behauptung ist kaum zu gewagt, daß sich in Berlin ein Angestelltentypus herausbildet, der sich in der Richtung auf die erstrebte Hautfarbe uniformiert. Sprache, Kleider, Gebärden und Physiognomien gleichen sich an, und das Ergebnis des Prozesses ist eben jenes angenehme Aussehen, das mit Hilfe von Fotografien umfassend wiedergegeben werden kann. Eine Zuchtwahl, die sich unter dem Druck der sozialen Verhältnisse vollzieht und zwangsläufig durch die Weckung entsprechender Konsumentenbedürfnisse von der Wirtschaft unterstützt wird.” Diese Zuchtwahl zur richtigen Hautfarbe oder dem vergleichbaren Körpergeruch beugt sich nicht mehr dem paramilitärischen Druck der Unteroffiziershierarchie des Kapitals dem Proletariat gegenüber; sie ist freiwillig geworden. Selbst die freiwillige Selbstverstümmelung des Körpers durch Bräunungsprozeduren ist antiquiert. Die Zuchtwahl ist zur freiwilligen Hingabe übergegangen; es bedarf nicht mehr der Zucht des Körpers hin zur Verstümmelung - das erledigen in spektakulärer Konsumtion die Hochleistungssportler -, sondern der Zucht des Körpers gegen jeden Anschein der Zucht: also zur “Gesundheit”. Die Gesundheit ist die Ideologie der Zucht als die Verlängerung der Dienstleistungen auf den Dienstleister; sozusagen als eigene Gratisleistung. In der Uniformierung von Hautfarbe und Intimgerüchen stecken Raumexpansionen der Dienstleistungsindustrie, die als Bewußtseinsindustrie die Gralsbotschaft der Gesundheit ausbreitet. Auf dieser Ebene ist die Zuchtwahl zur freiwilligen Verzüchtung übergegangen. Die freiwillige Knechtschaft zeigt sich namentlich in der freiwilligen Verzüchtung zur Verjugendlichung. Man kann mit Fug sagen, daß Kracauers Buch, weil es die Angestellten - wiewohl noch unter dem Aspekt ihrer Proletarisierung - sich zum Gegenstand nimmt, die Expedition ausfährt, die erst heute in immer tiefere, weil globalisierte Terrains führt. Der Übergang der Angestellten zu Dienstleistern afrikanisiert gewissermaßen die methodischen Bemerkungen und Mosaiken von Kracauer. So über die Jugend: “So innig sind Tod und Leben ineinander verschränkt, daß man dieses ohne jenes nicht haben kann. Wird also das Alter entthront, so hat zwar die Jugend gewonnen, aber das Leben verspielt. Nichts kennzeichnet mehr die Tatsache, daß man seiner nicht mächtig wird, als das Nachlaufspiel mit der Jugend, die Leben zu nennen ein verhängnisvolles Mißverständnis ist. Es duldet keinen Zweifel, daß der rationalisierte Wirtschaftsbetrieb dieses Mißverständnis begünstigt, wenn nicht erzeugt. Je weniger er sich seines Sinnes sicher ist, desto strenger untersagt er der Masse der erwerbstätigen Menschen die Frage nach seinem Sinn. Wenn aber die Menschen den Blick nicht auf ein bedeutendes Ende richten dürfen, entgleitet ihnen auch das äußerste Ende, der Tod. Ihr Leben, das mit ihm konfrontiert werden müßte, um Leben zu sein, staut sich und treibt zu seinen Anfängen, zur Jugend zurück. Sie, aus der es herkommt, wird zu einer pervertierten Erfüllung, weil die echte Erfüllung verwehrt ist. Die herrschende Wirtschaftsweise will nicht durchschaut sein, darum muß die bloße Vitalität obsiegen. Die Überhöhung der Jugend ist ebenso eine Verdrängung wie die Entwertung des Alters, die über das Maß des Notwendigen hinaus geht. Beide Erscheinungen bezeugen mittelbar, daß unter den gegenwärtigen ökonomischen und sozialen Bedingungen die Menschen das Leben nicht leben.”

Pervertierte Erfüllung

So läßt sich alles Leben in der neuen Epoche des Kapitalismus zusammenfassen: pervertierte Erfüllung. Die Musik, die Gourmetangebote, die Abenteuerreisen, die Folkmusikshows im Fernsehen, das Bier oder der Sprudel, das parfümierte Kondom oder die Ferienreise, Surfen im Internet oder auf der Piste - all dies sind pervertierte Erfüllungen. Um diese pervertierten Erfüllungen auszuhalten, bedürfen die Menschen spezifischer Rituale, Pillen oder Alltagstherapien. Nicht mehr das Schloß Kafkas, in das man nie wird schreiten können, um sich der Kommandowarte zu offenbaren, häust die Menschen ein, vielmehr eigene Verlarvungen. Die Schlösser der Herrschaften über die Hörigkeit sind Gespinste geworden, in denen die Larven sich bei Versuchen des Freistrampelns immer tiefer verstricken. Wenn das Leben sich nur noch als seine eigene pervertierte Erfüllung ausweist, wird nicht gelebt, vielmehr lediglich ein Konstrukt von Leben bewußtlos mitgemacht. Mitmachen ist bereits pervertiertes Leben. Bei den Römern waren Larven nächtlich umherirrende Schreckbilder. Man konnte sich ihnen widersetzen, sie austreiben. Die Nachtzeiten der Gesellschaft verspinnen nunmehr den Alltag. Auch der Sinn des Lebens wird durch die manipulative Verordnung von Sinn als Ethik - sei es zur Hautreinheit, zum Kinderkriegen oder genmutiertem Soja - zur Ware. Der Sinn des Lebens kann je nach Geldbeutel und Fernsehkanal spezifiziert eingestrichen werden. Dadurch werden die Pervertierungen unkenntlich gemacht. Das Leben angesichts dessen, was heute mit dem Machtanspruch der avanciertesten Kapitalfraktion ‚Globalisierung’ heißt, dieses Leben wird sich seine Erfüllung in zunehmender Weise verordnen lassen: zur freiwilligen Exekution seiner pervertierten Erfüllung.

Das Zusichkommen der Pervertierung, das jene Verlarvung nicht durchbricht, ist das Sichabseitsstellen. Es ist eine Zurschaustellung, die zeigt, daß das Leben auf dem Wege seiner Verordnung stehengeblieben ist; daß die Versuche, es zu leben, irgendwo abgebrochen wurden. Vielleicht ist dieser Abbruch der ostentative Versuch, dieses Leben noch als Leben auszuweisen. Die Zurschaustellung von beschädigtem Leben enthält noch das Moment des Resistancehaften, daß die Fortführung der pervertierten Erfüllung nicht mehr mitgemacht wird. Auf diese Einsicht könnte man die Versuche zurückführen, wie sie die Kampagnen der Deschizophrenisierung politisch begleiteten, also die italienischen Versuche der Entkasernierung des Irreseins oder die Heidelberger Aktionen des Sozialistischen Patientenkollektivs zu Beginn der siebziger Jahre. Diese Versuche zeigten indessen, daß das Zurschaustellen von Beschädigungen zwar Protest sein, jedoch dieser selbst - gewissermaßen als aufgehaltener Vollzug falscher Vergesellschaftung - nicht umstandslos in politisches Bewußtsein umgemünzt werden kann. Marcuses triebbiologisches Bedürfnis nach Befreiung findet an dieser Stelle seine Begrenzung. So mag sich zwar nicht viel ändern, auch für die Akteure, wenn sie den Anforderungen Trotz bieten. Dennoch wird der Gesellschaft vorgehalten, was ihre unverstellte Wahrheit ist. Auch in der Banalität des Steckenbleibens offenbaren sich Züge des Grauens, die der gesellschaftlichen Totalität immanent sind. Dies hat in der frühen Romantik am schärfsten E. T. A. Hoffmann mit seinen, wie Hegel sozialversöhnlerisch herabwürdigt, “fratzenhaften” Figuren geahnt. Kracauer hält diesen der bürgerlichen Gesellschaft struktiven Zug fest: “Es gibt eine Menge phantastischer E. T. A. Hoffmann-Figuren unter den Angestellten vorgerückten Alters. Irgendwo sind sie steckengeblieben und erfüllen seitdem ununterbrochen banale Funktionen, die alles andere eher als unheimlich sind. Dennoch ist es, als seien diese Menschen in eine Aura des Grauens gehüllt. Sie strömt von den verwesten Kräften aus, die innerhalb der bestehenden Ordnung keinen Ausweg gefunden haben.”

Von dieser Aura des Grauens werden zunächst die heute entstehenden Global Cities befreit. Bankhochhäuser und die Konfektionshallen des Warenumschlags dulden nur die Aktualität des produzierten Mainstreams. Es gehört zur ökonomischen Zurschaustellung des Lagers der Macht, daß es sich in Hygiene präsentiert. Deshalb begrenzt es sich, indem es auslagert. Die ökonomische Zurschaustellung der Macht verbirgt somit ihr eigenes und innerstes Geheimnis. Erst am Rande dieses Lagers darf die Balkanisierung der Gesellschaft, wenn auch in der ästhetischen Form multikulturellen Klamauks, sich zu Wort melden.

Mitmachen

Als sich bäuerliche und proletarische Arbeit noch überschnitten, war der Tagesablauf eingeteilt in Werkeltag - so pointiert Marx im Kapital - und Feierabend. Mittlerweile ist der Feierabend zum Alltag geworden, und der Werkeltag wird tendentiell zum Feiertag gemacht; nicht nur weil immer weniger in die Gunst kommen, ihn zu bestreiten, sondern weil es beriebstherapeutisch erheischt ist. So schlägt die sogenannte Freizeit in die Arbeitszeit über, und die Arbeitszeit hat schon die Verbrämung dessen, was einen in der Freizeit erwartet. Da die Arbeitszeit zum gesellschaftlichen Privileg stilisiert wird, kommt der Freizeit immer mehr die Aufgabe zu, die gesamtgesellschaftliche Reproduktion zu legitimieren und das Leben mit einem schönen Schein zu umwinden, der es lebenswert macht. Hierzu müssen die Mitmachenden mitmachen wollen. Sie tun dies, indem sie die Scheinwelt beim Wort nehmen und sich in ihr als Realität einnisten. So wird die Welt zur Seifenoper und die Wirklichkeit zu deren lästigem Abhub. Wie der Soldat mit Marschmusik im Takt gehalten wird, besser marschiert und auch besser dreinhaut, so der Mensch als Freizeitobjekt zu den ausgekünstelten und mittels der Umfrageindustrie hergestellten Takten zum Mitmachen und Weitermachen. Die Mechanismen der freiwilligen Knechtschaft setzen sich mittlerweile mittels Taktvorgabe weltweit fort. Korporationen von nationalen und internationalen Fernsehgesellschaften aus allen Erdteilen schieben das Medienspektakel - gewürzt mit einer Schar Waisenkinder und schwarzen Politikern und einer Prise exotischer Folklore - in den Alltag zugunsten seiner besser lenkbaren Reproduktion. Es ist diese Funktion von Musik, die Kracauer angelegentlich des “Heimchens” beschreibt. “Ich gedenke eines Mädchens, das von seinen Freundinnen ‘Heimchen’ genannt wird. Heimchen ist ein am Gesundbrunnen wohnhaftes Proletarierkind und arbeitet in der Registratur einer Fabrik. Der Zauber des bürgerlichen Lebens erreicht sie gerade noch in seiner schäbigsten Gestalt, und gedankenlos nimmt sie alle Segnungen auf, die von oben herabträufen. Bezeichnend für sie ist, daß sie, im Tanzsaal oder im Vorstadtcafé, kein Musikstück anhören kann, ohne sofort den ihm zubestimmten Schlager mitzuzirpen. Aber nicht sie ist es, die jeden Schlager kennt, sondern die Schlager kennen sie, holen sie ein und erschlagen sie sanft.”

Auf diesen sanften Schlag kommt es an. Tendentiell ist es kein Schlag mehr, sondern das Strömen einbalsamierenden Wohlseins mit seiner freizeitlichen Tendenz, sich in den verschiedensten Vermummungen von Kommunikation auf vierundzwanzig Stunden zu expandieren. Es ist immer noch die Therapie des Elektroschocks aus der Zeit des fordistischen Kapitalismus, jedoch ins wohltuende Einströmen auf Dauer transzendiert. Das Heimchen mußte sich zum Mitmachen ins Café verfügen; heute ist jeder in Verfügung durch das totale Verstricktsein in Kommunikationsapparaturen. Es gibt kein Loch mehr auf der Welt, keinen Hort der Unerreichbarkeit. Damit hat sich die Verfügbarkeit der Menschen totalisiert. Die Ware Arbeitskraft ist zum Stücklohn geworden; dies wiederum innerhalb eines globalisierten Zeitlohns. Der Vierundzwanzigstundentakt, welcher als Grenze der Ausbeutung der Arbeitskraft in der Geschichte unterlag, ist dem Strömen von Zeitintervallen subsumiert, das omnipräsente Verfügbarkeit bereitstellt - gemäß den langen oder kurzen Wellen des zirkulierenden und akkumulierenden FinanzKapitals.

Adorno hat eingeworfen, daß es Individualität nicht mehr gibt, Individualismus durchaus. Kracauer vermerkt diesen Zug bei den Angestellten: “Sie möchten die Unterschiede bewahren, deren Anerkennung ihre Situation verdunkelt; sie frönen einem Individualismus, der dann allein sanktioniert wäre, wenn sie ihr Geschick noch als einzelne gestalten könnten.” Letztlich ist der Individualismus, wie er sich in die Angestelltenkultur und schließlich zum Sieg über das Proletariat durch den Zwang zur Anpassung an eben diese Angestelltenkultur hineinzwängt, ein Fortsatz des ökonomischen Liberalismus; nicht mehr im Sinne von Freihandel, sondern von Ideologie. Der Individualismus ist nicht nur käufliche Staffage geworden, also Tauschwert; er ist für den fortgeschrittenen Kapitalismus ein entscheidendes Produktmerkmal. Der Konsumismus bewegt sich gemäß einer Bedürfnisspirale, die den Individualismus immer wieder aus den Warenkatalogen herausschleudert zur Affirmation von Eigensinn. Der Warenkonsument muß kaufen wollen, also mit dem Schein eines über die Warenwelt verfügenden Subjekts ausgestattet sein. Jeder einzelne Griff in die Vielzahl der Billigangebote als Akt der Auswahl - der Schein der Wahl verbleibt als Rest des bürgerlichen Ich - verstärkt einen Markt, auf dem es nichts mehr zu wählen gibt. Ohne Individualismus ist der Konsumismus nicht möglich. Angewiesen auf den Schein der Wahl verlieren die Individuen ihre Seele. Sie wird zum Okkupationsterrain des Marktes und dies heißt - deshalb ist die Wahl nur Schein - bedürfnismanipulierender strategischer Produktion.

Bilderwelten

Die Totalität der Bilderwelt, welche die tägliche Produktion von Geschichte sofort ins Vergessen drängt - so als seien die Bilder die Welt selber - diese Totalität der Bilder vereitelt jeden Versuch der Einsicht in Subjektivität, von historischer Erkenntnis. Kracauer hält fest: “Hypnotiseure schläfern so mit Hilfe glitzernder Gegenstände ihre Medien ein. Ein Gleiches gilt für die illustrierten Zeitungen und die Mehrzahl der Magazine. Bei ihrer genaueren Analyse ergäbe sich vermutlich, daß die in ihnen immer wiederkehrenden Bildmotive wie magische Beschwörungsformeln gewisse Gehalte ein für allemal in den Abgrund bildloser Vergessenheit zu stürzen trachten - jene Gehalte, die von der Konstruktion unseres gesellschaftlichen Daseins nicht umschlossen wurden, sondern dieses Dasein selbst einklammern. Die Flucht der Bilder ist die Flucht vor der Revolution und dem Tod.”

Die unendliche Zerlegbarkeit sich vollziehender Geschichte macht aus den sozialen Ereignissen austauschbare digitale Quantitäten. Die Bilder als Wirklichkeit lassen die Welt verschwinden; das einst erkennende Subjekt ist auf der Flucht vor sich selber. Dies mag Angst machen; Freud bedenkt freifluktuierende Ängste, die an einen Halt mit Gewalt sich klammern müssen. Die Gewalt mag die Flucht der Bilder als dauerndes Verschwinden vielleicht einzudämmen. Aber auch dies ist Flucht. Der unmerkliche Schrecken ist Gegenstand jeder Theorie, die sich der Welt der Bilder als vorsichgehende Flucht entziehen möchte. Die Schrecklichkeit im Unmerklichen greift das gesellschaftliche Ganze an, das sich immer unsinnlicher, also abstrakter - ohn’ Aug, ohn’ Ohr, ohn’ Zahn, ohn’ Alles (Marx) - durchsetzt. Das Erschrecken darüber ist ein Erkenntnisakt, der einem Hören und Sehen vergehen machen könnte. Ein theoretischer Akt - “Old mole”.

Der alte Maulwurf

Er gräbt weiter. Der Anschluß der DDR hat mit der in Yankee-Attitüde vollzogenen Abwicklung endlich wieder Fachkompetenz in dieses Hinterland gebracht, “standards”, und so das westliche “Anliegen” hinübergerettet aus recht “echter Betroffenheit” über den verhangenen Warenhimmel. Natürlich sollten in diesem Beutezug auch die Begründer des historischen Materialismus zur Strecke gebracht werden.

Nun hatte die Bedeutung namentlich von Marx wenig mit jenen Parteien zu tun, die sich seiner annahmen - das war so bei den Bolschewisten, den Maoisten, den Sozialdemokraten. Deren jeweiligen Werk Marx - also die zusammengeschnürten Allerweltssentenzen - war Zuckerbäckerei der wechselnden Dogmenaufgüsse, wiewohl Richtstätte von Rachekampagnen aller Fraktionen der Arbeiterbewegung gegeneinander. Am Gängelband der Parteien konnte man den Zertrümmerer der bürgerlichen Ökonomie also nicht erhaschen. Das muß man nicht erst aus dem Alltagsleben des sozialdemokratischen Fortschritts abmalen; er gehörte nicht einmal in deren Theorie- und Geschichtsproduktion selber. Denn dieses beste Anhängsel des 19. Jahrhunderts, der Aufstieg vom Urknall zum Sozialismus, möglichst noch ohne die Revolution, war der gemeine Kultplatz, auf dem sich die ABC-Büchlein der verschiedenen Versionen der Arbeiterbewegung und der parteimäßige dialektische Materialismus immer noch umarmt haben. Würze, Sprengkraft und Hebel der eigenwilligen Marxschen Kritik gehen in diesen verbiederten Katechetiken zugrunde. Gottlob verhilft uns der Kollaps zumal der DDR endlich wieder dazu, mit den Marxschen Schriften als Vernunftbesen durch die Lande zu fegen. Denn der in seiner emanzipatorischen Dürftigkeit giganteske Anschluß hat wenigstens das Marxsche Werk aus dem Schrein im Herrgottswinkelchen herausgeholt. Und da gibt es ja genug zu graben für den alten Maulwurf. So könnte man hoffen. Nun ist aber nicht nur die Revolution im Abseits. Die enorme Gelehrsamkeit des 19. Jahrhunderts schreckt ab; zumal der Angelpunkt der Marxschen Zertrümmerungspraxis - die Kritik. Diese wetzt den bürgerlichen Wissenschaftsanspruch an sich selber. Die höchsten Kultformen der kapitalistischen Selbstdarstellung, die Kategorien der politischen Ökonomie, läßt Marx sich explizieren, aufeinanderprallen und in Widersprüche verwickeln - nicht aus kritikastischer Schrulle, sondern gewissermaßen als revolutionärer Ästhet. Denn durch die Darstellung dieser naturgesetzhaft verlaufenden ökonomischen Welt kritisiert er ihren Zustand: Waren- und Kapitalfetische, die Formen kapitalistischer Ausbeutung. Gegenstand der Kritik ist also eine nach bestimmten ökonomischen Gesetzmäßigkeiten verfaßte Welt. Die Naturhaftigkeit und Naturgesetzlichkeit dieser Gesellschaft greift Marx an, einen den Menschen auferlegten Determinismus. Die Wissenschaftswütigkeit, mit der Naturgesetzlichkeiten derart vorwalten, stellt er in den drei Bänden des Kapital dar, also bloß; dies ist somit keine positive Darstellung, sondern eben Kritik an diesem abstrakten und zugleich - im Alltag besehen - höchst konkreten Jammertal. So ist diese spezifische Form der Marxschen Kritik ein höchst sensibles Unternehmen. Zeitgenossen und spätere Freunde münzen hier freilich um und lassen die Gesetze auch noch für Fortschritt, Krisen und Zusammenbruch agieren. Das ist indessen der Materialismus/Naturalismus des 19. Jahrhunderts: Häckel, Liebig oder Jacob Grimm - in diesem Zusammenhang ein unbescholtener Zeitgenosse, auch er bestimmt soziale Prozesse vermöge naturaler Kategorien -, nicht aber der kritische Marx. Naturalistische Analogien kennzeichnen vielmehr das bürgerliche Selbstverständnis. Schon in der “Enzyklopädie” von Diderot und d’Alembert wird die Glorious Revolution von 1688 als Ausdruck historischer Notwendigkeit gesehen. Kurz, es bleibt dabei: Wir sind immer noch nicht auf der Stufe der entfalteten Gattungskräfte, die uns etwa befähigte, die Hegelsche Logik als die Ilias der bürgerlichen Gesellschaft zu deklamieren oder Das Kapital als Lied uns vorzuträllern. Da hilft auch kein Plakatguru, Marx als Freizeitapologet à la Andy Warhol als Surfer. Für Brecht kostete ein einigermaßen gescheiter Marxismus - in den Flüchtlingsgesprächen - noch zwanzigtausend Goldmark. Inflationierung, Teuerungsrate etc. gesetzt, so bleibt dieser gesellschaftliche Hebel eine Domäne des corporate capitalism - die sauren Mühen der Erkenntnis kommen noch hinzu. Vorerst. Dann noch das libertäre Projekt des “universellen Individuums”. Denn auch mit der Sinnlichkeit ist es noch schlecht bestellt. So mit dem unverstellten Hören des “Seins”.

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