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1. Einfache Warenproduktion – Genese einer Vorstellung

Nadja Rakowitz

Die Engelssche Vorstellung der Gesellschaft der einfachen Warenproduzenten und die Gesellschaftsvorstellung von Adam Smith unterscheiden sich kaum. Folgende Vorstellung findet sich bei Adam Smith: “Deshalb ist der Wert einer Ware für seinen Besitzer, der sie nicht selbst nutzen oder konsumieren, sondern gegen andere tauschen möchte, gleich der Menge Arbeit, die ihm ermöglicht sie zu kaufen oder darüber zu verfügen. Arbeit ist demnach das wahre oder tatsächliche Maß für den Tauschwert aller Güter ... Arbeit war der erste Preis oder ursprünglich das Kaufgeld, womit alles andere bezahlt wurde.” [ 1 ]

Die Konstruktion des einfachen Produktentauschs und der einfachen Warenproduktion ist die “(n)ormative Voraussetzung der Smithschen Vorstellung über Gesellschaft und Ökonomie ... Die bürgerliche Gesellschaft gilt ihm so als Schlußpunkt eines Plans der Natur. Ursache der Entwicklung bildet der Tauschtrieb. Es gibt eine natürliche Neigung zum Tauschen, die zur Arbeitsteilung führt und diese zur fortgesetzten Reichtumsvermehrung ... Diese Tauschgesellschaft impliziert die Entwicklung jedes Bürgers zum Kaufmann und die der Gesellschaft  ‘zu einer kommerziellen Gesellschaft’.” [ 2 ] Als Schlußpunkt eines Plans der Natur bleiben bei den Klassikern wie bei den ihnen folgenden Ökonomen das historische Gewordensein und das Werden und immer wieder sich neu Setzen der bürgerlichen Gesellschaft außerhalb der Betrachtung. [ 3 ] Was Marx als Kritiker der politischen Ökonomie an ihren Kategorien diskutiert, diskutieren sie selbst in der Verwendung derselben nicht.

“Die bürgerliche Gesellschaft ist die entwickeltste und mannigfaltigste historische Organisation der Produktion. Die Kategorien, die ihre Verhältnisse ausdrücken, das Verständnis ihrer Gliederung gewähren daher zugleich Einsicht in die Gliederung und die Produktionsverhältnisse aller untergegangnen Gesellschaftsformen, mit deren Trümmern und Elementen sie sich aufbaut, von denen teils noch unüberwundene Reste sich in ihr fortschleppen, bloße Andeutungen sich zu ausgebildeten Bedeutungen entwickelt haben.” [ 4 ]

Die Kategorie des Individuums als den anderen allgemein gleichgültiges, wie sie von Smith verwendet wird, ist historisch bestimmt, genauso wie die Arbeit schlechthin als reichtumproduzierende. Arbeit scheint, wie Marx in der Einleitung zu den “Grundrissen” schreibt, zunächst eine ganz einfache Kategorie zu sein; wie die Vorstellung von Arbeit in dieser Allgemeinheit, also von Arbeit überhaupt uralt sei. Dennoch sei Arbeit ökonomisch in dieser Einfachheit gefaßt eine ebenso moderne Kategorie wie die Verhältnisse, die diese einfache Abstraktion erzeugten. [ 5 ] Es sei ein ungeheurer Fortschritt von Adam Smith gewesen, jede Bestimmtheit der reichtumerzeugenden Tätigkeit fortzuwerfen und mit der abstrakten Allgemeinheit der reichtumschaffenden Tätigkeit nun auch die Allgemeinheit des als Reichtum bestimmten Gegenstandes, Produkt überhaupt oder wieder Arbeit überhaupt, aber als vergangene, vergegenständlichte Arbeit zu begreifen. Die Gleichgültigkeit gegen eine bestimmte Art der Arbeit setze – so Marx – eine sehr entwickelte Totalität wirklicher Arbeitsarten voraus, von denen keine mehr die alles beherrschende sei. Andererseits sei diese Abstraktion der Arbeit überhaupt nicht nur das geistige Resultat einer konkreten Totalität von Arbeiten. Die Gleichgültigkeit gegen die bestimmte Arbeit entspreche einer Gesellschaftsform, worin die Individuen mit Leichtigkeit aus einer Arbeit in die andere übergehen und die bestimmte Art der Arbeit ihnen zufällig, daher gleichgültig sei. Die Arbeit ist hier nicht nur ökonomische Kategorie, sondern in der Wirklichkeit als Mittel zum Schaffen des Reichtums überhaupt geworden; sie hat aufgehört Bestimmung von den Individuen in ihrer Besonderheit zu sein. Dieser Weg zum Menschen als homo oeconomicus kann hier nicht konkret historisch nachgezeichnet werden; die Kategorie in ihrer Historizität muß jedoch zumindest ansatzweise skizziert werden. Nur vor diesem Hintergrund läßt sich das Konstrukt der einfachen Warenproduktion in seinen Auswirkungen auf eine linke Kapitalismuskritik kritisch darstellen.

Die von Haslinger und Schneider im folgenden beschriebene wichtigste Prämisse der Neoklassik kann man verallgemeinern auf die bürgerliche Ökonomie: “Alle Individuen verfolgen ihre eigenen Interessen, das heißt individuelle Handlungsrationalität ist unterstellt.” [ 6 ] Aus dieser Prämisse folgen die anderen Annahmen: “Firmen maximieren ihren Gewinn.” und “(e)s besteht Konkurrenz unter den Individuen” [ 7 ]. Die Konkurrenz wird als anthropologische Bestimmung des Menschen eingeführt und ist in der Perspektive der Kritik der politischen Ökonomie als Ausdruck des verkehrten Bewußtseins der bürgerlichen Gesellschaft zu interpretieren.

Diese Annahmen sind schon früh in der Literatur [ 8 ] zu finden, werden aber erst von Bernard Mandeville (1714) in der berühmten Bienenfabel “Der unzufriedene Bienenstock oder Die ehrlich gewordenen Schurken”[ 9 ] als individualistische Ethik philosophisch auf den Begriff gebracht. Der anthropologisch gesetzte Individualismus [ 10 ], der politisch-ökonomisch postulierte Egoismus sollen nun psychologisch begründet werden durch eine entsprechende Triebtheorie. [ 11 ] Im Eigeninteresse und im Eigennutz sieht Mandeville den gesellschaftsbildenden Hauptantrieb. Was den Menschen mit seiner asozialen Triebverfassung dazu veranlasse, in die soziale Seinsweise einzutreten, sei seine Bedürftigkeit. Die Gesellschaft sei in diesem Verstande ein pragmatischer Zweckverband atomisierter Individuen, die sich wechselseitig als Mittel gebrauchten, ein von Tauschbeziehungen gestifteter Interaktionszusammenhang. Die Allgemeinheit dieser Gesellschaft sei die Allgemeinheit der partikularen Interessen: Das Bestreben, in dem alle Gesellschafter übereinstimmen, bestehe darin, daß jeder für sich, ohne Rücksicht oder Bedachtnahme auf andere, optimal gewinnen wolle. Nur in dieser egoistischen Zielsetzung seien sich alle einig. [ 12 ] Mandeville formuliert dies so:

    “Der Allerschlechteste sogar
    Fürs Allgemeinwohl tätig war.
    So herrscht im ganzen Einigkeit,
    Wenn auch im einzelnen oft Streit,
    Wie der Musik harmon’sche Schöne
    Entsprießet aus dem Streit der Töne.” [ 13 ]

Das Problem an diesem Konzept ist, daß die individuellen Zielsetzungen subjektiv bestimmt sind und damit nur zufällig zusammenpassen können. Von hier aus läßt sich – wie in der Kritik an der “Zirkulation als Totalität” zu zeigen sein wird – die Einheit von Gesellschaft nicht denken und praktisch auch nicht herstellen. Hobbes löste dieses Problem des – gesellschaftlichen [ 14 ] – Naturzustandes mit einem starken Staat, der durch Begünstigungsvertrag zugunsten des Leviathan entsteht und der das Leben und den Besitz sichern soll. Erst durch den Leviathan wird der Besitz zum Eigentum. Denn ohne souveräne Gewalt gibt es kein Eigentum [ 15 ], das wesentliches Element seiner Vorstellung von Gesellschaft ist und deshalb auch seiner vermeintlich anthropologischen Setzung des Individuums.

“Das Individuum ist, so meinte man, insoweit frei, als es Eigentümer seiner Person und seiner Fähigkeiten ist. Das menschliche Wesen ist Freiheit von der Abhängigkeit vom Willen anderer, und Freiheit ist Funktion des Eigentums. Die Gesellschaft wird zu einer Anzahl freier und gleicher Individuen, die zueinander in Beziehung stehen als Eigentümer ihrer eigenen Fähigkeiten und dessen, was sie durch deren Anwendung erwerben. Der Staat wird zu einem kalkulierten Mittel zum Schutz dieses Eigentums und der Aufrechterhaltung einer geordneten Tauschbeziehung.” [ 16 ] Individuelle Freiheit verbunden mit einem spezifischen Individualismus, Gleichheit aller und Eigentum sind die gesellschaftlichen Momente der Hobbesschen Anthropologie, die dem Menschen als natürliche Qualitäten zugeschrieben werden. [ 17 ] Die Marktbeziehungen dienen Hobbes in seinem Modell zur Beschreibung des Wesens der Gesellschaft. Nur eine “unorganische Gesellschaft wie die Marktgesellschaft” könne glaubhaft als ein “mechanisches System sich selbst bewegender Individuen” beschrieben werden. [ 18 ] Gesellschaft und Staat sind also bei Hobbes derart aufeinander verwiesen, daß der Staat zugleich mit der Souveränität durch Gesellschafts- beziehungsweise Herrschaftsvertrag konstituiert wird. Dies folgt notwendig aus der Konstruktion der Gesellschaft als Eigentümergesellschaft; deren Existenz ist im Naturzustand permanent gefährdet. “Der Vertrag gilt also einerseits als Errichtung einer vernünftigen Ordnung, andererseits als die einer absoluten Macht.” [ 19 ] Deren Zweck ist es, den inneren und äußeren Frieden und die Rechtssicherheit zu garantieren und somit die Bedingungen marktförmiger Vergesellschaftung bereitzustellen. [ 20 ]

Die Gesellschaftstheorie von John Locke modifiziert die Hobbessche an bestimmten Punkten, die vor allem staatstheoretisch von Interesse sind. Wichtiger ist hier zum einen seine Konstruktion des zweiten Naturzustands, da diese als wesentliches Element das Geld einführt. Damit sind all jene Momente der vertragsrechtlichen Stufe in ihrer ökonomischen Dimension gesetzt, auf Grundlage einer vorvertraglichen Übereinkunft über den Geldgebrauch. [ 21 ] Zum anderen ist es Lockes Begründung des Eigentums, auf der die klassische Ökonomie aufbaut. Im Gegensatz zu Hobbes konzipiert Locke ein vorstaatliches Recht auf Eigentum, das er durch Arbeit begründet. Es wird abgeleitet aus dem individuellen Eigentum des Menschen an seiner eigenen Person. Deren Individualität und moralische Autonomie mußten, so Manfred Brocker in seiner Studie zu “Arbeit und Eigentum” als der logische Ausgangspunkt für jede weitere Bestimmung der Möglichkeit einer Erwerbung von Eigentumsrechten an äußeren Gegenständen angesehen werden. Durch seine Arbeit trüge der Mensch bei der aneignenden Erwerbung etwas von sich in die Dinge hinein, das ihm allein gehörte. So begründeten die Menschen schon vor jeder staatlichen Vereinigung und vor jeder gesellschaftlichen Konsensbildung, “aus eigenem Recht” Eigentumsrechte, indem sie natürliche Rohstoffe bearbeiteten und formten und mit ihrem “suum”, dem Privateigentum, das sie an sich selbst hätten, vermischten. [ 22 ] Auf dieser Ebene der Betrachtung sind zunächst alle Menschen als Gleiche gedacht. Da das Eigentum noch “natürlich” beziehungsweise naturrechtlich bestimmt wird, findet es seine Grenze im individuellen Bedürfnis, das selbst wiederum natürlich im Sinne eines biologischen Maßes [ 23 ] bestimmt wird. Es dürfen nicht mehr Güter angehäuft werden, als das Individuum für seinen Gebrauch benötigt, ohne daß etwas verdirbt. Erst die Einführung des Geldes ermöglicht es Locke, ungleiche Verteilung vor allem des Bodens zu erklären beziehungsweise zu legitimieren, denn mit dem Geld ist es möglich, über den individuellen Bedarf hinaus zu akkumulieren. “Die damit legitimierte ungleiche Eigentumsverteilung ist hierdurch ‘auf den Gebrauch des Geldes und der Geldmetalle zurückgeführt’. Die Arbeit wird entsprechend als Ware betrachtet, das Produkt der Lohnarbeit wird Eigentum des Herrn. Der Eigentumstransfer via Lohnarbeit zugunsten der Eigentümer ist damit legitimiert.” [ 24 ] Insofern das Geld nicht als Abweichung vom Naturzustand, sondern als Bestandteil desselben begriffen wird, die naturrechtlichen Schranken der Produktion also schon innerhalb des Naturzustands aufgehoben werden [ 25 ], wird von Lockes Theorie ausgehend die bürgerliche Gesellschaft als “natürlich” gedacht.

Adam Smith löst das Problem der divergierenden Interessen nicht – wie Locke – vertragstheoretisch, sondern mit dem Konzept der “invisible hand”, das die zufälligen Zielsetzungen isoliert voneinander Handelnder durch metaphysische Harmoniebehauptungen untereinander kompatibel machen soll. [ 26 ] Der Ort, an dem dieses stattfinden soll, ist der Markt. Die via regia, die zur Erfüllung des eigennützigen Strebens nach andauernder Verbesserung des materiellen Status führe, sei, so Elmar Waibl, der Markt, auf dem atomisierte und miteinander konkurrierende Individuen aufeinanderträfen, die einander als Mittel ansähen und in ihrem Interaktionsverhalten als Tauschpartner allein von ihrem Interesse geleitet würden. [ 27 ] Der “Hang zum Tauschen” sei für Smith eine nicht weiter ableitbare, originäre Triebfeder menschlicher Praxis, eine natürliche Neigung, ein spezifisches Artmerkmal des Menschen als Gattungswesen und damit ein Anthropinon schlechthin. Im Austauschverhältnis machten sich die Individuen wechselseitig ihre selbstischen Strebungen zunutze, koinzidierten Fremd- und Selbstinteresse. [ 28 ]

“Dagegen ist der Mensch fast immer auf Hilfe angewiesen, wobei er jedoch kaum erwarten kann, daß er sie allein durch das Wohlwollen der Mitmenschen erhalten wird. Er wird sein Ziel wahrscheinlich viel eher erreichen, wenn er deren Eigenliebe zu seinen Gunsten zu nutzen versteht, indem er ihnen zeigt, daß es in ihrem eigenen Interesse liegt, das für ihn zu tun, was er von ihnen wünscht. Jeder, der einem anderen irgendeinen Tausch anbietet, schlägt vor: Gib mir, was ich wünsche, und du bekommst, was du benötigst. Das ist stets der Sinn eines solchen Angebots, und auf diese Weise erhalten wir nahezu alle guten Dienste, auf die wir angewiesen sind. Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen- sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.” [ 29 ]

Die Harmonie von Smith’ Gesellschaftsmodell soll also garantiert werden durch das Zusammenspiel der einzelnen Nutzenmaximierer auf dem Markt. Als ein System natürlicher Freiheit auf Basis allgemeiner Konkurrenz existierten, so Diethard Behrens, auch Klassen, die einander gleichwertig [ 30 ], da durch unterschiedliche Arbeit bestimmt und somit anteilig zum Wohle des Ganzen beitragend, um ihre Anteile am Gesamteinkommen kämpften. [ 31 ] Wie schon bei Locke, dem Be-gründer des Liberalismus, sei auch hier noch einmal darauf verwiesen, daß, so “sehr auch Freiheit den arbeitenden Individuen zugestanden wird, so sehr auch die Ökonomie von staatlicher Bevormundung entkoppelt ist” [ 32 ], diese Freiheiten die daraus resultierende Staatsfunktion nicht tangieren. Hier geht die Smithsche Vorstellung nicht über die Lockesche hinaus. Auch dieser ist kein Demokrat. Die Identifizierung von Liberalismus und Demokratie, wie sie zum Beispiel Helmut Dubiel in der in der Einleitung zitierten Passage vornimmt, ist historisch wie theoretisch falsch. Der Liberalismus des 18.Jahrhunderts ist zunächst nicht mit dem Anspruch angetreten, demokratisch zu sein, er “kennt offensichtlich keine modernen demokratischen Vorstellungen. Aber Gesellschaft und Staat sind insoweit entkoppelt, als Gewerbefreiheit, Freiheit, kurzum bürgerliche ökonomische Freiheit auf Basis einer utilitaristisch-individualistischen Ethik existieren: Freiheit der Warenproduzenten.” <[ 33 ]/p>

Werttheoretisch argumentiert Smith mit Arbeitswerten, jedoch verfährt er hier nicht konsequent. Als “soziale Kategorie” wird die Arbeit ihm zwar zum “objektiven Wertmaßstab” [ 34 ], aber er verwechselt “die Bestimmung des Werts der Waren durch die in ihnen enthaltne Quantität Arbeit und (die) Bestimmung ihres Werts durch das Quantum Arbeit, das sie kaufen können, oder ihre Bestimmung durch den Wert der Arbeit.” [ 35 ] Diese Verwechslung beruht, wie Marx in den Theorien über den Mehrwert zeigt, auf einer Vorstellung von Gesellschaft mit einfacher Warenproduktion. Marx beschreibt das Modell folgendermaßen: “Gesetzt, alle Arbeiter seien Warenproduzenten, produzierten nicht nur ihre Waren, sondern verkauften sie auch. Der Wert dieser Waren ist bestimmt durch die in ihnen enthaltne notwendige Arbeitszeit. Werden also die Waren zu ihrem Wert verkauft, so käuft der Arbeiter mit einer Ware, die das Produkt 12stündiger Arbeitszeit ist, wieder 12stündige Arbeitszeit in der Form einer andren Ware, das heißt 12stündige Arbeitszeit, die in einem andren Gebrauchswert verwirklicht ist. Der Wert seiner Arbeit ist also gleich dem Wert seiner Ware, das heißt gleich dem Produkt 12stündiger Arbeitszeit. Der Verkauf und Wiederverkauf, kurz, der ganze Austauschprozeß, die Metamorphose der Ware, ändert nichts hierdran. Er ändert nur die Gestalt des Gebrauchswerts, worin sich diese 12stündige Arbeit darstellt. Der Wert der Arbeit ist also gleich dem Wert des Produkts der Arbeit. Es tauschen sich erstens in den Waren ... gleiche Quanta vergegenständlichter Arbeit aus. Zweitens aber tauscht sich ein bestimmtes Quantum lebendiger Arbeit gegen ein gleiches Quantum vergegenständlichter Arbeit aus ... Es ist also nicht nur Ware, die sich gegen Ware austauscht in dem Verhältnis, worin sie gleich viel Arbeitszeit vergegenständlicht darstellen, sondern ein Quantum lebendige Arbeit tauscht sich gegen Ware aus, die dasselbe Quantum Arbeit vergegenständlicht darstellt.” [ 36 ]

Bedingung für eine solche Vorstellung wäre die Smithsche Gleichsetzung von Wert der Arbeit und in der Ware enthaltene Quantität an Arbeit als Wertmaß. [ 37 ] Weiterhin macht Smith die Einschränkung, daß diese Wertbestimmung rein nur gegolten habe, bevor der Boden in Besitz genommen war, also bevor es das Privateigentum [ 38 ] gab. Beides widerspricht aber augenscheinlich kapitalistischen Verhältnissen, die Smith als Austausch zwischen Lohnarbeit und Kapital faßt und für die notwendig Privateigentum vorausgesetzt werden muß. Daraus schließt nun Smith, daß für Gesellschaften mit Kapitalbildung “die Arbeitszeit nicht mehr das immanente Maß” [ 39 ] des Tauschwerts ist; Marx betont, er hätte vielmehr, wie Ricardo richtig bemerke, umgekehrt schließen müssen, daß die Ausdrücke “Quantität der Arbeit” und “Wert der Arbeit” nicht mehr identisch seien, also der relative Wert der Waren, obgleich durch die in ihnen enthaltene Arbeitszeit, nicht durch den Wert der Arbeit reguliert werde. [ 40 ]

Von Smith zu Marx fehlt also werttheoretisch noch ein entscheidender Schritt: die ökonomische Theorie David Ricardos, die auch als Kritik an Adam Smith auftritt. Im Zentrum der werttheoretischen Auseinandersetzung der Kritik der politischen Ökonomie steht deshalb die Theorie Ricardos. Ihn betrachtet Marx als Vollender der klassischen politischen Ökonomie, da er die Bestimmung des Tauschwerts durch die Arbeitszeit am reinsten formuliert und entwickelt hat. [ 41 ] “Ricardo aber tritt endlich dazwischen und ruft der Wissenschaft: Halt! zu. Die Grundlage, der Ausgangspunkt der Physiologie des bürgerlichen Systems – des Begreifens des inneren Zusammenhangs und Lebensprozesses – ist die Bestimmung des Werts durch die Arbeitszeit ... Mit diesem wissenschaftlichen Verdienst hängt eng zusammen, daß Ricardo den ökonomischen Gegensatz der Klassen – wie ihn der innere Zusammenhang zeigt – aufdeckt, ausspricht und daher in der Ökonomie der geschichtliche Kampf und Entwicklungsprozeß in seiner Wurzel aufgefaßt wird, entdeckt wird.” [ 42 ]

Die Kritik der politischen Ökonomie, also werttheoretisch vor allem die Kritik an Ricardo, aber auch die an dessen subjektivistischen Kritikern, wie zum Beispiel Samuel Bailey, muß sich in der Darstellung der Wertformanalyse nachvollziehen lassen. Marx stellt – in der Lesart Helmut Brentels – Ricardos “Principles” mit allem Nachdruck als den ersten ökonomietheoretischen Entwurf heraus, der die Kategorien der politischen Ökonomie zumindest in der Form auf eine einheitliche Basis der Wertbestimmung durch Arbeit zu beziehen suchte. [ 43 ] Das Marxsche Vorhaben ist aber ein anderes als das der politischen Ökonomen. Es wird an der Kritik der Arbeitswertlehre in der Wertformanalyse zu zeigen sein, daß Marx weder – wie Helmut Brentel meint – von der Einsicht ausgeht, “Ricardos Arbeiten stellten den epochalen Entwurf einer zwar innerlich noch widersprüchlichen, aber mit den zureichenden insbesondere (Hegelschen) Mitteln durchaus schlüssig zu machenden Arbeitswert- und Klassentheorie dar”, noch daß seine Kritik darauf zielt, “daß Ricardo die arbeitswerttheoretische Grundlage seines Systems nur nicht konsequent genug entwickelt beziehungsweise kategorial nicht zureichend bestimmt und differenziert habe.” [ 44 ]

Über Ricardo läßt sich – ökonomietheoretisch – die Brücke zu Proudhon schlagen. Schon in den 20er Jahren des 19.Jahrhunderts wurde – wie Marx im Abschnitt über die “Theorien von der Maßeinheit des Geldes” in “Zur Kritik der politischen Ökonomie” ausführt – durch die Links-Ricardianer Hopkins, Thompson, Edmonds, Hodgskin, Bray und Gray [ 45 ] die Lehre von der Arbeitszeit als unmittelbarer Maßeinheit des Geldes systematisch entwickelt. [ 46 ] Aus der egalitären Anwendung der Ricardoschen Arbeitswerttheorie ergab sich die Forderung nach dem Recht auf vollen Arbeitsertrag. “In ihrer Hand wird Ricardos Analyse zu einem Instrument der Untersuchung des Gegensatzes von Lohnarbeit und Kapital. Die Arbeitswertlehre dient ihnen zur Begründung des Rechts der Arbeiter auf den vollen Arbeitsertrag.” [ 47 ] Die Thesen Ricardos erwiesen sich politisch als Bumerang [ 48 ]; was als wissenschaftlicher Versuch aufgetreten war, die Gesetze der Verteilung des Gesamtprodukts an die verschiedenen Klassen aufzufinden, trug weitgehend zur Entwicklung des sozialistischen Denkens bei. [ 49 ] Aber, hier ist Michael Heinrich zuzustimmen, das “theoretische Feld der bürgerlichen Ökonomie wird von ihnen nicht verlassen. Hodgskin bestimmt den Gegenstand der politischen Ökonomie im Rahmen desselben Anthropologismus, der auch schon für Smith und Ricardo charakteristisch war ... Genau wie für Smith und Ricardo erscheint auch für Hodgskin Warenproduktion als natürliche, dem Menschen angemessene Produktionsweise. Der Äquivalententausch ist ihm Ausdruck der natürlichen Gerechtigkeit und da beim Austausch zwischen Kapital und Arbeit anscheinend keine Äquivalente getauscht werden, dem Arbeiter nicht mehr alles gehört, was er produziert hat, ist dieser Tausch ungerecht. Die Idealisierung, die die bürgerliche Gesellschaft von sich selbst produziert, wird mit den wirklichen Verhältnissen konfrontiert und zum Maßstab der Kritik gemacht.” [ 50 ]

Dies ist auch Marxens Kritik an den Frühsozialisten. Ihrem – ökonomietheoretisch – elaboriertesten Vertreter, Pierre-Joseph Proudhon wirft er vor, die Nationalökonomie noch immer vom nationalökonomischen Standpunkt, und das heißt, von der Position Ricardos aus zu kritisieren. [ 51 ] Proudhon teilt theoretisch die Prämissen der bürgerlichen Theorie. Seine ökonomische Theorie baut auf einer der einfachen Zirkulation entsprechenden Vorstellung von einfacher Warenproduktion auf, in der die Waren ausgetauscht werden wie Güter gegen Güter in der bürgerlichen Theorie. Geld wird dabei nur vorgestellt als Vermittler, als Zirkulationsmittel. Die “unmittelbare Arbeitsverausgabung wird als Maß des Werts unterstellt, ebenso ein angebbares Verhältnis von Produktion und Konsumtion im harmonischen Gleichgewicht eines geschlossenen Austauschsystems.” [ 52 ] Proudhon insistiert auf der Vorstellung, Warenproduktion sei gleichzeitig mit vollem Arbeitsertrag und gerechtem Tausch möglich. [ 53 ] Daß dies keine Vorstellung von Emanzipation sein kann, wird in der Wertformanalyse gezeigt. Denn diese Vorstellungen bewegen sich argumentativ selbst noch auf der Ebene der politischen Ökonomie und damit politisch immer noch innerhalb der Verhältnisse. Die Kritik am Äquivalententausch und an der Unmöglichkeit prämonetärer Werttheorie, wie sie in den ersten Kapiteln des “Kapital I” von Marx systematisch dargestellt wird, setzt sich mit den ökonomischen Formbestimmungen dieses Modells auseinander. “Die Arbeit, um die es sich zunächst handelt, ist Kritik der ökonomischen Kategorien oder, if you like, das System der bürgerlichen Ökonomie kritisch dargestellt. Es ist zugleich Darstellung des Systems und durch die Darstellung Kritik desselben.” [ 54 ]

In den “Grundrissen” und im “Urtext” im Anhang zu den “Grundrissen” finden sich darüber hinausgehende Passagen, in denen Marx die gesellschafts- und moralphilosophischen Implikate des Modells der einfachen Zirkulation im Zusammenhang der Auseinandersetzung mit den Frühsozialisten diskutiert. Hier werden die Versuche, die Zirkulation als erste Vorstellung von Totalität der Ökonomie zu begreifen, als nicht begründbare zurückgewiesen. Es werden aber auch die frühsozialistischen beziehungsweise linksricardianischen Versuche, den Kapitalismus zu kritisieren und ökonomische Alternativen zu entwickeln als immer noch zu sehr dem Gegenstand der Kritik verhaftet zurückgewiesen. Politisch hat diese Kritik weder an Relevanz noch an Aktualität verloren: “Es ergibt sich daher der Irrtum jener Sozialisten, namentlich der französischen, die den Sozialismus als Realisation der von der französischen Revolution nicht entdeckten, sondern historisch in Umlauf geworfnen bürgerlichen Ideen nachweisen wollen, und sich mit der Demonstration abmühen, daß der Tauschwert ursprünglich (in der Zeit) oder seinem Begriff nach (in seiner adäquaten Form) ein System der Freiheit und Gleichheit aller, aber verfälscht worden sei durch Geld, Kapital etc ... Das Tauschwertsystem und mehr das Geldsystem sind in der Tat das System der Freiheit und Gleichheit. Die Widersprüche aber, die bei tieferer Entwicklung erscheinen, sind immanente Widersprüche, Verwicklungen dieses Eigentums, Freiheit und Gleichheit selbst; die gelegentlich in ihr Gegenteil umschlagen.” [ 55 ] Gleichwohl wird zwischen den Frühsozialisten und den Apologeten der bürgerlichen Gesellschaft unterschieden. Was diese Sozialisten von den bürgerlichen Apologeten unterscheide, sei, so Marx, auf der einen Seite das Gefühl der Widersprüche des Systems, anderseits der Utopismus, den notwendigen Unterschied zwischen der realen und der idealen Gestalt der bürgerlichen Gesellschaft nicht zu begreifen, und daher das überflüssige Geschäft zu übernehmen, den idealen Ausdruck, das verklärte und von der Wirklichkeit selbst als solches aus sich geworfene reflektierte Lichtbild, selbst wieder verwirklichen zu wollen. [ 56 ]

Die Kritik der bürgerlichen Gesellschaft kann nun aber nicht umgekehrt in der abstrakten Negation derselben bestehen. Kritik muß, wie Marx in den Frühschriften formuliert, darin bestehen, diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zu zwingen, daß man ihnen ihre eigene Melodie vorsinge. [ 57 ] Dann muß sie aber – und hier knüpfen die “Grundrisse” an die Frühschriften an – davon ausgehen, daß sich “innerhalb der bürgerlichen, auf dem Tauschwert beruhenden Gesellschaft sowohl Verkehrs- als Produktionsverhältnisse erzeugen, die ebensoviel Minen sind, um sie zu sprengen. Eine Masse gegensätzlicher Formen der gesellschaftlichen Einheit, deren gegensätzlicher Charakter jedoch nie durch stille Metamorphosen zu sprengen ist. Andrerseits, wenn wir nicht in der Gesellschaft, wie sie ist, die materiellen Produktionsbedingungen und ihnen entsprechenden Verkehrsverhältnisse für eine klassenlose Gesellschaft verhüllt vorfänden, wären alle Sprengversuche Donquichoterie.” [ 58 ] Sowohl John Locke als auch David Ricardo sind Vertreter revolutionärer bürgerlicher Theorie. Sie halten daran fest, daß Arbeit die Quelle des Reichtums und damit auch des Profits [ 59 ] sei. Dagegen wird die bloße Apologie der bürgerlichen Gesellschaft und das Verschleiern dieses Zusammenhangs durch die späteren Ökonomen – zum Beispiel mit einer “Abstinenztheorie des Profits” [ 60 ] – zurecht von Marx als vulgär bezeichnet. Ökonomietheoretisch wurde die Arbeitswertlehre neben der “Kritik der politischen Ökonomie” durch Marx schon kurz nach Ricardos Tod auch aus der bürgerlichen Ecke selbst Kritik – dies nicht nur aufgrund ihrer inhärenten Probleme, sondern auch “wegen ihrer kapitalismuskritischen Anwendung, so daß viele Ökonomen, denen an der Verteidigung der kapitalistischen Verhältnisse gelegen war, die Arbeitswertlehre ablehnten und sich verstärkt um eine Rechtfertigung des Profits als eigener Einkommensquelle bemühten.” [ 61 ] Politisch war diese Kritik sowohl gegen Ricardo und seine Anhänger gerichtet als dann auch gegen die Marxsche Position.

Ihren in die Vergangenheit und damit – wie man bei Ricardo sah – auch in die Zukunft gerichteten revolutionären Impetus [ 62 ] hatte die bürgerliche Ökonomie schon mit Jean Baptiste Say verloren: “Die Arbeitswerttheorie hatte ihren Dienst für die bürgerliche Machtergreifung geleistet und konnte schlicht als ‘falsch’ erklärt werden ... Die Vertreibung der Arbeitswerttheorie aus der bürgerlichen Ökonomie befreite von der Notwendigkeit, die humane und gesellschaftliche Besonderheit der Arbeit zu thematisieren. Arbeit ist als der an den Menschen gebundene Faktor weder speicherbar noch zerstörbar, ohne zugleich Menschen zu zerstören. Say ebnete den Weg, Arbeit in ihren bürgerlichen Gegensatz umzuinterpretieren als das ‘Kapital des Arbeiters’. Arbeit, Kapital, Boden werden eingeebnet zu ‘gleichen’ Produktionsfaktoren, deren prinzipielle gesellschaftliche und humane Verschiedenheit verschleiert wird. Diese Rücksichtslosigkeit der neoklassischen Theorie gegenüber der humanen und damit historischen Qualität der Arbeit ist die ideologische Vorbedingung für ihren methodischen Anspruch, Wirtschaftstheorie analog zur (exakten) Naturwissenschaft zu formalisieren.” [ 63 ]

        Welcome to the pleasure dome!

Die weiteren Entwicklungen in der ökonomischen Wissenschaft sind hier insofern von Interesse, als sie die Konsequenzen der Ideologie des freien Individuums als Grundannahme der ökonomischen Wissenschaften offenbaren. Sie zeigen, daß die Thematisierung von gesellschaftlichen Zusammenhängen in der Ökonomie immer ein Problem darstellt, da sie mit der ideologischen Grundkonstruktion von Gesellschaft kollidiert. Der in den 70er Jahren des 19.Jahrhunderts von den Ökonomen William St.Jevons, Carl Menger und Léon Walras gleichzeitig, aber unabhängig voneinander entwickelte sogenannte Marginalismus [ 64 ] versuchte gegen eine objektive Wertlehre wie die Arbeitswertlehre eine subjektive auf Nutzen basierende Wertlehre zu begründen. [ 65 ] Natürlich basieren auch diese Versuche auf theoretischen Traditionen. [ 66 ] Die philosophischen Diskussionen des 18.Jahrhunderts drehten sich vorrangig um das Lust- und Unlust-Prinzip. Jeremy Bentham versuchte, “Lust und Unlust quantitativ zu bestimmen und nach den vier Dimensionen der Intensität, der Dauer, der Gewißheit, der Nähe oder Ferne (propinquity) meßbar zu machen. So wollte Bentham nicht nur zu einem ‘moralischen Budget’’ des einzelnen gelangen, zu einer Art hedonistischer Aufwands- und Ertragsrechnung aller Individuen, sondern auch zu einem interpersonalen Vergleich von Lust und Pein als Voraussetzung dafür, das von Bentham proklamierte Ziel der allgemeinen ‘happiness maximation’ (‘das größte Glück der größten Zahl’) zu erreichen.” [ 67 ] Was schon immer Moment der bürgerlichen Theorie und Gesellschaftskonstitution, aber noch nicht vorherrschend war, nämlich das Prinzip des Individualismus, wird nun vorrangiges Element der Ökonomie. Das Verhältnis des einzelnen Subjekts zu seinem Objekt ist die wesentliche ökonomische Grundvorstellung, nicht etwa Gesellschaft. Oskar Lange zeichnet diese Linie von Bentham über James Mill und John Stuart Mill [ 68 ] zur “subjektivistischen Ökonomik” als eine Tradition vom Utilitarismus bis zur Nutzenpsychologie nach. Gemäß dieser Theorie werde alles menschliche Verhalten von dem Wunsch beherrscht, das unter gegebenen Bedingungen mögliche Maximum an Vergnügen und Minimum an Unannehmlichkeit zu erlangen. Ihren letzten Ausdruck habe sie in der subjektivistischen Theorie von Jevons gefunden; nach diesem ist die Ökonomie ‘a calculus of Pleasure and Pain’. [ 69 ] Jevons verschiebt den Schwerpunkt des Gegenstandes der Ökonomie in Richtung auf die Analyse der Beziehung zwischen dem Menschen und dem Objekt seiner Bedürfnisbefriedigung.

Der alte Wunschtraum nach einer “sozialen Physik” des gesellschaftlichen Körpers wurde ökonomietheoretisch neuformuliert. Carl Menger, den Joseph Schumpeter als den “Überwinder der Ricardianischen Theorie” gefeiert hat, versucht, alle Wirtschaftszusammenhänge auf die Preislehre zurückzuführen. Laut Schumpeter liegt der Theorie Mengers “die Erkenntnis zugrunde, daß das, was an der Volkswirtschaft im Gegensatz zu allen anderen soziologischen, historischen und technischen Momenten spezifisch wirtschaftlich ist, in der Preiserscheinung liegt, und daß alles spezifisch wirtschaftliche Geschehen in das Schema des Preises gefaßt werden kann. Rein wirtschaftlich betrachtet ist die Volkswirtschaft nichts wie ein System zusammenhängender Preise ... und alle spezifisch wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten gehen auf Gesetze der Preisbildung zurück.” [ 70 ] Methodisch bekenne sich Menger, so Hofmann, in Abgrenzung zur historischen Wissenschaft zu einer theoretischen, streng exakten Betrachtungsweise [ 71 ]. Die Gesetze der Preisbildung versucht Menger zu entwickeln unter der Bedingung des isolierten Tauschs zweier Produzenten: “‘Beim isolierten Tausch zweier Tauschlustiger setzt sich der Preis innerhalb eines Spielraums fest, dessen Obergrenze die subjektive Wertschätzung der Ware durch den Käufer, dessen Untergrenze ihre Wertschätzung durch den Verkäufer bildet.’ ... Der Grundgedanke des ‘Gesetzes der Grenzpaare’, wonach der Tausch sich bei vollständiger Konkurrenz so vollzieht, daß für beide Seiten der Tauschnutzen sich optimiert, kehrt in abgewandelter Form bei den Zeitgenossen ständig wieder.” [ 72 ]

Wie so oft bei solchen Versuchen, wird hier von Menger die Form des Preises, die Preisbestimmung, schon vorausgesetzt, erklärt werden soll lediglich die quantitative Bestimmtheit dieser Bestimmung. Back-haus’ Frage nach der Möglichkeit der Begründung der Preise durch die subjektive Wertlehre muß noch beantwortet werden, denn sie wäre die Bedingung der Möglichkeit der modernen Ökonomie als Wissenschaft. [ 73 ]

Geht man zunächst einmal aus von den Begründungsversuchen über den Nutzen, müßte der subjektive Nutzen selbst quantifizierbar sein. Mit dem Gesetz des mit zunehmender Gütermenge fallenden Nutzens der letzten Teilmengen, also dem sogenannten Grenznutzen ist die unendliche Teilbarkeit dieser Einheit notwendig gesetzt, denn die sich aus diesem Gesetz ergebenden Kurven müssen, soll man mit ihnen mathematische Operationen vornehmen können, als kontinuierliche vorausgesetzt sein. [ 74 ] Das Gesetz vom Ausgleich der Grenznutzen wird von Leo Ily in der Zeitschrift für Nationalökonomie so beschrieben: “(J)edes Wirtschaftssubjekt fragt von jedem Gut jeweils soviel nach, daß immer die Grenznutzen der von ihm nachgefragten verschiedenen Güterarten gleich sind; mit anderen Worten, es teilt den für seine individuelle Gesamtnachfrage verfügbaren Fonds (sein Einkommen) so auf die Nachfragen nach den verschiedenen Gütern auf, daß in allen Konsumzweigen der gleiche Nutzen erreicht wird. [ 75 ] Aus der Summierung der individuellen Teilnachfragen nach jedem Gut ergeben sich die gesellschaftlichen Gesamtnachfragen nach den verschiedenen Gütern auf dem Markte und ihr größenmäßiges Verhältnis zueinander und damit die Preisrelationen – das Gesetz vom einheitlichen Grenznutzenniveau bestimmt das Gleichgewichtssystem der einzelnen Wirtschaftssubjekte, und durch das Zusammentreffen dieser individuellen Gleichgewichtssysteme wird das allgemeine Gleichgewicht auf dem Markt determiniert.” [ 76 ]

Bei der genaueren Betrachtung der Jevonsschen Tauschrelation stellt Hans Mayer fest, daß die Tauschrelation identisch sein muß mit dem Verhältnis der ganzen ausgetauschten Mengen ? y / ? x = Y / X. [ 77 ] Dann aber habe man das Problem, die Auswirkung des Gesetzes des Zustandekommens einer bestimmten Tauschrelation, bereits als gelöst vorauszusetzen. Daher sei diese Gleichung, weil sie bereits die bestehende Tauschrelation voraussetzt, für die Ableitung der Tauschrelation selbst unverwendbar. Es liegt hier also – so Hans Mayer – wirklich ein Zirkelschluß vor. [ 78 ] Jevons stellte das Problem zunächst kausal; er wollte die Gesetze erforschen, die den Preisbildungsprozeß beherrschen. Faktisch entwarf er dann ein Tauschmodell, das als simultanes Gleichungssystem gedacht war; damit sollte man dann über die einzelnen Tauschrelationen die relativen Preise berechnen können. [ 79 ] Im Zuge seiner Argumentation geht er also über zu einer funktionellen Betrachtung. [ 80 ] Mit einem System simultaner Gleichungen ist das Problem der Preisbildung allerdings immer schon gelöst, denn es bestünde hier ja genau darin, die Größen zu begründen, mit denen in den Gleichungen gerechnet werden soll. Hans Mayer zieht daraus den Schluß, daß Jevons mit seinem Vorhaben auf ganzer Linie gescheitert sei. [ 81 ]

Léon Walras unterscheidet sich in dieser Hinsicht kaum von Jevons; ihn trifft die gleiche Kritik. Der Unterschied zu Jevons Untersuchung besteht darin, daß Walras die Erklärung des Preisbildungsprozesses nicht am einfachen Tausch zwischen zwei Personen diskutiert, sondern gleich übergeht zur “Darlegung der Preisbildung mehrerer Waren bei freier Konkurrenz”. [ 82 ] Walras geht es um eine wirtschaftliche Totalanalyse, den Gesamtzusammenhang aller Tauschakte. Er meint ihn herstellen zu können über ein Gleichgewichtsmodell, mit dem auch sein Ruhm als “l’inventeur de l’équilibre économique” begründet wird. [ 83 ] Die Funktion von Gleichgewichtsmodellen bei vollständiger Konkurrenz sei, wie Heiner Ganßmann referiert, jene Erklärungslücke zu schließen, die sich bei Betrachtung des isolierten Tauschs auftue. Frage man jedoch das Modell der Preiserklärung bei vollständiger Konkurrenz auf einen Zuwachs an sozialem Gehalt gegenüber dem einfachen Tauschmodell hin ab, so zeige sich, daß eigentlich nur in einer Hinsicht von einem derartigen Zuwachs die Rede sein könne: es werde eine strenge Interdependenz zwischen den Marktteilnehmern eingeführt, die in möglichst großer Zahl vorausgesetzt werden müssen. [ 84 ] Was auch bei Walras – wie bei allen neoklassischen Ökonomen – wiederkehrt, ist das an den Naturwissenschaften orientierte Wissenschaftsideal. [ 85 ] Im Rückgriff auf Walras und dessen “économie politique pure” [ 86 ] meinen die rein funktionellen Preistheorien auf eine Wert- und Preisbegründung und deshalb auf den Wertbegriff – auch auf den subjektiven – verzichten zu können. Bezogen auf die subjektive Wertlehre kann Stanger zeigen, daß diese Abgrenzung nicht gelingt: “Obwohl die neoklassische Theorie in ihrer modernen Fassung als rein funktionelle Preistheorie auf jegliche kausale, grenznutzentheoretische Fundierung verzichtet, ... läßt sich diese ihre Sichtweise ... in Verbindung mit der subjektiven Wertlehre bringen. Denn erst sie liefert die substantielle Begründung für das Ideologem, daß die Befriedigung von Bedürfnissen, unabhängig von der gesellschaftlichen Form der Pro-duktion, das zentrale Ziel wirtschaftlichen Handelns bildet und folglich die Nutzenvorstellungen der Individuen ... den Allokationsprozeß und die relativen Gleichgewichtspreise in letzter Instanz bestimmen.” [ 87 ]

Werner Hofmann zeigt darüber hinaus, warum die Neoklassiker den Begriff der Äquivalenz generell ablehnen (wollen) und daß es ihnen nicht gelingt. Hält man an dem Begriff der Äquivalenz fest, kommt man nicht umhin, von “objektiven” Werten zu sprechen, was innerhalb der subjektiven Wertlehre aber nicht möglich ist. Die Argumentation gegen die Arbeitswertlehre und der Versuch der Eliminierung des Begriffs der Arbeit als gesellschaftlicher Kategorie aus der ökonomischen Theorie wiederholt sich hier beim Begriff der Wertgleichheit. “Der polemische Eifer gegenüber der klassischen Lehre von der Tauschgleichheit ist unverkennbar. Die Auffassung vom Äquivalententausch war freilich mehr als bloß ökonomische, sie erhöhte sich zur Gleichheitsethik des frühen ‘Dritten Standes’ überhaupt ... Die Idee der ‘égalité’ findet ihr Unterpfand in der Marktgleichheit.” [ 88 ]

Die subjektive Werttheorie gerät nun in das Problem, die Bestimmung des Preises leisten, dabei aber auf den Begriff der Äquivalenz verzichten zu wollen. Will man auf diesen verzichten, muß man auch mikroökonomisch auf die Form Preis selbst und damit auf die Mathematisierung der ökonomischen Wissenschaft, sowie makroökonomisch auf so etwas wie volkswirtschaftliche Gesamtrechnung verzichten. [ 89 ] Das aber ist das Ziel der Neoklassik: “Bei der Theorie der Preisbestimmung geht es der Neoklassik um den Beweis der (logischen) Existenz eines eindeutigen Preissystems in einer ‘freien Marktwirtschaft’, das die Angebots- und Nachfragewünsche der Marktteilnehmer optimal – im Rahmen der gegebenen Anfangsausstattungen – zur Übereinstimmung bringt. Dieser Beweis wird bekanntlich seit L.Walras mathematisch als Lösung eines linearen Gleichungssystems geführt ... (Inzwischen) hat die Allgemeine Gleichgewichtstheorie ... ein Maß der formalen Kohärenz und Systematik erreicht, das in den Sozialwissenschaften ohne Beispiel ist. Allein wurde dieser am Vorbild der exakten Naturwissenschaften orientierte Erfolg mit dem völligen Verlust der empirischen und deskriptiven Relevanz der Theorie erkauft, eine Tatsache, die auch von (kritischen) Gleichgewichtsökonomen nicht (mehr) bestritten wird.” [ 90 ]

Agnostizismus und Obskurantismus seien deshalb, wie Backhaus resümiert, die Zwillingsschwestern der mathematischen Ökonomie. [ 91 ] Ausgehend von der Prämisse der neoklassischen Ökonomie, daß sie ihre Wissenschaft in Analogie zur Mechanik beziehungsweise, wie Walras sagt, als “physisch-mathematische” begreife, stellt Walter Ötsch “eine schockierende Unkenntnis über die Grundlagenkrise der Mathematik” bei der neoklassischen Theorie fest. [ 92 ] Die Argumentation zur Mengenantinomie habe gezeigt, daß die Mathematik nicht mehr uneingeschränkt als Verkörperung apodiktischer Wahrheiten verstanden werden könne und es insofern eine Grenze der Leistungsfähigkeit der formalen Methode gebe. W.Ötsch fragt nun weiter, ob diese Einschränkung für die ökonomische Theorie Konsequenzen habe und führt diese an ausgewählten Prämissen der Neoklassik vor. [ 93 ] Er zeigt, daß die Präferenzen des neoklassisch gedachten Individuums formal widerspruchsfrei formulierbar sein müssen, da sie sich sonst nicht ins Modell einpassen lassen. Deshalb seien erhebliche inhaltliche Einschränkungen notwendig; die Subjekte in der neoklassischen Theorie führten Bewertungen durch und nähmen Wahlakte vor, sie hätten jedoch kein Bewußtsein über ihre Handlungen. Die zentrale Eigenschaft eines neoklassischen Individuums sei die Eigenschaft, zu rechnen und zu kalkulieren. Es werde ihm jedoch die Fähigkeit verwehrt, über dieses Modell zu reflektieren, so wie der neoklassische Theoretiker über sein Modell reflektiere. Ein neoklassisches Individuum wäre niemals in der Lage, jene Leistung zu vollbringen, die einen neoklassischen Theoretiker auszeichne: nämlich über sein Modell der Welt zu reflektieren beziehungsweise davon zu abstrahieren. Das Modell eines neoklassischen Individuums hätte demnach in einer Welt, wie es diesem Modell entspreche, niemals entstehen können, weil es in einer solchen Welt niemanden gebe, der Modelle erzeugen und über Modelle reflektieren könne, so Ötsch. [ 94 ] Der Vorteil der Mathematik sollte doch gerade der sein, daß sie universal anwendbar sei. Mit der Argumentation zur Mengenantinomie zeigte sich aber, daß auch in der Mathematik die Bedingungen ihrer Anwendbarkeit und Gültigkeit diskutiert und bestimmt werden müssen. Für die Ökonomie als Wissenschaft hieße das, daß sie die Bedingungen ihrer Anwendbarkeit angeben müßte.

Die Neoklassik gerät hier also mit ihrem eigenen theoretischen Anspruch, nämlich mathematisch exakte Theorie zu sein, in Widerspruch, weil sie offensichtlich eine ideologische Vorstellung von Mathematik hat. [ 95 ] Die Vorstellung der akademischen Ökonomen von Mathematik ist von ihrer eigenen Wissenschaft bestimmt, nicht umgekehrt. Die scheinbare Rationalität dieser hochformalisierten mathematischen Gebilde ist Ausdruck der Verkehrungen der ökonomischen Wissenschaft. [ 96 ] Ein weiteres Problem stellt sich für die der Neoklassik zugrunde liegende subjektive Wertlehre. Wie bestimmen sich die Preise der Güter, die nicht unmittelbaren Nutzen für den Käufer haben? Bei C.Menger sind dies “Güter höherer Ordnung”, zu denen alles unterschiedslos gezählt wird, was nicht fertiges Endverbrauchsprodukt ist. [ 97 ] “Der Wert der Güter höherer Ordnung ist demnach keineswegs durch den gegenwärtigen Wert der Güter niederer Ordnung, sondern durch den voraussichtlichen Wert der Güter niederer Ordnung bedingt, zu deren Hervorbringung die ersteren ökonomischerweise dienen, und er findet sein Maß in letzteren”. [ 98 ]

Hier werden die Probleme des Mengerschen Ansatzes offensichtlich. Werner Hofmann resümiert: “Die Frage, wie vom ‘Grenznutzen’ der Endprodukte auf den ‘Grenznutzen’ der sogenannten Produktionselemente zu kommen sei, und damit auch auf die Bildung des Lohnes sowie des Unternehmensgewinnes, ist eines der Probleme geblieben, an denen die subjektivistische Preiserklärung scheitern mußte”. [ 99 ] Jevons dagegen gerät – obwohl er doch auf keinen Fall arbeitswerttheoretisch argumentieren wollte – in die alte Konfusion der Klassiker; weil er doch die Produktion irgendwie in seine Preislehre einbauen will, “läßt er erst die ‘Arbeit’, dann die ‘Produktionskosten’ das Güterangebot bestimmen”. [ 100 ] Die Produktion als ökonomisch formbestimmte gibt es bei ihm allerdings auch nicht.

Gesellschaft, so Michael Stanger, erscheine in den neoklassischen Vorstellungen denn auch in ihrer Grundstruktur als ein bloßes Ensemble atomisierter Individuen mit gewissermaßen naturgegebener individualistischer Verhaltensorientierung [ 101 ], die in “rationaler” Verfolgung ihrer Interessen zugleich ein Optimum an sozialer Wohlfahrt realisierten. Vermittelndes Medium dieser individuellen Maximierungsstrategien [ 102 ] sei im neoklassischen Modell der Markt oder Tausch. [ 103 ] Wie auch die Klassik ist die Neoklassik eine Theorie der Marktprozesse, die aus dem ökonomisch rationalen Handeln der Wirtschaftssubjekte die Optimalität der durch den Markt vermittelten Interaktion ableitet. Dabei postuliert die Neoklassik eine gegebene Ausstattung mit Ressourcen, eine gegebene Bedürfnisstruktur, einen gegebenen Stand der Technik und nutzen- beziehungsweise gewinnmaximierende Verhaltensweisen; sie konzentriert sich auf die Verteilung vorhandener Produktionsfaktoren. Die gesellschaftliche Beziehung der Individuen zueinander besteht innerhalb dieser Theorien nur noch im Zusammenhang der mathematischen Bestimmung der Gleichgewichtspreise. Die Begründung der Austauschproportionen soll erfolgen können im Rekurs auf individuelle Kalküle, auf die Beziehung der einzelnen Warenbesitzer auf ihre Ware. “Die Ableitung der relativen Gleichgewichtspreise (Austauschrelationen), welche die optimale Verwirklichung der individuellen Angebots- und Nachfragepläne erlauben, geschieht – auf Basis der getroffenen Maximierungsannahmen – aus gegebenen Nutzen- und Produktionsfunktionen [ 104 ] ... Die Bestimmung der absoluten oder Geldpreise, das heißt des Preisniveaus, leistet die Neoklassik auf Basis der Quantitätstheorie des Geldes.” [ 105 ] Damit hat man die relevanten Momente der Preistheorie in der neoklassischen Theorie benannt. [ 106 ] Was sind also Preise? “Die Preistheorie der akademischen Ökonomie verweigert uns bis heute hierüber jedwede Auskunft.” [ 107 ] Es wird ihr von verschiedenen Seiten vorgeworfen, daß sie den Preisbildungsprozeß dichotomisiere, da sie die relativen Preise durch die Beziehungen auf dem Gütermarkt bestimme und das absolute Preisniveau durch die Geldmenge. Aus dieser Dichotomie folge die Notwendigkeit, die neoklassische Allokationstheorie, wie sie sich im allgemeinen Gleichgewichtsmodell darstelle, durch eine Theorie zu ergänzen, die einen Zusammenhang herstelle zwischen der Geldmenge und dem allgemeinen Preisniveau. Die Quantitätstheorie des Geldes könne somit als notwendiges Korrelat dieser Allokationstheorie aufgefaßt werden. [ 108 ] Es ist allerdings fraglich, ob man zur Bestimmung des allgemeinen Preisniveaus kommen kann, ohne auf Begriffe von “absoluten” beziehungsweise “objektiven” Werten zurückzugreifen. [ 109 ] Auf dieser Ebene der Argumentation sind aber alle Probleme der Wert- und Geldbegründung sowieso längst abgeschnitten und werden nicht mehr diskutiert. In der klassischen politischen Ökonomie wurde das Problem von relativem und absolutem Wert zwischen Ricardo und Bailey diskutiert. Diese Diskussionen sind – wie man in den “Theorien über den Mehrwert” nachlesen kann – von Marx gründlich rezipiert worden. Die Kritik von Bailey an Ricardo wird von Marx zum einen aufgenommen, zum anderen wird sie von ihm teils mit Ricardoschen Argumenten, teils gegen diese, kritisiert. [ 110 ]

Die Darstellung der Wert- und Geldtheorie wird zeigen müssen, wie mit diesen Problemen in der Kritik der politischen Ökonomie umgegangen wird. Es wird sich zeigen – so viel schon hier – daß die Kategorien als soziale Verhältnisse gedacht werden müssen. Die Formanalyse stellt die Kategorien der politischen Ökonomie – der Sache nach und dem sprachlich wissenschaftlichen Ausdruck nach [ 111 ] – als widersprüchliche dar. Die in der Abfolge der Darstellung jeweils nächste Kategorie stellt also nicht die “Lösung” des Widerspruchs der vorangehenden Kategorie dar, sondern die Form, in der sich dieser Widerspruch auf der nächsten Ebene der Darstellung bewegen kann. Hier liegen sowohl das Problem von Darstellung und Kritik als Konstitutionstheorie, als auch das der Fetischtheorie; zusammen genommen nichts geringeres als das Problem der Dialektik. [ 112 ]

Im neoklassischen Modell dagegen herrscht das Optimierungskalkül; nicht der Prozeß wirtschaftlicher Entwicklung, der Zusammenhang von Kapitalbildung, Wachstum, und Einkommensverteilung, kurz: das Akkumulationsproblem, das die klassische und die Marxsche Ökonomie beschäftigte, sondern die optimale Verwendung gegebener knapper Ressourcen auf konkurrierende Ziele, die Frage der Allokation, steht im Zentrum des neoklassischen Denkens. Dieser Ansatz, der die Befriedigung von Bedürfnissen als in letzter Instanz bestimmenden Zweck wirtschaftlichen Handelns begreift, verweist auf das dargestellte methodische Fundament der Neoklassik, vor allem ihren Individualismus. Soziale Verhältnisse werden in der ökonomischen Theorie nicht mehr thematisiert. [ 113 ]

Im Zuge der Annäherung an die Naturwissenschaften und das, was die Ökonomen darunter verstehen, werden die individualistischen Wesensannahmen, wie sie Walras noch explizit gemacht hatte und wie sie auch noch von Menger [ 114 ] und Schumpeter [ 115 ] diskutiert wurden, heute in den neoklassischen Theorien als theoretische Voraussetzungen nicht mehr diskutiert. Trotzdem bleibt eine ökonomistisch verkürzte Vorstellung von Individuen Voraussetzung der Modelle. Die Reflexion darauf findet heute nur nicht mehr innerhalb der ökonomischen Debatte statt. Allenfalls den “Walrasianischen Auktionator”, der in Walras’ System die Funktion der “invisible hand” des Adam Smith hat, weist noch darauf hin. Im Gegensatz zu Adam Smith’ Konstruktion, die in ihrer metaphysischen Gestalt wenigstens konsequent ist, ist der Auktionator als metaphysisches Konstrukt selbst noch zum Individuum stilisiert.

Mit der vermeintlichen “Wertfreiheit” dieser Art naturwissenschaftlicher Theorie und der Rechenbarkeit als methodischem Ideal ist die Ahistorizität der ökonomischen Theorie verbunden. [ 116 ] Sie schreibt die Verhältnisse, die sie analysieren will, bedingungs- und geschichtslos fest und teilt damit auch deren Zwecksetzungen derselben. Michael Heinrich verweist auf den Zusammenhang zwischen dem “Ahistorismus” und dem Empirismus, der dem Marginalismus zugrunde liege. [ 117 ] Vergeblich wird man in den herrschenden [ 118 ] neoklassischen Theorien – diese Kritik wurde schon von den Frühsozialisten an den Klassikern geübt [ 119 ] – die Frage nach der Konstitutionsproblematik ökonomischer Gegenständlichkeit suchen; ihre Gegenstände scheinen immer schon gegeben und so der empirischen Erkenntnis zugänglich. [ 120 ] Weiterhin werden sie als mathematisierbar unterstellt, was impliziert, daß das Problem des Maßes wie des Maßstabs schon gelöst sein muß. Im Zuge des Wechsels des Erklärungsanspruchs von einer begründenden zu einer funktionellen Theorie, wie er oben beschrieben wurde, tritt das theoretische Korrelat des Empirismus, der Nominalismus, folgerichtig zunehmend in den Vordergrund. [ 121 ] Wissenschaftstheoretisch wird dieses Problem von Hans Albert diskutiert als das des “Modellplatonismus”. [ 122 ] Modellkritik ist auch ein Moment des Marxschen Kritikverfahrens. Innerhalb der ersten drei Kapitel des “Kapital” wird die “Modellvorstellung der einfachen Zirkulation” und damit implizit die der einfachen Warenproduktion kritisiert. Im Vergleich zu Alberts Kritik geht die Kritik der politischen Ökonomie allerdings weiter; sie wird zum einen als Kritik an positiver ökonomischer Theorie überhaupt und an der Mathematisierung ökonomischer, also sozialer Verhältnisse im besonderen, sich erweisen, zum anderen – wie die Darstellung der Kreisläufe des Kapitals zeigen wird – erklären, daß diese verkehrte Vorstellung kein Zufall ist.

Die (mathematischen) Modelle der Neoklassik haben nun – dies hat schon Schumpeter, der alle Begründungsfragen als irrelevant ablehnte, gewußt – das Problem, daß sie nicht erklären können, womit sie rechnen. Die Nationalökonomie hat keine Geldtheorie; sie kann die Form des Preises nicht erklären, sondern muß sie immer schon voraussetzen. [ 123 ] Damit stellt sich aber die Frage, auf die Backhaus immer wieder verweist: “Ist die Wirtschaftslehre überhaupt eine Wissenschaft?” [ 124 ] Wieder ist man bei den unreflektierten Voraussetzungen der ökonomischen Wissenschaft angelangt, wie man sie von Anfang an verfolgen konnte. Die Diskussion kann zugespitzt werden auf die Frage nach der Wert- und Geldtheorie. Die Naturaltauschwirtschaftsmodelle der Neoklassiker wie des Neoricardianers Sraffa sind alle gedacht nach dem Modell der einfachen Zirkulation; deren Voraussetzung ist – undiskutiert – die einfache Warenproduktion. [ 125 ] Das klingt zunächst widersprüchlich, ist aber Ausdruck der Widersprüchlichkeit der bürgerlichen Ökonomie wie sie sich auch Marx präsentiert hat. “James Mill hatte zum Zweck des Nachweises des prinzipiellen Gleichgewichts kapitalistischer Produktion eine naturaltauschwirtschaftliche Argumentation vorgetragen, die später unter dem Namen ‘Saysches Prinzip’ bis in unsere Gegenwart hinein die bürgerliche Ökonomie zu erbauen vermochte. Marx durchschaute die logische Unhaltbarkeit dieser Konstruktion, da Mill hierbei ‘den Zirkulationsprozeß in unmittelbaren Tauschhandel verwandelt, in den unmittelbaren Tauschhandel aber wieder die dem Zirkulationsprozeß entlehnten Figuren von Käufer und Verkäufer hineinschmuggelt’ [ 126 ], womit das Geld, das später wie überall in den akademischen Modellkonstruktionen als ‘pfiffig ausgedachtes Auskunftsmittel’ [ 127 ] eingeführt wird, in Wahrheit immer schon unreflektiert vorausgesetzt wird” [ 128 ]. Man kann dies am Geld als “numéraire”, wie es Walras einführt, genauso zeigen, wie am Wertstandard von Sraffa. [ 129 ] Doch es kommt vor allem – hier folge ich Backhaus – auf die sogenannte Funktion an, auf die ganz und gar mysteriöse Funktion des mysteriösen Subjekts oder besser Fetischs Geld, die heterogenen Gebrauchswerte homogen, “gleich zu machen”. [ 130 ] Die “wirtschaftliche Dimension der Dinge” ist sowohl ein quantitatives als auch ein qualitatives Problem, ein ökonomisches wie ein politisches und soziales.

Wenn sich der Neoliberalismus als politisches Programm heutzutage “Angebotspolitik” auf die Fahnen schreibt, basiert dies theoretisch auf der Neoquantitätstheorie, wie der Monetarismus auch genannt wird. Basis der Argumentation ist – wie bei Walras und den anderen Neoklassikern – das Saysche Theorem [ 131 ], daß sich jedes Angebot seine Nachfrage schaffe und folglich eine dauerhafte Überproduktion von Gütern und damit Krise systematisch aus endogenen Gründen unmöglich sei. Da ich die Positionen der Klassiker – mir geht es vor allem um John Locke, Adam Smith und David Ricardo – bezogen auf ihre theoretischen Grundannahmen für gehaltvoller und politisch für weitgehender halte, soll die Auseinandersetzung an dieser Stelle denn auch abbrechen, denn auf die Wert- und Geldtheorie und ihre individualistischen Prämissen und praktischen Konsequenzen scheint in der modernen ökonomischen Theorie nicht mehr so grundlegend reflektiert zu werden, wie es in der Debatte um die politische Ökonomie und deren Kritik deutlich wurde.

Daß die Vorstellung der Zirkulation eine bestimmte Vorstellung von Freiheit, nämlich individuelle Freiheit zur Voraussetzung und als Implikat hat, daß Eigentum eine gesellschaftliche Kategorie ist [ 132 ], so sehr man sie auch naturrechtlich zu rechtfertigen suchte, davon hatten die Klassiker wenigstens noch einen Begriff. [ 133 ] Wenn Milton Friedman, der Theoretiker des Monetarismus, dagegen von Kapitalismus und Freiheit spricht, hat er genau genommen, weder von dem einen noch von dem anderen einen Begriff – sicher: den braucht man auch nicht, um weltgeschichtliche Wirkung zu haben. [ 134 ] “Eine der Hauptursachen für die Gegnerschaft zur freien Wirtschaft ist gerade die Tatsache, daß sie ihre Aufgaben so gut erfüllt. Sie gibt den Menschen das, was sie wollen und nicht das, was ihnen eine bestimmte kleine Gruppe aufzwingen will ... Die Existenz eines freien Marktes ersetzt natürlich nicht die Notwendigkeit einer Regierung. Im Gegenteil: die Regierung ist einmal wichtig als das Forum, das die ‘Spielregeln’ bestimmt, und zum anderen als der Schiedsrichter, der über die Regeln wacht und sagt, ob sie richtig ausgelegt wurden ... Der Markt sichert die wirtschaftliche Freiheit. Aber diese Eigenschaft führt zugleich weit über den Bereich des rein Wirtschaftlichen hinaus. Politische Freiheit bedeutet, daß es keinen Zwang eines Menschen gegenüber einem anderen geben darf.” [ 135 ]

Aus diesem Grund kann es politische Freiheit unter kapitalistischen Verhältnissen nicht geben. Dies zu zeigen war Marx’ Anliegen bei der Kritik der einfachen Zirkulation.


Anmerkungen

[ 1 ] Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, München 1978, S. 28 – Smith schränkt diese Bestimmung im folgenden allerdings wieder ein auf eine Zeit, bevor “sich Kapital in den Händen einzelner gebildet hat”. Ebd., S. 43
[ 2 ] Diethard Behrens / Kornelia Hafner, “Kapitalistische Gesellschaft” im Horizont nicht-marxistischer Theoretiker; in: Hans Jorg Sandkühler (Hg.), Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Bd.II, Hamburg 1990, S. 390
[ 3 ] “Im Rahmen einer Gesellschaftstheorie, die grundsätzlich von formalen Freiheits-Gleichheitsbeziehungen und dem Eigentumsrecht als durch die unwiderrufliche Zwangsgewalt des Staates geschütztes Recht ausgeht, versteht die Vernunftrechtstradition von Hobbes bis Hegel das individualistische Eigentumsrecht und damit gleichzeitig das Recht zu unbeschränkt individuell-privater Aneignung als ein dem Menschen von Natur zustehendes Recht.” Georg Eichenseer, Privateigentum und Freiheitsproblem, a.a.O., S. 24
[ 4 ] GR, S. 39
[ 5 ] Vgl. ebd., S. 38f
[ 6 ] Der von Michael Stanger beschriebene Versuch der Neoklassik, auf eine Kritik an dieser Prämisse zu reagieren, macht allerdings deutlich, daß sie das Problem nur auf eine andere methodische Ebene verschiebt; erkenntnistheoretisch kann sie es nicht lösen: “In der modernen Neoklassik als ‘reiner Ökonomie’ (Walras) besitzt nun die Annahme individueller Nutzenmaximierung allerdings nur noch den Status eines methodologischen Hilfsmittels. Daß das individuelle Verhalten durch ein komplexes Geflecht vorausgesetzter sozialer Beziehungen (prä)determiniert ist, wird nicht bestritten, doch für die ‘reine’ ökonomische Theorie als irrelevant angesehen.” Michael Stanger, Krisentendenzen der Kapitalakkumulation. Theoretische Kontroversen und empirische Befunde, Berlin 1988, S. 186
[ 7 ] Franz Haslinger / Johannes Schneider, Die Relevanz der Gleichgewichtstheorie. Gleichgewichtstheorien als Grundlage der ordnungs- und wirtschaftspolitischen Diskussion; in: Ökonomie und Gesellschaft, Jahrbuch 1: Die Neoklassik und ihre Herausforderungen, Frankfurt/M – New York 1983, S. 7
[ 8 ] Hartmut Neuendorff sieht die Ursprünge des Interessekonzepts in der Affektenlehre der Renaissanceanthropologie bzw. schon in der hedonistischen und eudämonistischen Ethik der Spätantike; vornehmlich werde in den philosphischen Lexika natürlich in diesem Zusammenhang auf Thomas Hobbes verwiesen. Hartmut Neuendorff, Der Begriff des Interesses in den Theorien der bürgerlichen Gesellschaft von Hobbes, Smith und Marx, Frankfurt/M 1973 – Alfred Bürgin führt aus der Perspektive der Wirtschafts- und Dogmengeschichte als Beleg Conrad Peutingers Denkschrift für den Augsburger Reichstag von 1530 “Ratslag der monopolia halb” und Leonhard Fronspergers “Von dem Lob des Eigen Nutzen” (1564) an. Vgl. Alfred Bürgin, Zur Soziogenese der Politischen Ökonomie. Wirtschaftsgeschichtliche und dogmenhistorische Betrachtungen, Marburg 1993, S. 255ff
[ 9 ] Bernard Mandeville, Die Bienenfabel oder private Laster, öffentliche Vorteile, (eingeleitet von Walter Euchner), Frankfurt/M 1980
[ 10 ] In der Einleitung zur Bienenfabel betont Mandeville, daß es ihm ausdrücklich nicht darum gehe, eine Ethik zu entwerfen, sondern – er meint, damit eine Zweckbestimmung umgehen zu können – darum, den Menschen zu sagen, “wie sie in Wirklichkeit sind.” Bernard Mandeville, Die Bienenfabel, a.a.O., S. 93
[ 11 ] Vgl. Diethard Behrens / Kornelia Hafner, “Kapitalistische Gesellschaft”, a.a.O., S. 389
[ 12 ] Vgl. Elmar Waibl, Ökonomie und Ethik., a.a.O., S. 156
[ 13 ] Bernard Mandeville, Die Bienenfabel, a.a.O., S. 85 – Das heißt aber nicht, daß Mandeville die Verhältnisse harmonischer darstellen will, als sie sind. “Mandeville ist das Gegenteil von einem Harmonisator. Er hat es verschmäht, das Bild einer heilen bürgerlichen Welt zu zeichnen, in der Moral und Geschäft gleichermaßen zu ihrem Recht kommen. Unermüdlich zeigte er mit dem Finger auf die Antinomie zwischen der Häßlichkeit des gesellschaftlichen Lebensprozesses und den Illusionen, denen sich die Bürger über die moralische Qualität ihrer Lebensführung hingeben.” Walter Euchner, Versuch über Mandevilles Bienenfabel; in: Bernard Mandeville, Die Bienenfabel, a.a.O., S. 55
[ 14 ] “Hobbes’ Bild vom reinen Naturzustand ist ganz eindeutig die Negation der zivilisierten Gesellschaft: Keine Industrie, keine Kultivierung des Landes, keine Schiffahrt, keine Architektur, keine Künste, keine Wissenschaften, kein gesellschaftlicher Umgang, nur ‘das menschliche Leben, einsam, armselig, häßlich, roh und kurz’. So eindrucksvoll ist das Bild, daß wir leicht vergessen, auf welche Weise Hobbes dessen unvermeidliche Notwendigkeit begründet. Er leitet sie aus den Begierden der Menschen ab, die insofern zivilisiert sind, als sie nicht nur danach streben, zu leben, sondern gut und bequem zu leben.” C.B.Macpherson, Die politische Theorie des Besitzindividualismus. Von Hobbes bis Locke, Frankfurt/M 1967, S. 3f – Insofern sind sie moderne Individuen, die “anthropologischen” Bestimmungen sind selbst historisch.
[ 15 ] Vgl. Diethard Behrens, Elemente einer Demokratietheorie; in: Ders. (Hg.), Politik und soziale Praxis, Freiburg i.Br. 1997, S. 155, Fn.42
[ 16 ] C.B.Macpherson, Die politische Theorie des Besitzindividualismus, a.a.O., S. 15
[ 17 ] Vgl. Diethard Behrens, Elemente einer Demokratietheorie, a.a.O., S. 12
[ 18 ] Vgl. Diethard Behrens, Elemente einer Demokratietheorie, a.a.O., S. 13; vgl. C.B.Macpherson, Die politische Theorie des Besitzindividualismus, a.a.O., S. 96
[ 19 ] Diethard Behrens, Elemente einer Demokratietheorie, a.a.O., S. 13
[ 20 ] “So ist die Hobbessche Souveränitätstheorie Liberalismus in statu nascendi.” Ebd., S. 14
[ 21 ] Vgl. ebd., S. 15
[ 22 ] Vgl. Manfred Brocker, Arbeit und Eigentum. Der Paradigmenwechsel in der neuzeitlichen Eigentumstheorie, Darmstadt 1992, S. 177ff
[ 23 ] Vgl. ebd., S. 196
[ 24 ] Diethard Behrens, Elemente einer Demokratietheorie, a.a.O., S. 15 – Das Lockesche Modell hat folgende staatsrechtliche Konsequenz: “Dem Lockeschen Staat korrespondiert eine spezifische Gesellschaft, die durch das Privateigentum im Mittelpunkt gekennzeichnet ist. Aus dieser Gesellschaft sind die Armen, die Arbeitslosen, die als Arbeitsscheue betrachtet werden, verbannt ... Jeder sei Mitglied der Gesellschaft, weil jeder ein Interesse habe, Leben und Freiheit zu sichern. Der Staat fuße dementsprechend auf der Übereinstimmung der Mehrheit. Das dem Staat zugrundeliegende Vertragsrecht ist aber eines der Eigentümer. Wie das Ziel der Menschen ist, sich zusammenzuschließen, so ist die Erhaltung des Eigentums ihr Zweck, das Eigentum also Kriterium des Bürgerrechts, die Hauptaufgabe des Staates wie Endzweck der bürgerlichen Gesellschaft der Schutz des Eigentums.” Ebd., S. 16
[ 25 ] Vgl. Michael Heinrich, Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition, Hamburg 1991, S. 27ff
[ 26 ] Hartmut Neuendorff, Der Begriff des Interesses, a.a.O., S. 28
[ 27 ] Elmar Waibl, Ökonomie und Ethik, a.a.O., S. 135
[ 28 ] Vgl. ebd.
[ 29 ] Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen, a.a.O., S. 17
[ 30 ] “In der bürgerlichen Gesellschaft herrscht über den Mechanismus der freien Konkurrenz nicht nur Klassenversöhnung, weil Kaufleute wie Handwerker dem Kunden billig willfahren sollen; es gibt auch eine prästabilisierte Harmonie zwischen der Individualwirtschaft und dem gesellschaftlichen Ganzen, was für Smith eine Hochlohnpolitik impliziert.” Diethard Behrens / Kornelia Hafner, “Kapitalistische Gesellschaft”, a.a.O., S. 390 – Was die Lohnpolitik angeht, kann sich also weder die Neoklassik, noch weniger aber der Monetarimus, auf Smith’ Theorie berufen.
[ 31 ] Vgl. Diethard Behrens, Elemente einer Demokratietheorie, a.a.O., S. 17
[ 32 ] Diethard Behrens, Elemente einer Demokratietheorie, a.a.O., S. 17
[ 33 ] Ebd. – Die EU ist das aktuelle Beispiel für den Vorrang dieses Prinzips. Am ihrem Rechtssystem hält André Gauron fest, daß es das erste sei, “das die Selbstregulierung der Gesellschaft allein aus dem Marktmechanismus herleitet ... Quelle und Subjekt des Rechts ist nunmehr der Markt.” André Gauron, Metamorphose zur Maktgesellschaft; in: Le Monde diplomatique, dt. Ausgabe, Nr.5, 1998
[ 34 ] Helmut Brentel, Soziale Form und ökonomisches Objekt, a.a.O., S. 58
[ 35 ] Karl Marx, Theorien über den Mehrwert, Bd.I, MEW 26.1, Berlin 1985, S. 47 (Im folgenden zitiert als: T I)
[ 36 ] T I, S. 42f – Das ökonomische Modell von Adam Smith – reduziert um die moralphilosophischen und begründungstheoretischen, vor allem die arbeitswerttheoretischen Dimensionen seines Werks – ist und bleibt Grundmodell der bürgerlichen Ökonomie. Deshalb ist sie auch in ihren modernen Ausprägungen als Gegenstand der Marxschen Kritik an der einfachen Zirkulation zu begreifen.
[ 37 ] “Unter dieser Voraussetzung könnte der Wert der Arbeit (das Quantum Ware, das man mit einem gegebnen Quantum Arbeit kaufen kann, oder das Quantum Arbeit, das man mit einem gegebnen Quantum Ware kaufen kann) ebensowohl wie die in der Ware enthaltne Quantität Arbeit als Maß ihres Werts gelten, da der Wert der Arbeit stets dasselbe Quantum, Arbeit vergegenständlicht darstellt, was die lebendige Arbeit zur Produktion dieser Ware erheischt oder ein bestimmtes Quantum lebendiger Arbeitszeit stets ein Quantum Ware kommandierte, das gleich viel Arbeitszeit vergegenständlicht darstellte.” ebd., S. 43
[ 38 ] “(D)er Stifter der neuen Nationalökonomie, Adam Smith, (entwickelt) gleich auf den ersten Seiten seines Werks ‘An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations’, daß vor der Erfindung des Privateigentums, also unter der Voraussetzung der Nichtexistenz des Privateigentums, die Arbeitszeit das Maß des Arbeitslohns und des von ihm noch nicht unterschiedenen Wertes des Arbeitsprodukts war.” Friedrich Engels/Karl Marx, Die Heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten; in: MEW 2, Berlin 1976, S. 51 (Im folgenden zitiert als: Hl.Familie)
[ 39 ] T I, S. 44
[ 40 ] Vgl. ebd. – “Nun aber findet in allen Produktionsweisen – namentlich auch der kapitalistischen Produktionsweise –, worin die gegenständlichen Bedingungen der Arbeit einer oder mehreren Klassen gehören, das bloße Arbeitsvermögen dagegen einer andern Klasse, der Arbeiterklasse, das Gegenteil statt. Das Produkt oder der Wert des Produkts der Arbeit gehört nicht dem Arbeiter. Ein bestimmtes Quantum lebendiger Arbeit kommandiert nicht dasselbe Quantum vergegenständlichter Arbeit, oder ein bestimmtes Quantum in Ware vergegenständlichter Arbeit kommandiert ein größres Quantum lebendiger Arbeit, als in der Ware selbst enthalten ist.” Ebd., S. 43
[ 41 ] Vgl. Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, Berlin 1974 S. 46 (Im folgenden zitiert als: ZK)
[ 42 ] Karl Marx, Theorien über den Mehrwert, Bd.II, MEW 26.2, Berlin 1974 (Im folgenden zitiert als: T II) – In den Debatten um Ricardo und die Marxsche Ricardo-Rezeption wird oft versucht, die Arbeitswerttheorie als unwesentlichen aus der Auseinandersetzung mit Smith resultierenden Restbestand anzusehen. Das wird meines Erachtens der Intention des Textes von Ricardo nicht gerecht. Vgl. Diethard Behrens, Überlegungen zur Produktionspreisproblematik, Texte zum Marx-Kolloquium, unveröffentlichtes Typoskript, Frankfurt/M 1996; Nadja Rakowitz, Marx’ Kritik an Ricardos Werttheorie, Texte zum Marx-Kolloquium Herbst 1996, unveröffentlichtes Typoskript, Frankfurt/M 1996
[ 43 ] Vgl. Helmut Brentel, Soziale Form und ökonomisches Objekt, a.a.O., S. 87
[ 44 ] Ebd.
[ 45 ] Vgl. Karl Marx, Das Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons “Philosophie des Elends”; in: MEW 4, Berlin 1972, S. 98 (Im folgenden zititert als: Das Elend der Philosophie)
[ 46 ] Vgl. ZK, S. 66 – “Die Lehre von der Arbeitszeit als unmittelbarer Maßeinheit des Geldes ist zuerst systematisch entwickelt worden von John Gray. Er läßt eine nationale Zentralbank vermittelst ihrer Zweigbanken die Arbeitszeit vergewissern, die in der Produktion der verschiedenen Waren verbraucht wird. Im Austausch für die Waren erhält der Produzent ein offizielles Zertifikat des Werts, d.h. einen Empfangsschein für soviel Arbeitszeit, als seine Ware enthält, und diese Banknoten von 1 Arbeitswoche, 1 Arbeitstag, 1 Arbeitsstunde usw. dienen zugleich als Anweisung auf ein Äquivalent in allen andern in den Bankdocks gelagerten Waren.” ebd.
[ 47 ] Heinz D.Kurz, David Ricardo; in: David Ricardo, Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung, Marburg 1994, S. xlviii
[ 48 ] Eugen Paschukanis behauptet das gleiche für die entsprechende bürgerliche Rechtstheorie: für die Naturrechtstheorie. “Im großen und ganzen war jedoch diese (die naturrechtliche, N.R.) Theorie die revolutionäre Fahne, unter der die Bourgeoisie ihre revolutionären Kämpfe mit der feudalen Gesellschaft ausfocht. Dadurch ist auch das Schicksal der Lehre bestimmt. Seitdem die Bourgeoisie zur herrschenden Klasse wurde, beginnt die revolutionäre Vergangenheit des Naturrechts in ihr Besorgnis zu erwecken”. Eugen Paschukanis, Allgemeine Rechtslehre und Marxismus. Versuch einer Kritik der juristischen Grundbegriffe, Frankfurt/M 1966, S. 125 – “Darum liegt allen bürgerlichen Rechtstheorien bewußt oder unbewußt die naturrechtliche Doktrin zugrunde. Die naturrechtliche Schule war nicht nur der krasseste Ausdruck der bürgerlichen Ideologie in der Epoche, in der die Bourgeoisie als revolutionäre Klasse auftrat ... diese Schule lieferte auch das Musterbeispiel für das tiefste und klarste Verständnis der Rechtsform.” Ebd., S. 42 – Darauf wird in Kapitel 7 noch genauer einzugehen sein.
[ 49 ] Vgl. Francois Bedarida, Der Sozialismus in England bis 1848; in: Jacques Droz (Hg.), Geschichte des Sozialismus. Von den Anfängen bis 1875, Bd.II: Der utopische Sozialismus bis 1848, Frankfurt/M-Berlin-Wien 1974, S. 50
[ 50 ] Michael Heinrich, Die Wissenschaft vom Wert, a.a.O., S. 55 – “Die klassische Ökonomie war noch Revolutionstheorie der neu aufsteigenden Klasse der Kapitaleigner gegen die Feudalschicht. Deshalb auch der Rückgriff von Smith und Ricardo auf den alten philosophischen Gedanken des Aristoteles, daß der ökonomische Wert der Arbeit verdankt, was er ist ... Der revolutionäre Gehalt der Arbeitswertlehre richtet sich gegen das ererbte Eigentumsprivileg des Adels, und die Forderung des radikalen Liberalismus gegen das Erbrecht liegt auf der Linie dieser leistungsbezogenen Eigentumstheorie.” Karl Georg Zinn, Politische Ökonomie. Apologien und Kritiken des Kapitalismus, Opladen 1987, S. 115f
[ 51 ] Vgl. Karl Marx, Theorien über den Mehrwert, Bd.III, MEW 26.3, Berlin 1974, Kap.21 (Im folgenden zitiert als: T III): Gegensatz gegen die Ökonomen (auf Basis der Ricardoschen Theorie), S. 234-319
[ 52 ] Diethard Behrens / Kornelia Hafner, Auf der Suche nach dem “wahren Sozialismus”; a.a.O., S. 210
[ 53 ] Daß sich die von Proudhon als Lösung des Geldproblems eingeführten Stundenzettel notwendig wieder zu Geld und Kapital fortentwickeln müssen, zeigt Marx in den Grundrissen. Um die Kritik an frühsozialistischen Positionen wie der Proudhons in der Kritik an Wert- und Geldtheorie in der Fassung des “Kapital” nachvollziehen zu können, wird hier nach der Darstellung der Proudhonschen Utopie zunächst die Auseinandersetzung mit diesen Passagen stehen; erst dann wird die systematische Kritik der einfachen Zirkulation entlang der systematischen Darstellung im “Kapital” zu behandeln sein.
[ 54 ] Karl Marx an Ferdinand Lassalle, 22. Februar 1858; in: MEW 29, a.a.O., S. 550 – Die Ricardo- und Proudhon-Kritik sind im “Kapital” also systematischer Bestandteil der Darstellung des Wert- und Geldbegriffs; Kritik und “positive Darstellung” sind nicht – wie die Interpretation der Projektgruppe Entwicklung des Marxschen Systems nahelegt – getrennt. Projektgruppe Entwicklung des Marxschen Systems, Das Kapitel vom Geld. Interpretationen der verschiedenen Entwürfe, Westberlin 1973, S. 31
[ 55 ] Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie/Urtext, Berlin 1953 S. 916 – Der sogenannte “Urtext” ist in der MEW-Ausgabe der “Grundrisse” nicht abgedruckt, deshalb muß ich hier auf diese Ausgabe zurückgreifen. (Im folgenden zitiert als: GR/Urtext)
[ 56 ] Vgl. ebd.
[ 57 ] Vgl. Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung; a.a.O., S. 381
[ 58 ] GR, S. 93
[ 59 ] Vgl. David Ricardo, Über die Grundätze, a.a.O., S. 78
[ 60 ] Vgl. Maurice Dobb, Wert- und Verteilungstheorien seit Adam Smith. Eine nationalökonomische Dogmengeschichte, Frankfurt/M 1977, S. 117ff
[ 61 ] Michael Heinrich, Die Wissenschaft vom Wert, a.a.O., S. 59; vgl. Maurice Dobb, Wert- und Verteilungstheorien a.a.O., S. 112ff; Werner Hofmann, Sozialökonomische Studientexte, Bd.I, a.a.O., S. 156ff; Ronald L.Meek, Der Untergang der Ricardoschen Ökonomie in England; in: ders., Ökonomie und Ideologie. Studien zur Entwicklung der Wirtschaftheorie, Frankfurt/M 1973, S. 94ff
[ 62 ] Dies teilen nicht alle Interpreten: “An Ricardo scheiden sich die Geister. Die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte seiner Lehre ist turbulent und facettenreich ... So wird Ricardos Lehre sowohl von ultraliberalen Apologeten eines ungezügelten Manchester-Kapitalismus als auch von dessen sozialistischen Kritikern zu vereinnahmen oder zumindest zu nutzen getrachtet”. Heinz D.Kurz, David Ricardo, a.a.O., S. xxx
[ 63 ] Karl Georg Zinn, Politische Ökonomie, a.a.O., S. 116f – “Die gesellschaftstheoretische Ausdünnung der bürgerlichen Ökonomie durch die Neoklassik hatte als wesentliche historische Voraussetzung die feste Etablierung der bürgerlichen Gesellschaft.” ebd., S. 115 – “Diese Amoralität der Neoklassik trennt sie von Smith, dessen Arbeitswertlehre die ursprünglich revolutionäre Markttheorie in die historische Tradition der Gerechtigkeitsphilosophie gestellt hatte.” ebd., S. 118
[ 64 ] Im Sprachgebrauch der Ökonomen bürgerte sich bald der von Thorstein Veblen eingeführte Begriff ‘Neoklassik’ als Synonym für ‘Marginalismus’ ein. Vgl. Heinz D.Kurz, David Ricardo, a.a.O., S. xxxviii
[ 65 ] Er vermied “mit seiner entschiedenen Ablehnung der Arbeitswertlehre jede Andeutung einer Ausbeutungstheorie und bot sich zur Apologetik der kapitalistischen Verhältnisse an ... Insbesondere für die Entwicklung der österreichischen Schule spielte dieser antisozialistische Impetus eine wichtige Rolle.” Michael Heinrich, Die Wissenschaft vom Wert, a.a.O., S. 60; vgl. Hansgeorg Conert, Vom Handelskapital zur Globalisierung. Entwicklung und Kritik der kapitalistischen Ökonomie, Münster 1998, S. 305f
[ 66 ] Vgl. Werner Hofmann, Sozialökonomische Studientexte, Bd.I, a.a.O., S. 117ff; vgl. Hansgeorg Conert, Vom Handelskapital zur Globalisierung, a.a.O., S. 307f
[ 67 ] Werner Hofmann, Sozialökonomische Studientexte, Bd.I, a.a.O., S. 117ff
[ 68 ] Vgl. Oskar Lange, Kritik der subjektivistischen Ökonomik; in: Hans Albert (Hg.), Theorie und Realität. Ausgewählte Aufsätze zur Wissenschaftslehre der Sozialwissenschaften, Tübingen 1964, S. 288, Fn.3
[ 69 ] Im Anschluß daran hat Francis Y.Edgeworth versucht, eine “universelle Hedonimetrie” zu entwickeln. Der Mensch ist für ihn – die Idee des “Maschinen-Menschen” des Französischen Materialismus kommt wieder einmal zu Ehren – “pleasure machine”; mit Hilfe der Infinitesimalrechnung sucht er die utilitaristische Ethik rechenbar zu machen. Werner Hofmann, Sozialökonomische Studientexte, a.a.O., S. 173 – Welcome to the pleasure dome!
[ 70 ] Joseph Schumpeter zitiert nach Werner Hofmann, Sozialökonomische Studientexte, a.a.O., S. 129 – “Die Begründer der neoklassischen Theorie wollten bekanntlich eine neue Wissenschaft von der Wirtschaft in Analogie zur Mechanik von Newton konzipieren. Jevons ... bezeichnet seine Theorie als eine ‘Mechanik des Nutzens und des Selbstinteresses’. Die Grenznutzentheorie zeigt nach Jevons ‘eine auffallende Ähnlichkeit mit der Wissenschaft der statischen Mechanik und die Gesetze des Tausches ähneln den Gleichgewichtsgesetzen eines Hebels.’ ... Die Analogie ist einfach: Nutzen wird in Analogie zu Masse und ‘Lust- und Unlustgefühle’ werden in Analogie zur Gravitationskraft gesehen. Walras definiert seine ‘reine Volkswirtschaftslehre’ als ‘physisch-mathematische’ Wissenschaft ... Diese Belege können beliebig fortgesetzt werden. Ein expliziter Verweis auf die Mechanik findet sich bei allen bedeutenderen neoklassischen Autoren aus der Anfangszeit des Paradigmas (mit Ausnahme der Österreichischen Schule).” Walter Ötsch, Gibt es eine Grundlagenkrise der neoklassischen Theorie?; in: Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik, Bd.208/6, Stuttgart 1991, S. 642f – Die österreichische Schule hält – auf der Basis der subjektiven Wertlehre – fest an dem Vorhaben, eine genetisch-kausale Preistheorie zu entwickeln. Sie kann zwar triftige Argumente gegen die funktionellen Preistheorien von Jevons, Walras, Pareto und Cassel vorbringen, aber ihrem eigenen begründenden Anspruch nicht gerecht werden. Insofern ist Hans Mayers Aufsatz nur bezogen auf seine Kritik zuzustimmen. Vgl. Hans Mayer, Der Erkenntniswert der funktionellen Preistheorien – Kritische und positive Untersuchungen zum Preisproblem; in: Ders. (Hg.), Die Wirtschaftstheorie der Gegenwart in vier Bänden, Bd.2: Wert, Preis, Produktion, Geld und Kredit, Wien 1932
[ 71 ] Vgl. Werner Hofmann, Sozialökonomische Studientexte, a.a.O., S. 129
[ 72 ] Ebd., S. 138f – Hofmann nennt Jevons, Walras, Pareto. (ebd.) – Hofmann zitiert hier aus: Eugen von Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik der Kapitalzinstheorien, Bd.I, Abt.2, Kapital und Kapitalzins, Innsbruck 1900
[ 73 ] Hans-Georg Backhaus verweist auf einige wenige Ökonomen, wie z.B. Alfred Amonn, die sich diesem Problem noch gestellt haben: “Keineswegs von allen Ökonomen ist der Preis als unhintergehbare Voraussetzung ökonomischer Theoriebildung verstanden und hingenommen worden. So konstatierte Alfred Amonn ein Defizit des Hauptstroms der Nationalökonomie mit seiner Feststellung: ‘Wie die Preisform entsteht, danach frägt sie nicht, sondern sie setzt die Preisform einfach als gegeben voraus, und in der Methodenlehre bestimmen wir, welche Voraussetzung diese Preisform hat. Das nationalökonomische Problem ist der Inhalt des Preises, das ist eine bestimmte Größe.’“ Hans-Georg Backhaus, Zur logischen Misere der Nationalökonomie; in: Ders., Dialektik der Wertform, a.a.O., S. 446; Zitat aus: Alfred Amonn, Objekt und Grundbegriffe der theoretischen Nationalökonomie, Wien 1927, S. 421 (Hervorhebung von N.R.)
[ 74 ] Vgl. Hans Mayer, Der Erkenntniswert der funktionellen Preistheorien, a.a.O. – Die Bedürfnisse der Individuen und auch sie selbst sind vorgestellt als Objekte, die quantifizierbar sein sollen.
[ 75 ] “In Wahrheit aber steht ... hinter dieser Ableitung die petitio principii: Die letzten Zuwächse in allen Bedürfniszweigen bzw. Güterarten müssen gleiche Grenznutzengrade haben, sonst würde man eben anders disponiert haben!” Ebd., 172
[ 76 ] Leo Ily, Grundprobleme der Preistheorie; in: Zeitschrift für Nationalökonomie, Jahrgang 48/49, Wien 1949, S. 164
[ 77 ] “Das Tauschverhältnis irgend welcher zweier Güter wird das umgekehrte Verhältnis der Grenznutzengrade der nach Vollzug des Tausches zum Verbrauche zur Verfügung stehenden Gütermengen sein.” W.St.Jevons, zitiert nach: Hans Mayer, Der Erkenntniswert der funktionellen Preistheorien, a.a.O., S. 177
[ 78 ] Vgl. ebd., S. 182 (Hervorhebungen N.R.) – “Erst am Ende des Prozesses also ergeben sich durch die Summierung der in den einzelnen Tauschphasen verschobenen Güterteilmengen die ausgetauschten Gesamtmengen (x,y). Sie sind weder vorher den tauschenden Subjekten bekannt ... noch stehen sie objektiv vor dem Abschluß des letzten Teiltausches fest ... denn sie hängen ja eben als Resultat ab von den in den einzelnen aufeinanderfolgenden Teiltäuschen jeweils geltend gewesenen Tauschrelationen”. Ebd., S. 183 – Vgl. Werner Hofmann, Sozialökonomische Studientexte, a.a.O., S. 151ff; Hansgeorg Conert, Vom Handelskapital zur Globalisierung, a.a.O., S. 398
[ 79 ] “Alle Elemente, die sich gegenseitig im Ruhezustand das Gleichgewicht halten, werden als gleichzeitig ‘gegeben’, d.i. existierend, wenn auch nicht gleichzeitig ‘bekannt’ (im mathematischen Sinne) angenommen, kein Element ist vor irgendwelchen anderen gegeben, es besteht kein einseitiger Kausalzusammenhang zwischen ihnen, sondern sie bestimmen sich alle wechselseitig, stehen als variable Elemente eines geschlossenen Systems untereinander in allseitiger, reversibler Abhängigkeit, im Verhältnis der ‘allgemeinen Interdependenz’, derart, daß, wenn ein Element in seiner Größe sich ändert, automatisch alle anderen sich ins Entsprechungsverhältnis setzen.” Hans Mayer, Der Erkenntniswert der funktionellen Preistheorien, a.a.O., S. 151
[ 80 ] Das gleiche kann man bei Léon Walras feststellen: “Es ist ... die gleiche Wendung wie bei JEVONS von der kausal-genetischen Ableitung des Preises oder der Aufzeigung seines Bildungsgesetzes zur funktionellen Beschreibung des Entsprechungsverhältnisses zwischen Grenznutzen, ausgetauschten und erworbenen Gütermengen und bereits bestehenden Preisen.” Ebd., S. 191
[ 81 ]  ”Die Auffassung von der Rechenbarkeit des ‘Grenznutzens’ ist lehrgeschichtlich abgetan.” Werner Hofmann, Sozialökonomische Studientexte, a.a.O., S. 173 – Preisbildungs- als Preisbegründungsprobleme werden heute einfach nicht mehr diskutiert.
[ 82 ] Hans Mayer, Der Erkenntniswert der funktionellen Preistheorien, a.a.O., S. 194
[ 83 ] Ebd., S. 195
[ 84 ] Vgl. Heiner Ganßmann, Über den Individualismus in Ökonomie und Soziologie, unveröffentlichter Text, o.O. 1978, S. 7 (Hervorhebung von H.G.) – “Dies geschieht mit Hilfe einer Bedingung vom Typus des Jevons’schen ‘law of indifference’, das besagt, daß auf einem Markt für ein und dasselbe Gut nur ein einheitlicher Preis gelten kann. Eine derartige Bedingung impliziert zugleich eine Gleichgewichtsvorstellung, indem die relativen Preise der Güter konsistent in dem Sinne sein müssen, daß z.B. Dreieckstauschaktionen keinen Vorteil mehr bringen können. Damit ist der relative Preis jedes einzelnen Gutes abhängig von den Preisen aller andern Güter im Marktsystem, und jeder Marktteilnehmer abhängig von allen andern Marktteilnehmern. Resultat: die vollständige Interdependenz der Wirtschaftssubjekte hinsichtlich der Austauschverhältnisse und – qua Implikation – der Bedürfnisbefriedigung.” ebd.
[ 85 ] “Seit der These von Jevons, die Ökonomie sei eine ‘mathematische Wisssen-schaft’ und der von Walras, sie trage den ‘Charakter einer eigentlichen und zwar physisch-mathematischen Wissenschaft’, in Deutschland aber vor allem seit Schumpeters methodologischem Frühwerk von 1908 sowie Marshalls These, die Ökonomie sei ein ‘Zweig der Biologie’, datiert der Streit um das Problem der Analogie in dieser Disziplin.” Hans-Georg Backhaus, Die akademische Ökonomie zwischen reinem Subjektivismus und physi-kalistischem Objektivismus, unveröffentlichter Text, Frankfurt/M 1992, S. 1
[ 86 ] Werner Hofmann, Sozialökonomische Studientexte, a.a.O., S. 174 – “So wie die reine Geometrie vollkommen absieht von Flächen, Geraden, Punkten usw., die wir zeichnen und im täglichen Leben wahrnehmen, so sieht die reine Nationalökonomie vollständig ab von der Marktform, vom Geld usw., die wir im täglichen Leben wahrnehmen, und der reine Theoretiker als solcher braucht nichts über sie zu wissen.” Terence Wilmot Hutchinson, Theoretische Ökonomie als Sprachsystem; in: Hans Albert (Hg.), Theorie und Realität, a.a.O., S. 279
[ 87 ] Michael Stanger, Krisentendenzen der Kapitalakkumulation, a.a.O., S. 211f – Walras’ Abgrenzung von der subjektiven Wertlehre gelingt nicht, auch wenn er seine auf die “rareté” gestützte Preislehre sowohl der Arbeitswerttheorie der englischen Klassiker als auch den von der Nützlichkeit ausgehenden Lehren gegenüberstellen will. Inhaltlich ist mit rareté, die definiert ist als “intensité du dernier besoin satisfait”, das gleiche gemeint wie mit dem Grenznutzen. “Da alle Autoren letztlich übereinstimmend das gleiche meinen, nämlich ‘marginal utility’, so erscheint es gerechtfertigt, aus dem Abstand von heute als ‘Grenznutzenschule’ nicht nur die österreichische Richtung, sondern alle Varianten der subjektivistischen Lehre vom Grenzwert zu bezeichnen.” Werner Hofmann, Sozialökonomische Studientexte, a.a.O., S. 121
[ 88 ] Werner Hofmann, Sozialökonomische Studientexte, a.a.O., S. 137
[ 89 ] Backhaus macht deutlich, daß dies ungeheure Folgen für die Ökonomie als Wissenschaft hat. Robert Liefmann war sich – als einer der wenigen Ökonomen darüber klar: “im Sinne eines konsequenten Subjektivismus insistierte Robert Liefmann unerbittlich auf diese anti-makroökonomische Konsequenz”. Hans-Georg Backhaus, Zur logischen Misere der Nationalökonomie; in: Ders., Dialektik der Wertform, a.a.O., S. 454; vgl. ders., Die akademische Ökonomie, a.a.O., S. 7ff
[ 90 ] Michael Stanger, Krisentendenzen der Kapitalakkumulation, a.a.O., S. 198f
[ 91 ] “Tatsächlich finden sich in der deutschen Ökonomie vor allem der zwanziger Jahre ... mehrere Autoren, die ausdrücklich den Agnostizismus als letzte Konsequenz der bürgerlichen Kategorienanalyse anerkannt haben – Einsichten, die heute ängstlich verschwiegen oder verdrängt werden”. Hans-Georg Backhaus, Zum Kritikpotential der Marxschen Kategorienanalyse; in: Ders., Dialektik der Wertform, a.a.O., S. 425
[ 92 ] Walter Ötsch, Gibt es eine Grundlagenkrise der neoklassischen Theorie?, a.a.O., S. 644 – Kontrovers war diese “Idee des Isomorphismus”, wie Backhaus schreibt, nur, insofern ihre Grenzen und Reichweite diskutiert wurde. Vgl. Hans-Georg Backhaus, Die akademische Ökonomie, a.a.O., S. 1, S. 16ff
[ 93 ] Vgl. Walter Ötsch, Gibt es eine Grundlagenkrise in der neoklassischen Theorie?, a.a.O., S. 648
[ 94 ] Vgl. Walter Ötsch, Gibt es eine Grundlagenkrise, a.a.O., S. 651f – Die neoklassische Theorie ist also schon auf dieser Ebene Elitetheorie.
[ 95 ] Es versteht sich von selbst, daß die Ökonomen die historische Entwicklung der Mathematik selbst unterschlagen bzw. nicht zur Kenntnis nehmen. Würden sie die sozialgeschichtliche Einbettung der Mathematik zugestehen, könnte die Mathematik nicht mehr der Garant für die ewige Gültigkeit des ökonomischen Kalküls sein.
[ 96 ] Vgl. Hans-Georg Backhaus, Zum Kritikpotential der Marxschen Kategorienanalyse, a.a.O., S. 424f
[ 97 ] Werner Hofmann, Sozialökonomische Studientexte, a.a.O., S. 141
[ 98 ] Carl Menger, zitiert nach Werner Hofmann, Sozialökonomische Studientexte, a.a.O., S. 143 – Genauso wie die Wertlehre lehnt Menger auch die Produktionskostentheorie ab, die ihm bloß “Popanz der Lehre vom objektiven Wert” ist. Ebd., S. 142
[ 99 ] Werner Hofmann, Sozialökonomische Studeintexte, a.a.O., S. 145
[ 100 ] Ebd., S. 157
[ 101 ] Menger illustriert seine Darlegung mit Hilfe folgender Beispiele: ‘ein Buschbewohner’, ‘der Bewohner einer Oase’, ‘ein Individuum auf einer einsamen Insel’, ein ‘allein wirtschaftender Landwirt’, usw. Böhm-Bawerk beginnt seine Darstellung in folgender Weise: ‘Ein Mann sitzt neben einer Trinkwasserquelle’; dann gibt er folgende Beispiele: ‘ein Reisender, der sich in der Wüste befindet’, ‘ein von der Welt abgeschnittener Landwirt’, ‘ein Ansiedler, dessen Häuschen sich im Urwald befindet’, usw.” Oskar Lange, Kritik der subjektivistischen Ökonomik, a.a.O., S. 296
[ 102 ] “Es sind die subjektiven Präferenzen der Individuen, die bei gegebenen technischen Produktionsbedingungen den Wirtschaftsprozeß letztlich steuern.” Michael Stanger, Krisentendenzen der Kapitalakkumulation, a.a.O., S. 181
[ 103 ] Vgl. ebd.
[ 104 ] Michael Stanger geht zunächst davon aus, daß es möglich sei, unter Voraussetzung des Sayschen Theorems und der Quantifizierbarkeit von Nutzen und Produktion das Walrasisanische Gleichungssystem zu lösen. Wenn er auch später (ebd., S. 203ff) das Auktionator-Modell kritisiert, geht seine Kritik an Walras nicht soweit, Walras’ Versuch, Preise zu begründen, als gescheitert zu bezeichnen.
[ 105 ] Ebd., S. 200f – “Mikroökonomische Grundlage der neoklasssischen Preisbestimmung sind gegebene Nutzen- und Produktionsfunktionen. Um ihre Verträglichkeit mit den axiomatischen Voraussetzungen zu gewährleisten, müssen sie gewissen Bedingungen genügen. Die Neoklassik nimmt diese per definitionem als erfüllt an.” Ebd.
[ 106 ] Zu den Defiziten der Neoklassik: Vgl. u.a.: Hans Albert, Modellplatonismus. Der neoklassische Stil des ökonomischen Denkens in kritischer Beleuchtung; in: Ernst Topitsch (Hg.), Logik der Sozialwissenschaften, Königstein 1980; Erich Hödl / Gernot Müler (Hg.), Die Neoklassik und ihre Kritik. Diskussionsband zu “Ökonomie und Gesellschaft” Jahrbuch 1, Frankfurt/M – New York 1986; Winfried Vogt, Zur Kritik der herrschenden Wirtschaftstheorie; in: Ders. (Hg.), Seminar: Politische Ökonomie. Zur Kritik der herrschenden Nationalökonomie, Frankfurt/M 1973; Joachim Weimann, Überlegungen zum Theoriebegriff der Wirtschaftswissenschaften; in: Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (109), 1989; Hajo Riese, Politische Ökonomie oder mathematische Scholastik; in: Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (95), 1975
[ 107 ] Hans-Georg Backhaus, Die akdemische Ökonomie ..., a.a.O., S. 5
[ 108 ] Vgl. Wolfgang Schröder, Theoretische Grundstrukturen des Monetarismus, Baden-Baden 1978, S. 40
[ 109 ] Vgl. Hans-Georg Backhaus, Zum Kritikpotential der Marxschen Kategorienanalyse, a.a.O., S. 426ff
[ 110 ] Vgl. T III, S. 130ff
[ 111 ] “Die Widersprüche, die daraus hervorgehn, daß auf der Grundlage der Warenproduktion Privatarbeit sich als allgemeine gesellschaftliche darstellt, daß die Verhältnisse der Personen als Verhältnisse von Dingen und Dinge sich darstellen – diese Widersprüche liegen in der Sache, nicht in dem sprachlichen Ausdruck der Sache.” ebd., S. 134 – Vgl. Hans-Georg Backhaus, Zur Dialektik der Wertform; in: Ders., Dialektik der Wertform, a.a.O., S. 50ff
[ 112 ] Will man mit der Kritik der politischen Ökonomie nicht im Skeptizismus verharren, wird man selbst Aussagen machen müssen über den gesellschaftlichen Zusammenhang. Ich halte es für das Verdienst der Kritischen Theorie, in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Fetischtheorie und der Entfremdungsproblematik herausgearbeitet zu haben. Wenn die ökonomische Wissenschaft als die systematisierte Form der Alltagsvorstellungen von Ökonomie zu begreifen ist und die Kritik der politischen Ökonomie dies kritisiert, so kritisiert sie zugleich den gesellschaftlichen Zusammenhang, der diese konstituiert. In der Kritik muß sie also selbst eine Vorstellung davon gewinnen, wie dies geschieht. Weil es kein “Außerhalb” aus diesem Zusammenhang gibt, unterliegt sie selbst auch demselben. Der Fetischismus der Kategorien ist also dadurch, daß man ihn durchschaut, dargestellt und kritisiert hat, noch nicht aufgehoben, denn er hängt an der gesellschaftlichen Praxis. Erst diese zu ändern, würde die Verhältnisse “entmystifizieren”, die Fetische praktisch aufheben. Die prinzipielle Möglichkeit dazu muß in den Verhältnisse selbst angelegt sein.
[ 113 ] Adolph Lowe ist einer der wenigen Ökonomen, der diesen Mangel noch formuliert, wenn auch innerhalb der modellteoretischen Vorstellung: “Oder ist nicht vielleicht das Versagen der traditionellen Theorie vor den Anforderungen der Erfahrung darauf zurückzuführen, daß wir bis heute kein eigenständiges soziales Modell besitzen?” Adolph Lowe, Politische Ökonomik, Königstein/Ts 1965, S. 125
[ 114 ] Backhaus zeigt, daß Menger in seinem Methodenwerk “der subjektivistisch-individualistischen Position seiner Werttheorie” widersprochen habe; wenn sich Menger das Problem des ‘Ursprungs der Kategorien’ stelle, untersuche er die ‘gegenseitige Bedingtheit des Ganzen und seiner ... Funktionen durch jene Theile’. Hans-Georg Backhaus, Die akademische Ökonomie ..., a.a.O., S. 5 – Zitate aus: Carl Menger, Untersuchungen über die Methode der Socialwissenschaften, Ges. Werke Bd.II, Tübingen 1969, S. 164f
[ 115 ] Heiner Ganßmann verweist auf den Unterschied zwischen ontologischem und methodologischem Individualismus, wie ihn Schumpeter entwickelt habe: “Schumpeter vollzieht diesen Schritt in der Abkehr vom ‘ontologischen’ Individualismus der Begründer der subjektivistischen Wertlehre ... Gültig bleibt nun zwar die Grundannahme der neoklassischen Ökonomie von der Unabhängigkeit der vorausgesetzten subjektiven Nutzen- und Wertschätzungen. Sie erhält aber erst bei Schumpeter den Status eines lediglich methodologischen Hilfsmittels.” Heiner Ganßmann, Über den Individualismus in Ökonomie und Soziologie, a.a.O., S. 10 – Die Frage, ob das Handeln der Individuen als Ausgangspunkt der Beschreibung wirtschaftlicher Vorgänge zweckmäßig sei, ist für Schumpeter aber “lediglich eine methodologische Frage ohne jede prinzipielle Bedeutung.” Joseph A.Schumpeter, Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie, München 1908, S. 90f; zitiert nach: Heiner Ganßmann, Über den Individualismus in Ökonomie und Soziologie, ebd. – Zur Widersprüchlichkeit Schumpeters, vgl. Hans-Georg Backhaus, Die akademische Ökonomie, a.a.O., S. 6ff
[ 116 ] “Von einer solchen Auffassung der Ökonomie, die aus ihr die sozialen Beziehungen zwischen den Menschen eliminiert und es erlaubt, alle ökonomischen Behauptungen mit Hilfe des Robinson-Beispiels zu beweisen, rührt außerdem die Vorstellung, daß die ökonomischen Gesetze universellen Charakter haben ... Diese Gesetze leiten sich de facto von der Beziehung zwischen dem Menschen und den Dingen her, die unveränderlich ist, und nicht von den historisch sich wandelnden sozialen Beziehungen.” Oskar Lange, Kritik der subjektivistischen Ökonomik, a.a.O., S. 291
[ 117 ] Michael Heinrich, Die Wissenschaft vom Wert, a.a.O., S. 71f
[ 118 ] Hans-Georg Backhaus kann zeigen, daß es innerhalb der modernen ökonomischen Theorie eine Minderheit gibt, die das “neopositivistisch-analytische Selbverständnis einer großen Mehrheit der modernen Ökonomen ... als Selbstmißverständnis radikal in Frage” stellt (Hans-Georg Backhaus, Zum Problem des Geldes als Konstituens oder Apriori der ökonomischen Gegenständlichkeit; in: Ders., Dialektik der Wertform, a.a.O., S. 335), daß die Problematik der Konstitution des wissenschaftlichen Gegenstandes von der etablierten Ökonomie aber tabuisiert ist.
[ 119 ] Vgl. Hans-Georg Backhaus, Einige Aspekte des Marxschen Kritikbegriffs im Kontext seiner ökonomisch-philosophischen Theorie; in: Ders., Dialektik der Wertform, a.a. O., S. 403
[ 120 ] Backhaus verweist darauf, daß dies z.B. von Werner Sombart durchaus noch als Problem diskutiert wurde: Das erste Kapitel seines methodologischen Alterswerks lautet: “Die Unbestimmtheit des Gegenstandes”. “Sein erster Satz lautet: in der ‘Nationalökonomie ist alles, was bestimmt sein sollte, unbestimmt, sogar der Gegenstand’.” Hans-Georg Backhaus, Die akademische Ökonomie ..., a.a.O., S.  10; Zitate aus: Werner Sombart, Die drei Nationalökonomien, Berlin 1967, S. 1
[ 121 ] Nach Ganßmann leitet der “Methodologische Individualismus” im Schum-peterschen Sinne zugleich einen weit bedeutsameren Wechsel des Erklärungsanspruchs der bis heute dominierenden (mikro-)ökonomischen Theorie ein: “ich meine das ... implizite Aufgeben des Anspruchs auf empirische Erklärung, den Wechsel zu einer Theorie mit lediglich normativ-analytischem Status, einer Logik der wirtschaftlichen Entscheidungen.” Vgl. Heiner Ganß-mann, Über den Individualismus in Ökonomie und Soziologie, a.a.O., S. 11
[ 122 ] Vgl. Hans Albert, Modellplatonismus, a.a.O.
[ 123 ] Vgl. Hans-Georg Backhaus, Zum Problem des Geldes als Konstituens oder Apriori der ökonomischen Gegenständlichkeit, a.a.O., S. 342ff
[ 124 ] J.A.Schumpeter, Geschichte der ökonomischen Analyse; zitiert nach: Hans-Georg Backhaus, Zum Problem des Geldes als Kostituens oder Apriori der ökonomischen Gegenständlichkeit, a.a.O., S. 343
[ 125 ] “Im einfachsten Fall wird in der (neo-)klassischen Theorie eine monetäre Tauschwirtschaft ohne Produktion betrachtet. Jeder Haushalt verfügt über eine Anfangsaustattung (mit Gütern und Geld), die er im Rahmen der vorgefundenen relativen Preise entsprechend seiner individuellen Präferenzordnung durch Tauschprozesse in eine nutzenmaximale Güterkollektion zu verwandeln sucht. Bezieht man Produktion in das Modell ein, treten neben die Haushalte Unternehmen, die bei gegebenen Preisen und Technologien durch Produktion und Verkauf von Gütern einen maximalen Profit (= Erlös minus Kosten) anstreben. Dabei befinden sich jedoch die Firmen genau genommen im Besitz der Haushalte ... Der in den Faktorkosten enthaltene neoklassische ‘Normalgewinn’ ist dabei der Zinssatz, der als Prämie für das Angebot von Kapital – im Sinne des Verzichts der Haushalte auf die konsumtive Nutzung gegebener Kapitalgüter zugunsten ihrer produktiven Verwendung – aufgefaßt wird.” Michael Stanger, Krisentendenzen der Kapitalakkumulation, a.a.O., S. 200 – Es bleibt bei Stanger an diesen Passagen unklar, wie weit seine Kritik an der Neoklassik geht bzw. wie er sich von Vorstellungen wie der einer “monetären Tauschwirtschaft” abzugrenzen gedenkt.
[ 126 ] ZK, S. 78
[ 127 ] Ebd., S. 36
[ 128 ] Hans-Georg Backhaus, Zum Problem des Geldes als Konstituens oder Apriori der ökonomischen Gegenständlichkeit, a.a.O., S. 346 – Backhaus zeigt hier weiterhin, welche Konsequenzen das für ihre Kapitaltheorie hat.
[ 129 ] Was in der Kritik der politischen Ökonomie die ersten drei Kapitel ausmacht, versucht Sraffa mit einem Satz zu “lösen”: “Eine der Waren wird zum Wertstandard erhoben und ihr Preis als Einheit gewählt.” Piero Sraffa, Warenproduktion mittels Waren, Frankfurt/M 1976, S. 23
[ 130 ] Vgl. Hans-Georg Backhaus, Zum Problem des Geldes als Konstituens oder Apriori der ökonomischen Gegenständlichkeit, a.a.O., S. 349
[ 131 ] Partielle Ungleichgewichte “werden jedoch nach Say durch eine Änderung der relativen Preise, die zu einer entsprechenden Reallokation der Ressourcen führt, rasch beseitigt. Die Funktion des Geldes als bloßem Mittler des Produktentauschs und ein vollkommener Preismechanismus (im Sinne des auf der Fiktion des Auktionators beruhenden neoklassischen Konkurrenzkonzepts) bezeichnen mithin die entscheidenden Bedingungen der Gültigkeit des Sayschen Gesetzes. Beide Annahmen ... liegen auch der modernen neo-walrasianischen Theorie zugrunde.” Michael Stanger, Krisentendenzen der Kapitalakkumulation, a.a.O., S. 207
[ 132 ] “Das ethische Grundprinzip, das die Einkommensverteilung in einer vom freien Markt geprägten Gesellschaft unmittelbar rechtfertigen würde, müßte lauten: ‘Jedem dasjenige, was er und die in seinem Besitz befindlichen Mittel erwirtschaften.’“ Milton Friedman, Kapitalismus und Freiheit, Stuttgart 1971, S. 208f
[ 133 ] Freilich, dies beklagt auch einer der bedeutendsten Theoretiker des Neoliberalismus: bei F.A.von Hayek heißt es: “Unsere Generation hat eben vergessen, daß das System des Privateigentums die wichtigste Garantie für die Freiheit ist, und zwar nicht nur für diejenigen, die Eigentum besitzen, sondern auch fast ebensosehr für die, die keines haben.” F.A. von Hayek, Der Weg zur Knechtschaft (1944), München 1991, S. 138; zitiert nach: Hansgeorg Conert, Vom Handelskapital zur Globalisierung, a.a.O., S. 531f
[ 134 ] Auch über den subjektiven Wertbegriff scheint er sich nicht im klaren zu sein: “Selbstverständlich ist Wettbewerb ein idealer Fixpunkt, so wie eine Euklidische Gerade oder ein Euklidischer Punkt ... In gleicher Weise gibt es keinen ‘reinen’ Wettbewerb. Jeder Produzent hat gewissen Einfluß – wie gering auch immer – auf den Preis seines Produkts.” Milton Friedman, Kapitalismus und Freiheit, a.a.O., S. 159 – Welch ein Widerspruch zur subjektiven Wertlehre, die behauptet, daß Preise erst im Austausch über das Grenznutzenkalkül entstehen. Die Produzenten können über den Wettbewerb nur Einfluß auf den Preis haben, wenn eine arbeitswerttheoretische Vorstellung von Wert der Preisvorstellung zu Grunde liegt.
[ 135 ] Milton Friedman, Kapitalismus und Freiheit, a.a.O., S. 36f

aus: Nadja Rakowitz, Einfache Warenproduktion - Ideal und Ideologie, Freiburg (ša ira-Verlag) 2000, ca. 380 Seiten, ca. 38 DM, ISBN: 3-924627-65-7

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