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Fortdauernder Sturm

Markus Bitterolf und Denis Maier

Mit der Revolution 1917 hätte es klappen können. Der Versuch, den kommunistischen Traum einer staaten- und klassenlosen Welt wahr werden zu lassen, in der die Freiheit des Einzelnen die Bedingung der Freiheit aller ist, war begonnen. Die unhaltbaren Zustände der alten Ordnung schienen zum Untergang verdammt. Endlich, so konnte man hoffen, nahmen die Ausgebeuteten und Unterdrückten ihre Befreiung selbst in die Hand und machten kurzen Prozeß mit kapitalistischer Herrschaft und dem elendigen, entmenschten Dasein. Rückblickend formulierte der Philosoph Alfred Sohn-Rethel seine hoffnungsvollen Erwartungen in dieser Zeit: »Der Krieg zog sich seinem Ende entgegen, d. h. in unseren Augen dem revolutionären Umsturz. Die Revolution in Rußland im Oktober erschien uns wie ein Auftakt dazu. Daß die Revolution in Deutschland folgen würde, war für uns nahezu eine Gewißheit, aber nicht in der russischen Form« (Sohn-Rethel 1987: 14). Rasant hatte sich der Rote Oktober zu einem weltweiten Fanal entwickelt. Die Russische Revolution löste eine politische Erschütterung aus, die sich schwerlich überschätzen läßt und bis zum heutigen Tag fortwirkt, in manchem der Amerikanischen und der Französischen ähnlich, wie Bertrand Russell bereits 1920 anmerkte (Russell 1920: 25). Egal, wie man zu ihr steht – sie affiziert das Hier und Jetzt, nötigt nach wie vor zur Reflexion, zur Stellungnahme.

Ihren Beginn markierte der unblutige Sturm auf das Petrograder Winterpalais, in dem die damalige Übergangsregierung um Alexander Fjodorowitsch Kerenski ihren Sitz hatte. Die bürgerlichen Kräfte in Rußland hatten nach der Februarrevolution 1917 und dem Juliaufstand für den Herbst die Wahl einer verfassunggebenden Versammlung anberaumt, die die Doppelherrschaft von Duma und Arbeiter- und Soldatenräten beenden und über die neue Staatsform entscheiden sollte. Während des Juliaufstands war der Machtkampf noch zugunsten der provisorischen Regierung ausgegangen. Lenin, Kopf der Bolschewiki, mußte daraufhin nach Finnland fliehen, um sich der Verfolgung zu entziehen. Doch das Blatt begann sich zu wenden. Nun im Herbst war die »Revolution der Staatsmacht« (LeW 25: 506) besser vorbereitet. Mit einem donnernden Signalschuß des Panzerkreuzers Aurora übernahmen die Bolschewisten in Petrograd die Macht. Dies war gleichzeitig der Beginn des Bürgerkrieges zwischen »Weißen« und »Roten«, der erst 1921/22 mit dem militärischen Sieg des bolschewistischen Regimes endete.

Erstes Ziel der Kommunistischen Partei 1917 war die Beendigung des Weltkrieges. Die von Lenin am 8. November gehaltene Rede über den Frieden verlangte von allen kriegsführenden Staaten, umgehend Waffenstillstandsverhandlungen aufzunehmen. Das Dekret wandte sich insbesondere an die »klassenbewußten« Arbeiter in England, Frankreich und Deutschland und forderte sie auf, »die Sache des Friedens und zugleich damit die Sache der Befreiung der werktätigen und ausgebeuteten Volksmassen von jeder Sklaverei und jeder Ausbeutung erfolgreich zu Ende zu führen« (LeW 26: 242).

Mit dem coup d’état und der putschistischen Wahl Lenins zum Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare, der Zentrale der neuen politischen Souveränität, war in der Wahrnehmung der Bolschewisten der »erste sozialistische Staat in der Geschichte der Menschheit« (Hortzschansky 1968: 12) proklamiert und harrte seiner Konsolidierung. Ihm sollte Land für Land in den Sozialismus folgen. Die bolschewistische Taktik, die Lenin unter anderem in Staat und Revolution theoretisch dargelegt hatte, und die Leo Trotzki mit der Roten Armee exekutierte, gab die Richtung vor, die die Revolution real einschlug. »Die Hauptfrage jeder Revolution ist zweifellos die Frage der Staatsmacht. Welche Klasse die Macht in den Händen hat, das entscheidet alles«, so Lenin im September 1917 in Eine der Kernfragen der Revolution (LeW 25: 378). Mittels der »Ablösung des bürgerlichen Staates durch den proletarischen« (ebd. 413) solle der Sozialismus in Rußland durchgesetzt werden und schließlich eben jener proletarische Staat im sich entwickelnden Kommunismus absterben (ebd. 407ff.). Die »ökonomische Grundlage des Staates, wie wir sie brauchen«, so Lenins Theorie, sei »die gesamte Volkswirtschaft nach dem Vorbild der Post« (ebd. 440) zu organisieren. Zentralwirtschaftlich wurde die noch junge »Russische Sowjetrepublik« in der Folgezeit nach dem Modell einer Fabrik umgebaut. Das »Staatseigentum an den Produktivkräften« (MEW 19: 222), mit dem laut Friedrich Engels der Sozialismus beginnen sollte, blieb allerdings dem Wesen nach »Staatskapitalismus« (Pannekoek 1938: 147; ISF 1990).

Unter den realen Gegebenheiten einer vom Bürgerkrieg zerrütteten »asiatischen Produktionsweise« (Marx) wurde also eine nachholende Industrialisierung forciert, die allerdings weiter – anderes blieb unter diesen Voraussetzungen aussichtslos – auf Arbeitszwang und Mehrwertproduktion aufbaute. Für eine tatsächlich sozialistische Transformation aber wäre eine sich global fortsetzende revolutionäre Umwälzung der wichtigsten ökonomischen Regionen der Welt notwendig gewesen. Das Kapitalverhältnis als gesellschaftliches Subjekt-Objekt, das unabhängig von Reflexion und persönlicher Haltung durch seine Insassen tagtäglich reproduziert wird, gab und gibt diese Bedingung vor. Ebenso läßt es sich nicht durch die ihm eigene Herrschaftsform abschaffen. Darum war von Anfang an das Scheitern gegenüber dem »automatischen Subjekt« (Marx) in der Oktoberrevolution angelegt, da das Kapitalverhältnis durch die zu ihm notwendig gehörende politische Form transformiert, d. h. aufgehoben werden sollte: durch eine Diktatur des Proletariats vermittelt durch Partei und Staat auf kapitalistischer Grundlage.

Es war schon bald das schlimmste anzunehmen, wie Berichte und Einschätzungen aus diesen Jahren zeigen [ 1 ] Warum sollte sich »eine organisierte, systematische Gewaltanwendung gegenüber Menschen« (LeW 25: 486), wie Lenin das Verhältnis von Souverän und Bürger treffend bestimmte, für die kommunistische Transformation in Gebrauch nehmen und wie aus dem konterrevolutionären Prinzip »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen« (ebd. 481) das Glück und die Freiheit aller entwickeln lassen? Nahezu zwangsläufig mußte sich der so propagierte wie auch legitimierte Staat der Arbeiter und Bauern zum bolschewistischen Behemoth, in ein politisches Monster mit blutroter Fratze entwickeln. Bereits Anfang der 1920er Jahre war die Oktoberrevolution national verstaatlicht und Angst begann zum universellen Herrschaftsinstrument zu werden. Statt zum Absterben des proletarischen Übergangsstaates kam es zum Absterben der Menschen – und zum zwangsweisen »Aufbau des Sozialismus in einem Land« (Stalin).

Doch das kommunistische Fanal von 1917 war gesetzt. Und überall gärte es in Europa. Die »1. Weltkriegskatastrophe« (Heinz Langerhans) führte zu einer allgemeinen Gesellschaftskrise, die auch vor dem Deutschen Kaiserreich nicht halt machte. Ein Jahr nach der Oktoberrevolution, am 9. November 1918 »begann in Deutschland die Erde zu beben« (Haffner 2002: 58). Ein revolutionärer Umsturz hatte begonnen, dessen Ausgang auch über die Macht im Staat entscheiden sollte. So wurden an einem Sonnabend sowohl die »deutsche Republik« durch den stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Philipp Scheidemann proklamiert, als auch »die freie sozialistische Republik Deutschland« (ebd. 90, 100; Müller 1924: 243) durch Karl Liebknecht vom parteiunabhängigen Spartakusbund ausgerufen, wobei Liebknecht mit der Ausrufung der Republik wie selbstverständlich die Aufforderung zur »Vollendung der Weltrevolution« verband. Es galt, »eine Welt zu erkämpfen« (Rosa Luxemburg). Doch die Revolution scheiterte bereits an der Berliner Stadtgrenze. Die Niederlage der Novemberrevolution war gleichwohl Folge der durch den »Kriegssozialismus« bewirkten und bleibenden Integration weiter Teile des Proletariats in den deutschen Staat (Huhn 2003). Zwischen SPD-Regierung im Verbund mit völkischen Freikorps und regulärer Armee auf der einen Seite und Linksradikalen auf der anderen entwickelte sich ein Bürgerkrieg, der über Monate schwelte. Heute sind die bekanntesten Opfer dieser »verratenen Revolution« (Haffner 2002: 245) die Spartakisten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.

Viele der späteren Vertreter kritischer Theorie erleben diese Zeit – trotz der grausamen Niederlagen – als gesellschaftlichen Aufbruch, der sie tief prägen sollte. Als Zwanzigjähriger wird Herbert Marcuse 1918 in einen Berliner Soldatenrat gewählt, hört euphorisch von der Ausrufung der Republik, erlebt die Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes und bricht daraufhin zeitlebens mit der Sozialdemokratie (Marcuse 1981: 98f; vgl. auch Marcuse/Popper 1971: 4). In Bremen, München und Budapest nehmen die Räterepubliken ebenfalls ein blutiges Ende, bleiben kurze Episoden, bedeuten für eine Generation von Intellektuellen wie Max Horkheimer, Felix Weil, Karl Korsch oder Franz L. Neumann aber eine einschneidende politische Erfahrung. Daß »die Weltrevolution um die Ecke ist«, wie sich Leo Löwenthal (1980: 55) einmal ausdrückte, war nicht nur für viele politisch Linke in der damaligen Zeit gewiß. So auch für Georg Lukács. Ernst Bloch berichtet, daß er und der gleich alte Lukács »die Oktoberrevolution als eine Erfüllung betrachtet« haben, »Lukács noch mehr im theologischen Sinne als ich« (Bloch 1975: 36).

Die Russische Revolution bedeutete den Anfang vom Ende des Kapitalismus – hier teilte Lukács die Hoffnungen, die die halbe Welt beflügelten. Erst mit ihr hatte sich für Lukács »eine Zukunftsperspektive in der Wirklichkeit selbst eröffnet; … daß – endlich! endlich! – ein Weg für die Menschheit aus Krieg und Kapitalismus eröffnet wurde« (GuK: 13). Daran orientierte sich sein politisches Denken: Es »beruhte auf dem damals noch sehr lebendigen Glauben, daß die große revolutionäre Welle, die die ganze Welt, wenigstens ganz Europa in kurzer Zeit zum Sozialismus führen werde, durch die Niederlagen in Finnland, Ungarn und München keineswegs abgeebbt sei«, wie sich Lukács rückblickend ausdrückte (ebd. 15). Der Oktoberrevolution folgte Georg von Lukács, wie er sich bis 1916 noch schrieb, nicht nur theoretisch. 1918 trat er der Kommunistischen Partei Ungarns bei. Ein Jahr darauf, während der ungarischen Räterepublik, war er bereits stellvertretender Volkskommissar für Unterrichtswesen in der Regierung von Béla Kun sowie kurze Zeit politischer Kommissar der 5. Roten Division. Die Räterepublik hielt sich 133 Tage an der Macht. Ihre Niederschlagung durch Truppen der national-konservativen Gegenregierung führte der Antisemit und spätere »Reichsverweser« Mikl√≥s Horthy an. Lukács floh nach dem Zusammenbruch der Räterepublik ins »Rote Wien«. Dort arbeitete er weiter für die Partei, unter anderem als leitender Redakteur der Zeitschrift Kommunismus.

Lukács wollte beantworten, warum das »Tempo der Entwicklung der Revolution« sich »verlangsamt« hatte und wie diese Erkenntnis mit der »Erkenntnis von Gesellschaft und Geschichte« (ebd. 165 bzw. 30) zusammenhing. Inmitten dieser »Weltkrise« schrieb er acht Aufsätze, die »den damals vielleicht radikalsten Versuch« bedeuteten, »das Revolutionäre an Marx durch Erneuerung und Weiterführung der Hegelschen Dialektik und seiner Methode wieder aktuell zu machen« (ebd. 23). Als sie 1923 unter dem Titel Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien über marxistische Dialektik im Berliner Malik-Verlag erschienen, war zunächst kaum vorauszusehen, welche überragende Wirkung und Bedeutung diesem Buch vergönnt sein sollte. Doch bereits kurz nach seinem Erscheinen wurden die Lukácsschen Thesen sowohl zum Gegenstand breiter Debatten innerhalb der linksintellektuellen Öffentlichkeit als auch heftiger Kritik innerhalb der Kommunistischen Internationale. So sehr Lukács’ bleibender Ruhm auf Geschichte und Klassenbewußtsein gründen sollte, so sehr auch sein bis zuletzt schwerer Stand in der Kommunistischen Partei. Ob man ihn nun des Linksradikalismus oder der Rechtsabweichung verdächtigen und beschuldigen sollte, blieb für seine Stellung dabei bezeichnenderweise weitgehend irrelevant.

Aus der Distanz fast eines Jahrhunderts ist Geschichte und Klassenbewußtsein ein immer noch faszinierender Text, ein klassisches Werk der an Marx anknüpfenden Kritik der bürgerlichen Ökonomie und Gesellschaft. Die Faszination folgt daraus, daß die Studien die »Krise des Marxismus« (Korsch) reflektieren: die Krise der Arbeiterbewegung und der Kritik der politischen Ökonomie im Kontext des Imperialismus, des Ersten Weltkriegs, der proletarischen Revolutionen und der Spaltung der Arbeiterklasse. Die Essays – verfaßt vor dem Hintergrund von »Krieg, Krise und Revolution« (GuK: 165) – galten bald als die Aufsätze eines Ketzers. Ihr Autor wurde vom Partei-Kommunismus erheblich attackiert, weil er es gewagt hatte, grundlegende Dogmen des Marxismus und sogar zentrale Lehren Engels’ einer aufklärenden Kritik zu unterziehen. Aber Geschichte und Klassenbewußtsein enthält – in dieser Kritik – zugleich den Weg des Autors zu einem neuen Dogmatismus, der sich während der Zeit seiner Emigration in Moskau zwischen 1933 und 1945 entwickelte und sich in seinem Spätwerk niederschlägt. Lukács’ Schrift ist beides: Kritik der Marx-Engels-Orthodoxie der Zeit und Beginn einer neuen Orthodoxie.

Zu würdigen ist Geschichte und Klassenbewußtsein als Kritik des damals herrschenden Marxismus. Vor allem im Essay Was ist orthodoxer Marxismus? greift der Autor die theoretischen Positionen der Zweiten Internationale an: Diese sei einem positivistischen Tatsachenfetischismus, also dem Fetischcharakter der Ware erlegen. Implizit wendet sich Lukács damit gegen die praktische Reduktion der Idee der Weltveränderung auf ein bürokratisch-technisches Programm wie in der UdSSR. Durch seine Aufklärung erneuert Lukács die Kritik der Gesellschaft in der Nachfolge von Marx als eine dialektische Theorie, die die bürgerliche Realität vermittelt durch eine Ideologiekritik des bürgerlichen Bewußtseins darstellt. Davon nahm die kritische Theorie der Gesellschaft, 1931 von Horkheimer erstmals programmatisch entwickelt, ihren Ausgang (HGS 3: 20–35; vgl. auch HGS 4: 162–216).

Zu kritisieren ist Geschichte und Klassenbewußtsein, weil Lukács’ Kritik dem Kritisierten allzu verhaftet bleibt. Vor allem identifiziert der Autor die Logik der kapitalistischen Widersprüche, der Krisen, mit der Logik der revolutionären Kritik des Proletariats. Am Beginn des dritten Abschnitts des Essays über Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats formuliert er besonders nachdrücklich: daß die »Verfolgung der Klassenziele des Proletariats … zugleich die bewußte Verwirklichung der – objektiven – Entwicklungsziele der Gesellschaft« bedeutet (GuK: 331f.). Bereits 1920 stellte er sich die Frage, ob die absehbare »endgültige Wirtschaftskrise des Kapitalismus« in die »Katastrophe«, in den »Abgrund« oder zum »Reich der Freiheit« (ebd. 245) führt. Beides seien »ökonomische Notwendigkeiten« (ebd. 215): Sie setzten sich das eine Mal bewußtlos, das andere Mal bewußt durch. Lukács verdinglicht den Geist des Widerspruchs, die Dialektik, von einem Widerspruch gegen die antagonistischen Verhältnisse zum gesellschaftlichen Widerspruch selbst. Geschichte und Klassenbewußtsein klärt den Fetischismus des Marxismus der Zweiten Internationale auf, indem die Dialektik ontologisiert wird. Durch diese Dialektik wird, wie durch die instrumentelle Rationalität, die Revolutionierung der Verhältnisse zum fatum, zu einer mit Bewußtsein vollzogenen Notwendigkeit. Von hier aus führt Lukács’ Weg zu seiner Erneuerung der Widerspiegelungstheorie 1952 in Die Zerstörung der Vernunft (LW 9) und zum nachgelassenen Spätwerk Ontologie des gesellschaftlichen Seins (LW 13/14). Am Ende bleibt vom scharfsinnigen Kritiker des orthodoxen Marxismus nur der orthodoxe Marxist übrig.

Lukács war keine intellektuelle Monade im luftleeren Raum. Dies verdeutlicht nicht nur der gesellschaftliche Zusammenhang von Oktober- und Novemberrevolution, sondern auch die Rezeption seiner Schrift. Vermittelt unter anderem durch Geschichte und Klassenbewußtsein sowie Marxismus und Philosophie von Korsch wenden sich um 1923/1924 etwa Siegfried Kracauer, Theodor Wiesengrund-Adorno und Walter Benjamin dem Historischen Materialismus zu (Palmier 2009: 388, 424). Dieses Bewußtsein gesellschaftlicher Krise – angelegt bei Lukács wie auch bei Korsch – sollte für kritische Theorie leitend werden: Horkheimer erinnerte in der Diskussion mit Adorno noch 1956 an diesen gemeinsamen Ausgangspunkt in den zwanziger Jahren – die Aktualität der Revolution am Ausgang des Ersten Weltkrieges und die Erfahrung ihres Mißlingens (Claussen 2003: 275). Auch Adorno selbst weist in der 1955 verfaßten Arbeit Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie explizit auf diesen Zeitpunkt hin: »Seit mehr als dreißig Jahren zeichnet unter den Massen in den hochindustrialisierten Ländern die Tendenz sich ab, anstatt rationale Interessen und allen voran das der Erhaltung des eigenen Lebens zu verfolgen, sich der Katastrophenpolitik zu überantworten« (Adorno 2003b: 42). [ 2 ]

Die Entwicklung in der Sowjetunion, die Niederlage der Novemberrevolution verbunden mit den Reflexionen zur Ohnmacht der deutschen Arbeiterklasse, der Niedergang des Liberalismus und damit des Bürgertums bilden maßgeblich den damaligen Ausgangspunkt kritischer Theorie. In diesem Bewußtsein der Krise berühren sich Lukács’ und Benjamins Reflexionen, worüber noch dessen Geschichtsthesen Auskunft geben: »Der Krieg und die Konstellation, die ihn mit sich brachte, hat mich dazu geführt, einige Gedanken niederzulegen« (Benjamin 2010: 311), wie er einmal an Gretel Adorno schreibt. 1937, fast zwei Dekaden nach dem Ersten Weltkrieg, legte er ihr, Theodor W. Adorno und Alfred Sohn-Rethel in einem Gespräch in Paris diese Theorie des Fortschritts dar (ebd. 311f.). Der Angelus Novus, abgedruckt auf der Titelseite dieses Buches, wurde daher nicht ohne Grund gewählt. Lukács’ Projekt reiht sich ein in eine Geschichte der Katastrophen und des Scheiterns der Emanzipation. Nur fortwährende Reflexion auf die Bedingungen des Scheiterns praktischer Emanzipation und materialistischer Kritik kann dem fortdauernden Sturm, kann dieser Geschichte Einhalt gebieten.

In Lukács’ Betonung der Notwendigkeit materialistischer Erkenntniskritik und weniger in seiner konkret-politischen Tätigkeit liegt die Bedeutung, die ihm auch heute noch zukommt. Mit diesem Buch verfolgen wir daher ein doppeltes Anliegen. Zum einen soll in diesem Band ein wichtiges Dokument materialistischer Kritik wieder zugänglich gemacht werden. Zum anderen soll das Denken Lukács’ von verschiedenen Seiten beleuchtet und – soweit notwendig – kritisiert werden. Wir denken, daß die größte Würdigung und Gerechtigkeit, die man Lukács zuteilwerden lassen kann, in der rückhaltlosen Kritik seiner Auffassungen besteht und nicht darin, ihn für heute nutzbar zu machen, zu aktualisieren etc.

Seinen grundlegenden Anspruch formuliert Lukács bereits auf der ersten Seite des Aufsatzes Was ist orthodoxer Marxismus?:

Orthodoxer Marxismus bedeutet also nicht ein kritikloses Anerkennen der Resultate von Marx’ Forschung, bedeutet nicht einen »Glauben« an diese oder jene These, nicht die Auslegung eines »heiligen« Buches. Orthodoxie in Fragen des Marxismus bezieht sich vielmehr ausschließlich auf die Methode. Sie ist die wissenschaftliche Überzeugung, daß im dialektischen Marxismus die richtige Forschungsmethode gefunden wurde, daß diese Methode nur im Sinne ihrer Begründer ausgebaut, weitergeführt und vertieft werden kann. Daß aber alle Versuche, sie zu überwinden oder zu »verbessern« nur zur Verflachung, zur Trivialität, zum Eklektizismus geführt haben und dazu führen mußten (Guk 171).

So problematisch diese Voraussetzungen sind, so kann nicht unterschlagen werden, daß Lukács das marginalisierte Hegelsche Erbe in Marxens Kritik der politischen Ökonomie betont. Gegen alle Verflachung der Kritik ist Lukács darin bis heute zu verteidigen.

Bleibt im eben erwähnten Aufsatz Lukács’ Argumentation schemenhaft, so entwickelt er seine Argumentation auf bislang nicht gekanntem Niveau im weitaus umfangreicheren Essay Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats, der mit seinem expliziten Bezug auf das sogenannte Fetischkapitel des Marxschen Kapitals in seiner Bedeutung nicht überschätzt werden kann. Es ist die Rigorosität und die Konsequenz, mit der Lukács seine Argumentation durchführt, die ihn noch in seinen Fehlern lesenswert macht. Ausgehend von der Annahme, daß »in der Lösung des Rätsels der Warenstruktur« die Lösung jedes Problems »dieser Entwicklungsstufe der Menschheit« (ebd. 257) gesucht werden und gefunden werden könne, entfaltet Lukács seine Theorie der Verdinglichung, der die Bourgeoisie zwangsläufig ausgeliefert sei, während das Proletariat im Stande ist, diese zu überwinden.

Diese beiden Aufsätze führen die Problematik des Lukácsschen Denkens rückhaltlos vor Augen. In ihnen blitzt ebenso Lukács’ scharfe und einsichtige Kritik der herrschenden Unvernunft auf, wie das Einverständnis mit eben jener Unvernunft in Form des parteikommunistischen Zwangsapparats durchscheint.

Literatur

Anmerkungen

[ 1 ] Vgl. etwa BGS 4.1, 316–349; BGS 6, 292–409; Luxemburg 1918; Rocker 1921; Roth 1995; Russell 1920; Steinberg 1931; Volin 1948.

[ 2 ] In den Vorlesungen über Negative Dialektik hält Adorno unmißverständlich fest: »Der Übergang, der von Marx als, sozusagen, um die nächste Straßenecke, nämlich in der Periode von 1848 bevorstehend, angesehen worden ist, ist nicht erfolgt. Es ist nicht der qualitative Sprung erfolgt, durch den die Welt verändert worden wäre. Und das Proletariat hat sich nicht als das Subjekt-Objekt der Geschichte konstituiert, als welches es der Theorie von Marx zufolge sich hätte konstituieren sollen« (Adorno 2003a: 68; vgl. Fromm 1929; HGS 2: 312–453; Marcuse 1934). Die Dialektik der Aufklärung radikalisiert gezwungenermaßen diese Überlegung: »Was wir uns vorgesetzt hatten, war tatsächlich nicht weniger als die Erkenntnis, warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt« (HGS 5: 16).

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