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30. Januar

Materialistisches Gedenken zum 50.Jahrestag der faschistischen Diktatur

Initiative Sozialistisches Forum

Auf den ersten Blick erscheint, was sich in Deutschland Aufklärung über den Faschismus nennt, als ein ausgedehntes und unüberschaubares Handgemenge der politischen Interessenten und ihrer wissenschaftlichen wie demagogischen Hilfstruppen. Ihr Hauptkampffeld, die Schuldfrage, wird vielfältig durchzogen von geschichtsphilosophischen Schützengräben, umgeben von ideologischem Sperrfeuer und begrenzt von geschichtswissenschaftlichen Minenfeldern. So deutlich der Schauplatz selbst, so unklar der genauere Frontverlauf zwischen rechter und linker Aufklärung. Jederzeit eintreffende Hilfstruppen können der Schlacht eine plötzliche Wende geben, wenn sie, Heckenschützen gleich, überraschend die Sinnfrage stellen, die der nach der Schuld auf dem Fuße folgt. Wenn denn wer die Schuld hat, was folgt daraus und warum? Allgemeine Übereinkunft herrscht zwar, der Schrecken selbst sei zu Ende. Über der Möglichkeit seiner Wiederkehr jedoch geraten sich die streitenden Parteien so heftig in die Haare, wie es einem nur oberflächlichen Waffenstillstand als der Fortführung des Krieges mit friedlichen Mitteln entspricht.

Auf die Aufforderung von links, endlich “aus der Geschichte zu lernen”, folgt prompt die rechte Behauptung, die grundwertbefestigte, freiheitlich-verbollwerkte Demokratie sei gerade das jedem gesunden Menschenverstand manifeste Ergebnis, dazu noch aufzurufen reine Demagogie mit unlauteren Hintergedanken. Ein Kampf also, der – was taktische Finessen wie strategische Kunstgriffe angeht   einer gewissen Eleganz nicht ermangelt und den geduldigen Liebhaber lange zu erfreuen vermag. Gleichwohl wird die reine Materialschlacht dieses Stellungskrieges auf Dauer ebenso langweilig wie unerquicklich, kommt doch der Kampfboden selbst den streitenden Parteien als das natürlichste überhaupt vor. Hier werden Ermattungs- und Abnutzungskriege geführt, weiß doch jede Partei insgeheim um die Schwäche ihrer eigenen Stellung viel zu gut, um überraschende, auf Sieg zielende Offensiven vom Zaun zu brechen. Jahrelange unmittelbare Nähe hat intellektuell zum Verlust der Distanz geführt, zur Unfähigkeit, das Schlachtfeld neu zu konzipieren. Die Dauer des .Kampfes, .das liebgewordene reibungslose Ineinandergreifen des Für und Wider, die Routine der Argumente haben ihre eigene Tradition gestiftet und die Antagonisten einander bis zur verschämten Liebe bekannt werden lassend Die affektive Bindung an die Schuldfrage als den einzig überhaupt noch denkbaren Gegenstand ihres Streites ist ihnen zur zweiten Natur geworden.

Die Schuldfrage als den zentralen Ort der Aufklärung über Faschismus anzusehen; bedeutet, sich gänzlich auf die Betrachtung seiner historischen und sozialen Möglichkeit, auf seine Entstehung wie darauf, wie “es” denn hat geschehen können, zu konzentrieren. Wie selbstverständlich geht verloren, was aus ihm geworden ist, seine entwickelte Gestalt. Das Desinteresse an der fertigen Form des Faschismus verrät die Chance seines Begriffs, der mehr wäre als die analytischer Reproduktion seiner Bedingungen, an die Endlosigkeit der Details und Spitzfindigkeiten. Was ist Faschismus als eigenständige Gesellschaftsformation, was als Form der gesellschaftlichen Produktion?

Einen Begriff des Faschismus entwickeln hieße daher, seine Entstehung von seinem Ende her zu betrachten, hieße, die 1930 einsetzende autoritäre Transformation der Weimarer Republik von ihrem Ergebnis her, aus der Sieht des konstituierten Faschismus und seiner höchsten Form, den Vernichtungslagern, zu untersuchen. Wie sich die Anatomie des Kleinkinds erst aus der des Erwachsenen restlos aufhellt, so erklärt sich auch hier der Anfang von seinem Ende her, ist durch ihn erst vermittelt. Aufklärung, die nicht von der betriebswirtschaftlich exakt organisierten Vernichtung und der Verschrottung des Menschen durch Arbeit ausgeht, vermag Faschismus letztlich nur zu verharmlosen. Fixiert darauf, Schuld zu beweisen und Täter dingfest zu machen, sammelt sie das Material eines gigantischen Indizienprozesses, der – mit Geständnissen ist auch nicht zu rechnen   zudem in Abwesenheit der Ankläger und Opfer stattfindet, die nichts mehr zu Protokoll geben können.

Der Ausfall dieses Beweismaterials im Indizienprozeß dieser Aufklärung ist kein Mangel, geht es doch den Parteien weniger um die Schuld der anderen als um die eigene Unschuld, um die gute Gelegenheit, Traditionen ins Leben zu setzen, Am Ende ihres Bemühens, die Kontinuität von Sozialdemokratie, Parteikommunismus, Liberalismus und widerwillig demokratisiertem Konservatismus herzustellen, wird sogar die deutsche Geschichte erträglich, einträglich. Wie selbstverständlich hat sie auf den Resultaten des Faschismus Platz genommen und sich eingerichtet, läßt es sich auch nicht zum Nachteil ausschlagen, daß es die große faschistische Gesellschaftsplanierung war, die ihre Kontinuität erst ermöglicht hat, weil Geschichtsverlust ihre Positionen als die besten, weil einzig noch denkbaren, hervorgebracht hat. Die Liquidierung des historischen Gedächtnisses ist dieser Aufklärung beste Garantie eigener Wirkung und daher das Prinzip ihrer politischen Aktion. Wie sie in all ihren Spielarten letztlich die “historische Notwendigkeit” des Faschismus, sei es für die freiheitlich-demokratische Ordnung, sei es für den Übergang von der vierten zur fünften Etappe des allgemeinen Niedergangs des Imperialismus anerkennt, so ist ihre politische Stellung zwangsläufig nicht antifaschistisch, sondern nachfaschistisch. Bei passender gesellschaftlicher Gelegenheit wird sie unter der Fahne ihres unendlichen Faktenwissens ungerührt ihre “Fehler” wiederholen. Einstweilen haben sich die fraktionierten Verwaltungsstellen dieser Aufklärung als fröhliche Erben installiert und weinen dem Verlorenen keine Träne nach.

“Der Gedanke, daß nach diesem Kriege das Leben ‚normal‘ weitergehen oder gar die Kultur ’wiederaufgebaut‘ werden könnte, ist idiotisch”, schrieb Theodor W. Adorno 1944: “Millionen Juden sind ermordet worden, und das soll ein Zwischenspiel sein? Worauf wartet diese Kultur eigentlich noch? Und selbst wenn Ungezählten Wartezeit bleibt, könnte man sich vorstellen, daß das, was in Europa geschah, keine Konsequenz hat, daß nicht die Quantität der Opfer in eine neue Qualität der gesamten Gesellschaft, die Barbarei, umschlägt? Solange es Zug um Zug .weitergeht, ist die Katastrophe perpetuiert.” Aufklärung, die den neuen Charakter nachfaschistischer kapitalistischer Vergesellschaftung, die produktive Normalisierung der Katastrophe, verkennt, wird selbst Teil der Katastrophe, Form des Bewußtseins, in der die Barbarei sich selbst überbietet und selbstbewußt wird. Unwillig und unfähig, der Katastrophe ein Ende zu setzen, werden ihre Appelle zum Widerstand, sei es gegen die ’kommunistische Unterwanderung‘ der Demokratie, sei es gegen staatliche angeordnete Berufsverbote, zu Momenten einer Geschichte, die auch in ihrer Wiederholung nicht als Komödie gegeben werden wird. Indem der hilflose Antifaschismus nur vermittels der Angst vor Wiederholung des Schreckens seinen aufklärerischen Kleinhandel vor dem Konkurs bewahren vermag, verhindert er die reale Furcht davor, daß es immer so weiter geht. Somit hat er Anteil am allgemeinen heimlichen Einverständnis, es könne schon damals so schlimm nicht gewesen sein.

Aufklärung, die nicht das vergangene Grauen zum Nerv ihrer Erkenntnis und politischen Praxis macht, gefällt sich als Institut des ideologischen Überbaus bundesdeutscher Politik und findet daher vornehmlich an Feiertagen sowie in Schulen und Universitäten statt. Wo sie in die große Politik geht, bestärkt sie den Gegner: Selten hat die Sozialdemokratie den 30. Januar so zum Mittel der Politik gemacht wie in diesem Jahr. Aber ihre Warnung vor einer Neuauflage der Deflationspolitik Brünings als der Weimarer Ausgabe des Monetarismus hat das gerade Gegenteil bewirkt. Wer von Ökonomie nur redet, ohne auch mit allen Konsequenzen Kapitalismus zu sagen, bestärkt zwangsläufig die Hoffnung der Massen, auf der Seite der stärkeren Bataillone ließe sich noch am besten auskömmlich überleben. Die Veranstaltungsreihe zum “Materialistischen Gedenken des 50. Jahrestags, deren Vorträge hier vorgelegt werden, waren “unpraktisch”, d.h. theoretisch kritisch orientiert, nicht auf politische Umsetzung im Sinne der Bildung von Einheitsfronten und Aktionseinheiten angelegt. Wo aber die praktischen Politik sich vornehmlich mit geist- und daher wirkungslosem Pragmatismus die Zeit vertreiben, als Praxis erklären, was nur in Beziehung auf kritische Theorie andere als aufgeregte Hektik und langweilige Panik der Aktion in Permanenz wäre, ist es notwendig, um der Praxis willen theoretisch zu sein, damit nicht noch die Praxis der geistigen Aktion verfällt. Deren Vorbedingung am Beispiel des Faschismus ist, zuallererst sich dessen anzunehmen, dessen andauernde Vernichtung den Sieg des Faschismus auch über den Mai 1945 hinaus bedeutet: der liquidierten historischen Change einer revolutionären Opposition, die sich der wirklichen Gefahr politisch wie begrifflich bewußt hätte sein können. Nichts zementiert Herrschaft mehr als der Verlust des historischen Gedächtnisses vergangener Möglichkeiten der Emanzipation, nichts befestigt mehr den Schein, Herrschaft sei als zweite Natur der einzig mögliche Zustand von Gesellschaft und erhebt ihn so aus einem noch durchschaubaren Schein zur Realität.

Die hier abgedruckten Vorträge sind nicht einheitlich, nicht begrifflich “durchorganisiert”. Wäre dies so, um eine Einheit derjenigen Positionen zu fingieren, die sich nicht aus Legitimationsgründen auf Marx und den Materialismus ziehen, so ginge vielleicht zuerst die Pluralität marxistischen Denkens verloren, deren Vernichtung durch den Faschismus sich trotz der .kurzen und halbherzigen Marx-Renaissance der sechziger Jahre immer noch als wahres Lebenselixier des Schmuddelkindes unter den Marxismen, des Stalinismus, erweist. Pluralität ist ja aber nicht Pluralismus, was sich an der Renitenz zu beweisen hat, sich weder von der Macht der anderen noch von der. eigenen Ohnmacht verdummen zu lassen. Das hieße nur, kräftig an der Verallgemeinerung der Sozialpsychologie der Vernichtungslager mitzuarbeiten.

Primo Levi hat sie in seinem Buch “Ist das ein Mensch? Erinnerungen an Auschwitz” als jenen Zustand beschrieben, der eintritt, wenn der Kampf um das Überleben und die Selbsterhaltung zur Abschaffung des Selbst führt im Interesse des Überlebens. “Hielten wir uns an die Vernunft, so müßten wir uns mit der Gegebenheit abfinden, daß unser Schicksal absolut unerforschlich ist, jede Spekulation darüber nur müßig sein kann und nicht die geringste Grundlage besitzt. Doch an die Vernunft halten sich die Menschen sehr selten, wenn das eigene Schicksal auf dem Spiel steht. In jedem Fall ziehen sie die extremen Positionen vor. Darum sind, je nach Veranlagung, die einen von uns augenblicklich davon überzeugt, daß alles verloren ist, daß man hier nicht leben kann und daß das Ende mit Sicherheit und bald bevorsteht; die anderen, daß trotz all dem harten Leben, das uns erwartet, die Rettung wahrscheinlich ist und in gar nicht so weiter Ferne liegt, und daß wir, wenn wir nur Vertrauen und Kraft aufbringen, unser Heim und unsere Lieben wiedersehen werden. Jedoch unterscheiden sich diese beiden Kategorien, die der Pessimisten und die der Optimisten, nicht klar voneinander: nicht, weil die Agnostiker so zahlreich wären, sondern weil die meisten, ohne Gedächtnis und Folgerichtigkeit und je nach Gesprächspartner und Augenblick, zwischen diesen extremen Positionen hin- und herpendeln.” Dies zu verhindern ist die erste Aufgabe materialistisch angeleiteter Aufklärung, dies sich zuallererst zu erklären notwendige Vorbedingung sozialistischer Praxis, die auf nichts mehr abzielt als auf die gründliche und endgültige Widerlegung von Karl Marx:

“Die deutsche Geschichte schmeichelt sich einer Bewegung, welche ihr kein Volk am historischen Himmel weder vorgemacht hat noch nachmachen wird. Wir haben nämlich die Restaurationen der modernen Völker geteilt ohne ihre Revolutionen zu teilen. Wir wurden restauriert, erstens, weil andere Völker eine Revolution wagten, und zweitens, weil‘ andere Völker eine Konterrevolution litten, das eine Mal, weil unsere Herren Furcht hatten, das andere Mal, weil unsere Herren keine Furcht hatten. Wir, unsere Hirten an der Spitze, befanden uns immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am Tag ihrer Beerdigung.”

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