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Wirtschaftliche Voraussetzungen der Machtergreifung

Zur Faschismustheorie Alfred Sohn-Rethels

Michael Berger

Zur Biographie

Alfred Sohn-Rethel wurde 1899 in Neuilly, Frankreich, geboren. Beide Eltern kamen aus fünf Künstlergenerationen und wollten in Frankreich leben. Der Knabe sollte in Deutschland erzogen werden und kam daher mit acht Jahren (an anderer Stelle erzählt er, mit neun Jahren, von 1908-1911) in eine Pflegefamilie nach Berlin, wo auch ein gleichaltriger Junge war. Der Pflegevater war kein geringerer als der spätere Generaldirektor des Stahlvereins, Ernst Poensgen, der Alfred wie seinen Sohn liebte und damit rechnete, daß er in seine Fußstapfen trete. Poensgens Sohn wurde Kunsthistoriker und starb 1974 in Heidelberg als Professor.

Durch eine Schulfreundschaft mit einem Russen macht Sohn-Rethel die Bekanntschaft mit Bebels Buch “Die Frau und der Sozialismus” und beginnt, wie er öfters betont, schon mit 16 Jahren, “Das Kapital” zu lesen. Besuche naturalistischer Aufführungen (Gerhard Hauptmann) des Theaters von Max Reinhardt, Lesen des “Vorwärts” und der “Leipziger Volkszeitung” führen zu stürmischen Auseinandersetzungen zu Hause und schließlich zum Rauswurf. 1917 schließt er sich der Antikriegsbewegung an, fliegt von der Schule und wird nach Lüneburg verfrachtet, um dort sein Abitur zu machen. Sohn-Rethel beginnt 1917 auf Wunsch der Eltern, ein Chemie-Studium in Darmstadt, um später in die IG Farben einzutreten. Anscheinend zieht er noch 1918 nach Heidelberg um, studiert dort Politische Ökonomie bei dem Austromarxisten Emil Lederer, schließt sich einem sozialistischen Studentenbund an, dem auch Ernst Toller angehört, er bewundert und fürchtet die russische Revolution, die ihm zu grausam ist. Eine Revolution im Bewußtsein wäre ihm sympathischer. Gerade volljährig heiratet er eine langjährige Freundin, wohl gegen den Widerstand der Familie; aber wie Theweleit in seinem Buch “Männerphantasien” für die rechten Männer zeigt, erfährt man auch hier aus Interviews weder den Namen noch sonst irgendetwas über seine Frau. [ 1 ]

1921 zieht er sich für eineinhalb Jahre in ein kleines Dorf bei Heidelberg zurück, um die ersten 60 Seiten des “Kapital” Wort für Wort zu analysieren, um ihnen einen von Marx angeblich nicht gesehenen transzendentalen Gehalt abzugewinnen. In Heidelberg ist er gut mit dem Wissenssoziologen Karl Mannheim befreundet, lernt 1921 Walter Benjamin kennen und hört anscheinend noch Vorlesungen bei Max Weber, zumindest seiner Frau in den soziologischen Seminaren. 1922/23 siedelt er nach Berlin über, um bei Ernst Cassirer Philosophie zu studieren; hier beginnt die Beschäftigung mit Kant. Er hört auch den Soziologen Georg Simmel und beginnt eine Dissertation über die Grenznutzenlehre mit dem Titel “Von der Analytik des Wirtschaftens zur Theorie der Volkswirtschaft” [ 2 ], die er 1928 beendet.

Während seines Studiums ab 1923 hält er sich für drei Jahre auf Capri auf, um nach der Inflation Geld zu sparen, das er von seiner Großmutter bekommt. Außerdem lebt er von einer kleinen monatlichen Vorschußrente für ein kunstphilosophisches Buch, das allerdings nie zustande kommt, ist in Capri mit Bloch, Benjamin, Adorno und Kracauer zusammen und wohnt mit Bloch in einem Haus in Positano. Infolge einer Tuberkulose muß er zwei Jahre nach Davos, kehrt 1931 mit Frau und Kind nach Deutschland zurück in der Hoffnung, noch eine Unistelle zu bekommen. Da diese Hoffnung vergeblich ist, wendet er sich an seinen Pflegevater, der ihm eine Stelle bei der Neugründung des Interessenverbandes der Rheinisch-Westfälischen Großindustrie, dem Langnamverein, verschafft. Nach außen war dieser Verein nicht zu erkennen, er nannte sich harmlos “Mitteleuropäischer Wirtschaftstag e.V.” oder auch “Mitteleuropäische Zentralstelle”. Dort wird er wissenschaftlicher Assistent des Geschäftsführers Dr. Max Hahn.

Als einziger Angestellter soll er eine Ausstellung über den Mitteleuropatag organisieren, was aber nicht klappt. So gibt es einige Spannungen mit Hahn wegen der offenkundig nutzlosen Tätigkeit von Sohn-Rethel, Hahn verschafft ihm aber einige Nebenjobs, z.B. die Mitarbeit bei den “Deutschen Führerbriefen”. Diese politisch-wirtschaftliche Privatkorrespondenz mit ihrem hervorragenden Informationsstand wurde nur für die Spitzen von Wirtschaft und Wehrmacht geschrieben. Sohn-Rethel wird außerdem Sekretär des “Deutschen Orientvereins” und 1935 Geschäftsführer der deutsch-ägyptischen Handelskammer. Nach eigenen Angaben sollen ihm diese Jobs zwar viele Informationen, aber wenig Geld eingebracht haben.

Das Büro Hahn erweitert bald seine Mitgliederbasis, so daß alle führenden Konzerne und Gruppen des Finanzkapitals – neben der IG Farben der Stahl verein, die Elektroindustrie und Dresdner Bank, Großagrarier und Städtetag – an den Treffen teilnehmen, um der Krise, die sich 1931 in ihrem tiefsten Fahrwasser befand, eine Wende zu geben und neue Methoden zu ihrer Lösung zu entwickeln. Das Büro von Dr. Hahn gehörte zu den einflußreichsten Koordinationsstellen der deutschen Wirtschaft der damaligen Zeit. Sohn-Rethel bleibt vieles, was in dem Büro geschah, unbekannt; er bleibt beispielsweise von den zweimonatlichen Treffen mit den Spitzen der Reichswehr ausgeschlossen, hat aber aufgrund seiner Stellung wöchentliche Treffen mit Mitarbeitern anderer Institutionen wie der Hauptlandwirtschaftskammer, der Reichswirtschaftskammer und Margret Boveri von der Frankfurter Zeitung.

Seine marxistische Einstellung kann Sohn-Rethel ganz gut verbergen, auch wenn dies am Ende der Weimarer Republik keineswegs ein solcher Makel war, wie heutzutage. An den Wochenenden arbeitet er mit drei illegalen sozialistischen Widerstandsgruppen zusammen. 3

Aufgrund seiner Tätigkeit in der ägyptischen Handelskammer soll er aus – wie berichtet wird – trivialen Gründen verhaftet werden. Hahn warnt ihn und kann sogar die Verhaftung noch etwas hinauszögern. Anfang 1936 begibt er sich in die Schweiz und verfaßt dort ein Manuskript “Zur Liquidierung des Apriorismus, eine soziologische Untersuchung”, das er an Adorno und Lukàcs schickt, um eine Stelle in dem inzwischen emigrierten Institut für Sozialforschung zu bekommen. Adorno findet das Manuskript gut, Horkheimer bezeichnet es als “Mist”, aber es reicht hin, daß ihn eine englische Gesellschaft zur Förderung deutscher emigrierter Wissenschaftler nach England einlädt und das Institut für Sozialforschung sich mit einem kleinen Stipendium an seinem Lebensunterhalt beteiligt. Nach einem Zwischenaufenthalt in Paris, wo er ausführlich mit Benjamin diskutiert, kann er ab Oktober 1937 in England festen Wohnsitz nehmen. Benjamin hat später behauptet, Sohn-Rethel habe ihm seine Ideen geklaut, aber er behauptete das von vielen ...

Auf Aufforderung des ehemaligen Chefredakteurs der “Times”, Steed, schreibt Sohn-Rethel eine Reihe kleiner Abhandlungen, die in dem Suhrkamp-Bändchen zur “Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus” gekürzt veröffentlicht sind. Sie waren für die Berater um Churchill gedacht, der sich damals in Opposition zu der Hitler tolerierenden Chamberlain-Regierung befand. Sohn-Rethel bleibt zunächst in England, erst 1972 übernimmt er eine Gastprofessur in Bremen. 1970 veröffentlicht Sohn-Rethel eine erkenntnistheoretische Schrift “Geistige und körperliche Arbeit”, in der er die Heidelberger Transzendentalstudien wieder aufnimmt. Durch diese Arbeit ist er weitaus bekannter geworden als durch seine Faschismusanalyse.

Er greift das uralte Erkenntnisproblem wieder auf, in welcher Weise die Außenwelt im Kopf als Erkenntnis erscheinen kann, wobei sich immer die doppelte Frage nach einem Apriori der Erkenntnis stellt, d.h. nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt – die Kantsche Frage nach den angeborenen Kategorien – und den Formen der Erkenntnis, wie sich die Außenwelt in die Innenwelt vermittelt. Sohn-Rethel glaubt die Lösung des Problems gefunden zu haben, indem er eine Entsprechung von Warenform und Denkform behauptet; Vergesellschaftung durch Warenproduktion und Denkform entsprächen sich, insbesondere die Strukturen des Geldes und des Denkens. Die Abstraktionen des Warentausches setzten sich im Kopf als Abstraktionen fest. Aber auch Sohn-Rethel kann nur Analogien zeigen, das Vermittlungsproblem hat er so wenig gelöst wie die bisherige Erkenntnistheorie, und es ist die Frage, ob es so wichtig ist, es überhaupt zu lösen.

Sohn-Rethel hat keine Theorie des Faschismus geschrieben, sondern Denkschriften zu historischen Entwicklungen, die zum Faschismus führten, aus denen implizit eine Theorie erkennbar wird. Die Titel seiner Denkschriften heißen z.B. “Das Dilemma der Rationalisierung” – er beschreibt die Rationalisierungsinvestitionen der deutschen Wirtschaft ab 1926 –, “Zur Interessenlage der deutschen Industrie in der Krise”, “Die Veränderung der Weltmarktpolitik und die Rolle der Agrarpolitik”, “Der Charakter der faschistischen Konjunktur”, “Die soziale Rekonsoli-dierung des Kapitalismus”, “Zur Klassenstruktur des deutschen Faschismus” und andere. Einige dieser Schriften sollen hier vorgestellt werden.

Zur Interessenlage der deutschen Industrie in der Krise

Die Krise, die mit dem Zusammenbruch der New Yorker Börse im Oktober 1929 begann, sah zuerst aus wie eine der üblichen Reinigungskrisen. Aber der Rückzug der kurzfristigen Kredite führte 1931 zum Zusammenbruch der Danatbank, dem Hauptfinanzier des Stahlvereins. Dresdner und andere Banken mußten gestützt werden, und im September kam das Weltkreditsystem zum Erliegen, alle internationalen Warentäusche mußten bis 1939 Zug um Zug, Ware gegen Ware, abgewickelt werden, und das deutsche Kapital war politisch gespalten in das Brüninglager und die Harzburger Front.

Brüning hatte nach dem Rücktritt des SPD-Reichskanzlers Müller 1930 die Regierung übernommen und versuchte mit Hilfe des Reichspräsidenten, über Notverordnungen der Krise durch Sparmaßnahmen und Deflation Herr zu werden: Einschränkung öffentlicher Ausgaben, Kürzung der Beamtengehälter, Streichen der öffentlichen Unterstützung für Arbeitslose, Rentner, Krankenversicherte usw. Dies bedeutete eine Krisenbewältigung durch Abwarten auf wirtschaftliche Erholung, von der man glaubte, daß sie schon kommen werde. Dieser Auffassung war auch ein Teil “der deutschen Industrie, deren hervorragendster Exponent Siemens war, zu dem aber auch Zeiss, Leitz, der Maschinenbau und die Textilindustrie gehörte.

Siemens war nicht weniger als andere Konzerne an einem möglichst großen Stück des Weltmarktes interessiert, war nicht weniger imperialistisch als Stahl- und Kohleindustrie, aber der Siemens-Konzern wollte wirtschaftliche Erholung mit den klassischen ökonomischen Methoden erreichen. Aufgrund hochwertiger Produkte hatte sich Siemens trotz der Beschränkung durch die internationalen Finanzkonsortien eine Stellung auf dem Weltmarkt aufgebaut, die ihn konkurrenzfähig ließ, etwa wenn es galt, ein Telefonnetz in der Türkei, die Elektrifizierung der Eisenbahn in Südamerika oder ein Kraftwerk in Ägypten aufzubauen. An einer Vertreibung jüdischer Wissenschaftler, einer Autarkiepolitik des reinen Binnenmarktes, an einer Abschottung der Währungspolitik oder an einer Lohndrückerei für hochqualifizierte Arbeiter war Siemens nicht interessiert; davon erwartete sich der Konzern keine Rettung aus der Krise, denn er wollte konkurrenzfähig bleiben. So waren der Siemens-Konzern und die genannten Industrien gegen Hitler und seine Wirtschaftspolitik – und das aus primär ökonomischen Gründen.

Die Harzburger Front hatte ihren Namen von einer gemeinsamen Kundgebung der Nationalsozialisten, Deutschnationalen und des Stahlhelms im Oktober 1931, an der auch führende Industrielle der Kohle- und Stahlindustrie wie Thyssen, Flick, Vogler und Schacht, Kirdorf und Borsig teilnahmen. Die Lage dieser Industrien war durch die vorangegangene Rationalisierungskonjunktur ab 1924 nachhaltig geprägt, denn es wurden große Investitionen getätigt, die einen enormen Anstieg der fixen Kosten gegenüber den übrigen Kosten bewirkt hatten.

Teilweise technisch bedingt, wurden Anlagen geschaffen, die Gase in den Hochöfen als Wärme- und Energiequelle für andere Betriebsteile verwendeten und die eine ständige Auslastung der Kapazitäten erforderten, weil sie mit Fremdkapital finanziert worden waren. So wurden zur Finanzierung von 1924 bis 1930 ca. 25 Mrd. RM aufgenommen, davon waren 11 Mrd. RM kurzfristige Kredite. Diese hochtechnisierten Anlagen wurden unrentabel, wenn sie nicht ’zu 80 % ausgelastet waren, weil dann die Zinsbelastung höher war als die Erlöse. Bei fehlender Nachfrage konnte nicht wie früher einfach die Produktion gedrosselt werden, denn der Markt durfte nicht die Produktion regeln, sondern umgekehrt mußte der Markt jetzt der Produktion unterworfen werden. Das konnte einmal durch Monopolisierung geschehen, z.B. durch die VESTAG oder den Stahlverein, dem größten Roheisenunternehmen Europas mit 200.000 Beschäftigten, oder aber durch staatlich garantierte Abnahme der Produktion über die Verordnung zur Produktion von Rüstungsgütern. Im Gegensatz zu früheren Formen des Kapitalismus konnte man sich wegen der Verflechtung dieser Art von Werken mit dem Bank- oder Finanzkapital solcher Betriebe in der Krise nicht einfach entledigen, indem man sie bankrott gehen ließ, sondern entweder mußte die Krise verhindert werden, was eine nationale Volkswirtschaft nicht in der Hand hat, oder man mußte solche Betriebe um jeden Preis erhalten.

Erwähnt werden muß noch, daß es zwei Konzerne gab, die nicht in dieses Schema passen: die IG Farben und Krupp. Krupp hatte einen vertikalen Konzernaufbau von der Stahl- bis zur Nähmaschinenproduktion und war finanziell so stark, daß die beiden Krupptöchter ihn verwalten konnten wie einen Bäckerladen: Krupp gehörte daher nicht zur Harzburger Front. IG Farben war in sich gespalten, denn die Arzneimittel- und Filmindustrie (Bayer Leverkusen und Agfa) tendierte zum Brüninglager, BASF mit der Stickstoff- und Sprengstoffproduktion und die Leunawerke mit der Benzinsynthese unterstützten die Linie der Harzburger Front.

Für alle Industriezweige bewirkte die Krise, daß eine kurzfristige Geschäftsankurbelung nicht zu erwarten war. Dazu war Deutschland währungspolitisch zu eingekapselt, hatte keine Kolonien als Außenmärkte, hatte – etwa im Vergleich zu den USA – einen schmalen Binnenmarkt und war den Dumpingpreisen der Importe ausgesetzt. Die monopolisierte deutsche Wirtschaft war auf Exporte angewiesen. Da geschützte Märkte zu festen Monopolpreisen nicht zur Verfügung standen, mußte bei sinkenden Preisen entweder das Exportvolumen erhöht werden, was wegen der Krise nicht ging, oder die Kosten der Herstellung mußten gesenkt werden. Da die fixen Kosten wie Zinsen öder Schuldendienst aber nicht gesenkt werden konnten, mußten die Kosten der Arbeitkraft gesenkt werden – und das in erheblichem Umfang; in Marxschen Begriffen: die Ausbeutungsrate mußte erhöht werden. Ein weiterer Weg war die territoriale Ausweitung des Binnenmarktes – und das hieß die Angliederung Österreichs und Südosteuropas.

Massive Lohnsenkung und territoriale Ausweitung waren aber keineswegs einfach zu bewerkstelligen, denn der Lohnsenkung standen einmal das hohe Preisniveau der Lebensmittel und landwirtschaftlichen Produkte und zum anderen die organisierte Arbeiterbewegung in Gewerkschaften, SPD und KPD entgegen. Für eine territoriale Ausdehnung fehlte es an Rüstung und internationaler Duldung, außerdem war sich das Kapital über diese Methoden der Krisenbereinigung keineswegs einig. Das Brüninglager setzte weiterhin auf die Methoden der relativen Mehrwertproduktion und den Weltmarkt, die Harzburger Front wollte Lohnsenkung, Kontrolle der Landwirtschaft und territoriale Ausdehnung in Mitteleuropa. Die Aufgabe des “Mitteleuropäischen Wirtschaftstages”, in dem Sohn-Rethel arbeitete, war es, die widerstrebenden Teile der Kapitalfraktionen von diesem Konzept zu überzeugen. Dem dienten Publikationen von Denkschriften, zahlreiche Besprechungen und Verhand1ungen.

Kontrolle der Landwirtschaft, territoriale Ausdehnung und Zerschlagung der organisierten Arbeiterschaft wurden mit geringen Variationen nach der Machtergreifung so verwirklicht, wie sie im MWT diskutiert wurden. Die Landwirtschaft bestand gleichfalls aus zwei Fraktionen, den Großagrariern mit Getreideanbau und der Veredelungswirtschaft mit Viehzucht und Anbau von Gartenfrüchten. Die Großagrarier hatten Importe aus Übersee zu fürchten, die Veredelungswirtschaft war dagegen auf Exporte in die Nachbarländer angewiesen. Die Industriegruppe der Harzburger Front bot den Großagrariern Schließung der Überseeimporte an, wenn sie der Kartellisierung der Veredelungswirtschaft zustimmten, denn dies sollte einerseits einer deutschen Autarkiepolitik dienen, andererseits durch Kontingentierung und Kontrolle der Veredelungswirtschaft die Lebensmittelpreise kontrollierbarer machen. Das Fernziel war, die gesamte Landwirtschaft – also auch die Großagrarier – unter industrielle Kontrolle zu stellen; mit der Zustimmung der IG Farben zur Agrarkartellisierung im Dezember 1932 war die Einheit hergestellt.

Ein schwieriges Problem war die Arbeiterschaft, und die “Führerbriefe” erörterten das in wünschenswerter Klarheit: 1918/19 hatte die SPD die von ihr geführten Massen statt zur proklamierten Revolution zur Neuformung der bürgerlichen Herrschaft gelenkt. Da die soziale Basis des herrschenden Bürgertums zu schmal sei, bedürfe es für seine Herrschaft, wenn es nicht zu der für es selbst gefährlichen Militärdiktatur greifen wolle, der Bindung von Schichten, die sozial nicht zu ihm gehören, aber seine Herrschaft im Volk verankern. Die Ummünzung der Revolution in Sozialpolitik, die Verlegung des Kampfes aus den Betrieben und von der Straße in Parlament, Ministerien und Kanzleien, die Beteiligung von sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Bürokratie an der Regierungsgewalt war notwendige Voraussetzung einer liberal-demokratischen Verfassung als Rahmenbedingung der kapitalistischen Produktion. Nachdem in der Krise die Bindungsfähigkeit der Massen an die Sozialdemokratie zu wirken aufgehört habe und die systemverträgliche Spaltung der Arbeiterklasse in SPD und Kommunisten zugunsten letzterer ins Gleiten gerate und damit die bürgerliche Herrschaft durch eine kommunistische Revolution gefährde, müsse die Sozialdemokratie durch die Nationalsozialisten als Massenbasis für die Herrschaft des Bürgertums abgelöst werden. Die Nationalsozialisten versprächen, die Macht der organisierten Arbeiterschaft zu brechen und sie in einer ständischen Sozialordnung neu zu organisieren. Wolle man nicht zu dem gefährlichen Mittel der Militärdiktatur greifen, sei die Hitlerpartei das geeignetste Instrument, die Lohnsenkungen durchsetzen zu können.

Wie im einzelnen die Linie der Harzburger Front sich durchsetzte, wird von Sohn-Rethel nicht geschildert, die “Sachgründe” der Zustimmung des Brüninglagers sind jedoch klar. Man konnte die ökonomisch defizitären Teile des Kapitals, Kohle- und Stahlindustrie nicht liquidieren, weil das Defizit zu groß war; wegen der Kapitalverflechtung hätten sie die noch halbwegs gesunden Teile des Kapitals mit sich gerissen, die politische Gefahr der Massenarbeitslosigkeit, die durch die Liquidation von Kohle- und Stahlbetrieben noch gewachsen wäre, hätten die Gesamtherrschaft der Klasse infragegestellt. Ein kurzfristiger Lösungsweg aus der Krise war nur durch Lohnsenkung, den Übergang zur absoluten Mehrwertproduktion, Verlängerung der Arbeitszeit, Erhöhung der Ausbeutungsrate, Loslösung der defizitären Betriebe vom Markt durch staatliche garantierte Abnahme der Produktion, konkret: durch Übergang zur Aufrüstung zu erreichen. Das Brüninglager hatte keine überzeugendere Lösung anzubieten und akzeptierte Hitler als Übergang, eingebunden in eine bürgerliche Koalition. “Die terroristische Diktatur der Partei ist das unerläßliche Werkzeug für die Einführung und Aufrechterhaltung der absoluten Mehrwertproduktion, mit allem, was zur gewaltsamen Niederhaltung der Konsumtionsrate und zur gewaltsamen Steigerung der ökonomisch defizitären Lenkung der Akkumulation an Zwangswirtschaft im Binnenmarkt und gegenüber dem Weltmarkt dazugehört – die unerläßliche Voraussetzung für die Profitbildung im defizitären Kapitalismus.” [ 4 ]

Eine Gefahr für die faschistische Diktatur wäre nur massive Hilfe des internationalen Kapitals zur Miederherstellung der relativen Mehrwertproduktion gewesen; das war aber nicht möglich. Worin sich die Bourgeoisie täuschte, war die Knechtfunktion der Faschisten. Die Massenbasis, die gegen die organisierte Arbeiterschaft wirksam eingesetzt wurde, diente auch zur Verselbständigung der faschistischen Herrschaft gegenüber den zerstrittenen Kapitalfraktionen. “Die Faschistenpartei ist der Knecht der Bourgeoisie, aber nur in dem Verhältnis, daß sie über ihrer Bourgeoisie im Sattel sitzt und diese mit Sporen und Kandare ihre eigene Bahn reitet.” 5

Noch wenige Worte zur faschistischen Konjunkturpolitik nach 1933, bevor wir zur Charakterisierung der dieser Darstellung zugrundeliegenden Theorie übergehen. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Baumaßnahmen und Rüstungsaufträge beseitigten die Arbeitslosigkeit, aber die Reallohnsumme erhöhte sich von 1932 bis 1936 nicht, obwohl statt 12,5 Mio. im Jahr 1936 18 Mio. Menschen arbeiteten und die Gesamtarbeitszeit sich fast verdoppelt hatte. Oder anders ausgedrückt: das Realeinkommen der Arbeiter erreichte erst 1939 wieder den Stand von 1928, der Konsumsektor wuchs bis 1936 um 4 %, gemessen an der Preissteigerung gar nicht, und der Produktionsmittelsektor um 33 %.

Die Landwirtschaft wurde streng reguliert und durch das staatliche Außenhandelsmonopol war den Großagrariern gedient. Durch das Erbhofgesetz wurden die nachgeborenen Kinder von der Teilerbschaft am Hof ausgeschlossen, damit die Familienausbeutung als Struktur der Bauernwirtschaft aufgelöst und durch Lohnarbeit und “freiwillige” Erntehilfe ersetzt werden konnte. Die Regulierung und Kontingentierung der Produktion wurde so stark, daß es 1935 zu einer Fett- und Nahrungsmittelkrise kam, die mit kostbaren Devisen nachgekauft werden mußten. 6

Die Rüstungsproduktion wurde durch Geldschöpfung finanziert, aber, um einen realen Gegenwert zu erhalten, hätte sie exportiert werden müssen, was zum Teil auch geschah; der größte Teil wurde ebenfalls auf Kredit über Staatsanleihen vom Staat gekauft und konnte “produktiv” nur verwendet werden, wenn man einen Krieg begann, der mit Gewalt, den Methoden der ursprünglichen Akkumulation, sich die Gegenwerte wie Nahrungsmittel oder Bodenschätze holte, die man auf dem Weltmarkt kaufen konnte. Eine Produktion auf Staatskredit schaffte erst einmal fiktive Profite, so kam es zu Kämpfen, wer die reellen Kosten der fiktiven Profitbildung auf die anderen abwälzen konnte. “Bei wachsender innerer Klemme spitzt sich das Problem darauf zu, daß die Bourgeoisie eines faschistischen Staates den Verlust, der auf sie zurückt, auf eine fremde Bourgeoisie abzuwälzen trachtet”, und das bedeutete Krieg. [ 7 ] Spätestens mit dem zweiten Vierjahresplan von 1936 hatte sich das Abhängigkeitsverhältnis der Industriegruppen umgekehrt. Die defizitäre Schwer-, Montan-, Bau- und Betonindustrie war durch staatliche Kredite und Auftragsbeschaffung profitabel geworden; die Elektro-, Chemie-, Textil-, Braunkohle-, Zellstoff-, Kautschuk-, Buntmetall- und Lebensmittelindustrie hatten ihre inneren und äußeren Absatzmärkte schrumpfen lassen müssen, in ihrem Portefeuille mehrten sich die Inflationswerte, so daß sich “die Magnetnadel ihrer Profite mehr oder weniger schnell zur faschistischen Binnenkonjunktur wendete.” Sie wurden wie die Schwerindustrie abhängig von Rüstungsaufträgen, und damit realisierte sich der ökonomische Zwangscharakter der faschistischen Entwicklung für das gesamte deutsche Industriekapital und damit auch die politische Gefangenschaft der Bourgeoisie in ihrer faschistischen Diktatur.

Theoriebildung hat die Aufgabe, äußerlich wahrnehmbare Erscheinungen aus den in ihnen wirksamen wesentlichen Kräften und Gesetzmäßigkeiten zu erklären und damit unter anderem zu ermöglichen, äußerlich ähnliche Erscheinungen auf ihre wesentliche Verursachung hin unterscheiden oder identifizieren zu können. Sohn-Rethels Erklärung der Entstehung des Faschismus fußt auf der Marxschen Kapitalanalyse, insbesondere auf dessen Unterscheidung von absoluter und relativer Mehrwertproduktion als Phasen der kapitalistischen Entwicklung, und auf seiner Krisentheorie vom Fall der Profitrate und erzwungenen Unterkonsumtion. Die subtilen Probleme der Rethelschen Verwendung der Marxschen Theorie, insbesondere seine Generalisierung unter den Bedingungen des Monopolkapitalismus sollen hier nicht diskutiert werden. Auf einen Satz zusammengefaßt lautet die Theorie von Sohn-Rethel: Nicht das Finanzkapital im ganzen, sondern ihr defizitärer Teil brauchte die Diktatur der faschistischen Partei zur Einführung und Aufrechterhaltung der absoluten Mehrwertproduktion, die die Krise nicht bereinigte, sondern den Krieg unumgänglich machte.

Die Vorteile dieser Theoriebildung gegenüber anderen marxistischen oder bürgerlichen Theorien des Faschismus liegen auf der Hand. Da die Entstehung des Faschismus aus der ihm zugrundeliegenden Produktionsweise erklärt wird, können alle Identifizierungen von sozialistischen und faschistischen totalitären Systemen als unsinnig erkannt werden, so die Gleichsetzung von Sowjetsystem und Hitlerfaschismus wegen der Ähnlichkeit von Einparteiensystem, Wirtschaftskontrolle oder terroristischer Partei. Ferner lassen sich durch die Sohn-Rethelsche Theorie alle agententheoretischen und personengeschichtlichen Erklärungen des Faschismus sozialistischer und bürgerlicher Provenienz grundsätzlich kritisieren. Die handelnden Personen sind nicht bezahlte Agenten des staatsmonopolistischen Kapitalismus (StamoKap) oder ausgekochte Schurken und Verführer gutgläubiger Kleinbürger, sondern Charaktermasken des Kapitals, die Sachzwängen folgen, Realisten, da sich an der Oberfläche der Konkurrenzgesellschaft die wesentlichen Verhältnisse notwendigerweise verkehrt darstellen. Kritisierbar werden durch die Rethelsche Theorie ebenfalls die politologisch-konflikttheoretischen Theorien des Faschismus, wie z.B. das Versagen des Parlamentarismus, Verfassungsfehler oder die Führungsschwäche der Parteien, da sichtbar wird, daß der Handlungsspielraum für alle politisch austragbaren Konflikte ökonomisch außerordentlich begrenzt war.

Gegenüber dem einfachen Ursache-Wirkungs-Verhältnis, das in vielen bürgerlichen Theorien – aber auch in der Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus - vorausgesetzt wird, vermag die Sohn-Rethelsche Theorie die widersprüchliche Dynamik der Kapitalbewegung zu erklären. Dem Kapital stehen zur Krisenbewältigung infolge des Grundwiderspruchs von individueller und gesellschaftlicher Arbeit immer nur widersprüchliche Maßnahmen zur Verfügung. Die Kartellierung der Landwirtschaft erfüllt zwar die Kontrollmöglichkeiten der Produktion, läßt aber einen Nahrungsmangel entstehen. Die Installierung einer diktatorisch regierenden Partei zerschlägt die Arbeiterorganisationen, beraubt aber auch das Kapital seiner vollen Handlungsfreiheit. Die Sanierung des Defizits durch Unterkonsumtion, Beschränkung der Konkurrenz und des Marktes führt zum Krieg. Das sind Prozesse, die zwar mit Willen und Bewußtsein der Handelnden ablaufen können, aber sich hinter ihrem Rücken notwendig herstellen.

Der Anspruch, dem sich eine an Marx orientierte Theorie zu stellen hat, ist, daß sie alle wesentlichen Erscheinungsformen eines historischen Ereignisses erklären muß. Das Vorbild für solche Analysen hat Marx im “18. Brumaire des Louis Bonaparte” geliefert, wo er die Machtergreifung Napoleons III. von 1851 analysiert. Marx zeigt, wie aus dem Gegensatz von zwei Kapitalfraktionen die Herrschaftsunfähigkeit der bürgerlichen Klasse mittels des Parlaments entsteht und sie daher Louis Bonaparte und seiner bewaffneten Garde die Staatsmacht überlassen muß. Bonapartes Massenbasis waren die Parzellenbauern, ihre Ideologie das Kleineigentum und die Religion. Gemessen an dieser Schrift läßt Sohn-Rethel drei wichtige Bereiche der Faschismusanalyse unberücksichtigt: die politische Lähmung des Bürgertums und seine Unfähigkeit, die parlamentarische Herrschaft fortzuführen, die Massenbasis des Nationalsozialismus und die faschistische Ideologie. Über die Massenbasis macht er einige Bemerkungen in der Richtung, daß das Kleinbürgertum aus Angst vor der Verproletarisierung den Nationalsozialisten zugelaufen sei, die Nazis sich nach der Machtergreifung aber von ihrer mittelständischen Basis trennten und sich auf eine neu herangewachsene technokratische Intelligenz stützten. Die fehlende Analyse der politischen Lähmung ist nicht so gravierend, da zumindest ihre ökonomischen Rahmenbedingungen genau gekennzeichnet sind, wie oben geschildert. Zur Ideologie und Entstehung, Rolle und Wirksamkeit für die Bildung der Massenbasis und Machtergreifung verliert er kein Wort. Daß dies ein dorniges Thema ist, wissen die Zuhörer des Vertrags dieser Reihe über Ernst Bloch. Vielleicht kann uns die Diskussion hier weiterbringen.

Ausgewählte Literatur zu Alfred Sohn-Rethel (ASR)

ASR 1970 a, Geistige und körperliche Arbeit. Zur Theorie der gesellschaftlichen Synthesis, Frankfurt.

ASR 1970 b, Die soziale Rekonsolidierung des Kapitalismus, in: Kursbuch 21, Berlin, September 1970.

ASR 1972, Die ökonomische Doppelnatur des Spätkapitalismus, Darmstadt/Neuwied

ASR 1973, Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus, Frankfurt

Paul Mattick, ASR, Hellmut G. Haasis, Beiträge zur Kritik des Geldes, Frankfurt

ASR 1978, Symposium Warenform und Geldform, Frankfurt.

Joachim Müller/Bettina Wassmann (Hrsg.), L‘invitation au voyage. Festschrift für Alfred Sohn-Rethel zum 80. Geburtstag, Bremen 1979.

Matthias Greffrath (Hrsg.)., Die Zerstörung einer Zukunft. Gespräche mit emigrierten Sozialwissenschaftlern, Reinbek 1979; darin Gespräch mit ASR: “Einige Unterbrechungen waren wirklich unnötig”, S. 249 ff.

Aus: Initiative Sozialistisches Forum, 30. Januar. Materialistisches Gedenken
zum 50. Jahrestag der faschistischen Diktatur,
Freiburg 1983, S. 62 – 74.

Anmerkungen

1 Biographische Angaben zu Alfred Sohn-Rethel finden sich in: ASR 1970 a, ASR 1979b.

2 Alfred Sohn-Rethel, Von der Analytik des Wirtschaftens zur Theorie der Volkswirtschaft. Methodologische Untersuchung mit besonderem Bezug auf die Theorie Schumpeters, 1936.

3 Alfred Sohn-Rethel lieferte seit 1934 geheimes Material an die Gruppe Neu Beginnen; er kannte deren Mitglied in der Leitung Richard Löwenthal seit längerem. Nur so sind teilweise die hervorragende Informationslage bei Neu Beginnen und die genauen Analysen dieser Gruppe zu verstehen, bekam sie doch von Sohn-Rethel allergeheimste Nachrichten aus der Wirtschaft und NS- wie Reichswehrkreisen. Siehe dazu ASR 1973, S. 29 f.; ASR 1979 b, S. 270 ff.; siehe dazu auch unseren Artikel “Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten in Opposition und Widerstand” in diesem Band.

4 ASR 1973, S. 176

5 ASR 1973, S. 177.

6 Ebd., S. 102 f.

7 Ebd., S. 135.

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