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Alex Gruber

Psychoanalyse im Zeitalter des Suicide Bombing

Anläßlich des Freud-Jahres und der EU-Ratspräsidentschaft Österreichs wurde im April 2006 in Wien ein Symposium zum Thema: Psychoanalyse und Politik. Terror, Regression und Gewalt – Lösungsmöglichkeiten?, abgehalten. Im Ankündigungstext des Hauptvortragenden Vamik Volkan (2006) heißt es: »Die regressiven politischen Doktrinen jener, die gegen die ›Terroristen‹ ankämpfen, ähneln mittlerweile den Ideen der ›Terroristen‹: ›Wir haben die absolute Wahrheit und daher sind wir besonders, von Gott geschickt und allmächtig. Aber wir werden attackiert. Daher haben wir auch das Recht, jene anzugreifen, die ›böse‹ sind.‹«

Im Anschluß an solche, die Diskussion dominierenden Ausführungen – für die Volkans Text nur als pars pro toto steht – wäre die Frage zu stellen, woraus es resultiert, daß der Psychoanalyse, die ja einst mit dem Anspruch der theoretischen Durchdringung gesellschaftlicher Realität angetreten war, heute zu ihrem Gegenstand nichts mehr einfällt, das über Alltagsweisheiten und Allgemeinplätze hinausgeht, die man in jeder x-beliebigen Zeitung und in jedem linken Flugblatt nachlesen kann.

Theodor W. Adorno attestierte in den Minima Moralia der Freudschen Triebtheorie eine Art Doppelcharakter: einerseits kritisch gegen die herrschende Ideologie zu verfahren, andererseits sich aber auch an deren Vorurteile anzupassen. So sei Freuds Theorie durch den Versuch charakterisiert, materialistisch das bewußte Handeln auf seinen unbewußten Triebgrund zu verfolgen, und individuelle Beschädigung als Resultat von Triebunterdrückung und  verdrängung zu fassen. Gleichzeitig preise Freud ebenjene Triebunterdrückung als kulturfördernde Sublimierung und stimme so in die gesellschaftliche Verachtung des Triebes ein. Diesen Widerspruch erkannte Adorno als solchen der Zivilisation selbst, in welchem die Entwertung des kritischen Maßstabs für das Ziel der Analyse immer schon miteinbeschlossen ist. (GS 4: 67)

Die Revision ist also keine bloße Verfallsform der Psychoanalyse, sondern ihrem Prinzip je schon immanent – wobei Freud selbst sich stets davor hütete, solche Widersprüche harmonistisch aufzulösen, womit er den antagonistischen Charakter der gesellschaftlichen Realität offenbar werden läßt. Der Bezug der Revisionisten auf die ›integrierte Persönlichkeit‹ aber ist der Bezug auf jenes prätendierte Individuum, das den Triebverzicht als kulturfördernde Sublimierung bewerkstelligen soll, ohne von der dazu notwendigen Verdrängung noch etwas zu wissen: Er ist die einseitige Auflösung des Freudschen Widerspruchs und damit die Entsorgung der Triebtheorie und ihres kritischen Stachels. Die ›integrierte Persönlichkeit‹, deren Möglichkeit die Revisionisten schon im Hier und Jetzt behaupten, fällt hinter Freuds Einsicht in die Dialektik des Fortschritts zurück, welche mehr vom Wesen der Vergesellschaftung zutage gefördert hat als jede Milieutheorie und Ich-Psychologie, aus denen die Revisionisten die Entstehung neurotischer Konflikte zu erklären versuchen. Die von ihnen angenommene und hypostasierte Totalität des Ichs ist in der durch Kapital und Staat vermittelten Gesellschaft fiktiv, sie ist vielmehr »ein System von Narben …, die nur unter Leiden, und nie ganz integriert werden« (Adorno, GS 8 a: 24). Die Zufügung dieser Narben ist die Form, in der die Gesellschaft sich im Einzelnen niederschlägt. Die Revision der Psychoanalyse dagegen geht von einem harmonistischen Glauben an die – in der bestehenden Gesellschaft unmögliche – Einheit des Individuums aus, und setzt an Stelle der Triebdynamik unmittelbare Milieufaktoren. Diese Theorie sozialer Beziehungen geht von einem naiven Individualismus aus, der das Ich als vorgegebene Einheit faßt, die von angeblich äußeren Kräften überfallen werde, und verdoppelt so theoretisch die Trennung von Individuum und Gesellschaft, ohne sie kritisch durchdringen oder gar erkennen zu können, daß die Kategorie der Individualität kein Urprinzip ist, sondern je schon gesellschaftlich vermittelt. (Ebd.: 27)

Diese allgemeine Entwicklung läßt sich auch an den psychologischen Überlegungen zum Suicide Bombing festmachen: So stellt etwa Martin Altmeyer in seinem Artikel Nach dem Terror, vor dem Kreuzzug. Spekulationen über das Böse und seine Quellen fest, daß den Selbstmordattentaten »eine mörderische Selbstdestruktivität zugrunde (liege)«, sieht diesen »Hang zur Selbstvernichtung« aber auch noch »mit einer ganz anderen seelischen Qualität legiert: dem Narzißmus«. (2003: 16) Er führt also Begriffe in seine Analyse ein, die durchaus dem psychoanalytischen Universum entstammen. Gleichzeitig aber führt er aus, daß »die frei flottierende Aggressivität und Selbstdestruktivität …, hinter der man die bösartige Dynamik narzißtischer Kränkbarkeit und Wut vermuten kann, … weder aus den triebhaften Tiefen des Innenlebens noch vom Außen der Frustration (kommen), sondern aus dem Zwischen des menschlichen Zusammenlebens in Gruppen und Gesellschaft, zwischen Völkern und Kulturen«. (Ebd.: 17) Der Narzißmus soll also, Altmeyer zufolge, nichts mit der Triebstruktur zu tun haben; vielmehr soll die narzißtische Kränkung – fast ist man geneigt zu sagen: Woher auch sonst? – aus dem nicht stattfindenden ›Dialog der Kulturen‹ resultieren.

Freud dagegen charakterisiert den (sekundären) Narzißmus des Ichs – etwa in Das Ich und das Es – als Libido, welche das Es ursprünglich »auf erotische Objektbeziehungen aus (sendet)«, und welche das erstarkte Ich den Objekten wiederum entzieht, um »sich dem Es als Liebesobjekt aufzudrängen«. (GW 13 a: 275) Für ihn ist die Herausbildung des Narzißmus des Ichs also eine Phase der Entwicklung des Individuums: Zu Beginn der individuellen Entwicklung ist alle Libido an die eigene Person geknüpft und erst später fließt ebenjene Libido vom Ich auf die äußeren Objekte über. Erst dadurch ist es überhaupt möglich, die libidinösen Triebe als solche ausmachen und von den Ich-Trieben unterscheiden zu können. Von diesen äußeren Objekten kann die Libido wiederum abgelöst und ins Ich zurückgezogen werden. Die Objekt-Libido war also zuerst Ich-Libido und kann sich wieder in Ich-Libido umsetzen: Dies ist es, was Freud den sekundären Narzißmus nennt, der sich über dem primären aufbaut. (GW 10 a: 140 ff.) Der Narzißmus ist bei Freud also keineswegs eine Kategorie, die sich unmittelbar aus einem mangelhaften »Zwischen des menschlichen Zusammenlebens« ableiten ließe, wie es die Revision der Psychoanalyse tut, sondern er faßt ihn als genetische Kategorie, bei der die Leiblichkeit vermittelt über die Sexualität (Libido) eine zentrale Rolle spielt: Dies ist der Inhalt des Triebbegriffs.

Die Kultur nun legt dem Einzelnen Entbehrung und Entsagung auf, an denen er leidet: Das Individuum ist also in die Lage versetzt, sowohl seine eigenen libidinösen Bedürfnisse vertreten zu müssen, als auch die mit diesen unvereinbaren Bedürfnisse der realen Selbsterhaltung in der Gesellschaft, womit es einer permanenten Überforderung ausgesetzt ist. Narzißtische Konflikte entstehen bei Freud aus der Spannung zwischen den Ansprüchen der Außenwelt, den Ansprüchen des Über-Ich – der Instanz der Gesellschaft im Ich – und den Ansprüchen des Es: Lassen diese sich vermitteln, besteht narzißtische Befriedigung, ihr Auseinanderfallen bedeutet narzißtische Kränkung.

Nichts von diesen Überlegungen kommt jedoch in den Ausführungen Altmeyers vor: Weder die »triebhaften Tiefen des Innenlebens« noch das »Außen der Frustration« – in Freudschen Termini könnte man dies als Widerstreit des Lustprinzips mit dem Realitätsprinzip fassen – sollen für die Analyse der narzißtischen Kränkung zentral sein. Statt dessen wird explizit jede Verknüpfung mit dem Trieb geleugnet und die »narzißtische Wut«, die hinter den terroristischen Anschlägen stecken soll, wird zu einer Kategorie des ungerechten Dialogs der Kulturen und des Ausbleibens einer »gerechten Verteilung von Ressourcen und Lebenschancen«. (2003: 17)

Die Verflachung des Triebbegriffs und darüber vermittelt die Revision der Triebtheorie ist und bleibt der zentrale Punkt, an dem der Psychoanalyse ihr gesellschaftskritischer Stachel gezogen wird. Die Erkenntnis, daß die Triebtheorie sich nicht damit begnügt, Vernunft und gesellschaftlich bestimmte Verhaltensweisen unaufgelöst nebeneinander stehenzulassen sondern selbst differenzierte seelische Verhaltensweisen aus dem – in der herrschaftlich vermittelten Gesellschaft unversöhnlich widerstreitenden – Streben nach Selbsterhaltung und Lust zu deduzieren trachtet, kann den Revisionisten so niemals zu Bewußtsein kommen. Statt dessen werden Phänomene und Symptome, die wegen ihrer Irrationalität gerade der psychoanalytischen Durchdringung am dringendsten bedürften, als (Ur-) Prinzipien wiedereingeführt und dementsprechend zu nicht weiter der Erklärung bedürftigen Selbstverständlichkeiten verflacht. (Adorno, GS 8 a: 25 f.)

So schreibt etwa Thomas Auchter in seinen Ausführungen zu Angst, Hass und Gewalt. Psychoanalytische Überlegungen zu den Ursachen und Folgen des Terrors, daß es gelte, gegen den (Todes-) Triebbegriff eine psychosoziale Erklärung von Gewalt zu forcieren. (2003: 137) Auch für Auchter wird – ganz wie Marcuse es in seiner bekannten Kritik an Fromm dargestellt hat (Marcuse 1955: 203 ff.) – der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft zu einem reinen Anpassungskonflikt. Statt kritisch darzustellen, wie Herrschaft das Individuum bis in den psychischen Apparat hinein strukturiert und den daraus resultierenden, in der bestehenden Gesellschaft unaufhebbaren Konflikt zwischen Trieben und Zivilisation zu thematisieren, wird auf die Entwicklung und Förderung eines positiven Narzißmus abgestellt (Auchter 2003: 17), ganz so, als ob sich dies durch ein wenig Psychohygiene bewerkstelligen ließe: Daß die Psychoanalyse damit all ihrer gesellschaftskritischen Implikationen entledigt wird, liegt auf der Hand.

Das Freudsche Werk wird quasi zum Theoriesteinbruch, aus dem vermittlungslos Teile herausgebrochen und zur Untermauerung der eigenen Thesen verwendet werden – unter Verzicht auf jede logische Stringenz. So beginnt Auchter seine »psychosoziale Erklärung der Gewalt« mit einem Rekurs auf Freud: Der primäre, archaische Haß des Kleinkindes richte sich gegen das Nicht-Ich, welches das Kleinkind als Störendes empfinde und folge dem Bedürfnis, ebenjenes störende Objekt zu beseitigen. Auchter selbst schreibt in diesem Zusammenhang: »Unter Objekt versteht die Psychoanalyse im Gegensatz zum Alltagsverständnis immer ein belebtes oder unbelebtes Gegenüber des Subjekts.« (2003: 139)

Dies jedoch hindert ihn nicht daran, unmittelbar im Anschluß folgenden Satz zu formulieren: Alles, »das nicht den primären Narzißmus des Kindes unterstützt, sondern stört, wird dagegen abgespalten und mittels eines weiteren archaischen seelischen Mechanismus, der Projektion, auf die Nicht-Ich-Welt übertragen«. (Ebd.) Daß es doch gerade das Nicht-Ich gewesen sein soll, das dem Kind und seinem primären Narzißmus als Lust einschränkende Realität entgegentreten ist, daß das Kind also das Objekt erst einmal hätte verinnerlichen müssen, bevor es dieses wieder auf die Außenwelt projizieren könnte – wen kümmert‘s schon? Auchter jedenfalls nicht; vermittlungslos wird ihm das dem Einzelnen Gegenübertretende zum Eigenen.

Die grundlegende Nicht-Identität von innerer Natur und gesellschaftlicher Praxis, die gesellschaftlich vermittelte Unversöhntheit von Subjekt und Objekt ist der revidierten Psychoanalyse Anathema. Der Freudsche Konflikt zwischen Lustprinzip und Realitätsprinzip, der Konflikt zwischen den Ansprüchen des Triebes und ihrer Unterdrückung durch die Gesellschaft, ist dieser Theorie nur Anpassungskonflikt. Obwohl doch die Gesellschaft als von außen auf das als präexistent und unabhängig gedachte Individuum einwirkende gedacht wird, fallen Subjekt und Objekt plötzlich in Eins, wenn das eben noch dem Kind feindlich Gegenübertretende mit einem Mal vermittlungslos sein Eigenes sein soll, das es auf die Anderen und die Außenwelt projiziert. Dies ist das Resultat der Ablehnung der genetischen Entwicklung psychischer Phänomene wie etwa dem (sekundären) Narzißmus des Ichs, wie sie für die soziologische Verflachung der Freudschen Kategorien kennzeichnend ist.

Nur so kann Auchter ohne jeden weiteren Vermittlungsschritt vom Kleinkind auf die Israelis und Palästinenser schließen, und diese können gleichgesetzt werden als spiegelbildliche Konfliktparteien, die am jeweils anderen die eigene Angst, Unsicherheit und Aggression, kurz: das eigene Böse vernichten wollen. (Ebd.: 140) Solcherart kann der Kampf gegen den Terror immer nur die spiegelbildliche Version des Terrors selbst sein. Die erkenntniskritische Unterscheidung zwischen pathischer Projektion, mittels derer der Einzelne die Umwelt sich selbst gleich macht und reflektierter Projektion, als Kategorie der Vernunft (Horkheimer/Adorno 1947: 211 ff.) ist in solchem Denken eliminiert: Projektion soll nichts als »archaischer seelischer Mechanismus« sein. Kein Unterschied soll mehr gedacht werden zwischen der Gesellschaft als objektivem Zwangszusammenhang, der sich durch subjektives Handeln vermittelt, und der subjektiven Identifikation mit den katastrophischen und destruktiven Zügen, die die moderne Gesellschaft aus sich heraus hervorbringt und die sich im Suicide Bombing Bahn bricht. Der Kampf gegen den Terrorismus ist diesem kritisch und differenziert sich gebenden und mit Versatzstücken der Psychoanalyse sich ausstaffierenden Geraune nichts anderes als ein Instrument der USA und des Westens, die eigene menschenverachtende Gewalttätigkeit, der der Terror nur den Spiegel vorhalte, im Unbewußten zu halten. (Auchter 2003: 156)

Da der revidierten Psychoanalyse das »Böse wesentlich in Beziehungen produziert wird« (ebd.: 159) und sie diese Beziehungen – darin der revidierten kritischen Theorie eines Jürgen Habermas nicht unähnlich – nur als Kommunikation beziehungsweise Dialog faßt, liegt es auf der Hand, daß ihr als Antwort auf die Bedrohung durch den politischen Islam auch nur das immer gleiche Rezept einfällt: »die Aufnahme oder Wiederaufnahme von Beziehung und Dialog« (ebd.) – der bereits angesprochene ›Dialog der Völker und Kulturen‹ also.

Die Psychoanalyse aber ist keine Völkerpsychologie: Sie beschäftigt sich vielmehr mit der Konstitution des Individuums; ihr Untersuchungsgegenstand sind der Einzelne und seine psychischen Instanzen in Familie und Gesellschaft. Deshalb müssen die Kategorien einer Massenpsychologie und ihr Verhältnis zur Ich-Analyse immer erst entwickelt und können keineswegs apriorisch vorausgesetzt werden. Dies betrifft beispielsweise die Frage, wie der Einzelne dazu kommt, sein Ich durchzustreichen und im Kollektiv aufzugehen. Die Masse und das Kollektiv sind so darstellungslogisch nachgeordnete Phänomene, deren Einholung von der Begriffsentwicklung erst einmal gewährleistet werden müßte. Genau diese Problematik bleibt außen vor, wenn man, wie Hans-Jürgen Wirth in seinen Überlegungen zu Macht, Narzissmus, Destruktivität. Individuelle und kollektive Aspekte in der Politik, davon ausgeht, Suicide Bombings seien darauf zurückzuführen, daß »die kollektive Identität der Gruppe eine kollektive Traumatisierung erfahren« (2003: 73) habe.

Abgesehen davon, daß Traumatisierung ein Vorgang ist, der lediglich einem Einzelnen, nicht aber einem Kollektiv widerfahren kann, wird in solchen Erklärungen das erst zu Erklärende immer schon vorausgesetzt, und aus ihnen spricht wohl eher die Identifikation mit solcherart verfaßten Kollektiven als der Versuch ihrer kritischen Darstellung. Diese Vermutung bestätigt sich denn auch im weiteren Gang des zitierten Artikels. Hier wird emphatisch beschrieben, daß die »Araber und Muslime in den arabischen Ländern … sich durch ihre kollektive Identität mit dem Leiden des palästinensischen Volkes verbunden (fühlen)« (ebd.: 75) – ganz so, als ob eine derartige Identifikation gar nicht erst der Erklärung bedürfe.

Daß sie einer Erklärung für den solcherart Argumentierenden in der Tat nicht bedarf, da sie der pathischen, von keinerlei Reflexion angekränkelten Projektion seiner eigenen Ressentiments auf die ›unterdrückten Völker‹ entspricht und er »grenzenlos … die Außenwelt mit dem (belehnt), was in ihm ist« (Horkheimer/Adorno, 1947: 215), zeigt sich darin, daß Wirth die »Verbundenheit mit den Palästinensern« und den Wunsch, diese »in ihrem Kampf gegen Israel und seinen großen Beschützer Amerika zu unterstützen« in einem »echten menschlichen Verantwortungs- und Verbundenheitsgefühl« fundiert, welches gelegentlich nur ein wenig über die Stränge schlage und erst in dieser Übertreibung zum »fanatischen Hass« werde (2003: 75).

Wer dagegen, entgegen aller oberflächlich bemühten Äquidistanz, die treibende Kraft und damit der eigentliche Auslöser dafür ist, daß sich »menschliches Verbundenheitsgefühl« in »fanatischen Hass« steigern könne, erläutert Wirth in einem anderen seiner Texte unter dem Titel Narzissmus und Macht. Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik. Die USA würden – wohl aus Unfähigkeit zu echter Verbundenheit und Verantwortung – die Anschläge von 9/11 lediglich als »gewähltes Trauma« mißbrauchen, um eine »Rechtfertigung für die eigenen paranoid-aggressiven Haltungen bei der Hand zu haben« und » – mehr oder weniger wahllos – Feinde definieren, aufspüren, verfolgen und vernichten« (2002: 381 ff.) zu können.

Ausführungen wie diese können nur noch als psychoanalytischer Jargon bezeichnet werden, der dazu dienen soll, die eigenen Ressentiments zu bemänteln und ihnen eine wissenschaftliche, pseudokritische Absicherung zu geben. Dies macht es zusehends unmöglich, Texte, die vorgeben, sich dem Phänomen des Suicide Bombing psychoanalytisch annehmen zu wollen, immanent kritisieren zu wollen. Sie sind zusehends nur noch transzendent zu kritisieren als Instrumentarien der Anpassung ans Bestehende samt Rationalisierung der katastrophischen Krisenlösung, welche die deutsche Ideologie auf der Höhe der Zeit in Gestalt der islamfaschistischen Djihadisten darstellt.

Dies zeigt sich auch in den vorgeschlagenen Mitteln für den Umgang mit dem Suicide Terror. Adäquate Reaktion soll laut Wirth der Verzicht auf eigene »Selbstvergottung« (2003: 83) sein, und Auchter plädiert für die »Annahme eigener Schwäche und Versehrtheit« (2003: 159). Beschädigung und Versehrtheit sollen also nicht der Stachel sein, an dem materialistische Kritik sich entzündet, sondern vielmehr das Allzumenschlich-Menschliche, das es zu akzeptieren gelte. Dementsprechend geht es solcher Psychohygiene nicht darum, »die eigene Begrenztheit« (ebd.) kritisch zu durchdringen mit dem Ziel, diese weistestmöglich aufzuheben. Es ist ihr vielmehr explizites Anliegen, den Einzelnen die »Akzeptanz unseres eigenen unvermeidbaren Leidens« (ebd.) als Medikament für die gesellschaftlichen Probleme einsichtig zu machen und damit implizit dem demütigen, lustfeindlichen und opferbereiten Weltbild der Erweckungsbewegung des politischen Islam das Wort zu reden.

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