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Vansittartitis

Vorwände und Einwände

Dosio Koffler

Ebenso wie Vansittart ein begnadeter Stilist ist, ist es eine wahre Freude, ihm in seiner Deutung des Nibelungenliedes zu folgen und all den Verrat und die Grausamkeiten, die wir heute so gut kennen, mit der ganzen niederträchtigen Nibelungenhorde zu identifizieren. Und was für ein freudiges Hochgefühl ist es, wenn wir den Führer selbst erkennen, den Mann, der körperlich nicht in der Lage ist, einer Frau Freude zu spenden, und dafür einen verkleideten Stellvertreter einführt, der die Sache für ihn erledigt. All diese und andere Ausschmückungen, inklusive dem vielzitierten Tacitus-Ausspruch über die Deutschen, “Sie hassen den Frieden”, sind wertvoll und ergiebig, wenn sie als bloße literarische, polemische und satirische Ornamente betrachtet werden. Aber wenn Lord Vansittart beginnt, grundsätzliche politische Schlüsse aus ihnen zu ziehen, um eine moderne Nation zu verurteilen, die ein Gemisch aus allen möglichen Rassenüberbleibseln ist, wird es Zeit, Halt zu rufen. Wer immer das finstere und blutrünstige Nibelungenlied als ein Symbol des deutschen Nationalcharakters akzeptiert, ignoriert die Tatsache, daß ein Genie namens Walther von der Vogelweide zur gleichen Zeit in einem ganz anderen Ton sang, und daß auch er für einen Zug desselben Charakters steht.

Und es gibt noch einen anderen Punkt, der gewöhnlich übersehen zu werden scheint. Und zwar, daß die germanischen Stämme, die den Frieden angeblich hassen – und die billigerweise auch als die legitimen Vorfahren Lord Vansittarts, der Engländer und der Holländer betrachtet werden könnten –, in keiner wie auch immer gearteten rassischen Beziehung zu dem Teil des gegenwärtigen deutschen Staatskörpers stehen, der allgemein als die Wurzel allen Übels gilt, das heißt zu Preußen.

Es ist selbstverständlich absurd, daß Lord Vansittarts Gegner Nutzen aus seiner übertriebenen Interpretation historischer Legenden ziehen und ihm vorwerfen, Rassenideologie auf der Linie der Nazis zu propagieren. Ein solcher Vorwurf müßte selbst dann fehlschlagen, wenn Lord Vansittart nicht, wie er es zweifellos tut, regelmäßig erklären würde, daß er keine biologische Deutung der Geschichte betreibt, sondern lediglich anhand historischer Fakten zu zeigen versucht, daß die Deutschen im Gegensatz zu anderen Völkern, die den Zustand der Barbarei überwunden haben, hinter die gegenwärtige Stufe menschlicher Entwicklung zurückfallen. Der Angriff geht ebenfalls fehl, weil Lord Vansittart explizit ausführt, daß die Deutschen nicht seit Urzeiten von ihrer Natur oder ihrer Rasse her verflucht sind, sondern ihr gegenwärtiges niedriges Niveau, im Gegenteil, Resultat einer verbrecherischen Fehlerziehung ist: “Vielleicht hätten auch andere dieselben Dinge getan, wenn sie in der gleichen Weise erzogen worden wären. Die Tatsache ist allerdings, daß niemand anders so erzogen wurde.”

Es ist daher auch sinnlos ihm vorzuwerfen, daß er die Rassendoktrin propagiere. Die “Tatsache ist allerdings”, daß er sich selbst widerspricht, wenn er die Deutschen einerseits zu Opfern falscher politischer Ideen erklärt, während er sie andererseits immer wieder auf der Grundlage ihrer Vorgeschichte verurteilt, die sie mit so vielen anderen Völkern teilen.

Seine Vorliebe für historische Ausschmückungen bringt ihn in einem anderen Fall dazu, auf die Judenpogrome zurückgreifen, die die Deutschen im Mittelalter begangen haben, und zu fragen: “Beginnst Du, das gleiche Muster zu erkennen?” Wir beginnen selbstverständlich, das gleiche Muster zu erkennen, und wir sind ihm auch dankbar für seine Frage. Aber wir kommen trotzdem nicht umhin, uns zu fragen, ob irgendein anderes Volk in Sachen christlicher Nächstenliebe in der Zeit des Mittelalters den ersten Stein auf die Deutschen werfen sollte. Aber selbst wenn sie das moralische Recht dazu hätten – wer solche historischen Parallelen zieht, redet die modernen deutschen Verbrechen klein, indem er sie auf die Stufe von etwas Vergleichbarem stellt. Die Greuel, die heute begangen werden, haben kein “Äquivalent”, auch nicht in den verlassensten Epochen menschlicher Schuld, und wer versucht, Metaphern aus der Tierwelt zu benutzen, um sie zu beschreiben, beleidigt das Tierreich. Wenn wir sie trotzdem manchmal verwenden, dann geschieht das nur, weil unsere Sprache noch nicht in der Lage ist, dem deutschen Phänomen volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In dieser Sache erklärte A.J. Cummings am 11. September 1942 im News Chronicle: “Es ist die schrecklichste Schilderung bestialischer Grausamkeit, die der menschliche Geist erfassen kann. Es gibt fast nichts Vergleichbares in der überlieferten Geschichte.”

Das sind die Worte eines Mannes, der zu jenen Kreisen gehört, die Lord Vansittart mit hysterischer Empörung anklagen, wenn er die Deutschen ebenfalls für ihre begangenen Greuel angreift. Und die Times schreibt: “In der Vergangenheit gab es Pogrome. Ein Pogrom mit einem solchen Ausmaß an kaltblütigem und kalkuliertem Schrecken kann in der Geschichte der Verfolgung mit nichts verglichen werden. Der Erzbischof von Canterbury hat es milde als die neue Barbarei bezeichnet. Es ist eine Barbarei, die sich aller Mittel und Ressourcen bedient, die die moderne Wissenschaft der Tyrannei zur Verfügung stellt.”

Lord Vansittart schwächt seine Verurteilung der gegenwärtigen Greuel ab, wenn er versucht, sie mit irgend etwas zu vergleichen, selbst mit den finstersten der finsteren Zeitalter menschlicher Geschichte. “Warum in die Ferne schweifen?”

Die Gegner Lord Vansittarts versuchen das größte Kapital aus seiner Aussage zu ziehen, daß die Deutschen von der “Gier nach Weltherrschaft” erfüllt seien – eine Aussage, die sie mit dem Ruf “Britischer Imperialismus!” niederbrüllen und so in einem Sturm des Gespöttes und billigen Gelächters untergehen lassen wollen. Welchen Sinn hat es, mit solchen Leuten historische Argumente auszutauschen, die nicht von allein erkennen, wie ungeeignet es ist, den “britischen Imperialismus” zu beschwören, wenn nicht einmal die zahllosen Plünderungen und Mordtaten der alten Hunnen einen angemessenen Vergleich für die Taten der modernen Hunnen bieten?

Auch ich glaube jedoch, daß die Diagnose “Gier nach Weltherrschaft” keine angemessene Beschreibung der deutschen Krankheit ist, aber meine Begründung ist durchaus eine andere. Sicher, wenn es die Dummheit der anderen den Deutschen leicht genug macht, werden sie die Weltherrschaft auf ihrem Weg gern als eine Art nützliches Mittel zum Zweck übernehmen. Aber der Zweck selbst ist das Verbrechen um des Verbrechens willen, der Sadismus um des Sadismus willen, der Kannibalismus, der sich “aller Mittel und Ressourcen der modernen Wissenschaft bedient”, um des bloßen Kannibalismus willen – so wie es etwa in der Abschlachtung der Juden deutlich wird, die sich auf keine zweckmäßigen Motive zurückführen läßt. Die Deutschen sind, das sollte nicht vergessen werden, Idealisten oder, wie der gute alte Hindenburg gern sagte: “Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.” [ 1 ]

Aus: Dosio Koffler: Vansittartitis. A Polemic, London [1943]. Der hier abgedruckte Text gibt einen Teil des dritten Kapitels wider: “Pretexts and Objections” (S. 39-42).
Aus dem Englischen rückübersetzt von Jan Gerber und Anja Worm.

Anmerkungen:

[ 1 ] Dieser Ausspruch geht ursprünglich auf Richard Wagner zurück (Richard Wagner: Deutsche Kunst und Deutsche Politik. Gesammelte Schriften und Dichtungen. Bd. 8, Leipzig 1888, S. 96 f.). Dort heißt es wörtlich: “Hier kam es zum Bewußtsein und erhielt seinen bestimmten Ausdruck, was Deutsch sei, nämlich: Die Sache, die man treibt, um ihrer selbst und der Freude an ihr willen treiben, wogegen das Nützlichkeitswesen, d.h. das Prinzip, nach welchem eine Sache des außerhalb liegenden persönlichen Zweckes wegen betrieben wird, sich als undeutsch herausstellte.”

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