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“Deutsche Propagandisten”

Eine Tischrede

Walter Loeb

Herr Vorsitzender, Eure Exzellenzen, meine Damen und Herren, Sie mögen erahnen, was ich fühlte, als der Vorstand der “Fight-for-Freedom”-Vereinigung sich daran machte, Sie alle einzuladen, und mich bat, zu dieser hochrangig besetzten Gesellschaft aus aller Herren Länder zu sprechen, die sich alle mit dem Land im Krieg befinden, in dem ich geboren bin. Wenn ich – mit einem gewissen Stolz – auf den heutigen Tag schaue, wenn ich also sehe, daß unsere Anstrengungen nicht umsonst waren, möchte ich Ihnen an erster Stelle für die uns zuteil gewordene Unterstützung danken. Wenn ich auf die Reihe ausgezeichneter Gäste blicke, die sich heute mit uns versammelt haben – der Informationsminister Polens, seine Kollegen für Wiederaufbau und Arbeit, die Minister für Wiederaufbau und Arbeit der Tschechoslowakei, der Justizminister Jugoslawiens und der Arbeitsminister Luxemburgs –, dann vermisse ich einen Mann, dem wir so viel verdanken: Ich meine natürlich Lord Vansittart. Ich bin mir sicher, daß Sie mir zustimmen, wenn ich ihm unsere herzlichsten Wünsche ausspreche, daß es ihm bald besser gehen und er wieder unter uns sein werde. Wir haben die Ehre, seine Frau begrüßen zu dürfen, der ich für ihr Kommen danke.

Ich begrüße einen weiteren Gast an unserer Tafel – einen Gast, der das Volk mit dem traurigsten Los Europas repräsentiert, die Juden Polens. Ich darf Ihnen, mein lieber Freund und Kamerad Ziegelbaum, unser ehrlichstes Versprechen geben, daß unsere Organisation nichts unversucht und nichts ungetan lassen wird, bis es für das, was man unseren Brüdern drüben angetan hat, Wiedergutmachung [“retribution”] geben wird. [ 1 ] Niemand soll seine Stimme erheben und von der Gleichheit der Nation, der Gleichheit eines Volkes oder Teilen davon sprechen, wenn er nicht dazu bereit ist, Teile seiner Bevölkerung anzuklagen, die solche Verbrechen begehen. (Zustimmung)

Wie konnte das alles geschehen? Als ich 1940 mit Hilfe unserer englischen Freunde, die so vielen geholfen haben, in dieses Land kam, empfand ich die öffentliche englische Meinung etwas beunruhigend, oder sagen wir, nicht sehr eindeutig, was den Grund des Krieges betraf. Ich versuchte deshalb vom einfachen Mann auf der Straße wie auch in meinem Freundeskreis herauszufinden, ob die Bevölkerung dieses Landes sich wirklich der Gefahr bewußt war, der sie ausgesetzt war. Ich muß gestehen, daß ich bisweilen niedergeschlagen war, als ich verstand, wie tief die deutsche Propaganda – die seit 50 Jahren überall auf der ganzen Welt aktiv ist und immer stärker wird – in den Verstand und die Köpfe dieses Landes eingedrungen ist.

Was fanden wir vor? Wir bemerkten, daß jeder über den “guten” Deutschen sprach, bevor dieser Krieg überhaupt in seine entscheidende Phase getreten war – jenen “guten” Deutschen, der nichts von diesem Krieg wissen wolle, der sich zu Wort melden und mit Hilfe von Untergrundorganisationen zeigen werde, daß Hitler nichts und das gute Deutschland alles sei. Die Propagandisten gingen sehr geschickt zu Werke, und wenn es einen tragischen Punkt gibt, dann den, daß sich die politischen Flüchtlinge an der deutschen Propaganda beteiligten. Nun bin ich mir dessen bewußt, daß es Ausnahmen gibt, und möchte es klar formulieren, so daß keine Mißverständnisse entstehen: Wenn ich hier von “politischen Flüchtlingen” spreche, meine ich nicht die hunderttausenden (und diese Menge betrifft es) jüdischen und rassisch verfolgten Flüchtlinge, die aus ihrem Land und ihrem Zuhause vertrieben wurden, wie Hitler es angekündigt hatte. Wo und wann immer er die Chance dazu hatte, ließ er seinen zerstörerischen Worten Taten folgen. Nein, ich meine die politischen Flüchtlinge.

Es gibt in der Welt eine ganze Menge merkwürdiger Vorstellungen über die Anzahl dieser politischen Flüchtlinge, und ich denke, es ist an der Zeit, die Wolken zu vertreiben, die um ihre vermeintliche Bedeutung gehüllt wurden. Dies ist wichtig, um gegen Hitler für die Freiheit kämpfen zu können. Es gibt nicht mehr als 500 führende nicht-jüdische politische Flüchtlinge auf der ganzen Welt. Wenn man die Anzahl jüdischer politischer Flüchtlinge hinzufügt, erweitert sich die Menge um weitere 1.000; und wenn Sie zu diesen noch 1.500 hinzuzählen, die von geringerer politischer Bedeutung sind, dann haben Sie die korrekte, von Freund und Feind akzeptierte Zahl von 3.000 politischen Flüchtlingen, die sich auf die Welt verteilen. Sie werden sich wundern, woher der Einfluß kommt, der in diesem Land und in Amerika herrscht und der so lange schon anhält. Es ist die Intelligenz dieser Leute, die in deutschen Universitäten, in deutschen Betrieben, in der deutschen Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung ausgebildet wurden, die sie zu wirklich hervorragenden deutschen Propagandisten macht.

Nun ist mir bewußt, daß die verbreitete englische Meinung darin besteht: Wer gegen sein Land spricht, ist ein Verräter. Ich möchte freilich – mit dem Einverständnis meiner deutschen Freunde – erklären, daß wir diesen Titel mit Stolz tragen. Verräter an einem Land zu sein, das solche Verbrechen begeht, wie wir sie in den letzten vier Jahren gesehen haben, muß eine Ehre sein, und als solche verstehen wir sie auch.

Als die Situation ernster wurde, erwarteten die Leute, daß eine Menge Deutscher – die Deutschen, die sie alle kannten: die Deutschen, die Touristen waren, und jene, die man auf Konferenzen als Wissenschaftler, als Bankiers, als Universitätsprofessoren und Künstler sah – sich melden und sagen würde: “Oh nein, Herr Hitler, wir stimmen damit nicht überein. Entweder Sie hören damit auf, oder wir werden das Land verlassen und gegen Sie kämpfen.” Ich nenne Ihnen eine übertriebene Zahl: Ich denke nicht, daß mehr als 50 Leute dieser Art, Nicht-Juden und Nicht-Politiker, Deutschland verlassen haben, weil sie nicht damit einverstanden waren, was unter Hitler getan wurde. Ich war erstaunt – wie Sie sich denken können –, vor wenigen Tagen im “Manchester Guardian” einen von einem deutschen Flüchtling unterzeichneten Brief zu lesen, in dem stand, daß 80 Prozent des deutschen Volkes nicht mit den Taten Hitlers übereinstimmen würden. Nun, ich weiß, daß es Zauberer gibt, nur dachte ich nie, daß Zauberer dieser Art existieren – daß 20 Prozent eines Volkes, mit 80 Prozent gegen sich, ganz Europa überrennen und sich derart aufführen können.

Ich gebe Ihnen noch ein Beispiel. Uns wurde immer und immer wieder von den katholischen Bischöfen, der kommunistischen Untergrundbewegung, dem weiten Untergrundnetz der Arbeiterbewegung und der sogenannten Bekennenden Kirche mit Pastor Niemöller an ihrer Spitze erzählt. (Bevor ich fortfahre, bin ich geneigt zu sagen: Bitte verzagen Sie nicht gleich, aber wenn wir nur die Fakten zur Kenntnis nehmen, dann besteht Hoffnung.) Kürzlich wurde ein Buch veröffentlicht von einem Mann, der mit Niemöller im Gefängnis und im Konzentrationslager gesessen hatte, ein Buch, das als Lob Niemöllers geschrieben wurde. [ 2 ] Ich weiß, daß Niemöller eine Menge gelitten hat und daß er sicher ein Mann ist, der überzeugt werden könnte, aber das ist hier nicht die Frage. Zur Frage steht, wo kam er her? In diesem Buch wird bestätigt, daß dieser Führer der Deutschen Bekennenden Kirche einmal vom Schreiber des Buches gefragt wurde, warum er mit all dem, was Hitler den Juden angetan hat, einverstanden sei. Wenn Sie erlauben, Herr Vorsitzender, werde ich Ihnen vorlesen, was Pastor Niemöller geantwortet hat: “Ich betrachtete”, sagte Niemöller, “die antisemitischen Parolen der Nationalsozialisten als bedauerlich, aber unvermeidbar im Interesse des ultimativen Zieles. Und ich war überzeugt davon, daß die Nationalsozialisten, wenn sie die Macht übernommen haben, ihren Antisemitismus zügeln und die Juden wieder in ihren alten Status einsetzen würden.”

Nun, der Schreiber war nicht sehr überzeugt von dieser Bemerkung, weswegen er fragte: “Sehen Sie, Pastor Niemöller, als es weiterging, als es die Form offener Gräueltaten annahm, wo standen Sie dann?” Und der Pastor antwortete: “Aber sicher, ich bin nicht frei von Tadel, denn zu dieser Zeit schienen mir bestimmte Restriktionen gegen die Juden tolerierbar zu sein, betrachtete man sie im Licht der großen Ziele, die die Nazis verfolgten.” So funktioniert es immer: gegen das “große Ziel” hören Sie keinen katholischen Bischof protestieren, gegen das “große Ziel” kommt keiner an, weshalb am Ende immer die Nazis gewinnen. Wenn wir uns nicht ein für alle mal klar darüber werden, werden sie auf diese Weise irgendwann den nächsten Krieg beginnen.

Ich möchte Sie nicht verunsichern. Über eine Sache sollten Sie sich freilich immer im Klaren sein: daß die deutsche Propaganda-Maschine sich auf jede Situation einstellen, sie adaptieren und ihren eigenen Vorstellungen gemäß umformen kann. Wie heißt es so schön in Vansittarts “Black Record”: Die deutsche Propaganda weiß, daß sie, wenn die Deutschen den Krieg verlieren, diese Niederlage zu verschleiern hat. [ 3 ]

Ich erinnere mich an den Brief eines deutschen Propagandisten vom März 1919, nach den Wahlen in Ostpreußen, über das Desaster, das der Sozialdemokratischen Partei damals widerfahren war. Die erste Wahl fand, wie Sie sich vielleicht erinnern, im Januar statt und galt der Nationalversammlung; die nächste galt den Gemeinden der preußischen Städte. Die deutschen Sozialdemokraten fielen in Königsberg von 60.000 auf 20.000 Stimmen, die Unabhängigen blieben stabil und die Kommunisten machten ein paar Gewinne. Was sagte der Propagandist dazu? Nicht, daß die deutsche demokratische Regierung alles daran setzte, die Linke zu unterdrücken, und auch die Rechte zu dieser Zeit – nein, das war nicht der Fall. Die Behauptung lautete, die Alliierten hätten Deutschland in der Würge, so daß es nicht leben könne.

Aber selbst damals war eine der größten Propagandawaffen Deutschlands noch nicht vorhanden – der Versailler Vertrag existierte noch nicht. Oder denken wir an Weimar. Immer wieder wurde gesagt, daß man Deutschland hungern lasse – jenes Deutschland, das, mit Ausnahme der skandinavischen Länder, Holland und der Schweiz, einen höheren Lebensstandard als jedes andere europäische Land hatte; jenes Deutschland, das Straßen und Städte baute, das ein hoch entwickeltes Sozialsystem besaß und Milliarden nach Übersee exportierte, um seine Außenposition wieder herzustellen. Es war zu arm – zu arm, um den Schaden zu beheben, den es verursacht hatte. Nun, die Welt glaubte es, und ich klage die Welt an, denn dieser Glaube war die fundamentale Basis dieses Krieges. Hätten die Länder der Erde es nicht geglaubt, hätten sie Deutschland kontrolliert, hätten die Profite der Dividenden nicht über den Interessen der Menschen gestanden, würden wir uns jetzt nicht in dieser Situation befinden. Ich hoffe, daß Sie alle, ebenso wie wir, die Lektion gelernt haben.

Worin besteht die Hoffnung? Unsere Hoffnung ist es, daß wir die deutsche Propaganda, die sich überall verbreitet, zerstören können.

Als es mit der Weimarer Republik ganz vorbei war, als Hitler Stärke gewonnen hatte, als die deutschen Generäle und der Generalstab wußten, daß sie keinen Deckmantel mehr brauchen würden und abwerfen konnten, was in Verträgen mit allen Parteiführern in Deutschland – inklusive der Kommunisten – ausgehandelt worden war, in diesem Moment kam der böhmische Gefreite aus dem letzten Krieg ins Amt.

Was wurde uns da von den deutschen Propagandisten weisgemacht? Sie sagten, “Warten Sie ab”, und 1935 erschien ein Artikel, der besagte: “Die Reichswehr wird es richten; sie ist der einzige Verbündete des deutschen Arbeiters.” Darin liegt eine gewisse Wahrheit, und es erinnert mich immer an die Tatsache, daß, wenn ich durch die Wohnungen von Mitgliedern der deutschen Arbeiterbewegung gegangen bin – sehr bescheidene Leute –, und sie auf den Widerspruch hinwies zwischen den Marx- und Engels-Bildern und den Andenken an ihre Zeit in Militäruniform, wie sie dann sagten: “Diese Zeit in Uniform war die schönste Zeit, die ich je hatte.” Das ist der Geist, den wir töten müssen.

Diese Reichswehr-Illusion, die bis in sehr hohe und bedeutende Kreise in der ganzen Welt verbreitet ist, bereitet mir Angst – als ob Generäle die Führer des Volkes wären und nicht seine Diener. Ich sage Ihnen, seien Sie auf der Hut, denn wenn wir es nicht sind, könnte es schnell wieder zu spät sein.

So ging es weiter, bis Europa überrannt war und wir erneut die Stimme der deutschen Propaganda sagen hörten: “Warten Sie ab, Sie werden sehen, was passiert – aber warten Sie. Es gibt doch breiten Widerstand. Und denken Sie an die Wahlen von 1933, als Hitler keine Mehrheit erlangte, sondern die Mehrheit des deutschen Volkes gegen ihn war!” Ich darf Sie daran erinnern, daß 1912, vor dem letzten Krieg, ein sozialdemokratischer Sieg bei den Reichstagswahlen über Deutschland fegte und 112 Sozialisten als Delegierte in den Reichstag gesandt wurden. Muß ich Sie an die traurige Begebenheit des 4. August 1914 erinnern, als diese Delegierten – abgesehen von einer kleinen Minderheit – für den Krieg stimmten, trotz des Angriff auf das neutrale Belgien?

Geschichte wiederholt sich, solange wir ihr erlauben, daß sie sich wiederholt. Als die Labour Party dieses Landes zu Beginn dieses Krieges sagte, “Wir fordern, daß nach dem Krieg alle Unternehmen an das deutsche Volk übertragen werden, daß die berechtigten und realen Interessen aller Völker, inklusive des deutschen Volkes, respektiert werden”, dann war das, und ich denke, daß ich hier nicht falsch liege, keine Versicherung gegen Gräueltaten. Es war keine Versicherung dagegen, daß diese Verbrechen nach Lust und Laune der Deutschen weitergingen, und dennoch müssen die Interessen des deutschen Volkes berücksichtigt werden?

Die Absicht Deutschlands ist es, so viele seiner Nachbarn wie möglich zu töten und zu ruinieren, seine eigene Bevölkerung jedoch gegen das gleiche Schicksal abzusichern. Sie denken, egal was nach diesem Krieg geschehen wird – und ich bin der Meinung, sie tun es mit Aussicht auf Erfolg –: Die anständigen Völker, die zivilisierten Nationen werden des Tötens so müde sein, daß sie die Deutschen in Ruhe lassen werden, und dann wird die Stärke Deutschlands wieder über die Schwäche der zerstörten und verwüsteten Länder Europas siegen. Werden Sie dies zulassen? Wenn Sie es zulassen, können wir hier und heute aufgeben. Aber wenn Sie es nicht tun, dann müssen Sie alles dafür tun, daß es nicht wieder geschehen kann. Die Aufgabe unserer Bewegung ist es, die Wahrheit zu verbreiten und auf die Gefahr hinzuweisen, daß es so kommen könnte.

Ich komme für einen Moment auf 1940 zurück, als am Ende jenes Jahres eine einzige Stimme durch all den Nebel zu vernehmen war, die sagte: “Nehmt Euch vor dem Feind in Acht, wir kennen ihn und wissen, was er vorbereitet.” Die Propagandisten kamen daraufhin mit einem Mal zusammen und sagten: “Hier droht uns Gefahr. Wir sind dabei, unsere Deckung zu verlieren, aber wir dürfen nicht erkennbar sein, denn wir können unser Spiel nicht spielen, wenn die Welt die Wahrheit sehen kann.” Daraufhin wurde der Begriff “Vansittartismus” kreiert. Ich frage mich, was sie getan hätten, wenn der Mann nicht Vansittart geheißen, sondern einen amüsanteren Namen gehabt hätte. Sie hätten etwas anderes für Ihre Anschuldigungen gefunden, um der Welt zu zeigen, daß es nur die Meinung eines Einzelnen war – denn einen einzelnen Mann kann man besser zum Schweigen bringen als die öffentliche Meinung.

Um diese Zeit kam ich zu dem Schluß, daß die Wahrheit möglichst breit zugänglich gemacht werden muß, und auch eine Reihe von Freunden erkannte, daß es höchste Zeit ist, der deutschen Propaganda vom “guten” – aber leider nie erscheinenden – Teil Deutschlands entgegenzutreten, weshalb wir “Fight for Freedom” gründeten.

“Fight for Freedom” hatte seine Kritiker, und ich erinnere mich mit Vergnügen an ein Manifest, das von dem Parlamentsabgeordneten Mr. Cove in tausendfacher Auflage versandt wurde, in dem er uns vorwirft, wir würden Rassenhaß [“race hatred”] predigen. [ 4 ] Ich halte es mit einem unserer verehrten Gäste, General Morgan, der heute Morgen darauf hinwies, daß es keine deutsche Rasse gibt, und Sie können sicher sein, daß wir diese Idee in ihrer vollen Bedeutung vertreten.

Nein, wir predigen keinen Rassenhaß – ganz im Gegenteil. Was wir predigen ist, daß es nicht genügt, weiß zu sein und eine Sprache sprechen zu können, um gleich behandelt zu werden. Die Deutschen müssen erst ein für alle mal mit dem Gedanken brechen, sie könnten die Welt beherrschen.

In diesem Manifest steht weiterhin: “Man kann nicht im Ausland reaktionär sein, und zu Hause den Fortschritt verfolgen.” Nun, mit der Reaktion ist es so eine Sache. Man nennt verschiedene Sachen reaktionär. Es ist noch nicht lange her – nur ein paar Monate –, daß ein prominenter Propagandist auf einer Veranstaltung sagte, “die von den Nazis erreichte ökonomische Einheit ist gut und muß erhalten werden; wer die gegenteilige Meinung vertritt, ist reaktionär”. Wenn dem so ist, dann kann ich Ihnen versichern, daß sich der Vorstand von “Fight for Freedom” aus schwärzesten Reaktionären zusammensetzt. Sie können sich sicher sein, daß die von Hitler nur zu einem Zweck – der Weltherrschaft – geschaffene ökonomische Einheit die erste Sache ist, die zerstört werden muß, wenn andere Menschen in Frieden leben sollen. (Zustimmung)

Dann sagt das Manifest: “Der Krieg verfolgt kein Ziel und keine historische Bestimmung, wenn er nur als Mittel zum Töten der Deutschen angesehen wird.” Danke, Mr. Cove. Ich hoffe, daß Sie schlafen können und daß Sie diesen Satz einmal umdrehen und an die Stelle von “die Deutschen” setzen: “die Juden und anderen Völker Europas”. Dann können Sie auch gleich sagen: “Ach, du guter Junge! Töte nur weiter so Viele wie Du kannst. Wir werden Dich danach nicht belangen; wir sind doch zivilisiert.” – Ich denke nicht, daß die ermordeten, dahingeschlachteten und verstümmelten Menschen Europas dieses Schicksal verdienen.

Wenn Mr. Cove sagt, daß “der Monopolkapitalismus Schuld an diesem Fluch ist”, dann stimme ich ihm zu. Aber den deutschen Monopolsozialismus, wie er in diesem Lande propagiert wird – und zwar immer so, wie es der deutschen Propaganda gerade am besten nützt –, den lehnen wir ebenfalls mit allen Mitteln ab. Denn “Ignoranz ist nicht Unschuld, sondern Sünde”, um mit Robert Browning zu sprechen, und diese Ignoranz gilt es zu bekämpfen, wenn wir unser Ziel erreichen wollen.

Nun werden Sie sagen: “Was für ein trauriges Bild! Was können wir tun? Gibt es überhaupt eine Möglichkeit?” Oh ja, es gibt sie: Denn von den tausendundein schlechten Eigenschaften, die die Deutschen besitzen, gibt es eine gute Tugend, und die besteht darin, daß sie zu gehorchen wissen. Das betrifft nicht nur die Massen, sondern auch die Intelligenz. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung.

Im Jahr 1923 mußte ein neuer Präsident der Reichsbank ernannt werden. Das Prozedere gab vor, daß das Direktorium einen Vorschlag an den Vorstand unterbreitet und dieser den Vorschlag an den Reichsrat, vergleichbar mit dem Oberhaus, weiterleitet, dessen Entscheidung wiederum eine Genehmigung des Reichspräsidenten benötigte. Ein Vorschlag sah nun vor, Dr. Hjalmar Schacht zum Reichsbankpräsidenten zu ernennen. Das Reichsbank-Direktorium erklärte gegenüber dem Vorstand in einem Memorandum aber einstimmig, daß Dr. Schacht weder die moralische noch fachliche Kompetenz besäße, Präsident der Reichsbank zu werden. Der Vorstand der Reichsbank stimmte damit, entgegen der Empfehlung der Gewerkschaften, überein. Reichspräsident Ebert jedoch ließ Schacht zu sich kommen und fragte ihn: “Was wollen Sie nun machen?”, woraufhin Schacht antwortete: “Wenn es Sie nicht stört, soll es mich auch nicht stören.” “Aber sind Sie denn bereit weiterhin anzutreten?”, entgegnete Ebert, woraufhin Schacht antwortete: “Selbstverständlich bin ich das.” Und obwohl der Vorstand der Reichsbank einstimmig bei seiner Ablehnung blieb, stimmten wir im Reichsrat für die Wahl von Dr. Schacht. – Sechs Wochen danach traf ich Schacht und fragte ihn: “Herr Doktor, wie kommen Sie zurecht?” Er sagte: “Meine Vize-Direktoren vertreten mit Überzeugung meine Überzeugungen als die ihren.” (Heiterkeit)

Das ist Deutschland und dessen sollten wir uns bewußt sein. Solange Sie nur eine harte Hand walten lassen, können Sie sicher sein, sie nicht vernichten [“exterminate”] zu müssen. Niemand möchte sie vernichten. Sie brauchen sie noch nicht einmal zu demütigen – ich denke, wir wissen was wir mit “Demütigung” meinen –, und Sie müssen Deutschland auch nicht zerteilen. Vergessen Sie nicht, daß diese “armen Deutschen” gemäß den Worten der Propagandisten und Illusionisten in diesem Land nicht kämpfen, weil sie gewinnen wollen, sondern nur, weil jemand in England sagt, daß sie zerteilt oder vernichtet werden sollen. Auch wenn das eher wie ein Witz klingt.

Das deutsche Volk wird kämpfen, bis es die Niederlage spürt. Wenn es so weit ist, wird niemand mehr schuldig sein. Sie werden alle kommen und sagen: “Wir waren dagegen.” Das ist der entscheidende Punkt, dem wir uns stellen müssen, und wenn wir daran scheitern – was keine schöne Vorstellung ist –, dann steht uns vielleicht ein neuer Krieg bevor: ein Krieg, aus dem niemand außer dem “gutwilligen deutschen Anti-Nazi” lebend herauskommen wird.

Nun habe ich Ihnen also ein trauriges Bild gemalt, ich möchte freilich am Ende auch meiner großen Hoffnung Ausdruck verleihen. Die Deutschen sind nicht schlechter als andere geboren, sie sind nur schlecht erzogen. Das deutsche Volk kann zu guten Bürgern gemacht werden wie jedes andere Volk der Welt; der Unterschied besteht nur darin, daß sie dazu gemacht werden müssen und daß wir dabei davon ausgehen müssen, daß jeder der unter 45jährigen, den wir nach diesem Krieg in Deutschland treffen werden, durch die Nazi- und militärische Erziehung gegangen ist. Ich sage deshalb: Überlegen Sie es sich, seien Sie stark, sehr stark. Verlassen Sie nicht Ihren Posten, wo immer Sie auch stehen, denn in ein oder zwei Generationen werden unsere Kinder und Kindeskinder dankbar in eine friedliche Welt blicken, frei von Aggression, frei von Mangel und frei von Ignoranz, die ihre Väter einst kämpfen ließ. Dann werden sie sagen: “Wir verdanken dies nicht nur den Schlachten des Krieges, sondern auch den Anstrengungen unserer Vorfahren in ihrem großen Kampf für die Freiheit nach dem Krieg.” (Zustimmung)

Rede, gehalten auf der Round Table Conference “Germany‘s Thirty Years‘ War” am 18. Dezember 1942 in London. In: [Fight for Freedom] (Hrsg.): Report of the Round Table Conference “Germany‘s Thirty Years‘ War”, 18th December, 1942, in London, London 1943, S. 32-38.. Aus dem Englischen von Philipp Graf.

Anmerkungen

[ 1 ] Anm. d. Hrsg.: Gemeint ist Szmuel Zygielbojm (1895-1943). Zygielbojm war Mitglied des Jüdischen Arbeiterbundes (Bund) in Polen. Im Zuge der Errichtung des Warschauer Ghettos floh er 1940 über Deutschland und Belgien in die USA. 1942 wurde er von seiner Partei nach London geschickt, wo er als Vertreter des Bundes Mitglied des Nationalrates der polnischen Exilregierung wurde. Zygielbojm versuchte sowohl in den USA als auch in Großbritannien auf das Schicksal der polnischen Juden aufmerksam zu machen. Nach der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto und als Reaktion auf die Gleichgültigkeit, die die Welt gegenüber dem Schicksal der Juden walten ließ, nahm er sich im Mai 1943 das Leben. Zu Zygielbojm vgl. Aleksander Rowinski: Zygielbojms Reise. Eine Spurensuche, Osnabrück 2004.

[ 2 ] Anm. d. Hrsg.: Gemeint ist die Erinnerungsschrift Leo Steins, der mit Martin Niemöller gemeinsam in Moabit und in Sachsenhausen war. Leo Stein: I was in Hell with Niemoeller, New York u.a. 1942.

[ 3 ] Anm. d. Hrsg.: Robert Vansittart: Black Record. Germans Past and Present, London 1941.

[ 4 ] Anm. d. Hrsg.: Gemeint ist ein achtseitiges Manifest in Broschürenform, das von dem Labour-Abgeordneten W.G. Cove herausgegeben wurde und von zahlreichen namhaften britischen Sozialisten – u.a. Rhys J. Davies, Vera Brittain und Victor Gollancz – unterzeichnet wurde. Sir Richard Acland u.a.: Against Race hatred and for a Socialist Peace. Hrsg. von W.G. Cove, London 1940.

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