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Ankündigungstext

Danyal Casar

Vor islamistischer Verfolgung Geflüchtete sind nicht nur im Exil weiterhin mit ihren Häschern konfrontiert. Der ganze strapaziöse Asylanerkennungsprozess erinnert nicht nur daran, dass der Unterschied zwischen kapitalproduktiver Funktionalisierung und Verüberflüssigung der Menschen darin liegt, mit einem politischen Souverän identifiziert zu sein, der für den Einzelnen außerhalb der Kaserne und Madrasa Sinn stiftet. Wenn bei Asylanhörungen homosexuelle Geflüchtete mit den intimsten Verhörfragen bedrängt werden, wenn ein homosexueller Syrer oder Iraker die kulturalistische Vorstellungskraft der bürokratischen Entscheider über Leben und Tod ausreizen muss, befindet sich die deutsche Asylpraxis in stiller Eintracht etwa mit dem tschetschenischen Schwulenmörder Ramzan Kadryov, der verhöhnend von sich gibt, dass keine tschetschenischen Schwulen existieren würden, nur ehrenlose Asylerschleicher, die sich als solche ausgeben. In Tschechien wurden noch vor einigen Jahren Geflüchtete mit heterosexueller Pornografie konfrontiert und dabei der Blutfluss zum Penis gemessen, um zu garantieren, dass die Geflüchteten den Staat nicht über ihre Sexualität täuschen. Der deutsche Apparat der Inhumanität riet bislang selbst noch Homosexuellen aus dem Iran, eine sittengerechte Fassade zu bewahren, um bei angedrohter Abschiebung der Verfolgung zu entgehen. Denn schließlich müsse die Sexualität nicht ausgelebt werden, so die perfide Logik des deutschen Apparates.

Der einzige Antirassismus, der im Europa der Push backs und nächtlichen Abschiebekommandos zu haben ist, ist eben nicht die Garantie auf ein menschenfreundliches Exil, er ist die Einfühlung in die Ideologien und Apparate derer, die am perfidesten morden. Mit Anbeginn des Imports von Menschenmaterial aus Anatolien, das hemmungsloser als das autochthone aufgerieben wurde, weil als garantiert galt, dieses alsbald wieder abzuschieben zu können, fungierte nördlich wie südlich der Alpen allen voran der türkisierte Islam als Ordnungsfaktor. Womit die vor allem anatolischen Immigranten tagtäglich konfrontiert waren, war natürlich ihre rassistische Verächtlichmachung. In ihrer Wirkung war diese aber nicht ‚antimuslimisch‘. Vielmehr gewährte in der Fabrik die deutsche Direktion das rituelle auf die Knie fallen, solange dieses davon abhielt, sich gegen die Despotie der Fabrik zu erheben. 1978, im Jahr antialevistischer Pogrome in Kahramanmaraş und anderswo in der anatolischen Provinz, war es dem Rudelführer der Grauen Wölfe, Alparslan Türkeş, überlassen, auf einer stationären Großdemonstration in der Westfalenhalle den Tod der kommunistischen Feinde der Türkei anzudrohen. Zuvor verhalfen ihm fromme Christen mit Parteiämtern, allen voran der spätere bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß, in der hessischen Provinz zur Gründung der Türk Federasyon, der zentralen Aktionsplattform der Grauen Wölfe. Für christkonservative Antikommunisten waren die Grauen Wölfe der Türk Federasyon Brüder im Geiste auf der Jagd nach dem kommunistischen Gespenst. Sie garantierten darüber hinaus die deutsch-türkische Verständigung darüber, dass die Kinder der türkischen Diaspora nicht im Schmelztiegel – noch so ein Gespenst – verloren gehen sollten: sie vertraten also das beidseitige Interesse an Segregation.

Die erste Generation türkischer Migranten, nahezu ausschließlich allein reisende Männer, war noch sich selbst überlassen. Das ändere sich spätestens in den frühen 1970er Jahren, als sich Millî Görüş neben der islamistischen Erweckungsbewegung der Süleymancılar (als einer der beiden entscheidenden Repräsentanten des türkifizierten Islams) in Europa zu etablieren begann. Wie bei den rivalisierenden Süleymancılar fungierte die europäische Emigration als Brückenschanze für die strategisch verfolgte leise Infiltration der Türkischen Republik. Vor allem die deutschen Moscheen der Millî Görüş fungierten später als Märkte, wo das Ersparte der Gläubigen den berüchtigten anatolischen Holdings zugeführt wurde, dem ökonomischen Fundament des Erfolges der türkischen Muslimbrüder. Der Familiennachzug ab den frühen 1970er Jahren reizte ihre Fürsorglichkeit gegenüber den Emigrierten weiter an. Die frommen Agitatoren belehrten die autoritätsgläubigen Väter und Mütter vor allem aus dem provinziellen Anatolien über die sündhaften Versuchungen, die ihre Kinder zu entfremden drohten, und etablierten einen eigenen Helal-Industriezweig. Im Jahr 1980 kursierte etwa in Berlin-Kreuzberg eine Flugschrift der Millî Görüş in der gegen die schändliche Imitation der Ungläubigen durch junge türkische Frauen gehetzt wurde: „Schwester, deine Bedeckung ist Befehl unseres Gottes … deine Bedeckung ist unsere Fahne“. Der Körper der Frau wurde zum Ehrengrab der Tugendterroristen, wie es Seyran Ateş im September 1984 am eigenen Leib spüren musste.

Während der Pogrome an Aleviten – identifiziert mit sexueller Freizügigkeit und kommunistischer Subversion – kam es zu spontanen Verbrüderungen der rivalisierenden Banden aus Grauen Wölfen und Parteigängern der Milli Görüş, der Ursprungsbewegung der türkischen Muslimbrüder, der auch der junge Recep Tayyip Erdoğan entkroch. Auch in der türkischen Diaspora bestand ihre Einigkeit einzig im Tod jener, die die nationale Nicht-Identität verkörperten. Aus ihren Moscheen kamen die Mörder von Celalettin Kesim, eines Berliner Kommunisten, den eine Rotte aus Grünen und Grauen Wölfen an einem Januartag im Jahr 1980 ermordet hat. Und aus ihren Moscheen kommen bis heute die Dialogpartner der deutschen Politik. Deutsche Richter bedachten die Mörder von Celalettin Kesim wurden mit kulturrelativistischer Einfühlung, der deutsche Boulevard die Ermordeten mit Ignoranz und rassistischer Verächtlichmachung.

Den ideologischen Apparat, der die religiöse Selbsterhöhung zum eliminatorischen Hass eskaliert, haben muslimische Immigranten nicht im Handgepäck nach Europa eingeschleppt. Die ideologische Zurichtung hat einen logisch-historischen Ursprung, der eben nicht in eins fällt mit dem Ausritt Mohammeds und seines Gefolges in die Wüste. Das brutale Scheitern nachholender Modernisierung von Ägypten bis nach Afghanistan provozierte jene narzisstische Kränkung, die bei der Kollision der ruinösen Wirklichkeit mit dem eigenen Selbstbild permanent angereizt wird. Bei allen Regimes der Region, von der Islamischen Republik Iran über das pseudo-säkulare Syrien ‚arabischer Erweckung‘ bis zum informellen Suppenküchenstaat der Muslimbrüder in Ägypten unter den Militärdiktaturen von Sadat und Mubarak, installierte sich ein Erziehungsapparat, der den Reflex der ihnen Unterworfenen reizt, jede empirische Uneinigkeit als eine perfide Intrige von anderswoher zu exorzieren. Allem voran wird die Existenz Israels schamlos funktionalisiert, das falsche Alibi dafür zu sein, die Modernisierung von Ökonomie und Staat nicht zu bewältigen. Wahrlich hatten die Freunde einer wirklichen Modernisierung, die viel mehr die religiösen Ketten zu sprengen hatten, auch unter US-Amerikanern und Europäern wie Charles Wilson und Jürgen Todenhöfer weniger Freunde als bärtige Antikommunisten. Und auch die Massenhysterie um den Ayatollah Khomeini faszinierte deutsche und französische Antiimperialisten mehr als die von nahezu allen allein gelassenen Frauen, die am 8. März 1979 noch gegen die Zwangsverschleierung anschrien.

Die Erziehungsdiktatur zur Unmündigkeit blieb nie auf die Unterworfenen, die im eigenen Staat verblieben, beschränkt. Die schleppende Modernisierung der Ökonomie in der Türkischen Republik etwa, deren Staatsgründungsmythos ein antiimperialistischer und zugleich antiarmenischer und antigriechischer ist, stand ab den 1960er Jahren in Abhängigkeit von der türkischen Diaspora. Mit dem Aderlass der Migration aus dem vor allem ländlichen Anatolien nach Europa sicherte sich die Türkei Deviseneinnahmen in Milliardenhöhe von Deutsch-Mark. Diese ökonomische Abhängigkeit der krisengeschüttelten Türkei von jenen zuvor Überschüssigen erforderte einen ideologischen Apparat, der über die Loyalität der Ausgereisten zum Vaterland eifersüchtig wachte. Vorherrschend waren in diesem im doppelten Sinne staatstragenden Apparat jene Grünen und Grauen Wölfe, die in der Türkei selbst an anderen Tagen noch von den Traditionslaizisten in Bürokratie und Militär unsanft ausgebremst worden waren.

Der einzige Antirassismus, der im Europa der ungesühnten Brandanschläge und des institutionalisierten Sterbens an der Migrationsfront zu haben ist, ist eben nicht die Garantie auf ein menschenfreundliches Exil. Während an der ungarischen Grenze völkische Milizionäre im Staatsauftrag Menschenjagd machen, droht Geflüchteten mit jedem Winter in Serbien, Bulgarien und anderswo der Erfrierungstod. Wer beiden entkommt, dem droht bei Beschädigung der Grenzbarriere langjährige Haft. Ein ungarisches Gericht sprach kürzlich den Syrer Ahmed H. nach den Antiterrorismus-Gesetzen für schuldig. Ein ganzes Jahrzehnt Leben soll ihn dafür genommen werden, dass er bei einer Konfrontation von Geflüchteten an der ungarisch-serbischen Grenze mit lächerlichen Steinen nach Polizisten geworfen hat, die mit Reizgas und Wasserkanonen die Grenzüberschreitung ahndeten.

Während die einen die Heilslehre des ‚kulturellen Dialoges‘ mit den Verbandsfunktionären im Staatsauftrag der Türkei oder des Irans beschwören – inzwischen hat sich eine ganze Ökonomie des ‚kulturellen Dialogs‘ etabliert, die so manche Karriere als Mediator verspricht –, grassiert anderswo die verklemmte Aggression von Neidbeißern gegenüber rasierten und ‚geschniegelten‘ Geflüchteten, die nicht demütig und fromm in der afghanischen oder syrischen Hölle ausharren. In nicht wenigen sächsischen oder vorpommerschen Gemeinden, in denen Deutsche jahrzehntelang unter sich blieben, provoziert es mehr, wenn junge Migranten sich die Haare frisieren und vergnügt durch die Straßen schlendern und zuvor leere Plätze füllen, als der stille und sich hinausschleppende Erstickungstod junger Mädchen und zur Selbstverleugnung gezwungene Homosexuelle in den vielen in sich geschlossenen Parallelstaaten namens Familie.

Die deutsche Migrationsverwaltung ist die innenpolitische Reproduktion der Kollaboration mit dem Iran der Ayatollahs und der Türkei der Grünen und Grauen Wölfe. Die pastorale Besorgtheit der deutschen Politik mit ihrem unerschütterlichen Glauben an das geteilte Interesse an Stabilität und Prosperität ist nur die zivilisatorische Maske einer Kumpanei, die die Forderung nach dem Schießbefehl in Augennähe als barbarisch denunziert, um ihn dann an der türkisch-syrischen Grenze ausführen zu lassen. Wo für eine Exportnation ein militarisiertes Grenzregime unschicklich wäre, installiert sich dieses dort, wo eine Rücküberführung der Erschossenen hinfällig geworden ist. An 290 Kilometern der türkisch-syrischen Grenze verunmöglicht inzwischen in Beton gegossene Kälte die Flucht. Die folgenden Schriften widmen sich der Unternehmung, die Katastrophen im Iran, der Türkei und Syrien in Konstellation zu bringen mit der europäischen Migrationspolitik. Es gilt: keine Kritik des Hasses auf die Geflüchteten und des Systems ihrer Aussperrung und Verwahrung ohne Kritik der Zustände, die die Flucht so vieler erzwingen. Die historischen Erzählungen und aktuellen Analysen folgen den Routen der Flüchtenden vom Iran der Ayatollahs über die Türkei Grüner und Grauer Wölfe nach Europa.

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