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Vom Protest zum Pogrom

Joachim Bruhn, Jan Gerber

Historische Jubiläen erinnern an große Schauprozesse. Ankla­ge und Verteidigung treffen dramatisch aufeinander, legen mit Aplomb die Beweise vor, versuchen die Geschworenen durch mitreißende Plädoyers auf ihre Seite zu ziehen. Am Ende ­urteilt das Gericht zwar so, wie die herrschende Meinung es ­goutiert, aber bis dahin wurde das Publikum unter Umständen gut unterhalten, im besten Fall sogar mit neuen Erkenntnissen be­liefert.

Wenn jedoch über die Rote Armee Fraktion und den bewaffneten Kampf verhandelt wird, kommt alles ganz anders. Das Jubiläum des ‘Deutschen Herbstes‘ erinnert nicht an die Verhandlung vor einem Supreme Court, sondern an eine Mischung aus TV-History, ‘Lindenstraße‘ und Standgericht: Die abgedroschensten Gerüchte und Geschichtchen werden als schlagender Beweis und taufrische Einsicht ausgegeben. Statt ausgefeilter Plädoyers bekommt das Publikum das Ge­stammel minderbegabter Laiendarsteller geboten, die Zeuge, Ankläger und Richter in einem sind. Die Gewaltenteilung ist ­aufge­hoben, es herrscht die unumschränkte Diktatur des sog. gesunden Menschverstandes, der die Krankheit selbst ist, d.h. bösartig wie kaum eine Ideologie. Auf die Verteidigung kann daher verzichtet werden. Denn die Epoche, als Tausende zum ­Vietnam-Kongreß nach Berlin strömten, weil sie es für die Pflicht des Revolutionärs hielten, “die Revolution zu machen”, und glaubten, daß der Linken, wie es im Aufruf hieß, “nicht so sehr die Waffe der Kritik als die bewaffnete Kritik” offen stehe, sind lange abgelaufen. Die alten SDSler, die – arrivierten Haschrebellen, Freudomarxisten und Ehrenproletarier wollen jetzt schon immer alles besser gewußt haben. Das Dumme dabei ist: Sie haben nicht einmal ganz Unrecht damit. Denn kaum hatte die RAF begonnen, die Forderungen, die ­Dutschke, Enzensberger, Horlemann und Co. 1968 als “anony­mes Auto­ren­­kollektiv” in ‘Konkret‘ erhoben hatten, in die Tat umzusetzen und die “Gewalt in den Metropolen” zu entfachen [ 1 ] , wollte man es plötzlich nicht mehr so gemeint haben. Die Freunde des bewaffneten Kampfes verschwanden in ­ihrer übergroßen Mehrheit schon zu seinem Beginn. Zunächst hielten sie die Zeit für noch nicht reif, dann wollten sie auf die allgemeine Erhebung des Proletariats warten, schließlich ­ent­­deckten sie die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Als Rudi ­Dutsch­ke im November 1974 am Grab von Holger Meins die Faust hob und sein berühmtes “Holger, der Kampf geht weiter!” in die Kameras schmetterte, rief er damit ex cathedra zur ­Gründung der grünen Partei auf. Das Erbe von ‘68 sollte fortgeführt werden, nur eben “ökologisch, sozial, basis­demo­kra­tisch und gewaltfrei”, vor allem aber im Bundestag. [ 2 ] Aus Anlaß des Deutschen Herbstes erklärte Dutschke schon, daß er die “Vertreter der herrschenden Klasse” den “parlamen­ta­ri­schen Möglichkeiten gemäß” bekämpfen wolle. [ 3 ] Das Sozia­­li­­­sti­sche Büro, dem er kurz zuvor beitrat und das nach 1979 eben­falls in die Grüne Partei versickerte, wies die RAF zur glei­chen Zeit ­darauf hin, daß die “Bewegungsfreiheit sozia­li­sti­­­scher Tätigkeit ... sehr wohl vom Grund­gesetz gedeckt” sei. [ 4 ]

Mit dieser Art Einspruch hatte die RAF schon in ihrer ersten – und besten – Erklärung abgerechnet. Die Mehrheit der Linken, so war im “Konzept Stadtguerilla” zu lesen, fürchte “sich vor dem Vorwurf der revolutionären Ungeduld mehr als vor ihrer Korrumpierung in bürgerlichen Berufen”, ihr sei es wichtiger, “mit Lukács langfristig zu promovieren” als “sich von Blanqui kurzfristig agitieren zu lassen”. [ 5 ] Hinter dieser Agitation gegen die Verwandlung des Marxismus in eine ­akade­mi­sche Disziplin verbarg sich das Wissen, daß der Mar­xis­mus keine Wissenschaft, keine “Position” und kein “Ansatz” zur Bereicherung des universitären Pluralismus, ­sondern Kritik ist, die auf die Abschaffung ihres Gegenstandes zielt. Wenn die RAF auch sonst nichts begriffen hatte, wußte sie doch im Unter­schied zu den Marxologen, die seinerzeit massen­haft in den Mittelbau strömten, daß es weder historische Gesetz­mäßigkeiten noch notwendige Wartezeiten für die freie Assoziation geben kann. Seit das Kapitalverhältnis in der Welt ist, ist es reif zur Abschaffung. Im Gegensatz zur DKP, den ML-Gruppen und den frühen Spontis, die zur ­selben Zeit, als Ulrike Meinhof ihre Schreibmaschine gegen eine ­Pistole austauschte, zukunftsfroh vor die Fabriktore zogen, um gemeinsam mit den Proleten die Bosse zu vertreiben, war die frühe RAF trotzdem nicht sonderlich optimistisch: “Wir ­bezweifeln, ob es unter den gegenwärtigen Bedingungen in der Bundes­republik und Westberlin überhaupt schon möglich ist, eine die Arbeiterklasse vereinigende Strategie zu ­entwickeln, eine Organisation zu schaffen, die gleichzeitig Ausdruck und Initia­tor des notwendigen Vereinheitlichungsprozesses sein kann.” [ 6 ]

Diese berechtigten Zweifel hinderten die RAF jedoch nicht daran, im April 1972 ihre dritte programmatische Erklärung mit der Mao-Parole “Dem Volk dienen” zu überschreiben. Denn anders als von der DKP und den K-Gruppen immer wieder behauptet, hatte die RAF alles andere als nur “Verachtung für die Volksmassen” [ 7 ] übrig. Auch wenn sie im ­“Konzept Stadtguerilla” einige Zweifel am revolutionären Willen der Arbeiterklasse anmeldete, galten ihr Proletariat und Volk ­im­mer als Sympathieträger und “an sich” revolutionäre, nur durch die Springerpresse manipulierte Kraft.

Das ist der Hintergrund, vor dem die RAF in Anlehnung an die Wortführer der Protestbewegung davon sprach, den Faschismus aus den Institutionen herauslocken zu wollen. “Erst wenn die manipulative Gewalt der Herrschenden sich in die offene Gewalt zurückverwandelt hat,” so hatten Dutschke et al. schon 1968 erklärt, “kann die verinnerlichte Gewalt der Lohnabhängigen sich zur proletarischen Gewalt ­befreien.” [ 8 ] Hinter dieser Strategie stand im besten Fall ein interessier­tes Mißverständnis über das Land, in dem die Rote Armee aus ihrer bewaffneten Fiktion entstehen sollte. Denn der Faschismus in Deutschland war keineswegs “Faschismus”, ­sondern der Nationalsozialismus. Und das Proletariat wurde ­keines­falls von der Bourgeoisie unterdrückt, sondern die Lohnarbeit bewährte sich als das selbstbewußte, das “variable” Kapital. Die Deutschen ließen Auschwitz überhaupt nicht, wie die RAF im April 1972 behauptete, “widerstandslos über sich ­ergehen”. [ 9 ] Vielmehr verschmolzen in Deutschland Mob und Elite zum klassenübergreifenden, die Klassen in sich negativ aufhebenden Mordkollektiv. Während des Deutschen Herbstes, als der Ausnahmezustand, den die RAF herbeibomben wollte, tatsächlich eintrat, erinnerten dann auch weniger die ­Vorschläge Alfred Dreggers, Kurt Rebmanns und Franz Josef Strauß‘ oder die damals verabschiedeten Sonder­gesetze an das Dritte Reich. Auch wenn die schnell gebildete Allparteienregierung den Nationalsozialismus immer wieder selbst beschwor und etwa Egon Bahr stolz verkündete, daß die Mitglieder des Krisen­stabes ihr Handwerk bei der Wehrmacht gelernt hatten – hier sei ihnen beigebracht worden, “existen­tielle Entscheidungen” mit “kühlem Kopf” zu treffen [ 10 ] –, gehören der Ausnahmezustand und die Aussetzung von Grundrechten zum autoritären Staat und seiner Demokra­tie wie der Blitz zum Gewitter. [ 11 ] Weitaus tiefere Einsichten in das Fortleben des Nationalsozialismus als die Protokolle des Krisenstabes vermittelten die Szenen, die in den Tagen des Deutschen ­Herbstes vor dem Stammheimer Gefängnis sich zutrugen. Während Strauß und Rebmann ihre Forderungen nach Internierungslagern, Todesstrafe und Gegengeiselnahme im Krisenstab ­erho­ben (und später für die Geheimhaltung der Protokolle sich aussprachen), erklärten die normalen Deutschen ganz ungeniert, welch ein mordsüchti­ger Mob sie tatsächlich ­waren; einige boten der Bundesregierung via Tagesschau ihre ­Dienste in Sachen “Genickschuß”, “Erschlagen” oder “Aufknüpfen” an, andere verlangten Konzentrationslager, die Herausgabe der Stammheimer Häftlinge oder deren “Erschießung auf der Flucht”.

Je deutlicher die RAF die Distanz zwischen sich und den von ihr vergeblich Umworbenen zu spüren schien, um so stärker glich sie sich ihnen an. Im “Konzept Stadtguerilla” hatte Ulrike Meinhof noch erklärt, daß diejenigen, die ­glaubten, der bewaffnete Kampf sei nach dem Muster von Freikorps und Feme organisiert – in ‘Konkret‘ war kurz zuvor ­behauptet worden, daß es bei der RAF Soldaten und Offiziere, auch Liquidierungen gäbe –, selbst schon das Pogrom wollten. [ 12 ] Nicht einmal zwei Jahre später, die Führungsriege der RAF war inzwischen unter parteiübergreifendem Beifall verhaftet worden, konnte sie sich die Revolution selbst nur noch als Pogrom vorstellen. Als palästinensische Antisemiten bei den Olympischen Spielen 1972 in München Mitglieder der israeli­schen Olympiamannschaft ermordeten, feierte Meinhof ­diese Aktion nicht nur als “antiimperialistisch, internationalistisch und antifaschistisch” [ 13 ] , sie erklärte zugleich, an diesem ­Beispiel könne die deutsche Linke ihre politische Identität ­wiederfinden.

Summa summarum hat der Rechtsnachfolger des ­“Dritten Reiches” die Sprengversuche der RAF nicht nur überaus gut überstanden, sondern sich daran moralisch erbaut und politisch gemästet. Es war eine Art antagonistische Kooperation gewesen: Nicht nur, daß der militante Antizionismus half, den fundamentalen Antisemitismus der deutschen Gesellschaft in anderer, links getünchter Façon zu modernisieren und auf Israel auszurichten, nein: zu allem Überdruß bescherte der bewaffnete Kampf den Genossen, die den “langen Marsch durch die Institutionen” eingeschlagen hatten, die ­nachträgliche Rechtfertigung ihrer längst vorgängigen Ambitionen in ­Gestalt einer neuen Totalita­ris­­mustheorie. Wer lesen mußte, wie ­devot der ehemalige Trotz­kist und Alt-68er Jan Philipp Reemtsma, der ­Groß-­Mogul des Hamburger Instituts für Sozialforschung, an den ­Lippen des pensionierten BKA-Präsidenten Horst ­Herold hing und wie er den rechten Augenblick ablauerte, dem ­obersten Terror­bekämpfer des ‘Deutschen Herbstes‘ seine private ­Theorie zu präsentieren – es sei nämlich ein “massenhafter Anti­intellek­tua­lismus” [ 14 ] schuld am Terror gewesen –, der ahnt, ­worum es geht: um nichts anderes als darum geht es, die der ­besseren Gesell­schaft äußerst willkommene Behauptung zu ­beweisen, den ­bewaffneten “Alchimisten der Revolution” [ 15 ]  , die wie ­nie­mand sonst den Wahn der Studentenbewegung ernst ­nahmen, es handle sich nach Marx darum, die famose ‘Vermittlung von Theorie und Praxis‘ zu installieren, sei es in ­Wahrheit um ein Attentat auf die Mitte der Gesellschaft ­ge­­gangen; nicht eigentlich verblüffend für “abgebrochene ­Phi­­lo­­sophie­studenten.” [ 16 ] Im Ergebnis der ­linken Vermittlungsobsession hat es sich nun ganz und gar ausgemittelt: zum Sumpf. Eine neue Mitte ist entstanden, die ’Zivilgesellschaft‘, die sich selbst für wahrhaft revolutionär hält und tatsächlich geist­­­revolutionär ist, und die angesichts der Opfer des bewaff­neten Kampfes die ungeheuren Ge­fah­ren ihres selbstlosen ­Engagements fürs Gemeinwohl bejammert: “Die RAF hat ­Menschen umgebracht, die ein eigenes, ernsthaftes Anliegen hatten, sich für eine gerech­te­re Welt zu engagieren.” [ 17 ] Und Peter Hartz muß leben, Claudia Roth auch.

Anmerkungen

[ 1 ] Anonymes Autorenkollektiv, Gewalt in den Metropolen, in: Konkret Nr. 6 (1968), S. 25-28. Laut Gerd Koenen (Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967-1977, S. 362) gehörten zu diesem Autorenkollektiv u.a. Rudi Dutschke, Hans-Magnus Enzensberger, Jürgen Horlemann, Bahman Nirumand, Peter Schneider und Gaston Salvatore.

[ 2 ] Vgl. Initiative Sozialistisches Forum, Das Erbe von ‘68, in: Dies., Das Ende des Sozialismus, die Zukunft der Revolution. Analysen und Polemiken, Freiburg 1990, S. 279 ff.

[ 3 ] Rudi Dutschke, Kritik an Terror muß klarer werden [1977], in: Linke Liste Universität Frankfurt (Hg.), Die Mythen knacken. Materialien wider ein Tabu. Neue Linke, RAF, Deutscher Herbst, Amnestie, Wiesbaden 1987, S. 216.

[ 4 ] Sozialistisches Büro, Sozialismus und Terrorismus [1977], in: Ebd., S. 215.

[ 5 ] RAF, Das Konzept Stadtguerilla (April 1971), in: ID-Verlag (Hg.), Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 38. – Vgl. dazu auch: Joachim Bruhn, Der Untergang der Roten Armee Fraktion. Eine Erinnerung für die Revolution, Vorwort zu: Emile Marenssin, Stadtguerilla und soziale Revolution, Freiburg 22007, S. 7-30

[ 6 ] Ebd., S. 37.

[ 7 ] Herbert Lederer, Kommunisten und individueller Terror – alte Wahrheiten zur aktuellen Lage, in: Marxistische Blätter Nr. 4 (1972), S. 77.

[ 8 ] Anonymes Autorenkollektiv, Gewalt in den Metropolen, in: Konkret Nr. 6 (1968), S. 25.

[ 9 ] RAF, Dem Volk dienen, in: ID-Verlag (Hg.), Rote Armee Fraktion, S. 128.

[ 10 ] Zit. nach Christoph Amend, Kalte Kriege, kühler Kopf, in: Der Tagesspiegel vom 1. März 2003, S. 3.

[ 11 ] Vgl. Johannes Agnoli, 1968 und die Folgen, Freiburg 1998, sowie Ders., Der Rechtsstaat. Spätkapitalismus und deutsche Erfahrung, in: Ders., Der Staat des Kapitals, Freiburg 1995

[ 12 ] RAF, Das Konzept Stadtguerilla, S. 28.

[ 13 ] RAF, Die Aktion des “Schwarzen September” in München. Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes (November 1972), in: ID-Verlag (Hg.), Rote Armee Fraktion, S. 152 f.

[ 14 ] Wolfgang Kraushaar/Jan Philipp Reemtsma, “Die entscheiden­de Triebkraft besteht in einem unbändigen, alles ausfüllenden Hass”. Interview mit dem ehemaligen Präsidenten des Bundeskriminalamtes Dr. Horst Herold, in: Wolfgang Kraushaar, Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg 2006, S. 1388

[ 15 ] Karl Marx/Friedrich Engels, Rezensionen aus der Neuen Rheini­schen Zeitung, April 1850, in: MEW Bd. 7, S. 272 ff.

[ 16 ] Reemtsma, a.a.O., S. 1387. – Zur Frage der Vermittlung vgl. Initiative Sozialistisches Forum, Der Theoretiker ist der Wert, Freiburg 2001, S. 26 ff.

[ 17 ] So Patrick von Braunmühl, in: Anne Siemens, Für die RAF war er das System, für mich war er der Vater. Die andere Geschichte des deutschen Terrorismus, München/Zürich 2007, S. 261

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