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Zur Theorie des Gebrauchswerts

Anmerkungen zu Wolf Wagner: Verelendungstheorie – die hilflose Kapitalismuskritik, Frankfurt 1976: Fischer Verlag, und Wolfgang Pohrt: Theorie des Gebrauchswerts, Frankfurt 1976: Syndikat

Stefan Breuer

I.

Der Gebrauchswert, obwohl doch unstreitig die zentrale Kategorie materialistischen Denkens par excellence, hat in der Geschichte des Historischen Materialismus eine erstaunlich geringe Beachtung erfahren: vergebens sucht man bei den maßgebenden Theoretikern der Arbeiterbewegung nach systematischen Erörterungen, und auch bei Marx und Engels selbst sind die diesbezüglichen Darlegungen selten so deutlich, wie man es sich heute wünschen möchte. Eigentlich hat erst die Studentenbewegung der späten sechziger Jahre, angeregt durch die kulturkritischen Studien der Kritischen Theorie, aber auch durch Überlegungen, wie sie Roman Rosdolsky in seinem wichtigen Buch “Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen ‚Kapital‘” angestellt hat, dem Gebrauchswert wieder die Aufmerksamkeit verschafft, die ihm von Rechts wegen gebührt (vgl. etwa die Arbeiten von Alfred Schmidt, Hans-Jürgen Krahl und Horst Kurnitzky).

Den Gründen für diese Vernachlässigung des Gebrauchswerts in der materialistischen Literatur geht Wolf Wagner im ersten Teil seines Buches nach. Er zeigt, daß der nachmarxsche Materialismus sein Bemühen, Revolutionstheorie und Kapitalismustheorie in einem zu denken, nur auf Kosten einer eigentümlichen Verengung der Perspektive realisieren konnte. Revolutionstheorie nach Marx war im wesentlichen Verelendungstheorie, eine Theorie, die die Entstehung revolutionären Bewußtseins unmittelbar an die Verschlechterung der ökonomischen Situation der Arbeiterklasse koppelte. Von Kautsky bis zu den Theoretikern des staatsmonopolistischen Kapitalismus war der Marxismus von der Annahme beherrscht, daß der Kapitalismus als ein anarchisches und zur Selbstregulation unfähiges System notwendig die Gesellschaft in immer tiefere Krisen stürzen würde, in deren Verlauf es zu einer fortschreitenden (absoluten oder relativen) Verelendung des Proletariats kommen sollte: welches alsdann, aus eben dieser Notwendigkeit heraus, dem Zwang, die Not zu wenden, jenes ‚enorme Bewußtsein‘ entwickeln würde, das erforderlich war, um die verselbständigte Macht der toten über die lebendige Arbeit zu brechen. Die Erfahrungen der Arbeiterbewegung jedoch, und zumal die der präfaschistischen Zeit, in der die verelendungstheoretische Orthodoxie die Arbeiterbewegung in einen selbstmörderischen Bruderkrieg stürzte, machten deutlich, daß diese Annahme auf schwachen Fundamenten ruhte. Wagner arbeitet klar heraus, daß in der Verelendungstheorie als solcher das Scheitern der antikapitalistischen Opposition sozusagen schon vorprogrammiert war. Indem in der Verelendungstheorie nämlich allein die Verselbständigung des Tauschwerts geschildert wurde, nicht aber die “Gegenbewegung des Gebrauchswerts” (96), wurde das zu revolutionierende Bewußtsein nicht aus der kapitalistischen Mystifikation befreit, sondern im Gegenteil in sie eingeschlossen. Die permanente Betonung der Erfahrung der Schlechterstellung, der Unterordnung des Gebrauchswertbedürfnisses unter den Tauschwert verstärkte nach Wagner nur die “monolithische, fugenlose, konstante Erfahrung der Verelendung” (94), konnte aber nicht erklären, wo die Erfahrung gemacht werden sollte, daß der Kapitalismus aufhebbar und das durch ihn erzeugte Leiden abwendbar sei. “Wenn die Erfahrungen der Arbeiter so wären, wie sie die Verelendungstheorie beschreibt, dann würde sich die Mystifikation des Kapitalismus in eine ewige Naturnotwendigkeit, als einzig mögliche Form der Produktion beständig in den Köpfen befestigen und wäre nur durch äußerliche Aufklärung (vielleicht) durchbrechbar. Die Arbeiter würden nämlich nur die Allmacht und unabhängige Schöpferkraft des Tauschwerts als Kapital und ihre eigene Ohnmacht und Ersetzbarkeit erleben” (95).

Die konjunktivische Formulierung in diesem Zitat macht deutlich, daß Wagner in diesem ‚Vergessen‘ des Gebrauchswerts durch die Arbeiterbewegung keine notwendige, in einer Veränderung des Verhältnisses von Gebrauchswert und Tauschwert begründete Entwicklung sieht, sondern eher einen Irrtum, eine Form des (prinzipiell aufklärbaren) ‚falschen Bewußtseins‘ der Produktionsagenten. Zwar macht er einen Versuch, die ‚hilflose Kapitalismuskritik‘ aus der Bewegung des Kapitals abzuleiten, indem er die Verelendungstheorie als Totalisierung eines partikularen Moments begreift, als Verabsolutierung der in der konjunkturellen Abschwungphase gemachten Erfahrungen; doch bleibt diese Erklärung auf der Ebene der Ideologiekritik: die Dominanz des Tauschwerts gilt ihm lediglich als ‚Mystifikation‘, als Gestalt eines falschen, weil in der unmittelbaren Anschauung verhafteten Bewußtseins der lebendigen (und trotz aller ‚Verdinglichung‘ wahre Subjektivität verkörpernden) Produzenten (vgl. S. 84). Und deshalb erscheint ihm auch die ‚Fehlentwicklung‘ der klassischen Arbeiterbewegung als prinzipiell korrigierbar: durch den Rekurs auf den ‚verdrängten‘ Gebrauchswert, der jenseits der “eng begrenzten Tauschwertgrenze” (SS) die “positive Erfahrung der Alternative”, die “konkret erfahrbare Utopie” ermöglichen soll (94). Nach dem Fehler also ein neuer Anfang, nach der Katastrophe die neue Hoffnung. Welches ist, Wolf Wagner zufolge, ihre Basis?

Der zweite Teil seines Buches versucht, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Da Wagner die Schwierigkeiten kennt, ausgehend von der “verwirrenden Erscheinungswelt der Zirkulationssphäre” die Mystifikation des Kapitalverhältnisses zu durchbrechen (99), da er ferner weiß, daß die materialistische Kritik ihr telos darin hat, der “konkreten Seite des Produktionsprozesses” (99) gegenüber der Wertabstraktion zum Vorrang zu verhelfen, setzt er richtig bei den Erfahrungen und Bedürfnissen an, die sich aus dem unmittelbaren Produktionsprozeß ergeben, und versucht, in ihnen jenes Element aufzuspüren, “das die engen Grenzen der kapitalistisch relevanten Bedürfnisse überschreitet und sich von der Bedürfniserfahrung her kritisch gegen die Verkürzung und Verkrüppelung unter kapitalistischen Bedingungen wendet” (98); es geht ihm um nicht weniger als um eine “Theorie über die Erfahrungsbasis antikapitalistischen Bewußtseins im Produktionsprozeß” (101). Der Grundgedanke dieser Theorie läßt sich, grob vereinfacht, wie folgt skizzieren: Das Kapital ist aufgrund verschiedener Bedingungen (Konkurrenz, Grenzen der Produktion des absoluten Mehrwerts etc.) bei Strafe des Untergangs gezwungen, die Produktivkraft der Arbeit durch fortwährende Veränderung der gegenständlichen Grundlagen des Arbeitsprozesses zu erhöhen. Dabei bedient es sich zweier Methoden, die sich in ihrer Auswirkung auf den Arbeiter erheblich unterscheiden: nämlich erstens einer Mechanisierung der Produktion, die nach Wagners Darstellung in den meisten Fällen zu einer Verbesserung der Arbeitssituation führt (120, 177, 216 u. ö.); zweitens einer (zeitlich nachgeordneten) Rationalisierung der Arbeitsorganisation, die eine Verschlechterung der Arbeitssituation mit sich bringt (149, 17S, 177, 21S u. ö.). Dadurch, daß die Mechanisierung als ungeplante Nebenfolge des kapitalistischen Verwertungsinteresses zur Entwicklung eines “neuen, konkret-qualitativen” Arbeitsprozesses führe, der dem Verwertungsprozeß noch nicht voll unterworfen sei (120), mache sie die “Möglichkeit einer umfassenderen Befriedigung der Bedürfnisse” erfahrbar, “die Möglichkeit also, die Produktion am Gebrauchswert zu orientieren” (230); während umgekehrt die nachfolgenden arbeitsorganisatorischen Rationalisierungen als Verschlechterungen erfahren würden, die sich – und dies ist für Wagners Argument entscheidend – “nicht direkt aus den technisch-konkreten Notwendigkeiten des Arbeitsprozesses ergeben, sondern diesem äußerlich und willkürlich durch das Profitinteresse aufgezwungen werden” (177). Mit dem Widerspruch von Mechanisierung und Rationalisierung, so können wir Wagners These zusammenfassen, soll also im Produktionsprozeß selbst der Widerspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen für die Produzenten sinnlich erfahrbar werden. Weil das Kapital gezwungen sei, den Fortschritt der Arbeit zu fördern und gleichzeitig wieder einzuschränken, sei es möglich, daß die Arbeiter “den Widerspruch von Tauschwert und Gebrauchswert unmittelbar sinnlich erfahren und in ein Bewußtsein verarbeiten, das auf der bedürfnisorientierten Gestaltung des Produktionsprozesses gegen die Unterordnung unter die Tauschwertorientierung als Profitmaximierung beharrt, und somit eindeutig antikapitalistisch ist” (218).

Es bedarf nun allerdings nicht erst umständlicher kategorialer Distinktionen, um zu erkennen, daß dieses Programm von Wagner mitnichten eingelöst wird. Sieht man von der grundsätzlichen Problematik ab, die in der Unterscheidung zwischen einer klassenneutralen, ‚rein technischen‘ und einer willkürherrschaftlichen Organisation der Produktion liegt, – auf sie wird weiter unten noch einzugehen sein –,so gelingt es Wagner nirgends, die Konstitutionselemente antikapitalistischen Bewußtseins im Produktionsprozeß dingfest zu machen. Im Gegenteil: über ganze Partien hinweg liest sich der zweite Teil des Buchs, in dem eine Fülle von Daten und Informationen aus der Betriebssoziologie und der – mit Marx gesprochen – ‚industriellen Pathologie‘ zusammengetragen wird, wie eine Selbstwiderlegung des Autors. Anstatt die ‚sperrigen Momente‘ der gebrauchswertproduzierenden Arbeit herauszuarbeiten, die quer zum Verwertungsinteresse stehen, entrollt Wagner ein erschütterndes und erschreckendes Panorama der Unterdrückung, der brutalen Alltagswirklichkeit der Arbeit auch unter den Bedingungen hochindustrialisierter und -mechanisierter Produktion. Was er zeigt, ist, daß die Geschichte der kapitalistischen Produktion auch und gerade in ihrer vermeintlich ‚rein technischen‘ Seite keine Geschichte der Arbeit ist, sondern eine Geschichte des Kapitals, in dessen Bewegung die Arbeit nur als ohnmächtiges, bestenfalls passiv reagierendes, mitgeschleiftes Element existiert, das sich mitunter zwar zu Abwehrhandlungen aufzuraffen vermag, jedoch innerhalb einer Welt, die nicht von ihm strukturiert ist. Das von Wagner ausgebreitete Material sperrt sich der These, die der Autor ihm entlocken will, und es ist gerade diese ‚Logik der Sache‘, die sich der von außen herangetragenen .Sache der Logik' so ganz und gar nicht fugt, die das Buch, gerade aufgrund der Sorgfalt und Akribie, mit der die Entwicklung des kapitalistischen Produktionsprozesses analysiert wird, wiederum auch zu einem wichtigen Diskussionsbeitrag macht. Man muß ihn nur gegen den Strich lesen.

II.

Daß sich das Scheitern des von Wagner unternommenen Versuchs, der Revolutionstheorie durch den Rekurs auf die ‚Sperrigkeit des Gebrauchswerts‘ ein neues Fundament zu verschaffen, nicht einem Zufall oder gar theoretischem Unvermögen des Autors verdankt, wird vor dem Hintergrund einer Argumentation deutlich, die Wolfgang Pohrt in seiner soeben erschienenen “Theorie des Gebrauchswerts” entwickelt hat. Im Gegensatz zu Wagner, der den von der Kritischen Theorie entfalteten Gedanken einer möglichen Aufzehrung des Gebrauchswerts durch den Tauschwert recht salopp als “kulturpessimistische Argumentation” abtut (96; und dies, obwohl seine Gegenargumente selbst kulturkritischer Natur sind: Kennzeichen der konservativen Kulturkritik à la Simmel war es, daß sie Residuen gegen den Rationalisierungsprozeß verteidigte, die historisch bereits überholt waren; und nichts anderes tut Wagner, indem er gerade jene Bereiche beschwört, “die von der Tauschwertrelation noch nicht erfaßt sind”, wie z. B. den der familialen Reproduktion – S. 97, H. v. m.), leitet Pohrt seine Überlegungen mit der Feststellung ein, daß am Pessimismus der Kulturkritik nichts reaktionär sei als seine Halbherzigkeit (10). Nicht nur sei der Doppelcharakter der kapitalistischen Produktionsweise in der vollendeten bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr sinnlich erfahrbar, sondern von einem Doppelcharakter als solchem könne keine Rede mehr sein. Das Versäumnis der proletarischen Revolution, so Pohrts These, habe es dem Kapital ermöglicht, seine zentrale Aporie – Produktion des Reichtums als Zerstörung des Gebrauchswerts – ganz auszubilden und dadurch zu sprengen (16). “Die kapitalistische Entwicklung üppigen Reichtums als Emanzipation von elementarer Not einerseits, andererseits die Beschränkung der Produzenten auf ihre lebensnotwendigen Bedürfnisse war der zentrale Widerspruch, den Marx konstatierte; die revolutionäre Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums, seiner produktiven historischen Potenzen durch die assoziierten Produzenten dessen Lösung; deren Voraussetzung aber das bestimmte emanzipatorische Bedürfnis, keinesfalls mit einer komfortableren Variante der auf die elementarsten Bedürfnisse reduzierten Existenz vorliebzunehmen. Diese günstige historische Konstellation ist vergangen. Die erzwungene Beschränkung auf die lebensnotwendigen Bedürfnisse hat sich im geschichtlichen Prozeß lange andauernder ungebrochener Kapitalherrschaft in erschreckende Bedürfnislosigkeit umgesetzt... Diese Bedürfnislosigkeit korrespondiert freilich nur materiellen Produkten, die ihre Daseinsberechtigung, wenn sie überhaupt eine haben, allein aus komplett falsch gewordenen gesellschaftlichen Verhältnissen herleiten, die ganz in den Begriffen der politischen Ökonomie aufgehen (und damit eine tautologische Identität zwischen Begriff und Sache stiften, in welcher der Begriff seine analytische Kraft verliert) und deren Gebrauchswert daher zu einer quantitée négligeable herabgesunken ist” (12).

Seine provozierende und in brillanter Schärfe formulierte These vom “Zerfall des Gebrauchswerts” (16) – ein Gedanke übrigens, den Adorno bereits in den dreißiger Jahren zum erstenmal entwickelt hat (und zwar in seinem Aufsatz ‚Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens‘ (1938), jetzt in Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften Bd. 14, Frankfurt 1973) – begründet Pohrt in einer eindringenden Interpretation des marxschen ‚Rohentwurfs‘ der Kritik der politischen Ökonomie. Er zeigt zunächst, daß Marx mit einem abstrakten und einem inhaltlich bestimmten Gebrauchswertbegriff arbeitet, wobei der erstere aus dem Verhältnis von Mensch und Natur als noch ungeschichtlichem Naturverhältnis, der zweite aus dem Kapital als historisch bestimmtem Produktionsverhältnis gewonnen sei. Beide Begriffe sind nach Pohrt eng miteinander verklammert, insofern einerseits der im Prozeß der geschichtlichen Entwicklung entstandene inhaltliche Begriff den abstrakten modifiziere und bestimme, andererseits aber der modifizierte und substanziell bestimmte abstrakte Begriff Angelpunkt einer Kritik sei, die die kapitalistischen Formbestimmungen an etwas messe, das mit ihnen nicht identisch sei (52 f.); der Gebrauchswert in diesem doppelten Sinne sei das Refugium für alles das, “was sich der Logik des Kapitals entzieht und woran die Begriffe der politischen Ökonomie scheitern” (27). Während dieser Gedanke nun durchaus noch mit der revolutionstheoretischen Orthodoxie zu vereinbaren ist, macht Pohrt jedoch darauf aufmerksam, daß es sich beim Widerspruch von Gebrauchswert und Tauschwert um eine historische, an bestimmte Bedingungen geknüpfte Konstellation handelt, die nicht als unveränderlich gesetzt werden darf. Obgleich das Zurücktreten des Gebrauchswerts als Naturverhältnis eine wesentliche Voraussetzung für die Emanzipation der Gesellschaft von den Zwängen der ersten Natur sei, sei doch das Fortbestehen desselben eine andere, nicht minder wichtige Voraussetzung. Nur solange die Produktion noch nicht vollständig unter das Kapital subsumiert sei, nur solange der allgemeine Reichtum sich noch am Maß besonderer Menschen, d. h. vom Kapital unterschiedener, mit eigenen Bedürfnissen und Erfahrungen ausgestatteter Subjekte reiben müsse, sei es möglich, von einem widersprüchlichen Verhältnis zu reden, das eine Grenze habe (129); nur in der Differenz zu einer andersartigen, auf der ‚Produktion‘ im emphatischen Sinne beruhenden Synthesis, habe die vom Kapital gestiftete Synthesis ihre historische Beschränkung. Eben diese Differenz aber werde, indem das Kapital den Gebrauchswert par excellence, die Arbeit ergreife und als ‚reine‘, d. h. von allen gegenständlich-materiellen Bedingungen ‚befreite‘ Subjektivität setze, tendenziell eliminiert. Die Bewegung des Kapitals bestehe darin, das von ihm unterschiedene Moment zu zertrümmern: “Aus ihm wird plastisches Material, welches vom Kapital so lange beliebig formbar ist, als es Konflikte mit den unendlich streckbaren Naturgrenzen vermeidet. Weil also das Bedürfnis als formloser Inhalt vom Kapital nicht mehr verschieden ist, ist von dieser Seite her der unmittelbare Gegensatz von Arbeit und freier Tätigkeit als Bedingung der Emanzipation erloschen – historisch wohl an dem Punkt, da die Kulturindustrie sich des Kadavers proletarisch-vorkapitalistischer Lebensformen bemächtigte. Dann aber ist auch das Kapital nicht mehr gegensätzlich auf die Bedürfnisse der Menschen bezogen, als die Bedürfnisse potentiell erfüllender, seinen Produzenten aber nicht gehörender Reichtum. Weil bestimmte menschliche, vom Kapital verschiedene Bedürfnisse nicht mehr existieren, tritt dieses am Markt nur mehr in Beziehung zu sich selbst als ‚automatisches Subjekt‘ im Sinne von zweiter Natur, in welche die Menschen restlos einbezogen sind.” (88/89)

Pohrts Unternehmen, die materialistische Revolutionstheorie auf dem Boden und mit den Mitteln der materialistischen Dialektik selbst infragezustellen – ein Unternehmen, das gerade durch die Apodiktizität des Urteils und die erfrischende Polemik gegen den unerträglich gewordenen Fortschrittsnarzißmus der Linken besticht –, weist jedoch in der Beweisführung eine Reihe von Schwächen auf, die geeignet sind, den theoretischen Ertrag ernsthaft zu gefährden. So sieht Pohrt zwar richtig, daß das Kapitalverhältnis kein bloß formelles Verhältnis ist, welches den Inhalt ungeschoren läßt, sondern Form eines Inhalts ist, welche sich diesem gegenüber zunächst verselbständigt und dann, vermittels des von Marx beschriebenen ‚Rückgangs in den Grund‘, ihn sich anverwandelt: in der bürgerlichen Gesellschaft gibt es am Ende keine Eigenlogik der Arbeit mehr, sondern Arbeit ist selbst Kapital geworden, wenn sie auch, unmittelbar gesehen, als Nicht-Kapital erscheint. Doch reicht diese Beobachtung für eine Theorie der ‚negativen Vergesellschaftung‘ nicht aus; als isoliert gesetzte ist sie vielmehr, wie Pohrt selbst demonstriert, dazu geeignet, das Denken auf einen Holzweg zu führen. Weil Pohrt das Substanziellwerden des Werts nur auf der Ebene der Geldform und der Subsumtion der Arbeit unters Kapital zu lokalisieren vermag – nur im letzten Kapitel finden sich einige vage Andeutungen, daß auch das capital fixe, die ‚große Maschinerie‘, daseiender, geronnener Wert ist –, kann er die Totalisierung des Werts letztlich nicht aus dessen eigener Bewegung erklären. Um zu dem Ergebnis zu kommen, das ihm vorschwebt, muß er eine Zusatzargumentation bemühen, die dem Grundgedanken äußerlich bleibt. Anstatt die Totalisierung des Werts aus einer Erweiterung seiner ‚ontologischen Basis‘ abzuleiten (vgl. dazu weiter unten), d. h. aus der Dynamik des Wertverhältnisses selbst, rekurriert Pohrt auf eine nichtkapitalistische Vergesellschaftungsform, die der negativen Vergesellschaftung zur Seite tritt: den Staat. Nicht das Wertverhältnis ist es, das aufgrund seiner eigenen, immanenten Gesetzlichkeit die verschiedenen Momente des Kapitals zu einer Einheit zusammenschweißt, sondern der politische Machtspruch. Analog zur klassischen Imperialismustheorie und zu Horkheimer-Pollocks Theorie des ‚autoritären Staates‘, spricht Pohrt von der “Substitution der Zirkulation durch die Diktatur der Monopole” (130), von der “Herrschaft der Monopole .... deren außerökonomische Macht die Einheit von Produktionsprozeß und Verwertungsprozeß garantiert” (121), von der “Ablösung des Wertgesetzes durch das Gesetz des Stärkeren” (193), von der “vernunftlosen Willkür irgendwelcher Machthaber” (145), die qua Dezision die gesamtgesellschaftliche Reproduktion von ihrer Bindung an den Gebrauchswert gelöst hätten (200, 194 u. ö.). Mit der staatlichen Intervention tritt zum Wertverhältnis etwas hinzu, das “aus dessen Logik herausfällt” (187), eine “nicht wirklich überwundene Stufe der geschichtlichen Entwicklung .... auf welche das Kapitalverhältnis jederzeit wieder regredieren kann, namentlich in Krisenzeiten, wie in der faschistischen Volksgemeinschaft” (184). An seinem geschichtlichen Umschlagspunkt hält sich damit das Kapital am Leben, indem es mithilfe unmittelbarer Gewalt die in ihm enthaltenen emanzipatorischen Keime abtötet. Die sozialistische Perspektive wird vereitelt, indem sich das Kapital gleichsam seiner selbst bewußt wird und, als “Willkürherrschaft von Cliquen”, den Weg in die Barbarei vorzieht.

Es ist hier unmöglich, auf die Fülle von Problemen einzugehen, die mit dieser Wendung von einer Theorie der negativen Vergesellschaftung zu einer (allerdings von der Revolutionstheorie abgekoppelten) Theorie des Staatsmonopolistischen Kapitalismus verbunden sind (denn um eine solche handelt es sich letztlich: wer vermöchte die Anklänge an Lenin, an Hilferding, an Bucharins These vom imperialistischen ‚Raubstaat‘ zu überhören?); doch meine ich, daß Pohrt seinem Argument damit keinen guten Dienst erwiesen hat. Daß das Kapitalverhältnis, das als ein widersprüchlicher multistrukturaler Mechanismus im Prozeß seiner Verallgemeinerung jede Form von autonomer Subjektivität aufhebt, am Ende in einen rein willensmäßig konstituierten Zusammenhang umgeschlagen sein soll, ist wenig überzeugend; und noch weniger überzeugend ist die Annahme, daß dieser Umschlag durch die Intervention einer – wie immer auch als .Komplement des Kapitals (186) gedachten – politischen Vergesellschaftungsform erfolgen soll. Staat, Politik und Recht fallen durchaus nicht aus der negativen Vergesellschaftung heraus, sind keine gleichsam archaischen Relikte, sondern integrierende Bestandteile derselben – nicht anders als die Wissenschaft, von der Pohrt immerhin weiß, daß sie “das Wertgesetz nicht außer Kraft setzt, sondern überhaupt erst ermöglicht” (152). Wenn aber Verwissenschaftlichung und Kapitalisierung nicht voneinander zu trennen sind, warum dann noch auf politische Mechanismen rekurrieren? Wäre nicht die Rationalisierung = Kapitalisierung ein angemessenerer Ansatz zum Verständnis des spätkapitalistischen Weges in die Barbarei als die Beschwörung archaischer Relikte, die in Wahrheit alles andere als archaisch sind? Pohrt läßt sich, und darin teilt er eine Schwäche der frühen kritischen Theorie, von der historischen Gestalt des Imperialismus und Faschismus zu sehr dazu verführen, das spätkapitalistische Posthistoire als politischen Willkürzusammenhang à la Orwell zu denken – womit nicht gesagt werden soll, daß es ‚so schlimm nun auch wieder nicht sei‘, im Gegenteil. Nur: die Fixierung auf den autoritären Staat klassischer Prägung macht möglicherweise blind für die neuen, anderen Formen, vermittels derer der Systemzwang des Kapitals sich heute durchsetzt. “Knobelbecher marschieren mit Sicherheit nicht mehr” (Koch/Narr in Leviathan 3/1976, S. 321).

Ein anderes, diese Schwäche möglicherweise vermeidendes Erklärungsmodell der negativen Vergesellschaftung hätte m. E. nicht nur den Mechanismus der abstraktiven Verselbständigung des Werts gegenüber dem Gebrauchswert zu thematisieren, sondern ebenso den komplementären Vorgang der Substitution, vermöge dessen das Kapital eine neue, kapitaladäquate Gestalt des Gebrauchswerts hervorbringt; denn um das Abgleiten in einen falschen Subjektivismus zu verhindern, der letztlich nur ein Ersatz für fehlende theoretische Vermittlungen ist, darf sich eine Theorie des Spätkapitalismus (man sollte besser sagen: des vollendeten Kapitalismus) nicht um die Beantwortung der Frage herumdrücken, wie das System, abgelöst von jedem Gebrauchswert, sich überhaupt reproduzieren kann; Marx hatte recht, wenn er immer wieder darauf hinwies, daß der Gebrauchswert ein unverzichtbares Moment auch der kapitalistischen Gesellschaft ist. Eine Antwort auf diese Frage, die Pohrts Grundgedanke zugleich festhält, dürfte nicht auf der Linie der These von der völligen ‚Zerstörung des Gebrauchswerts‘ liegen, sondern eher in der Richtung eines ‚Strukturwandels des Gebrauchswerts‘, durch welchen jener zwar nicht aufgehoben, jedoch so transformiert wird, daß er seine außerökonomische, und d. h. in bezug auf das Kapital grenzensetzende Dimension verliert. Ich möchte diesen Gedanken, soweit es im Rahmen einer Rezension möglich ist, im folgenden in einer groben Skizze verdeutlichen.

III.

Schon im einfachen Austauschverhältnis entdeckt Marx eine eigentümliche Verkehrung, die im Kern bereits die ganze ‚Verdinglichung der Produktionsbestimmungen‘ enthält, die für das entwickelte Kapitalverhältnis charakteristisch ist. Eine Verkehrung nicht des Bewußtseins, sondern der Gegenständlichkeitsform selbst. Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts, konkrete Arbeit zur ‚handgreiflichen Verwirklichungsform abstrakter Arbeit‘ (MEW Bd. 23, 73), Privatarbeit zu gesellschaftlicher Arbeit. In der Äquivalentform gesetzt, ist ein bestimmter Gegenstand – der berühmte Rock – an sich selbst zu einem Anderen geworden: als Äquivalent der Ware Leinwand ist er nicht mehr der bestimmte Gebrauchswert Rock, vielmehr existiert er “nur als formaler, auf kein wirkliches Bedürfnis bezogener Gebrauchswert” (MEW, 13, 71). Diese Formulierung muß wörtlich genommen werden. Im einfachen Austauschverhältnis verhalten sich die Individuen nicht augenzwinkernd so, als wüßten sie, daß der Wertspiegel gewordene Rock in Wahrheit natürlich Rock sei – wie die Gelehrten im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern –, sondern faktisch wird der Rock zum Träger des Wertausdrucks, wird seiner empirischen Bestimmungen enteignet, ohne damit jedoch inexistent zu werden: er wird zu einem realen, aber nichtempirischen Gegenstand, ist, in den Terms der klassischen Philosophie, ‚ontologisch‘, nicht ‚ontisch‘. Gebrauchswert wird zur Realisierung der reinen Idealität des Werts, zum “bloßen Formdasein” (MEW 13, 34), zur ‚Wertgegenständlichkeit‘. Allerdings zunächst noch auf einer schmalen Basis, die die gebrauchswertproduzierende Arbeit nicht nur nicht aufhebt, sondern geradezu voraussetzt. Auf der Ebene des einfachen Austauschverhältnisses geht es dem Wert wie dem ‚Sein‘ in Kants Kritik des ontologischen Gottesbeweises: er enthält seine Existenz nicht als Prädikat, vermag sich nicht von sich aus zu realisieren, sondern bedarf einer ‚Materiatur‘, an der er sich darstellen kann; und es liegt in der Natur dieses noch unentwickelten gesellschaftlichen Verhältnisses, daß er dies immer nur vorübergehend, an einer Vielzahl empirischer Gegenstände tun kann, deren Funktion, als ‚Inkarnation‘ zu dienen, daher ebenfalls nur vorübergehend ist.

Schon mit dem Geld verändert sich jedoch diese Konstellation. Aufgrund ihrer immanenten Dynamik mündet die Dialektik der Wertform in das Ergebnis, daß der Wert nicht mehr nur an einzelnen, wechselnden Waren zur Erscheinung kommt, sondern eine ‚einheitliche Erscheinungsform‘ erhält (MEW 23, 79). Die Funktion, allgemeines Äquivalent zu sein, wird mit dem Übergang zur Geldform auf eine einzige, exklusive Ware beschränkt, die Wertform gewinnt “objektive Festigkeit und allgemeine gesellschaftliche Gültigkeit” (83), die “spezifisch gesellschaftliche Funktion” “verwächst” mit der Naturalform der Geldware, die damit neben ihrem besonderen Gebrauchswert einen “formalen Gebrauchswert” erhält, “der aus ihren spezifischen gesellschaftlichen Funktionen entspringt” (104). Verstehen wir dies richtig: im Geld – und zunächst nur im Geld – wird ein prinzipiell unmenschliches Verhältnis dinglich (wobei ‚unmenschlich‘ hier nicht im moralischen Sinne gemeint ist: die Vokabel soll lediglich ausdrucken, daß es sich um ein Verhältnis handelt, das sich hinter dem Rücken der Individuen herausbildet, nicht aber, wie die idealistische Verkehrung der Fetischismustheorie lautet, um ein Verhältnis von Personen, das nur in dinglicher Form erscheint). Der Wert erscheint an einem bestimmten Gebrauchswert und verändert diesen dadurch total. Der Gebrauchswert der Geldware wird normalisiert, d. h. dem Wert angepaßt; seine Naturalform wird zum Medium, vermittels dessen sich das abstrakte gesellschaftliche Verhältnis verkörpern kann; und umgekehrt können die verschiedenen besonderen Bewohner der Warenwelt ihre Empirizität gerade deshalb bewahren, weil ihr Zusammenhang jetzt außer ihnen, in der daseienden Abstraktion des Geldes, reale Gestalt angenommen hat Sie können als Gebrauchswerte fungieren, weil ihr eigenes, gesellschaftliches Moment in veräußerlichter Form existiert.

Auch in dieser Dualität von empirischer Warenwelt und transzendentalem Horizont, auf den sich die Besonderheiten beziehen müssen, dominiert noch, wie leicht einzusehen ist, die Empirizität. Jede Bewegung W-G-W geht aus und verlöscht wieder in einem Gebrauchswert, jede “Transsubstantiation” (122) der Produkte in Werte bleibt an die überdeterminierende Produktion gebunden. Nicht der Wert, sondern die Arbeit ist das wahre Zentrum. Das ändert sich erst mit der Ausbildung der dritten Bestimmung des Geldes, in der das Geld nicht mehr nur als Maß der Werte und Zirkulationsmittel fungiert, sondern als ‚Geld‘ (143). Als Zahlungsmittel löst sich das Geld aus seiner bloßen Vermittlerfunktion und wird zum Selbstzweck (150). Damit ist der Grund für die Entwicklung von W-G-W zu G-W-G gegeben. Der im Geld realisierte Wert tauscht sich gegen wirkliche Ware und tritt als diese Ware aus der Zirkulation heraus, ohne damit aber wie zuvor zu verschwinden. Im Gegenteil: er erhält und vermehrt sich, und dies aus dem Grund, weil er sich nunmehr nicht mehr nur gegen vergegenständlichte Arbeit austauscht, sondern gegen das lebendige Arbeitsvermögen selbst. Damit beginnt ein Strukturwandel des Wertverhältnisses, dessen Folgen noch immer nicht völlig abzusehen sind. Während der Wert sich auf der Ebene des Geldes der Produktion gegenüber als ein starres Ding verhielt, wird er nunmehr zu einem Prozeß, zu einem übergreifenden Subjekt, das die besonderen Waren nicht mehr bloß ‚transformiert‘, mit einer neuen ‚Gegenständlichkeitsform‘ versieht (Lukács) – er wird vielmehr selbst produktiv, erweitert im Prozeß der Verdinglichung seine dingliche Basis. Der Wert ist nicht mehr nur Geld, sondern tendenziell die Gesamtheit des Seienden.

Marx beschreibt diese Erweiterung der ‚ontologischen Basis‘ des Werts in dem Abschnitt über die Produktionsmethoden des relativen Mehrwerts. Vermittelt durch die unentbehrliche Aktivität seiner Charaktermaske – des Kapitalisten – verhält sich der Wert zunächst subjektiv, als gewalttätiger Klassenwille. Er unterwirft die vereinzelten und von ihren Produktionsmitteln entblößten Produzenten seinem ‚Plan‘, seiner ‚Despotie‘ (377), indem er den Arbeitsprozeß nach einer “a priori und planmäßig befolgte(n) Regel” neu strukturiert (ebda.). Da er dabei jedoch, als nur subjektiver Klassenwille, beständig mit der Insubordination der noch keineswegs gänzlich domestizierten Arbeiterschaft zu ringen hat, treibt er weiter zu einer entwickelteren Gestalt. In einer monströsen “Metamorphose” (484) verwandelt sich das Kapital mit dem Übergang von Manufaktur zu großer Industrie in einen “objektiven Produktionsmechanismus, den der Arbeiter als fertige materielle Produktionsbedingung vorfindet” (407). Durch die bewußte Anwendung der Naturwissenschaft als der ideellen Bewegungsform des Kapitals – nicht zufällig beschreibt Marx die kapitalistische Industrialisierung als ein gigantisches ‚Experiment‘ auf Kosten des Arbeiters (481) – erzwingt das Kapital eine “Revolution in den gegenständlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses” (343). Die Empirizität der Produktion, in der der Wert bislang seine Grenze hatte, wird aufgehoben. Das Arbeitsmittel, das in der handwerklichen Produktion noch verbindende Mitte zwischen dem zwecksetzenden Willen des Produzenten und der Natur war, wird ‚sozialisiert‘, d. h. von seiner besonderen Erfahrungsbindung an das Subjekt der Arbeit abgelöst und in die “materielle Existenzweise des Kapitals” verwandelt (407, 451). Die Produzenten selbst werden ihres Arbeitsverstandes und ihrer körperlich-sinnlichen Qualitäten beraubt und zu “bloße(n) Maschinen zur Fabrikation von Mehrwert” (422) erniedrigt, bis sie in der Tat jenen ‚toten Fröschen‘ gleichen, an denen die Anatomie ihre ‚experimenta in corpore vili‘ vollzieht (481). Virtuell waren die Proletarier nie die Totengräber des Kapitals, sondern immer schon die Leiche, aus deren Teilen das Kapital in einer grausigen Operation jene ‚halben Idioten‘ fertigte, deren es bedurfte; der Mythos von Frankenstein ist nicht zufällig in den Anfängen des Industrialisierungsprozesses entstanden.

Mit einer Logik, deren zwingender Charakter Marx mitunter erschrocken vor der eigenen Darstellung zurückweichen läßt, verweisen alle Befunde des Abschnitts über die Produktionsmethoden des relativen Mehrwerts darauf, daß das Kapital seine eigenen Produktivkräfte, und nicht die der gebrauchswertproduzierenden Arbeit entfaltet. Statt lediglich technischen Imperativen zu gehorchen, wie Wolf Wagner mit seiner Unterscheidung von ‚Mechanisierung‘ und ‚Rationalisierung‘ unterstellt, folgt die Maschinisierung insgesamt einer spezifischen Klassenlogik, die darauf hinausläuft, alle unmittelbaren Gebrauchswertformen zu zerschlagen und deren Vermittlung nicht mehr naturwüchsig-individuell, sondern industriell-allgemein herzustellen. Als das “machtvollste Kriegsmittel zur Niederschlagung der periodischen Arbeiteraufstände, strikes usw. wider die Autokratie des Kapitals” (459), vollendet die Maschinerie die Unterwerfung der Arbeit, indem sie dem Gesamtmechanismus der kapitalistischen Produktion ein von den Produzenten unabhängiges ‚objektives Skelett‘ (389) verschafft, das die Arbeiter zwingt, “mit der Regelmäßigkeit eines Maschinenteils zu wirken” (370). Durch die “Übertragung des eigentlichen Werkzeugs vom Menschen auf einen Mechanismus”, ein “System der Maschinerie”, einen “großen Automaten” (394-401), erhält das entfremdete gesellschaftliche Verhältnis eine “seiner eignen Produktionsweise entsprechende neue Basis” (403): es erhält sich nicht mehr nur im Gegensatz zur Arbeit, zur Produktion, sondern in der Produktion selbst.

Wenn diese These einer fortschreitenden Objektivierung des Wertverhältnisses zutrifft – sie wäre in einer präzisen Analyse des inneren Zusammenhangs von neuzeitlich-experimenteller Wissenschaft und Kapital zu erhärten –, bedürfte es nicht mehr des Rückgriffs auf subjektive Herrschaftsmechanismen, wie er Pohrts Argumentation, trotz vieler vorsichtiger Einschränkungen und Zurücknahmen (vgl. besonders S. 200 ff.) zugrundeliegt. Nicht weil das Kapital als generalkartellsmäßig organisiertes Klassensubjekt seine Untertanen via politischem Diktat zwänge, fortan Tauschwerte zu konsumieren, wäre die bürgerliche Gesellschaft ‚eindimensional‘ geworden. Sondern weil durch das Technischwerden des Werts die klassische, die Bedingung der Möglichkeit der Revolution verbürgende Konstellation aufgehoben wäre: aus einem Widerspruch zweier, einander ausschließender gesellschaftlicher Organisationsprinzipien, wie sie sich in Gebrauchswert und Tauschwert manifestieren, wäre eine innersystemische Differenzierung geworden, die zwar noch Konfliktpotential genug, nicht aber mehr die .Bildungselemente einer neuen Gesellschaft' enthielte. Während sich der Gebrauchswert in den vorindustriellen Epochen der ökonomischen Formbestimmung nicht restlos fügte, beginnt mit der Maschinisierung eine Form desselben dominant zu werden, die ‚Gebrauchswert‘ nur noch bezüglich der abstrakten Gesellschaft – dem Kapital – besitzt. Die Einverleibung der – zwar niemals nur rein natürlichen, sondern stets gesellschaftlich vermittelten – gebrauchswertproduzierenden Arbeit in ein auf eigener Grundlage funktionierendes kapitalistisches System hat zur Folge, daß der Wert selbst zum eigentlichen Produzenten wird, der Gebrauchswerte nur mehr in bezug auf sich selbst hervorbringt. Der Gebrauchswert wird nicht zerstört, er wird integriert, verliert seine Beziehung auf jene noch-nicht-ganz-kapitalisierten Bedürfnisse, die einmal die Utopie einer andersartigen Organisation der gesellschaftlichen Verhältnisse in sich schlössen, inzwischen aber unter der anwachsenden organischen Zusammensetzung der Produktion und der Produzenten erstickt sind.

Wollte man es in den Begriffen der Philosophiegeschichte formulieren, so wäre zu konstatieren, daß die kantische Ontologiekritik von der Entwicklung überholt worden ist. Der Wert, eine abgeleitete Abstraktion, hat sich absolut gesetzt, sich aus einem Gesetzten in ein Setzendes, eine primäre Entität verwandelt, deren Begriff bereits ihr Dasein enthält: solchermaßen Horkheimers Einsicht realisierend, daß die Identität von Ideal und Wirklichkeit gleichbedeutend ist mit der universalen Ausbeutung (Max Horkheimer, Autoritärer Staat). Am Ende hätte der Idealismus mit seiner Hypostasierung des Abstrakten recht behalten und die materialistische Kritik ihre Einspruchsinstanz gegen die Verdinglichung verloren. Die Anzeichen dafür jedenfalls, daß sie ihre Kritik an den erstarrten Strukturen nur noch aus der Perspektive einer immer fahler werdenden Erinnerung vorzubringen vermag, sind unübersehbar.

Aus: Ders., Aspekte totaler Vergesellschaftung, Freiburg: ça ira 1985, S. 275 – 283

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