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Pannekoeks Analyse der Russischen Revolution

Cajo Brendel

Pannekoek gelangte zu seiner endgültigen Einschätzung der Gewerkschaften und des Parlamentarismus, indem er die gesellschaftlichen Veränderungen innerhalb des kapitalistischen Systems und auch die Wandlungen des Arbeiterkampfs sehr genau beobachtete. So war es ihm möglich, den Stellenwert einzelner Ereignisse im Zusammenhang dieser gesellschaftlichen Entwicklung zu sehen und zu interpretieren. Und so kam er auch zu seiner Einschätzung des Bolschewismus. Der Bolschewismus stellt nach Pannekoek die Lösung der Probleme der russischen Revolution dar. Mit dem Marxismus – der theoretischen Zusammenfassung der Klassenkampferfahrungen der Arbeiter in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern – habe er jedoch außer einem oberflächlichen Wortgebrauch nichts gemein, weil es sich bei dieser Revolution nicht um eine proletarische, sondern um eine bürgerliche gehandelt habe.

Selbstverständlich hat es längere Zeit gedauert, bis Pannekoek zu dieser Bestimmung der russischen Revolution kommen konnte. Die Systematisierung der sozialen Erscheinungen ist erst dann möglich, wenn eine Fülle empirischen Materials zur Verfügung steht. Ein “wilder Streik” als Ausnahmeerscheinung oder eine Arbeiteraktion, die durch die Gewerkschaften abgewürgt wird, sagen noch nichts über die Beziehungen zwischen den Gewerkschaften und den Arbeitern oder über das Verhältnis der Gewerkschaften zur bürgerlichen Ordnung aus. Erst wenn die Aktionen der Arbeiter immer wieder durch die Gewerkschaften boykottiert werden, erst wenn der inoffizielle Streik die Regel wird, wenn der durch die Gewerkschaften ausgerufene zur Ausnahme wird – mit anderen Worten: erst dann, wenn sich bestimmte Regelmäßigkeiten herausbilden, können Schlußfolgerungen gezogen werden. So mußte es erst eine bolschewistische Praxis geben, bevor die Möglichkeit bestand, den gesellschaftlichen Charakter des Bolschewismus zu durchschauen.

Als Lenin 1920 gegen die Auffassungen Pannekoeks und Gorters polemisierte, hielt er es für “ein Wunder”, daß die beiden “den Bolschewismus nicht entschieden verurteilen” [ 1 ]. Rückblickend mag dieser Satz geradezu prophetisch anmuten. Das ist er aber nicht, weil es sich dabei lediglich um einen Sarkasmus handelt, und weil Lenin sich weder des grundsätzlichen Gegensatzes zu Pannekoek noch dessen zwischen Bolschewismus und Marxismus bewußt ist. Auch Pannekoek hatte 1920 noch kein Bewußtsein davon, weil es ihm an Erfahrungswerten fehlte.

Lenins Schrift “Materialismus und Empiriokritizismus” zum Beispiel, in der er sich mit den philosophischen Grundlagen des Bolschewismus beschäftigt, erschien in Rußland 1909 zum ersten Mal, stand in der deutschen und englischen Übersetzung jedoch erst 1927 zur Verfügung. “Hätten westliche Marxisten”, sagt Pannekoek, “dieses Buch und die Ideen Lenins 1918 gekannt, sie hätten sich bestimmt kritischer gegenüber der von ihm empfohlenen Taktik der Weltrevolution verhalten.” [ 2 ]

Pannekoek drückt sich vorsichtig aus, wenn er von “kritischerem” Verhalten spricht. Daß die Kenntnis dieses Werks 1918 schon zu der gleichen Beurteilung geführt hätte, wie er sie 1938 gab, ist zu bezweifeln, um nicht zu sagen unwahrscheinlich. Im allgemeinen lassen erst die organisatorischen Trennungen die theoretischen Gegensätze, die latent immer schon bestanden haben, deutlich werden. Erst dann können die Konsequenzen gezogen werden, die zuvor vermieden wurden, um die gemeinsame Arbeit nicht zu gefährden. In dieser Weise argumentierte auch Pannekoek, als er auf den Vorwurf Henriette Roland einging, er habe nach der definitiven Spaltung der KAPD von der Dritten Internationale versucht, den Gegensatz noch zu verschärfen. [ 3 ]

Pannekoek hegte nicht von vornherein theoretische Einwände gegen den Bolschewismus. Es war vielmehr die Erfahrung der untauglichen Praxis der Bolschewiki, die Pannekoek auch zu einer theoretischen Ablehnung kommen ließ.

Die Tatsache, daß sich Pannekoek 1920 im selben “Lager” wie Lenin befand, ist durchaus nicht “erstaunlich”. Pannekoek hatte sich dieser Fraktion nicht angeschlossen, sondern er gehörte zu diesem Zeitpunkt längst – wie Lenin – demselben radikalen Flügel der internationalen Sozialdemokratie an. Aus dieser Fraktion ging nach 1914, nach dem Bankrott des Reformismus beim Ausbruch des imperialistischen Krieges die neue, sich “kommunistisch” nennende Internationale hervor. Zu dieser neuen Internationale geriet Pannekoek in Gegensatz, als sich herausstellte, daß diese Organisation mit den alten Methoden, die längst der Vergangenheit angehörten, nicht gebrochen hatte; als sich zeigte, daß sie in bezug auf den Parlamentarismus und die Gewerkschaften die gleiche Politik betrieb, aus Gründen, die Pannekoek als “kommunistischen Opportunismus” kennzeichnete.

Es kam den Bolschewiki in diesen Jahren vornehmlich darauf an, innerhalb kürzester Zeit riesige Parteien zu formieren, die – wie sie es sich dachten – die Massen zur “Revolution führen” würden; das heißt zu einem Staatsstreich, der das bestehende Regime abschaffen und die Parteizentrale an die Macht bringen würde, oder nötigenfalls, wie Heinrich Brandler es später vor einem deutschen Gericht erläuterte [ 4 ], die Bildung einer neuen Regierung auf der Grundlage der bestehenden Verfassung ermöglichte. Diese Parteien nahmen riskierten es gerne, ein paar tausend Mitglieder mit radikalen Auffassungen zu verlieren, wenn sie dadurch die politische Kundschaft von Millionen erwerben konnten: die der Arbeiter, aber auch die der Kleinbürger, Geschäftsleute und Bauern. Denn es handelte sich bei dem, was die Bolschewiki mit ihrer “Revolution” beabsichtigten, gar nicht mehr um den sozialen Umsturz, nicht um den Klassenkampf, nicht um die Massenaktion, wie sie sich in Wirklichkeit entwickelte, sondern um die Bildung mehr oder weniger mit Moskau sympathisierender Regierungen.

Um dieses Ziel zu erreichen, versuchten die Bolschewiki 1920 – nicht ohne Erfolg – die bestehenden Parteien der unabhängigen Sozialdemokratie, wie die 1917 in Deutschland gegründete USPD, für sich zu vereinnahmen. Das geschah durch die künstliche Heraufbeschwörung einer Spaltung, bei der ein Teil der USPD zur offiziellen Sozialdemokratie zurückkehrte, ein anderer Teil sich aber den Bolschewiki zuwandte. Das bedeutete formal die völlige Unterwerfung der USPD unter die bolschewistische Zentrale; diese Unterwerfung fand faktisch aber erst statt, als sich letztere – mit dem Ziel, “die Massen zu erobern” – schließlich ganz auf der ideologischen Linie der USPD befand. Die entscheidenden Ereignisse fanden 1920auf dem Parteitag in Halle statt. Sinowjew persönlich, der Vorsitzende der Dritten Internationale, erschien auf diesem Parteitag, um mit einer vierstündigen Rede auch diejenigen, die dem Bolschewismus noch kritisch gegenüberstanden, auf die Linie zu bringen.

In einer Broschüre griff Gorter den “kommunistischen Opportunismus” der holländischen Bolschewiki an. [ 5 ] Die Zugehörigkeit zur Dritten Internationale wurde durch die Unterschrift unter die 21 Bedingungen erkauft. Diese Aufnahmebedingungen zeigen, daß es nur um die Schaffung eines Massenanhangs, ganz gleich welcher Art., ging. Wer unterschrieb, der wurde aufgenommen, auch dann, wenn er ein parlamentarischer Patriot war wie zum Beispiel der Franzose Marcel Cachin.

Nachdem die Mehrheit der USPD die 21 Bedingungen akzeptiert hatte, entstand die Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands, die VKPD. In der Hoffnung, so zu revolutionärem Ruhm zu kommen, ließ sich die Parteiführung im März 1921 zu einem putschistischen Abenteuer verleiten, womit sie sich eine niederschmetternde Niederlage einhandelte, die ihre Substanzlosigkeit deutlich werden ließ.

Von diesem Zeitpunkt an erstrebte die Dritte Internationale eine Einheitsfront mit der Sozialdemokratie; sie erstrebte mit anderen Worten eine Verbindung mit jenen Leuten und Parteien, deren “Betrug” oder “Verrat” – wie es im leninistischen Jargon heißt – ihren eigentlichen Existenzgrund bildete. Es ist dieser Zickzackkurs, der dazu führte, daß der Weg der Dritten Internationale in einer der Schriften der KAPD als “eine Wanderung ins Nichts” charakterisiert wurde.

Gorter hat den Begriff des “kommunistischen Opportunismus” wahrscheinlich am besten erläutert: Nach den Putschabenteuern der VKPD im März 1921 zieht er die Bilanz in “De Nieuwe Tijd” in einer Nachschrift zu seinem berühmten “Offenen Brief an den Parteigenossen Lenin”: “Sie wollten die Massen sammeln in Partei und Gewerkschaften. ... Sie wollten ihnen andere Führer geben. .... Sie wollten die Diktatur der Partei. .... Sie machten Führerpolitik .... Sie wollten den Parlamentarismus .... Sie wollten gesetzliche Betriebsräte. Sie haben diese den deutschen Arbeitern empfohlen, aufgedrängt sogar ... und gerade diese gesetzlichen Organisationen haben die revolutionäre Aktion im Stich gelassen und verraten...” [ 6 ]

Pannekoek beschränkt sich nicht darauf, diesen “kommunistischen Opportunismus” zu beschreiben, er will ihn verstehen, er will seine Entstehungsbedingungen erkennen. Je weiter er in dieser Arbeit voranschreitet, desto häufiger revidierte er seine Auffassungen; nicht nur über diese Form des Opportunismus, sondern auch über den Bolschewismus.

Anfänglich sahen Gorter und Pannekoek in dem, was sie dann “kommunistischen Opportunismus” genannt haben, eine “falsche Taktik”, einen Fehler hinsichtlich der Einschätzung der nur ungenügend bekannten Situation im Westen seitens der russischen Führer der Dritten Internationale. Ihrer Meinung nach handelte es sich dabei um eine Verallgemeinerung der russischen Erfahrungen, um eine Projektion dessen, was als “richtig” erkannt wurde, auf europäische Verhältnisse. [ 7 ] Einen anderen Grund für die opportunistische Taktik sahen sie in den Schwierigkeiten, die in Rußland selbst bestanden, in der wirtschaftlichen Lage, in seinem Friedensbedürfnis, in der Tatsache, daß es sich nur behaupten konnte, wenn es zu einem wirklichen Machtfaktor werden würde. [ 8 ] Selbstverständlich wußte Pannekoek bei all dem, daß die Erklärung der “falschen” russischen Taktik in den Problemen der russischen Revolution zu suchen ist, deren Charakter er nach einigen Irrtümern sehr schnell durchschaut hatte.

Der erste Aufsatz, in dem Pannekoek sich beiläufig auch mit der russischen Revolution beschäftigte – es handelte sich um Bemerkungen zur Weltlage –, erschien nur wenige Wochen nach ihrem Ausbruch (im Februar 1917 nach dem russischen, im März 1917 nach dem westeuropäischen Kalender). Er bezeichnet sie dort als eine “Volksbewegung, in der viele Klassenbewegungen und Oppositionen, zum Teil mit-, zum Teil gegeneinander zusammenkommen.” Rußland war zu diesem Zeitpunkt, seiner Einschätzung nach, das Land, das für den Sozialismus “am wenigsten reif” war. [ 9 ]

Schon im Sommer 1917 verfaßte er eine viel gründlichere und ausführlichere Analyse dieser Ereignisse. [ 10 ] Trotz der schlechten Verbindungen im Krieg und obgleich ihm nicht sehr viel Tatsachenmaterial zur Verfügung stand, war es ihm doch möglich, sich ein Bild von dem wahren Charakter des nun in Rußland herrschenden Regimes zu machen. So erkennt er zum Beispiel sehr schnell die Scheinhaftigkeit der Auseinandersetzung zwischen dem General Kornilow, der im August einen konterrevolutionären Staatsstreich versuchte, auf der einen Seite, und der Regierung Kerenski auf der anderen, die sich diesem Angriff vorgeblich widersetzte. Pannekoek schreibt, daß beide, sowohl der durch die Umwälzung hochgekommene Kerenski als auch der dagegen konspirierende General, im Grunde das gleiche Ziel haben, nämlich die Revolution in eine Sackgasse zu führen. Diese Behauptung wurde später von Trotzki bestätigt. [ 11 ]

Pannekoek kommt, ausgehend von der Situation, wie sie durch die Politik Kerenskis und durch das Kornilowabenteuer geschaffen worden war, zu der Schlußfolgerung, daß die russische (Februar-) Revolution “nur auf eine Weise gerettet werden” könne: dadurch nämlich, “daß in einem kräftigen Aufstand die Regierung des Betrugs und der Reaktion davongejagt und alle revolutionären Kraft im Lande entfesselt” würde. [ 12 ] Damit prognostiziert Pannekoek das, was später unter der Bezeichnung “Oktoberrevolution” in die Geschichte einging, das heißt die nächste Etappe dieses Umwälzungsprozesses.

Es muß betont werden, daß die Pannekoeksche Kritik an den Bolschewiki nichts mit der Politik der Menschewiki zu tun hat. Deren Meinung zufolge sollte in einem Land mit überwiegend bäuerlicher Bevölkerung und einer sehr rückständigen kapitalistischen Entwicklung, in dem daher nur eine bürgerliche Revolution möglich sei, vorläufig auch die Bourgeoisie regieren. Ihr Angriff richtet sich daher gegen die These der Bolschewiki, die bürgerliche Revolution könne in Rußland, infolge der besonderen Umstände, nur vom Proletariat (zusammen mit den armen Bauern) durchgeführt werden.

Hinsichtlich Rußlands “Reife” für den Sozialismus ist Pannekoek ebenso wie die Menschewiki skeptisch, wenngleich er den Begriff der Reife nicht so statisch faßt wie diese. [ 13 ] Er beschuldigt die menschewistischen Führer einer “quasi-marxistischen Dogmatik”. [ 14 ] Pannekoek versucht nicht, die gesellschaftliche Realität in ein Interpretationsschema zu pressen. Er, der die sozialen Gesetzmäßigkeiten immer aus den realen Ereignissen ableitete, hatte gewiß nicht die Absicht, der russischen Revolution gleichsam ihren Weg vorzuschreiben. Die Wahl allerdings zwischen der Position der Menschewiki und der der Bolschewiki war für ihn keine akzeptable Alternative.

Als am 7. und 8. November 1917 die Arbeiter und Soldaten von Petrograd die Kerenski-Regierung vertrieben – Pannekoek erwähnt dieses Ereignis in einem Nachwort zu dem oben erwähnten Aufsatz [ 15 ], begrüßt er zwar die “siegenden russischen Genossen als unsere tapferen Vorkämpfer auf dem Wege zum Sozialismus”; er zeigt sich aber auch sehr reserviert, wenn er nachdrücklich einerseits von der russischen Revolution, anderseits jedoch von der europäischen proletarischen (Hervorhebung C.B.) Revolution spricht. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die Schwierigkeiten, welche die Bolschewiki zu erwarten hätten, Schwierigkeiten, die langfristig “auf den überwiegend agrarischen Charakter zurückgeführt” werden müßten. Es stellt sich schon sehr bald heraus, daß Pannekoek nicht ohne weiteres bereit war, die russische Revolution für eine proletarische zu halten. Die bloße Tatsache, daß die Bolschewiki im Oktober 1917 als radikalster Flügel der Sozialdemokratie infolge der Logik der Ereignisse die Macht erobert hatten, reichte ihm nicht aus. Diese Skepsis lief natürlich dem Selbstverständnis der Bolschewiki zuwider.

In seiner “Geschichte der russischen Revolution” zitiert Trotzki zustimmend die Aussage eines gewissen Olminski: “Wir, oder viele von uns, hielten unbewußt den Kurs auf die proletarische Revolution, während wir vermeinten, den Kurs auf die bürgerlich-demokratische Revolution zu halten. Mit anderen Worten, wir bereiteten den Oktober vor, während wir glaubten die Februarrevolution vorzubereiten.” [ 16 ] Das Gegenteil war der Fall. Es war die Illusion der Bolschewiki, daß sie glaubten, im Oktober 1917 die Arbeiterrevolution begonnen zu haben. Tatsächlich aber schrieben sie das letzte Kapitel des historischen Dramas der Februarereignisse; so wie die französische Revolution 1848 einen gesellschaftlichen Umwälzungsprozeß beschloß, der 1789 mit dem Sturm auf die Bastille angefangen hatte.

Sicher ist, daß im Oktober 1917 das russische Proletariat – ebenso wie 1848 die Arbeiterklasse in Frankreich – die politische Bühne betrat. Sicher hatten die revolutionären Aktionen der russischen Arbeiter, insofern sie selbständig handelnd auftraten, eine proletarische Tendenz. Ebenso sicher aber wurde gerade diese von der allgemeinen Entwicklungslinie der russischen Revolution abweichende Tendenz von den russischen Bolschewiki unterdrückt. Gleichzeitig gaben sie vor, daß ihre Herrschaft die historischen Interessen des Proletariats vertrete – vergleichbar der französischen Revolutionsregierung von 1848, die sich den Arbeitern als die “soziale Republik” präsentierte. Das russische Proletariat war 1917 noch nicht stark genug, um die weitere Entwicklung gemäß ihrer eigenen Interessen zu bestimmen.

Wenn Pannekoek etwa anderthalb Jahre nach der Oktoberrevolution schreibt, daß sich in Rußland “die Macht in den Händen der proletarischen Klasse” [ 17 ] befände, so wird deutlich, welchen Schwankungen seine Auffassungen zu dieser Zeit unterworfen sind. Von einer gradlinigen Entwicklung kann keine Rede sein. Einige Zeit darauf erklärte er [ 18 ], daß “in Rußland der Kommunismus schon zwei Jahre Tat und Praxis” sei. Da er vorsichtiger formuliert als viele andere, fügt er hinzu, “diese Praxis” ändere nur “die Richtung der Bewegung, durch welche ... die Gesellschaft im Laufe eines schweren und anstrengenden Entwicklungsprozesses dem Kommunismus” zuwachse. [ 19 ]

In diesem Aufsatz spricht er auch von “der Bedeutung der Gewerkschaften für den russischen Aufbau” [ 20 ]. Das beweist nicht nur, daß sein Standpunkt hinsichtlich der Gewerkschaften noch nicht wirklich geklärt war; es zeigt auch, inwieweit seine endgültige Einschätzung dieser Organisation sein kritisches Verhalten der russischen Politik gegenüber stimuliert hat. Im Denken Pannekoek erscheint der Zusammenhang der Dinge, die auch in der Wirklichkeit nicht voneinander zu trennen sind. Dazu sei hier noch gesagt, daß die Gewerkschaften in der Tat für den Aufbau Rußlands von Bedeutung waren, gerade weil es sich hier nicht um einen Aufbau des Sozialismus handelte und die Sowjets – die Arbeiterräte – längst entmachtet worden waren. Auf diese aber sind die Worte Pannekoeks zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu verstehen.

Zwar berichtet Pannekoek auch im Jahre 1919 schon sehr realistisch über die in Rußland anstehenden “Schwierigkeiten, da die Arbeiter vielfach den Anweisungen der Führer nicht gehorchen” würden. [ 21 ] Aber er zieht daraus noch keine Schlußfolgerungen. Wenn er feststellt, daß “die Novemberrevolution von 1917 in Rußland erst das habe leisten müssen, was die Revolution von 1789 in Frankreich vollendet” habe [ 22 ], so wird hier schon ansatzweise seine spätere Auffassung deutlich. Aber solche Sätze haben noch keine Konsequenz, was wohl daran liegen mag, daß er zunächst selbst von dem Ereignis der Oktoberrevolution stark beeindruckt war.

In demselben Jahr 1919 bezeichnet er Rußland als einen, “sozialistischen Staat” [ 23 ] und war der Meinung, daß von Rußland eine stimulierende Kraft auf die Arbeiter aller Länder” ausginge. [ 24 ] In solchen Sätzen ist von der Kritik am “kommunistischen Opportunismus” noch nicht sehr viel zu spüren. Aber schon kurze Zeit nach der Veröffentlichung dieses Aufsatzes standen in Deutschland die schon erwähnten Taktikfragen zur Diskussion. An dieser Diskussion beteiligte sich Pannekoek mit seinen Beiträgen in “De Nieuwe Tijd”.

In seinem wichtigen Aufsatz über “Weltrevolution und kommunistische Taktik”, den Pannekoek 1920 verfaßte, greift er die Übertragung der bolschewistischen Kampfmethoden auf westeuropäische Verhältnisse an; und in einem Artikel, in dem er “eine Frontveränderung in der russischen KP selbst” feststellt, erklärt er, daß “die Ursache” dafür “nicht schwer aufzufinden” sei. “Die russische Sowjetrepublik” brauche “dringlich Frieden und Handel mit den kapitalistischen Ländern der Entente” [ 25 ].

Schon ein Jahr später wird seine Kritik an dieser Politik deutlicher. Es war ihm nicht verborgen geblieben, daß “die Politik und die Taktik der Dritten Internationale eng verknüpft” war “mit der Staatspolitik der Sowjetrepublik”, die “mit den kapitalistischen Staaten Handel” treibe “und den kapitalistischen Unternehmungen große Konzessionen” gewähre, “um das russische Wirtschaftsleben wieder herzustellen.” Diese Phänomene seien wesentlich eine Folge davon, daß sich in Rußland die ökonomische Basis verändert habe. [ 26 ] Kurz darauf schreibt er: “Die im Frühling (1921) verfolgte neue Politik der Sowjetregierung zielte darauf ab, das Produktions- und Transportsystem auszubessern durch die Einführung des Staatskapitalismus.” [ 27 ]

Henriette Roland Holst, die in jener Zeit mit Pannekoek in der Redaktion der “Nieuwe Tijd” war, sah sich dadurch veranlaßt, ihn des “.neuesten Angriffs auf Sowjetrußland” zu beschuldigen und ihn des Wechsels seiner Position zu bezichtigen. Pannekoek gibt in seiner Antwort zwar zu, bestimmte Ansichten revidiert zu haben, er sagt aber gleichzeitig, daß er mit dieser Kritik seiner früheren Auffassung nicht prinzipiell widerspreche. Es gäbe “Illusionen, die aufgegeben werden müßten”, dennoch seien seine politischen Einsichten “auch nach dieser neuen Entwicklung wesentlich unverletzt” geblieben. [ 28 ]

Unverändert war seine Gesellschaftsauffassung geblieben, die Methode, mit deren Hilfe er die sozialen Erscheinungen analysierte. Nur sind eben die Ergebnisse der Forschung nicht mehr dieselben, weil mehr und neue- wenn auch noch längst nicht genug, wie sich zeigen wird – Informationen zur Verfügung standen.

Der Standpunkt, den Pannekoek und Gorter um die Mitte des Jahres 1921 vertraten, läßt sich in folgender These zusammenfassen: “Die russische Revolution war nur zum Schein eine proletarisch-kommunistische, in Wirklichkeit zum übergroßen Teil eine bäuerlich-demokratische” [ 29 ]. Ihrer Meinung nach waren es die riesigen Bauernmassen, die den Verlauf der russischen Umwälzung bestimmten, indem sie aufgrund ihrer Macht die bolschewistische Regierung immer wieder zu Konzessionen zwangen und schließlich auf den staatskapitalistischen Kurs drängten.

Über das Resultat dieses Prozesses, der, wie Gorter schreibt, “im Gang ist und sich ohne Zweifel fortsetzen wird”, bestanden bei ihm und Pannekoek keine Unsicherheiten. Aber noch immer betrachteten sie die Bolschewiki als Kommunisten, Kommunisten, die sich in einer kläglichen Zwangslagen befanden und durch diese zu einer “falschen Taktik genötigt wurden”; Kommunisten, die sich – wie Pannekoek schon 1919 schrieb [ 30 ] –, “zur Erfüllung einer Aufgabe anschicken, die ihnen von den Umständen auferlegt worden ist”. Pannekoek und Gorter begingen damals den gleichen Fehler, den auch die Bolschewiki machten, als sie während des ersten Weltkrieges wiederholt einen Mann wie Pannekoek in den eigenen Reihen vermuteten. [ 31 ]

Obgleich Pannekoek und Gorter ihre zunächst vorsichtige Kritik in diesen Jahren schärfer und lauter werden ließen – eine Kritik, die ja nicht nur von ihnen selbst, sondern auch von den revolutionären Arbeitern in Deutschland zum ersten Mal geäußert wurde –, so gibt es doch noch viele Beweise für ihr immer noch freundschaftliches Verhältnis den Bolschewiki gegenüber. Gorters “Offener Brief an Lenin” sowie sein Aufsatz über die deutsche Märzbewegung sind Beispiele dafür. Ihre Stellung zu Rußland, die aus diesen Schriften klar hervorgeht, war mit der der KAPD identisch. Es versteht sich, daß die Partei Klage gegen ihren Ausschluß aus der Dritten Internationale erhob, zumal gleichzeitig die Opportunisten und Parlamentarier in Halle, in Tours, in Livorno und in Leeds von Moskau mit offenen Armen empfangen wurden. Der Grund für diese Klage lag natürlich darin, daß die KAPD, ihrem Selbstverständnis zufolge, in die Reihen der “kommunistischen” Weltorganisation gehörte, die Tendenz dieser Klage geht dahin, daß Moskau seinen besten Freunden den Eintritt verweigerte. Diesen Tenor haben auch die Äußerungen Gorters.

Pannekoek stellt fest, daß die KAPD zwar “ihre eigenen scharf umrissenen Prinzipien und ihre eigene Taktik entwickelt” habe, die “der von Radek für die KPD aufgestellten und für die ganze Dritte Internationale als offizielle Grundlage proklamierten Taktik gegenüber” stehen – dieser Gegensatz sei schließlich auch der Grund dafür, “daß die KAPD vor dem Tore” bliebe; er sagt aber auch, es handle sich um eine “Naturwidrigkeit”, wenn “die Dritte Internationale eine Partei aus ihren Reihen” verweise, die, wie jedermann wisse, “aus überzeugten Kommunisten” bestehe “und bereits wiederholt gezeigt” habe, daß sie “im Kampf für den Kommunismus in vorderster Linie” stehe. Weiter unten heißt es dann, die Dritte Internationale könne keinen Anspruch darauf erheben “die Organisation des Weltkommunismus” zu sein, “solange die radikalste, konsequenteste kommunistische Partei, die sich am Opportunismus nicht beteiligen” wolle, “draußen stehen” bleibe. “Für die KAPD” bestehe daher “eine gewisse Schwierigkeit darin, daß sie die Taktik und die Methoden Moskaus bekämpfen” müsse, “zugleich aber sich mit Moskau durch das gemeinsame revolutionäre Ziel verbunden” fühle. [ 32 ]

Nach einer Rußlandreise Gorters im Herbst 1920 war Moskau bereit – ohne daß sich deshalb Taktik und Standpunkt der Komintern geändert hätten – die KAPD als “radikale Opposition” [ 33 ] zu akzeptieren. Pannekoek sah darin einen “ersten Schritt auf dem Wege”, auf dem “die Internationale einmal zu unserem (Pannekoeks und Gorters) Standpunkt kommen” würde. “Um diese erste Partei”, schreibt er in bezug auf die KAPD, “die den Weg ebnen und neue Prinzipien aufstellen mußte, kann sich international, aus allen Ländern, jene Opposition sammeln, die für eine andere Taktik der Dritten Internationale kämpft.” Diese Opposition sei “dringlich notwendig für die Internationale selbst.” [ 34 ] Derartige Aussagen sind später nicht mehr zu finden.

Pannekoeks Interpretation der verbesserten Beziehungen zwischen Moskau und der KAPD war keineswegs identisch mit der, die Moskau diesem neuen Verhältnis gab. Radek ließ im Sommer dieses Jahres, auf dem III. Kongreß der Dritten Internationale, keinen Zweifel darüber, daß dieser Wandel nur eingetreten sei, um den verlorenen Söhnen von der KAPD, “diesen irrenden Proletariern”, wie er sagte, noch einmal den Weg in die bolschewistische Heimat zu weisen. Nachdem sich aber gezeigt hatte, daß diese Rückkehr nicht stattfinden würde, erklärte Radek im Namen der Exekutive, die Gelegenheit dazu werde höchstens noch drei Monate bestehen. [ 35 ] Für Moskau gab es offensichtlich nur eine mögliche Lösung dieser Streitigkeiten; für die Bolschewiki konnte eine “Annäherung” nur in der Selbstaufgabe der KAPD bestehen, darin also, daß ihre Mitglieder sich opferfreudig dazu bereit erklärten, das moskowitische Joch zu tragen.

Die Atmosphäre auf dem Kongreß hatte nichts mehr von jener Freundlichkeit, die Gorter noch ein Jahr zuvor bei seinen Gesprächen mit Lenin verzeichnete. Man ließ die Vertreter der KAPD kaum zu Wort kommen [ 36 ]; die Diskussionen führten zu einer neuen und verschärften Spaltung der beiden Richtungen. In dieser Situation erkannten auch Pannekoek und seine Freunde, daß es sich hier keineswegs um zwei Richtungen innerhalb des Kommunismus handelte; daß der Bolschewismus nicht das war, wofür sie ihn trotz ihrer Bedenken immer noch gehalten hatten.

Entsprechende Zweifel müssen bei Gorter allerdings schon vor dem Dritten Weltkongreß bestanden haben. Pannekoek, der eine kurze Lebensskizze Gorters verfaßt hat [ 37 ], erzählt, daß dieser nach seiner Rückkehr aus Moskau gesagt habe: “Lenin sieht alles vom russischen, nicht vom Weltstandpunkt aus; er ist nicht derjenige, für den ich ihn hielt, nicht Führer [ 38 ] der Weltrevolution, sondern er ist der (George) Washington Rußlands.”

Gorter hätte ebenso von einem russischen Robespierre sprechen können. Allerdings sagte Gorter auch in seinem “Offenen Brief”, den er kurze Zeit später an Lenin richtete [ 39 ], man solle sich jener Taktik bedienen, die Lenin in den Jahren 1902 und 1903 anwandte, als er seine bolschewistische Partei gründete, eine Taktik, von der Lenin – nach Meinung Gorters – später abgewichen sei. In diesem Brief bezeichnet Gorter die Schrift Lenins über den linken Radikalismus als Kinderkrankheit des Kommunismus als dessen “erstes schlechtes Buch” [ 40 ]. Das ist eine von Gorter spontan niedergeschriebene, theoretisch unzulängliche Beurteilung.

Diese Aussagen Gorters korrigierte Pannekoek, indem er zeigte, daß das gesamte Werk Lenins – zwar nicht ebenso “schlecht”, aber doch vom gleichen Geiste war wie die Broschüre über die “Kinderkrankheiten”; und er zeigte, daß weder in dieser Broschüre noch in irgendeiner anderen Schrift Lenins die marxistische Methode angewandt worden war: daß der sogenannte “Marxismus” Lenins nichts weiter war als eine Legende. Das habe nichts zu tun mit einer “guten” oder “schlechten” Bewertung, alles aber mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, deren Produkt der Leninismus sei.

Als Pannekoek sich mit dem Leninismus beschäftigte, widmete er sich natürlich zunächst den wesentlichen Merkmalen dieser Theorie. Dadurch aber, sozusagen im Lichte der neuen Erkenntnis, bekamen auch die Details, die vielen Einzelerscheinungen eine andere Bedeutung.

Von einem solchen Vorfall soll hier die Rede sein. Als Radek 1921 in Moskau die KAPD angriff, glaubte er sie und ihre holländischen Theoretiker lächerlich machen zu können, indem er Pannekoek als einen “Astronomen, der nur nach den Sternen” schaue, bezeichnete. [ 41 ]

Wenn Radek damals auf die absolute Unwissenheit der Kongreßteilnehmer spekulierte, die von Pannekoeks umfangreicher Tätigkeit als marxistischer Theoretiker und Revolutionär nichts wußten, so war dies typisch für die Diskussionsmethoden der Bolschewiki. Doch dies sei nur am Rande erwähnt. Interessant an diesem Vorfall ist folgendes: der offizielle Vertreter der kommunistischen Internationale war offensichtlich nicht in der Lage zu erkennen, daß sich die Astronomie – weit davon entfernt, eine Art “Sternguckerei” zu sein – auf ihrem Gebiet mit einer analogen Gesetzmäßigkeit, d. h. mit dem gleichen Abstraktionsprozeß im Kopf des Menschen zu tun hat, wie der Marxismus auf dem Gebiet der Gesellschaft.

Wenn Radek glaubte, Pannekoek als einen schlechten Marxisten bezeichnen zu dürfen, weil dieser auch Astronom war, so wurde dadurch nicht nur seine Ignoranz einer Wissenschaft gegenüber evident, sondern er demonstrierte damit auch gleichzeitig, wie fremd ihm der Marxismus geblieben war.

Aus: Cajo Brendel, Anton Pannekoek ( Denker der Revolution, Freiburg (ça-ira Verlag) 2001.

Anmerkungen

[ 1 ] W. I. Lenin, “Der linke Radikalismus”, S. 55 f.
[ 2 ] Anton Pannekoek, “Lenin als Philosoph”, Frankfurt 1969 (außerdem in: Anton Pannekoek, Paul Mattick u.a., Marxistischer Anti – Leninismus, Freiburg: ça ira 1991, S. 59 – 153), hier zitiert nach der Ausgabe: “Lenin as Philosopher, A Critical Examination of the Philosophical Basis of Leninism”, New York 1948, S.75. – Es bestehen von dieser Schrift – die der verstorbene, übrigens der Sozialdemokratie angehörende holländische Marxist Sam de Wolff einmal als ein “Juwelchen” bezeichnete – verschiedene Ausgaben. Ursprünglich wurde sie 1938 in deutscher Sprache unter dem Pseudonym J. Harper von der Gruppe Internationaler Kommunisten in Amsterdam veröffentlicht. 1948 erschienen unter dem richtigen Namen des Autors eine englische und eine spanische (Santiago de Chile) Übersetzung. 1969 wurde in Frankfurt die deutsche Ausgabe – leider ohne den Untertitel – neu aufgelegt. Wir haben aus dieser Ausgabe deshalb nicht zitiert, weil der deutsche Text an dieser Stelle vom englischen Text abweicht.
[ 3 ] Anton Pannekoek, “Rußland en het Kommunisme”, in “De Nieuwe Tijd”, 192l, S. 647 f.
[ 4 ] Diese Worte Heinrich Brandlers, der damals der Vorsitzende der VKPD (Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands) war, finden sich in einer Dokumentensammlung, die unter dem Titel “Die KPD im eignen Spiegel” von der KAPD veröffentlicht wurde. Ähnliche Erklärungen, wie sie Brandler hier abgab, waren auch auf dem 1923 in Leipzig abgehaltenen Parteitag der KPD zu hören. Das kann nachgeschlagen werden in Arthur Rosenbergs “Geschichte des Bolschewismus” (Frankfurt 1966). Rosenberg, der ursprünglich der USPD angehörte, ging auf dem Parteitag in Halle zur VKPD über. Sein Buch, das zum Teil auf seinen eigenen Erfahrungen beruht, erschien kurz vor der Machtergreifung Hitlers. Rosenberg emigrierte nach England.
[ 5 ] Herman Gorter, “Het opportunisme in de Nederlandse C.P.”, ursprünglich erschienen unter dem Titel “De eenheid van het internationale Proletariaat”, “De Nieuwe Tijd”, 1920, S. 208.
[ 6 ] Herman Gorter, “De lessen van de maartbeweging, naschrift op de Open Brief aan Lenin”, “De Nieuwe Tijd”, 1921, S. 393 ff. – Es kam häufig vor, daß die Bolschewiki den Versuch machten, den Arbeitern die alten Führer, von denen sie sich gerade losgerissen hatten, wieder aufzudrängen. Diese “Führer” waren bereit gewesen, die 21 Aufnahmebedingungen zu unterschreiben. Unserer Meinung nach ist Gorters Kritik an Lenin auch in dieser Nachschrift längst nicht scharf genug.
[ 7 ] Damals schrieb Gorter an Lenin folgende Worte, ohne daß Pannekoek dagegen Einspruch erhoben hätte: “Nach meiner Ansicht sind Sie nach Marx und Engels unser erster großer Führer. Das schließt aber nicht aus, daß sie sich in bezug auf die Taktik in Westeuropa irren” (“De lessen van de maartbeweging”, “De Nieuwe Tijd”, 1921, S. 375). Ähnlich hatte er das früher in seinem “Offenen Brief” schon einmal formuliert: “Ich glaube, daß Sie die europäischen Verhältnisse nicht richtig beurteilen.” Und an anderer Stelle: “Die Taktik, die für Rußland so ausgezeichnet ist, ist hier schlecht”, oder er spricht von einer “Taktik, die für Rußland ganz richtig” gewesen sei, die aber für die “westeuropäische Revolution ganz anders” sein müsse. Er wirft Lenin vor, daß er “als Russe urteile. ... Ihre Taktik ist russisch” (“Open Brief aan Patijgenoot Lenin”, Amsterdam 1921, S. 67, 63, 71 und 72). Pannekoek schreibt in seinem Aufsatz “Die Dritte Internationale und die Weltrevolution” (“De Nieuwe Tijd”, 1920, S. 166), daß “nichts einfacher erschien, als dem russischen Beispiel nachzufolgen, daß aber die deutsche Revolution gezeigt” habe, “daß dies nicht so einfach war.”
[ 8 ] Gorter, “Open brief...”, S. 66.
[ 9 ] Anton Pannekoek, “Rußland, Duitsland, Amerika”, “De Nieuwe Tijd”, 1917, S. 229.
[ 10 ] Anton Pannekoek, “De Russische revolutie”, “De Nieuwe Tijd”, 1917 S. 438-452 und 548-560.
[ 11 ] Leo Trotzki, “Von der Oktoberrevolution bis zum Brester Friedensvertrag”, Bern 1918, S. 26.
[ 12 ] Anton Pannekoek, “De Russische Revolutie”, “De Nieuwe Tijd”, 1917, S. 559.
[ 13 ] Ebd., S. 440.
[ 14 ] Ebd., S. 440.
[ 15 ] Ebd., S. 560.
[ 16 ] L. Trotzki, “Geschichte der russischen Revolution”, in: “Februarrevolution”, Berlin 1931, S. 311.
[ 17 ] Anton Pannekoek, “Vooruitzichten”, “De Nieuwe Tijd”, 1919, S. 314.
[ 18 ] Anton Pannekoek, “De groei van het kommunisme”, “De Nieuwe Tijd”, 1919, S. 495.
[ 19 ] Ebd., S. 496.
[ 20 ] Ebd., S. 497.
[ 21 ] Ebd., S. 498.
[ 22 ] Ebd., S. 501.
[ 23 ] Anton Pannekoek, “Na twee jaren”, “De Nieuwe Tijd”, 1919, S. 684. – Ein Vergleich mit dem, was er 1912 in seiner Polemik gegen Kautsky in der “Neuen Zeit” schrieb, wo er begründet, warum der Sozialismus die “Vernichtung” des Staates bedeutet, zeigt die theoretische Schwäche dieses Textes aus dem Jahre 1919.
[ 24 ] Anton Pannekoek, “Na twee jaren”, S. 684
[ 25 ] Karl Horner, “Voor het kongreß in Moskou”, “De Nieuwe Tijd”, 1920, S. 481 ff.
[ 26 ] Anton Pannekoek, “Sovjet-Rußland en het Westeuropese kommunisme”, “De Nieuwe Tijd”, 1921, S.441.
[ 27 ] Anton Pannekoek, “Hulpaktie an klassenstrijd”, “De Nieuwe Tijd”, 1921, S, 519.
[ 28 ] Anton Pannekoek, “Rußland en het kommunisme”, S. 640 Fußnote.
[ 29 ] Herman Gorter, “De Internationale van Moskou”, “De Nieuwe Tijd”, 1921, S. 507. – Der Aufsatz ist später unter dem Titel “Die Moskauer Internationale” auch in deutscher Sprache erschienen (Berlin 1921, Ausgabe der KAPD). Rosenberg, der Gorter in seinem oben erwähnten Buch über den Bolschewismus zitiert, schreibt, daß “die Formulierungen Gorters beeinflußt” seien “durch die persönlichen Sympathien des Verfassers für die Kommunistische Arbeiterpartei”. Gorter habe jedoch “die Grundfrage richtig gestellt”, die Frage danach, “ob die Regierung des staatskapitalistischen Rußlands imstande sein würde, den Kampf des Weltproletariats gegen den Kapitalismus zu führen.” Rosenberg stimmt Gorter darin zu, daß diese Frage verneint werden müsse. Die Broschüre Gorters hat eine größere Bedeutung, als dies aus den Worten Rosenbergs hervorgeht. Dennoch handelt es sich um eine bemerkenswerte Anerkennung Gorters durch Rosenberg, der ja immerhin bis 1927 Mitglied der Exekutive der Dritten Internationale gewesen war.
[ 30 ] Karl Horner, “De groei van hat kommunisme”, “De Nieuwe Tijd”, 1919, S. 496.
[ 31 ] Wir möchten in diesem Zusammenhang auf die Aufsätze hinweisen, die Lenin und Sinowjew zwischen 1914 und 1917 im “Sozialdemokrat”, dem damaligem Zentralorgan der russischen Sozialdemokratie veröffentlicht haben, und die später in dem Sammelband “Gegen den Strom” (Verlag der Kommunistischen Internationale, Hamburg 1921) neu erschienen sind. Pannekoek wird dort nicht weniger als acht Mal erwähnt; er wird in diesen Texten den Sozialpatrioten und Reformisten gegenüber als Vorbild dargestellt. Lenin hat zwar in diesen Jahren Gorters Auffassungen über das Selbstbestimmungsrecht angegriffen – übrigens auch diejenigen Radeks und Rosa Luxemburgs –, doch ändert das nichts an der Würdigung Pannekoeks in den oben genannten Texten (Gegen den Strom”, S. 383 ff.).
[ 32 ] Anton Pannekoek, “De K.A.P.D. en Moskau”, “De Nieuwe Tijd”, 1921, S. 76
[ 33 ] Diesen Ausdruck hat Pannekoek 1921 selbst in dem Aufsatz “De K.A.P.D, en Moskou” verwandt, a.a.O., S. 79.
[ 34 ] Ebd., S. 79.
[ 35 ] Diese Schilderungen der Ereignisse auf dem Dritten Kominternkongreß (22. Juni – 12. Juli 1921) stützen sich auf das offizielle Protokoll, das 1921 im Verlag Carl Hoym Nachf., Hamburg, veröffentlicht wurde. Die Darlegungen Karl Radeks finden sich auf S. 339 ff.
[ 36 ] Nicht nur Hempel, der Mitglied der KAPD war, sondern auch Frau Roland Holst, die bekanntlich der KAPD nicht angehörte, hat dagegen protestiert, daß die offiziellen Kongreßredner aus den Ansichten Pannekoeks und Gorters wiederholt eine Karikatur machten. Dieser Einspruch ist auf Seite 345 ff. des Protokolls zu finden.
[ 37 ] Siehe: Kapitel 3, Fußnote 2.
[ 38 ] Mit anderen Worten: Gorter wirft Lenin sowohl in seinem “Offenen Brief” als auch in seinem Aufsatz über die Lehren der Märzbewegung eine “Führerpolitik” vor, obgleich er sich selbst noch gar nicht richtig im klaren darüber war, daß die proletarische Revolution keine “Führer” kennt, zumindest nicht in dem Sinn, wie die bürgerliche Revolution sie kannte, und noch zum Beispiel in Südamerika kennt. Der Gedanke, es könnte einen Führer der Weltrevolution geben, steht in krassem Widerspruch zu den späteren Auffassungen Pannekoeks über den Klassenkampf. Der Leser muß bei alledem bedenken, daß sich die Ansichten Pannekoeks und Gorters 1920 noch in einer Entwicklung befanden, die zu beschreiben der Autor dieses Buches sich zur Aufgabe gemacht hat, daß aber bestimmte Prozesse der Systematik wegen hier nacheinander aufgezeichnet werden, obgleich sie sich zu gleicher Zeit und in engem Zusammenhang vollzogen.
[ 39 ] Herman Gorter, “Open brief aan Lenin”, S. 51.
[ 40 ] Ebd., S. 57.
[ 41 ] “Protokoll des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale”, Hamburg 1921 “ S. 259.


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